Dienstag, 21.11.2017
Startseite@mediasres"Folgen für das Urteilsvermögen einer Gesellschaft"30.08.2017

Debattenkultur im Netz"Folgen für das Urteilsvermögen einer Gesellschaft"

Der scheidende Bundestagspräsident Lammert hat sich nicht nur als Politiker und Rhetoriker einen Namen gemacht, sondern auch als Medienkritiker. Zum Ende seiner Amtszeit äußert er sich im Deutschlandfunk-Interview über die sich wandelnde Debattenkultur.

Norbert Lammert im Gespräch mit Stefan Fries

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Bundestagspräsident Norbert Lammert am 13. April 2016 in Berlin (dpa / picture-alliance / Kay Nietfeld)
Profilierter Kritiker der Medien: Norbert Lammert (dpa / picture-alliance / Kay Nietfeld)

"Ich habe noch eine lebhafte Erinnerung an die Zeit als Interviews stattfanden, weil man mit einem interessanten Gesprächspartner ein interessantes Interview führen wollte", sagte Norbert Lammert. Heute habe er den Verdacht, dass jedes neue Thema nur Startpunkt für einen weiteren Anlauf sei, eine neue Agenturmeldung in Umlauf zu bringen. Die Berichterstattung über parlamentarische Vorgänge sei heute um mehr als vierzig Prozent geringer als noch vor zehn Jahren.

Lammert konstatierte, dass immer weniger Menschen sich mit längeren Texten und mit Zeitungen auseinandersetzten. Das veränderte Kommunikationsverhalten und die Verschiebung in die elektronischen Medien habe Folgen für das Urteilsvermögen einer Gesellschaft. Die Auseindersetzung mit professioniell ausgewählten Informationen werde durch selbst nachgefragte Themen und dafür verfügbare Informationen von Gleichgesinnten verdrängt. Das habe Wirkungen: "Wir befinden uns in einem kontinuierlichen und längst tiefgreifenden Veränderungsprozess, von dem es mir schwerfällt zu erkennen, das er wirklich eine Verbesserung sei", so der scheidende Bundestagspräsident.

Was Nachrichtenagenturen aus dem Gespräch mit dem Deutschlandfunk machen sollten? "Möglichst nichts - jedenfalls nicht die eine Zeile: Lammert habe dies oder jenes gefordert, bestätigt oder zurückgewiesen."


Das Interview im Wortlaut:

Stefan Fries: Herr Lammert, im März haben Sie der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" gesagt – ich zitiere mal: "Interviews dienen heute vorrangig der Produktion von Agenturmeldungen, und es gibt fast keine Chance mehr, was zu einem Thema zu sagen, ohne dass daraus wird 'Lammert fordert', 'Lammert kritisiert', 'Lammert wirft vor', 'Lammert weist zurück'." Was stört Sie daran?

Norbert Lammert: Genau dies. Ich habe noch eine lebhafte Erinnerung an, ich hätte fast gesagt: gute alte Zeiten, als Interviews stattfanden, weil man mit einem hoffentlich interessanten Gesprächspartner über einen interessanten Sachverhalt reden wollte, während heute, auch im Übrigen nach der Wahrnehmung vieler Journalistinnen und Journalisten selbst, die Vereinbarung von Interviews nach der Erwartung des eigenen Verlages, der eigenen Zeitung, der möglichst noch am gleichen Tag möglichen Produktionen von Agenturmeldungen dient. Dann hoppelt eben ein solches Interview von einem Thema zum nächsten, und nicht selten beschleicht den Interviewten der Verdacht, jedes neue Thema ist ein neuer Anlauf, eine neue spannende Agenturmeldung zustande zu bringen.

Fries: Aber Sie geben trotzdem noch Interviews.

Lammert: Seltener als früher und offenkundig auch als andere und mit diesem regelmäßigen Unbehagen.

Fries: Sie haben sich in den letzten zwölf Jahren als Bundestagspräsident dafür eingesetzt, das Parlament präsent zu halten, auch in den Medien. Hat Ihre Kritik an ARD und ZDF zum Beispiel etwas bewirkt, die Ihrer Ansicht nach zu wenige Debatten live übertragen haben und zum Teil nicht mal Feierstunden?

Lammert: Sie hat etwas bewirkt, auch wenn der Zustand sicher nicht der Traum meiner schlaflosen Nächte ist. Ich will ausdrücklich einräumen und bestätigen, dass die Vereinbarungen, die wir damals nach manchem Hin und Her untereinander getroffen haben, im Wesentlichen so nun auch eingehalten werden, nämlich dass jede Bundestagsdebatte im öffentlich-rechtlichen System zugänglich ist, in der Regel über Phoenix, aber bei wichtigeren Debatten, über die man jetzt naturgemäß streiten kann, was alles nun wirklich besonders wichtig sei, auch entweder im ersten oder im zweiten Fernsehprogramm, aber zu den eher unerfreulichen Erfahrungen der jüngeren Vergangenheit gehört, dass nach neutralen Medienanalysen der Gesamtumfang der Berichterstattung über parlamentarische Aktivitäten sowohl in den elektronischen Medien wie in den Printmedien um mehr als 40 Prozent geringer ist als vor zehn Jahren.

"Vergleichbar Spannendes nicht in den Parlamenten"

Fries: Gibt es aus Ihrer Sicht denn einen Zusammenhang zwischen dieser mangelnden Aufmerksamkeit für den Parlamentarismus und der Vertrauenskrise, in der nicht nur Politik, sondern auch Medien stecken?

Lammert: Da bin ich zurückhaltend, jedenfalls einen unmittelbaren Kausalzusammenhang zu behaupten. Man kann umgekehrt sogar sagen, wenn es im Bankensystem, in der Automobilindustrie, in wichtigen Reichen der Wirtschaft nicht nur spannende Entwicklungen, sondern spektakuläre, skandalöse Entwicklungen gibt, dann dominiert das naturgemäß die Berichterstattung, und vergleichbar Spannendes, Spektakuläres oder Skandalöses gibt es insofern natürlich glücklicherweise in den Parlamenten in der Regel nicht, und das erklärt schon einen unterschiedlichen Umfang der Berichterstattung.

Fries: Aber würden Sie sich denn mehr Spektakuläres im Bundestag wünschen, um diese Aufmerksamkeit zu bekommen?

Lammert: Eben nicht. Ich weise ja regelmäßig darauf hin, dass ich mich nicht entschließen kann, den Unterhaltungscharakter von parlamentarischen Aktivitäten für das zentrale Kriterium parlamentarischer Arbeit zu halten. Ein Parlament muss die Aufgaben erledigen, die die Verfassung ihm übertragen hat. Wenn es das in einer Weise tut, die die Öffentlichkeit auch interessant und spannend findet, schön, aber dieser Aspekt der Verpackung darf nicht den Vorrang vor der inhaltlichen Erledigung der Verfassungsaufgaben haben.

Fries: Lassen Sie uns noch mal kurz über die Vertrauenskrise sprechen. Wir Journalisten bekommen die inzwischen ja auch zu spüren, was Ihnen als Politiker schon seit Jahren begegnet, also eine Art Generalverdacht, egal was wir tun oder lassen. Was können Journalisten von Ihnen lernen, wie wir damit umgehen sollen?

Lammert: Das weiß ich nicht, zumal wir selber ja auch nicht wirklich wissen, wie wir diese offensichtliche quer durch die Gesellschaft feststellbare Vertrauenskrise erfolgreich überwinden können. Ich glaube, wenn jeder sich in seiner Profession darum bemüht, nicht nur seinen jeweiligen Aufgaben und so sorgfältig und so gewissenhaft wie möglich nachzukommen, sondern auch vielleicht noch gründlicher als bislang zu erläutern, zu begründen, warum er Dinge tut und andere Dinge lässt, warum er sich für bestimmte Vorschläge entscheidet und andere zurückweist, sich dabei auch der Mühe unterzieht, deutlich zu machen, dass es nur selten die rundum, restlos überzeugenden Lösungen gibt, sondern dass man immer wieder Prioritäten bilden muss und dabei auch einräumen muss, dass sie Nebenwirkungen hat, die man vielleicht lieber vermieden hätte. Dann macht das auch nicht jede Kommunikation leichter, aber sie trägt vielleicht dazu bei, das Vertrauen zu stiften oder wiederherzustellen, das an manchen Stellen offenkundig lädiert oder gar verlorengegangen ist.

"Möglichst nichts"

Fries: Im Internet sieht man ja auch manchmal mit dieser zunehmenden sprachlichen Verrohung, die Sie auch immer beklagt haben, und wo Sie nicht die Ursache im Internet sehen, aber das Internet als ihren wirkungsvollsten Katalysator bezeichnet haben – was für Folgen haben diese Veränderungen denn, wenn diese Debattenkultur auf diese Weise zutage tritt, aus Ihrer Sicht, für die Demokratie?

Lammert: Ich halte schon jetzt für deutlich erkennbar, dass sich das veränderte Kommunikationsverhalten in unserer Gesellschaft, die deutliche Verschiebung in die elektronischen Medien als Kommunikationskanäle nicht nur auf die – mit oder ohne Anführungszeichen – Debattenkultur in unserer Gesellschaft niederschlagen, sondern dass sie auch Folgen für das Urteilsvermögen einer Gesellschaft hat. Der Rückgang der Beschäftigung mit Zeitungen, mit längeren Texten, mit von anderen professionell ausgewählten Informationen und deren Verdrängung durch selbst nachgefragte Themen und dafür verfügbare Informationen, oft im jeweils gleichen Kontext von Leuten, die sich nicht nur für das gleiche Thema interessieren, sondern auch gleiche Einschätzungen von diesem Thema haben, hat Wirkungen auf die Wahrnehmung von Themen, ihrer Relevanz und ihrer erwarteten Behandlung, die die Parteien natürlich auch längst als Veränderung der Rahmenbedingungen nicht nur für Wahlkämpfe, sondern ihres politischen Wirkens erkannt haben, aber noch mal: Ich bin kein Medienexperte, ich nehme das jetzt aus der Perspektive sowohl eines Staatsbürgers, wie eines noch amtierenden aktiven Politikers wahr und glaube, dass wir da längst in einem kontinuierlichen, aber tiefgreifenden Veränderungsprozess uns befinden, von dem es mir schwerfällt zu erkennen, dass er wirklich eine Verbesserung sei.

Fries: Zum Schluss, Herr Lammert, komme ich noch mal auf Ihre Kritik zurück, die ich eingangs zitiert habe, Interviews dienten heute vorrangig der Produktion von Agenturmeldungen. Was, würden Sie sich wünschen, machen die Agenturen aus unserem Gespräch?

Lammert: Möglichst nichts. Jedenfalls nicht die eine Zeile, Lammert habe dies oder jenes gefordert, bestätigt oder zurückgewiesen, sondern wenn unser ja auch zeitlich begrenzter, aber, im Vergleich zu manchen anderen Formaten schon gar zur typischen Internetkommunikation, großzügige Versuch, ein paar Überlegungen über Veränderungen der Urteilsbildung in unserer Gesellschaft auszutauschen, anderswo seinen Niederschlag fände, müssten Sie und ich das nicht bedauern.

Fries: Das werden wir dann später verfolgen. Mit Bundestagspräsident Norbert Lammert haben wir auf den Bundestag und die Medien geschaut, ein Rückblick auf seine zwölf Jahre im Amt. Vielen Dank, Herr Lammert, und alles Gute für den Ruhestand!

Lammert: Ebenso, vielen Dank!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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