• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
Seit 07:15 Uhr Interview
StartseiteUmwelt und VerbraucherIdeen für eine Gesellschaft ohne Wachstum05.09.2014

Degrowth-Konferenz LeipzigIdeen für eine Gesellschaft ohne Wachstum

"Degrowth" bedeutet in etwa "negatives Wachstum" oder "Schrumpfung". Denn das ist für die Konferenzmacher in Leipzig die Lösung für viele gesellschaftliche und globale Probleme.

Von Claudia Euen

"Hier haben wir den Venezianer, den Salat Kokarde, der hat spitze Blätter, der macht ziemlich große Köpfe."

Marian Schwarz läuft zwischen den Gemüsereihen hindurch und zeigt, was auf seinem Feld alles wächst: Mais, Weizen, Kräuter und bis zu 50 Gemüsesorten. Er ist Landwirt, sein Betrieb aber funktioniert unabhängig vom großen Markt: Jeder, der sein Gemüse essen möchte, zahlt einen Betrag pro Monat und kann soviel Porree, Pastinaken oder Fenchel ernten, wie er zum Leben braucht. Mit dem Geld bestellt er das Land, finanziert Saatgut und seinen Lebensunterhalt. Das Besondere dabei: Jeder Teilnehmer zahlt, soviel er will oder kann. Durchschnittlich braucht Schwarz 48 Euro pro Person, um wirtschaftlich zu bleiben.

"Es ist ein großes soziales Experiment. Zu sehen, was zum Beispiel für den Einzelnen viel Gemüse ist oder wie jeder sich einbringt auch, es bringt ja jeder auch ein Stück weit von seinem Leben mit auf dem Acker: seinen Alltag, seine Assoziationen mit Landwirtschaft, mal sind es Erinnerungen aus der Kindheit, Bezüge zur Familie, Wissenschaft."

Das Vertrauen was Marian seinen Leuten entgegenbringt, zahlt sich aus. 34 Esser werfen ihre Finanzen in einen Topf, am Ende wird jeder satt – sogar für 40 würde es reichen. Auch kann jeder mitentscheiden, was angebaut wird. Jedes Jahr überlegt sich Marian Schwarz eine Fruchtfolge, die sich den Bedürfnissen der Verbraucher anpasst. 80 Kilo Gemüse pro Jahr rechnet er pro Person. Wenn mehr Tomaten gewünscht werden, pflanzt er mehr – auch etwas, was die klassische Landwirtschaft nicht bieten kann.

"Der Vorteil ist eigentlich, dass es viel bedarfsorientierter ist, beidseitig ist. Ich weiß, für wen ich das produziere, für wen ich anbaue und die Sachen, die ich anbaue, werden zu 90 Prozent gegessen, das ist für mich als Gärtner ziemlich wichtig."

Mit seiner solidarischen Feldwirtschaft macht Schwarz also keinen Profit und produziert auch keinen Überschuss. Damit trifft er mitten ins Herz einer sich immer stärker etablierenden Gegenöffentlichkeit: der Degrowth-Bewegung. Gerade findet die vierte internationale Degrowth-Konferenz in Leipzig statt – zum ersten Mal in Deutschland. Wissenschaftler, Künstler und Aktivisten debattieren über die Grenzen des Wirtschaftswachstums. Ihre größte Kritik: Wachstum fördert die soziale Ungleichheit und schadet der Umwelt. Zu Gast sind auch Tauschbörsen, Gemeinschaftsgärten, Selbstverwaltungen oder Gemüsekooperativen - kleine Unternehmen und Projekte, die spiegeln, wie Gesellschaften sein können: sozial, lokal und weniger wettbewerbsorientiert. Für die Philosophin und Nachhaltigkeitsforscherin Babara Muraca vom Kolleg Postwachstumsgesellschaften aus Jena leisten sie Pionierarbeit.

"Wachstum ist ein zentraler Motor für unsere Gesellschaft und schafft Stabilität und Demokratie. Das heißt, alles beim Alten zu lassen, und einfach Wachstum wegzunehmen führt zu einer Rezession. Man muss an vielen Schrauben drehen. Ein Aspekt ist eine Deglobalisierung, weil gerade die globalisierte Wirtschaft führt dazu, dass man die demokratische Kontrolle über Wirtschaftsprozesse verliert - also eine Relokalisierung von Wirtschaftskreisläufen und Prozessen."

Basisdemokratie, Vertrauen als Geschäftsgrundlage und Produkte aus der Region: Zurück vom Großen ins Kleine ist eine klare Vision von Degrowth, die eine wirtschaftliche Neuorientierung dringend braucht, sagt Babara Muraca.

"Wirtschaft ist in eine Gesellschaft eingebettet und deshalb brauchen wir eine gesellschaftliche Veränderung. Wenn man auf Wachstum zurückgreifen kann, kann man immer nur was dazu wächst verteilen. Das hat ganz lang unsere Wohlfahrtstaaten unterstützt. Man musste nicht oben was wegnehmen, um unten was umzuverteilen, ohne Wachstum wird das nicht mehr gehen und Umverteilung wird eine notwendige Maßnahme werden."

Weil in Politik und Wirtschaft von einer Umverteilung bisher keine Rede ist, bleiben bisher nur die Signale von unten, wie die von Marian Schwarz. Aber sie mehren sich: Auf der ersten Degrowth-Konferenz in Paris 2008 waren 150 Leute zu Gast, in Leipzig sind es 3.000.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk