Montag, 18.06.2018
 
Seit 19:00 Uhr Nachrichten
StartseiteDie neue PlatteEine Stimme wie eine Naturgewalt04.03.2018

Debüt-CD von Anita RachvelishviliEine Stimme wie eine Naturgewalt

Opulent und urgewaltig, so präsentiert sich die junge Mezzosopranistin Anita Rachvelishvili auf ihrer Debüt-CD mit schwierigen Arien von Verdi, Saint-Saëns und Bizet. Dabei hat die Georgierin erst mit 17 Jahren den Operngesang überhaupt für sich entdeckt.

Am Mikrofon: Bjørn Woll

Die junge georgische Mezzosopranistin Anita Rachvelishvili (Gregory Regini / Sony classical)
Die junge georgische Mezzosopranistin Anita Rachvelishvili (Gregory Regini / Sony classical)

Musik: Giuseppe Verdi, "O don fatale" aus: Don Carlo

Die Titelliste des Albums klingt wie eine Gipfelbesteigung: Gleich mehrere Achttausender des Mezzo-Repertoires hat sich Antita Rachvelishvili für ihre Debüt-CD ausgesucht. Von Dalila über Eboli bis hin zur Azucena aus Verdis "Il trovatore". Die ist eine der Paraderolle der Sängerin, deren Stimme einer Naturgewalt gleicht. Voller Hass lodert der Mezzosopran von Anita Rachvelishvili beim ungeheuren Gefühlsausbruch der Zigeunerin Azucena; am Ende beschwört sie mit erstickten Tönen das ganze Grauen der albtraumhaften Szene:

Musik: Giuseppe Verdi, "Condotta ell’era in ceppi" aus: Il trovatore

Urgewaltig und opulent ist der Mezzo von Anita Rachvelishvili, gesegnet mit einem schier ozeanischen Klangreichtum. Dabei ist er dynamisch flexibel und bleibt nuancenreich – bis ins Piano. Stimmen von diesem kolossalen Kaliber gibt es nicht oft – und sie sind schwer auf Platte zu bannen. Bereits die große Birgit Nilsson kämpfte mit diesem Problem. Und ähnlich wie die schwedische Sopranistin griff auch Anita Rachvelishvili zu einem Trick und positionierte sich bei der Aufnahme hinter dem Orchester, um die Mikrofone nicht zu überfordern. Dabei gewinnt sie etwa der Carmen auch erstaunlich zarte Töne ab. "Près des remparts de Sévilla" singt sie eher introspektiv: leichtfüßig und lockend, mit kleinen vokalen Jauchzern. Und trotz der prachtvollen tiefen Lage verkneift sie sich vulgäre Brusttöne, wie sie bei anderen Rollenvertreterinnen gelegentlich zu hören sind.

Musik: George Bizet, "Près des remparts de Sévilla" aus: Carmen

Angetreten als Nebenrolle, aufgetreten als Hauptrolle

Die Carmen ist so etwas wie eine Schicksalspartie für Anita Rachvelishvili, die erst spät, im Alter von 17 Jahren zum Gesang fand. Sie studierte zunächst an der Musikhochschule in ihrer georgischen Heimatstadt Tiflis, bevor sie an die Akademie der Mailänder Scala wechselte. Dort traf sie Daniel Barenboim, der sie für eine kleine Rolle in seiner neue "Carmen"-Produktion vorsingen ließ. Und das hörte sich damals auch Jonas Kaufmann an, der als Don José vorgesehen war. Nachdem Anita Rachvelishvili die "Habanera" vorgetragen hatte, sang er spontan mit ihr das Schlussduett. Am Ende übernahm sie statt der Neben- die Hauptrolle und sang als Carmen die Saisoneröffnung der Scala am 7. Dezember 2009. Es war ihr Rollendebüt und zugleich das erst Mal auf einer großen Bühne – da war sie 25.

Mittlerweile hat sie Carmen mehr als 300 Mal gesungen rund um den Globus. Als Charlotte in Massenets "Werther", deren Briefszene auf der CD zu hören ist, stand sie jedoch noch nie auf der Bühne. So wunderbar gesungen wie hier, kann man das also durchaus als Empfehlung für die Zukunft verstehen. Sie beginnt mit zurückgenommener Stimme, fast geflüstert, um dann mit großem Atem den dramatischen Höhepunkt der Arie umso effektvoller zu gestalten:

Musik: Jules Massenet, "Werther… Je vous écris de ma petite chambre" aus: Werther

Im französischen Repertoire fühlt sie sich, nach eigener Aussage, ohnehin besonders wohl. Die Stimme fließt hier ebenmäßig, trotz der schwierigen Nasallaute. Das zeigt sie in Gounods selten gespielter "Sapho" aber auch in einer weiteren ihrer großen Lieblingsrollen: der Dalila von Camille Saint-Saëns. Ihr traumversunkenes "Printemps qui commence" ist voll von sehnsüchtigem Liebesschmerz, mit einem schönen Tränenschimmer auf den zart gestreichelten Piano-Tönen.

Musik: Camille Saint-Saëns, "Printemps qui commence" aus: Samson et Dalila

Arien-Klassiker kombiniert mit Raritäten

Auf der Platte finden sich also nicht nur die populären Repertoire-Schmankerl. Neben einer Arie des ziemlich unbekannten georgischen Komponisten Dimitri Arakishvili erinnert die Sängerin auch mit "Ljubaschas Lied" aus Nikolai Rimsky-Korsakoffs "Zarenbraut" an ihre osteuropäischen Wurzeln. Mit der Rolle war sie 2013 bereits an der Berliner Staatsoper zu erleben, erneut auf Wunsch von Daniel Barenboim. Die Arie ist ein heikles Stück, weil die Sängerin darin ohne Orchesterbegleitung bestehen muss. Anita Rachvelishvili gelingt das mit einem schaurig-fahlen Ton, bei nur gelegentlichen Intonationstrübungen.

Musik: Nikolai Rimsky-Korsakoff, "Ljubaschas Lied" aus: Die Zarenbraut

Das Album ist nicht nur stimmlich ein Genuss. Auch das von Giacomo Sagripanti dirigierte Orchestra Sinfonica Nazionale Della RAI überzeugt mit seinem stimmungsvollen und farbenreichen Spiel. Auch wenn die Tempi erwartungsgemäß langsam gewählt sind, um der schwergewichtigen Stimme von Anita Rachvelishvili genügend Raum zu geben, ihren luxurierenden Klang zu entfalten. Ein Plus der sorgsam mit Chor und Nebenrollen produzierten Aufnahme ist außerdem ihr Facettenreichtum: nicht nur im Stil-Mix aus italienischen, französischen und russischen Stücken, sondern auch bei der Gestaltung der einzelnen Charaktere. Gut zu hören etwa in den beiden Arien der Eboli aus "Don Carlo", deren exotisches "Schleierlied" von Anita Rachvelishvili mit blühender Stimme und Lust am Ornament gesungen wird. Trotz des großen Volumens zeigt sich die Stimme hier agil und geschmeidig.

Musik: Giuseppe Verdi, "Nei giardin del bello" aus: Don Carlo

Ganz anders geartet ist dann die große Szene der Eboli aus dem vierten Akt. Ihr "O don fatale" ist eine der dramatischsten Arien im Repertoire für Mezzo-Sopran. Nicht nur was die Stimme angeht, sondern auch die emotionale Intensität, mit der sich die Interpretin hier konfrontiert sieht. Anita Rachvelishvili beeindruckt erneut mit der schieren Gewalt der Stimme, auch was die Lautstärke angeht; vor allem aber mit einer emotionalen Qualität, die ihren Mezzo bis in den Grenzbereich führt. Zu hören am leichten Flackern der Spitzentöne, auf denen das Vibrato ein wenig breit wird. Das ist dann aber auch schon der einzige Einwand, bei einem Album, das eine wirklich außergewöhnliche Stimme dokumentiert.

Musik: Giuseppe Verdi, "O don fatale" aus: Don Carlo

Anita Rachvelishvili, Mezzosopran
Arien von Bizet, Verdi, Saint-Saëns, u.a.
Orchestra Sinfonica Nazionale della Rai
Giacomo Sagripanti, Leitung
Sony Classical

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk