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StartseiteBüchermarktLeben mit dem Tod23.06.2014

DebütromanLeben mit dem Tod

In ihrem Debüt "Siebenbrunn" zeichnet Eva Roman die Konturen des Verschwundenen nach. Es ist ihr eigener, ganz persönlicher poetischer Widerstand gegen das Vergessen - mit schönen, klaren, wehmütigen Bildern, die den Blick für das vermeintlich Verlorene öffnen.

Von Michaela Schmitz

Lichtdurchfluteter Wald (Stock.XCHNG / Joao Estevao A. de Freitas)
Siebenbrunn ist ein vom Wald verschlungenes Dorf (Stock.XCHNG / Joao Estevao A. de Freitas)

Siebenbrunn ist die Wehmut der Schönheitslinie eines Weges, der um den ehemaligen Garten eines längst abgerissenen Hauses führt. Siebenbrunn ist das Schaudern vor dem Hemd über der Stuhllehne im Fahrradschuppen des Gutshauses, das Jeanne seit Welfs Tod täglich an seinen Geruch erinnert. Siebenbrunn ist die Trauer über das nicht eingelöste Versprechen der überwucherten Ruine eines Heilbades mitten im Wald am Fluss, wo die Tochter nach dem Bild ihres verstorbenen Vaters sucht. Siebenbrunn ist der Ort, an dem die Erinnerung an die Vergangenheit die Lebenden lähmt und die Zeit unter dem Eindruck des Todes stillsteht.

"Siebenbrunn, dieses vom Wald verschlungene Dorf. Auf dem Dach der Schule findet sich exakt in der Mitte ein kleiner Turm, auf dem Turm das Ziffernblatt einer Uhr und auf der Uhr die ewig gleiche Zeit, kurz nach eins – als wäre dem Ort nicht nur das Geräusch der trampelnden, lachenden, schreienden Kinder, sondern auch die Notwendigkeit der Zeitmessung abhanden gekommen.

Siebenbrunn ist das Pendant von Marcel Prousts "Combray", dem Kindheitsort des Erzählers von Prousts Hauptwerk "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit". Welf ist es, der Johanna Jeanne nennt, so heißt auch Prousts Mutter. "Sommer in Combray" lautete damals das Motto der Einzugsparty von Jeanne und Welf im Gutshaus. Erst nach Welfs Tod begreift Jeanne die volle Bedeutung. Wie sehr ihre Erinnerung der für immer verlorenen Zeit mit Welf an diesem einsamen Ort im menschenverlassenen Siebenbrunn hängt, fühlt die Archivarin erst, als sie ausziehen soll. Seine Eltern wollen das Haus verkaufen.

Siebenbrunn ist Welfs Kindheitsort. Genau aus diesem Grund zieht es seine Tochter aus einer frühen Beziehung nach Welfs Tod hierher. In Siebenbrunn will sich die namenlose Ich-Erzählerin ihr Bild von einem Vater machen, den sie kaum gekannt hat. Sie erinnert sich an einen Besuch im Gasthaus von Siebenbrunn:

"Ich war nur das eine Mal hiergewesen, im Erker hatte ich gesessen mit dem Vater und seiner Frage, ob wir einmal zusammen verreisen wollten, nur einmal, das würde ich mir wünschen – ich setzte mich wieder in den Erker, an genau denselben Platz, als hätte ich so eine zweite Möglichkeit zur Antwort, als könnte ich jenes, es fällt dir zu spät ein, vier Jahre später zurücknehmen."

Mitten im Wald schlägt die Studentin ihr Zelt auf. Und macht Fotos von Siebenbrunn für ihre Diplomarbeit. Thema: Vater und Tochter. Besonderen Aufschluss verspricht sie sich von den Resten eines von Sträuchern zugewachsenen Heilbades. Vor über 200 Jahren soll es für wenige Jahre neben einem Bach mit angeblich heilkräftigem Wasser betrieben worden sein. Antonia Weißdorn schließt sich ihr an. Die Fotografin beschäftigt sich im Rahmen eines Kunstprojekts mit Siebenbrunn. Gemeinsam suchen sie das von Moos überwachsene Bad.

Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

Nach ihnen findet auch Jeanne den Weg am Bach entlang bis zu dem verborgenen Ort mit dem uneingelösten Heilsversprechen. Das Heilbad markiert den Höhepunkt der Wald- und Auensiedlung Siebenbrunn, die wegen der Trinkwasserversorgung des benachbarten Augsburgs in den 1970er-Jahren bis auf wenige Gebäude abgerissen wurde. Es ist das magische Zentrum einer Suche nach der verlorenen Zeit, die für jede der Suchenden etwas anderes bedeutet. Die Studentin macht Fotos. Aber auch auf ihren Bildern entdeckt sie nicht das, was sie zu sehen hofft:

"Ich sah poröse Mauerreste, die aus einer Wiese ragten, ein wunderschönes Mosaik, das in der Sonne leuchtete, einen halbverfallenen Pavillon. Ich sah den Vater nicht und nicht das Sterben, nicht die Tatsache, dass ich ihn verpasst hatte. Was ist denn?, fragte Antonia hinter mir. Du suchst dein Vaterbild und wunderst dich über dein vorhersehbares Scheitern, nur nicht aufgeben, aufgeben ist das Ende der Kunst."

Antonia ist es, die Siebenbrunn mit ihren Kunstinstallationen wiederbelebt. Und sie bestärkt Jeanne in ihrer Idee, den Gutshof für ein alternatives Wohnprojekt zu öffnen. Welfs Mutter hat Jeanne schon für ihr neues Konzept gewonnen. Jeanne hatte sie kurz vorher zu sich in den Gutshof geholt. Durch den Tod des Sohnes war auch ihre Ehe zerbrochen. Und so scheint es am Ende zwar keine Lösung, aber dennoch Hoffnung zu geben.

Hoffnung auf ein Leben mit dem Tod, Hoffnung auf eine gemeinsam wiedergefundene Zeit. Der Schlüssel: soziale Kreativität.

"Nur nicht aufgeben" ist das Signal der Kunst für das Leben. Es ist ein Widerspruch gegen den Tod als Stillstand der Zeit. Ein Zeitvakuum, dessen Sog Eva Roman in ihrem Debüt nachspürt, indem sie behutsam und mit ganz einfachen Worten die Konturen des Verschwundenen nachzeichnet.

Mit ihrer Passion für die Zeit weiß sie sich im Schatten großer Vorbilder wie Thomas Manns "Zauberberg" und Marcel Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit". Doch "Siebenbrunn" ist ihr eigener, ganz persönlicher poetischer Widerstand gegen das Vergessen - mit schönen, klaren, wehmütigen Bildern, die den Blick für das vermeintlich Verlorene öffnen. Die doppelte Pointe: Was klingt, wie ein Märchenort, gibt es in Wirklichkeit. Wer einmal in "Google Maps" auf Siebenbrunn am südlichen Rand der Stadt Augsburg zoomt, wird sie entdecken: die Reste der Waldsiedlung mit zwei Gutshäusern, Bauernhof, Gasthaus und Schule, ja sogar der kleine Turm auf der Mitte des Dachs.

Eva Roman: "Siebenbrunn"
Wagenbach Verlag, 128 Seiten, 12,90 Euro.

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