Kultur heute / Archiv /

 

Degussa und kein Ende? Zum jüngsten Streit um das Berliner Holocaust-Mahnmal

Henryk M. Broder im Gespräch

Baustelle des Mahnmals in Berlin
Baustelle des Mahnmals in Berlin (AP)

<strong>Broder:</strong> Lea Rosh hat ja auch einmal gesagt, bei der Größe des Verbrechens, um das es geht, an das man erinnern will, kann das Mahnmal gar nicht groß genug sein. Wenn man das ernst nehmen würde, müsste man wahrscheinlich ganz Deutschland mit Betonstelen zubauen als Holocaustmahnmal.

Es geht natürlich nicht um Degussa und ich habe, als ich die Geschichte heute früh in der Zeitung las, wirklich sehr gelacht. Ich habe mich sehr, sehr gefreut, Schadenfreude ist ja die reinste Freude. Seit Jahren schreibe ich gegen dieses wahnwitzige Mahnmal an und kluge, vernünftige Kollegen schreiben auch dagegen an, und nichts hat genutzt. Es sieht so aus, als würde es tatsächlich gebaut werden und das tut ein Baustopp wegen einer solchen Lappalie. Und da sehen Sie, wie ironisch, wie gemein, wie hinterfotzig Geschichte sein kann, und wie erfreulich.

Andererseits, es geht natürlich nicht um Degussa. Es geht, wenn man sich das alles genauer anschaut und nicht alles hinnimmt, es gibt natürlich Verstrickungen ganz anderer Art. Es war schon eine makabere Idee, das ganze Denkmal in der Nähe des Führerbunkers zu bauen, so zusagen den Führerbunker von damals mit dem Holocaustmahnmal von heute zu krönen. Wo Sie hingucken, werden Sie auf solche Widersprüche stoßen, die das ganze Ding einfach ad absurdum führen. Würde man die Logik zu Ende führen, die jetzt wirksam geworden ist, dann könnte man natürlich auch niemandem empfehlen, mit der Bundesbahn nach Berlin zu fahren, weil die Reichsbahn ja seinerzeit die Leute in die KZs befördert hat, übrigens mit ähnlichen Gruppentarifen, wie sie heute für Ferienreisende gelten.

DLF: Herr Broder, wie und warum funktioniert dieser Automatismus der Selbstzüchtigung in Deutschland immer noch so perfekt?

Broder: Weil es hier nur eine rituelle Bewältigung der Vergangenheit gibt und keine wirkliche. Wissen Sie, es ist jetzt die Stufe erreicht, wo natürlich alle den Holocaust ganz schrecklich finden, aber das ist eine Gratisübung, wo zugleich seelenruhig zugesehen wird, wie sich im Nahen Osten eine Katastrophe anbahnt, die wahrscheinlich sehr viele Juden das Leben kosten wird. Ich meine das völlig im Ernst.


Lea Rosh, Wolfgang Thierse und Peter Eisenman am Holcaust-MahnmalLea Rosh, Wolfgang Thierse und Peter Eisenmann am Holcaust-Mahnmal (AP)Es gibt eine Art von Arbeitsteilung: Geschichte wird bedauert, beklagt und bejammert, oder wie Johannes Groß es so genial gesagt hat, je länger das Dritte Reich zurückliegt, um so mehr wächst der Widerstand gegen Hitler und die Seinen. Und zugleich gibt es, ich will nicht sagen einen täglichen Antisemitismus, aber es gibt eine Art von Judenfeindschaft, die einfach in der Mitte der Gesellschaft blüht und gedeiht und ganz normal geworden ist. Auf jeden Artikel, den ich schreibe, der sich mit den Nahen Osten beschäftigt oder mit der deutschen Politik dem Nahen Osten gegenüber, kriege ich unübertrieben Hunderte von Briefen, in denen mir erklärt wird, warum es vollkommen richtig ist, die Israelis in die Luft zu jagen. Die sollen sich darüber nicht beklagen, es ist die angemessene Strafe für deren Verhalten. Und wenn heute über den Nahen Osten gesprochen wird, wird eigentlich in Wirklichkeit über die Judenpolitik der Nazis gesprochen. Man rechtfertigt heute etwas, was vor 50, 60 Jahren gescheitert ist.

DLF: Das ist natürlich eine These, der ziemlich viele Leute auch widersprechen würden, Herr Broder.

Broder: Das wollen wir hoffen. Sie stimmt trotzdem.

DLF: Ich will noch einmal im Inland bleiben, weil mir geht es eigentlich um diesen Automatismus einer deutschen Schuldfindung und dabei ist doch das Problem, dass Sie diesen Automatismus schlecht finden können, aber Menschen wie Martin Walser natürlich nicht.

Broder: Ja, schauen Sie, es gibt keinen Automatismus der Schuldfindung. Die Bevölkerung der Bundesrepublik ist nicht schuldig und man kann sie nicht schuldig und auch nicht verantwortlich sprechen. Die meisten haben das Dritte Reich nicht erlebt, aber trotzdem irgendetwas, irgendeine Art von Fluch lastet auf diesem Land. Und dieser Fluch äußert sich mal so, wie sich Günter Grass äußert, wenn er die Gustof entdeckt, von der wir alle Bescheid wussten, oder der Fluch äußert sich so, wie sich Martin Walser äußert, wenn er in der Frankfurter Paulskirche das Recht auf Wegsehen reklamiert und die gesamte feine Gesellschaft, die dort versammelt war, steht auf und gibt ihm Standing Ovations.

Also, man kann hier nicht von einer Vergangenheitsbewältigung, schon das Wort ist zum Stottern angelegt, sprechen. Es gibt eine rituelle Beschäftigung mit dem Dritten Reich, die mit der Gegenwart überhaupt nichts zu tun hat. Wenn Sie heute Ausländer sind und etwas dunkle Haare haben und keine glatte Frisur, dann würde ich Ihnen nicht empfehlen, nach 19 Uhr in Cottbus aus dem Zug zu steigen, weil das ist für Ausländer lebensgefährlich. Und deswegen finde ich das alles peinlich und lächerlich und man soll bitte nicht an die toten Juden erinnern, um sich dadurch besser zu fühlen, wenn zugleich in der Gegenwart Sachen nicht gesehen werden, um die man sich heute kümmern müsste.



Mehr bei deutschlandradio.de

Links bei dradio.de:

Aufgearbeitete Geschichte?

 

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Kultur heute

Ausstellung "Die Augustus-Revolution"Des Kaisers Polit-Marketing

Die Kopfplastik des römischen Kaisers Augustus wurde 1961 bei Ausgrabungsarbeiten in Mainz gefunden. Undatierte Aufnahme.

Kaiser Augustus, Adoptivsohn von Julius Cäsar, sorgte während seiner Amtszeit für viel Wirbel in Rom: So realisierte er etwa den von Cäsar eingeführten julianischen Kalender. Eine Ausstellung in Rom zeigt nun, welche Bereiche er noch revolutionierte und wie er seine Familie politisch nutzte.

Tschetschenien-Krieg Unheilvolle Spuren bis in die Gegenwart

Tommy Lee Jones Film "The Homesman" Frauen im Wilden Westen

 

Kultur

Anti-TheaterDie Sorgen eines Klimaforschers auf der Bühne

Satellitenaufnahme der Antarktis, aufgenommen vom ESA-Satelliten Sentinel 1A

Ein älterer Herr sitzt auf der Bühne und spricht über das Weltklima: In dem Stück "2071", das im Deutschen Schauspielhaus in Hamburg Premiere hatte, warnt der renommierte Klimawissenschaftler Chris Rapley vor der voranschreitenden Erderwärmung. Inhaltlich faszinierend, aber ästhetisch enttäuschend, findet Dirk Schneider.

"Die lächelnde Finsternis"Afrikanische Piratengeschichte voller traurig-wahrer Ironie

Außenansicht des Deutschen Theaters in Berlin bei Sonnenschein.

Wolfram Lotz Stück "Die lächerliche Finsternis" entstand als Hörspiel und zieht nun seine Erfolgsspur über die Theaterbühnen. Das Stück beschreibt sarkastisch den Blick des Westens auf Afrika. In ihrer Inszenierung am Deutschen Theater Berlin macht Regisseurin Daniela Löffner es sich damit allerdings zu einfach.

Jahresbericht "Reporter ohne Grenzen""Journalisten werden zu Feinden"

Demonstranten der Organisation «Reporter ohne Grenzen» stehen am 04.02.2014 vor der russischen Botschaft in Berlin. Protestiert wird gegen die Einschränkung der Pressefreiheit während der Olympischen Winterspiele in Sotschi.

"Die Situation der Pressefreiheit ist schlechter geworden", fasst Christian Mihr, Geschäftsführer von "Reporter ohne Grenzen", zusammen. Schuld seien die zunehmende Anzahl von verfallenden Staaten und privaten Gewaltakteuren. Journalisten würden in den Augen von Milizen wie IS oder Drogenkartellen zu Feinden, weil sie unangenehme Informationen vermittelten.