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StartseiteCorsoDer Kampf um die Stimme02.06.2018

Debütalbum von serpentwithfeetDer Kampf um die Stimme

Mit dem Kopf im Himmel und den Beinen auf der Erde: Josiah Wise aus Baltimore führt als serpentwithfeet Elemente klassischer Musik mit Gospel und modernem R’n’B zusammen. Sein Debütalbum „soil“ betört mit Seele und Exzentrik.

Von Christian Lehner

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(Ash Kingston )
US-Musiker Josiah Wise alias Serpentwithfeet inszeniert er sich als Hohepriester der Liebe (Ash Kingston )
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Josiah Wise: "Pferde wiehern, Frösche quaken, Hunde bellen und Katzen miauen. Ich aber, ich singe. Für mich ist es die natürlichste Sache der Welt. Ich muss das tun. Bei mir hat sich also nie die Frage gestellt, ob ich Sänger werden wollte. Das war von Anfang an klar."

Nur welcher Sänger sollte er werden, dieser Sprössling einer religiösen Familie aus Baltimore, Maryland? Die Eltern besaßen einen Buchladen und studierten die Bibel, der Junge hörte im Radio den R’n’B von Destiny’s Child und Brandy. Schon früh wurde sein Talent entdeckt. Mit sechs Jahren sang Josiah Wise im Kirchenchor seiner Heimatgemeinde. Es war die prägendste Zeit seiner künstlerischen Ausbildung, wie der heute 29-Jährige sagt:

"Die Kirche war für mich ein wunderbarer Ort: Himmel und Hölle, Leben und Tod - und immer wieder die Liebe als transzendentale Kraft. Noch bevor ich in Kontakt mit Hochkultur und Performance-Art gekommen bin, wusste ich das wichtigste über Kunst. Die Kirche ist bis heute meine Quelle."

Von Bitterkeit keine Spur

Doch der Weg zur Sangeskarriere war steinig. Die Ausbildung zum klassischen Sänger brach Josiah Wise ab. Die Lehrer hatten versucht, sein Vibrato wegzupolieren. Doch von Bitterkeit keine Spur. Auch die Jahre danach, die er als Hungerkünstler in New York verbrachte, sieht Josiah Wise heute als Lehrstunden. Vor vier Jahren verdichtete er seine Vorlieben für Gospel, R’n’B und Oper zu einem einzigartigen Stil und stellte einige Songs ins Internet, worauf er relativ rasch vom englischen Experimental-Label "Tri Angle Records" entdeckt wurde.

Als Popmusiker nennt sich Wise serpentwithfeet, also "Schlange mit Füßen". So inszeniert er sich als Hohepriester der Liebe. Mehrere Tattoos zieren den Kopf, eines davon trägt den Schriftzug "Heaven". Goldene Nasen- und Ohrenringe, sowie häufig getragene Mönchskapuzen unterstreichen dieses Image. Auf dem Debütalbum "soil", also "Boden", überführt serpentwithfeet - ähnlich wie im Soul - die göttliche Liebe in die irdische. Songs wie "Cherubim" sind offen schwul und verknüpfen das Fleischliche mit dem Spirituellen.

"Der Song ist eine Art Heiligsprechung eines Liebhabers. Ich wollte das Gefühl einer schweren Erschütterung vermitteln. Jedes Mal, wenn ich auf neue Liebe stoße, fühlt es sich für mich an, als ob die alte Welt untergeht und eine neue entsteht."

"Es sind die Weißen, die sich mit ihrem Rassismus auseinandersetzen müssen"

In Interviews betont serpentwithfeet immer wieder seine Verwurzelung in der afro-amerikanischen Kultur. Diese feiert derzeit große Erfolge in Kino, Theater und Popmusik. Was die Benachteiligung der schwarzen Bevölkerung in den USA betrifft, bleibt serpentwithfeet aber skeptisch.

"Es liegt ja nicht an uns. Wir Schwarze können noch so viel gute Musik machen oder tolle Filme - solange weiße Polizisten nicht damit aufhören, uns zu erschießen, solange wir in gesellschaftlichen Schlüsselpositionen nichts zu melden haben, solange wird es dieses Problem geben. Es sind die Weißen, die sich mit ihrem Rassismus auseinandersetzen müssen, nicht wir. Mit unseren Talenten hat das rein gar nichts zu tun."

Den Kampf um seine Stimme hat serpentwithfeet gewonnen. Auf "soil" nimmt sich der junge R’n’B-Künstler alle Freiheiten, die er für seinen exzentrischen, aber stets leidenschaftlichen Ausdruck braucht. Sein Debüt ist fordernd, produktionstechnisch hip. Was die emotionale Qualität betrifft jedoch zeitlos schön.

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