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StartseiteUmwelt und VerbraucherDéjà-vu nach dem Atomausstieg04.10.2011

Déjà-vu nach dem Atomausstieg

Geht der Anti-AKW-Bewegung wieder die Luft aus?

Acht Atomkraftwerke sind schon vom Netz, der Atomausstieg ist längst beschlossene Sache. Lassen es die Gegner nun ruhiger angehen und werden die Proteste merklich ruhiger? Durchaus denkbar. Schließlich ist der Anti-Atom-Bewegung nach dem rot-grünen Ausstiegsbeschluss 2001 schon einmal die Luft ausgegangen.

Von Axel Schröder

Anti-Atomkraft-Protestler in Berlin. Rund 120.000 Menschen kamen zur Großdemo in der Hauptstadt zusammen.
Anti-Atomkraft-Protestler in Berlin. Rund 120.000 Menschen kamen zur Großdemo in der Hauptstadt zusammen.
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Die Botschaft ist klar und unmissverständlich: "Nein! Auch nach dem Ausstiegsbeschluss der schwarz-gelben Bundesregierung wird die Anti-AKW-Bewegung keine Ruhe geben!" Das sagt Kerstin Rudeck, Mitglied der Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg:

"Wir finden es überhaupt nicht akzeptabel, dass jetzt noch neun Atomkraftwerke über zehn Jahre lang zum Teil laufen sollen. Aus verschiedenen Gründen: das Unfallrisiko, der Normalbetrieb, der so starke Emissionen darstellt. Dann die nicht lösbare Endlagerung, dass seit 60 Jahren Atommüll produziert wird und kein Mensch weiß: wohin damit? Wir haben ein großes Dilemma!"

Und nach wie vor, so Rudeck, gebe es noch genug Themenfelder neben dem Atomausstieg, die der Anti-Atom-Bewegung bleiben. Und die deshalb in den Arbeitskreisen auf der Konferenz diskutiert wurden: Dort ging es um die Fabriken zur Urananreicherung, um die Situation an den einzelnen Atomzwischenlagern, um das marode Lager Asse II und die erhöhten Strahlenwerte rund um das Zwischenlager. – Analysiert und diskutiert wurde auch, wie für den nächsten Castortransport nach Gorleben im November möglichst viele Menschen mobilisiert werden können. Dass es so viele werden wie vor einem Jahr – damals waren rund 50.000 Menschen zum Demonstrieren ins Wendland gereist – daran glaubt Kerstin Rudeck nicht:

"Ich meine, die Spitze, die Höhe, das Maximum der jetzigen Welle der Anti-Atom-Bewegung vorüber ist. Das ist so, dass die Zahlen abnehmen werden, weil viele Menschen doch befriedet sind. Also entweder des Kämpfens müde oder tatsächlich der Meinung sind, weil sie das Ganze nur recht oberflächlich betrachten, dass die Probleme jetzt gelöst seien."

Dass die politische Entscheidung, aus der Nutzung der Kernenergie langfristig auszusteigen, zum Abflauen der Proteste führt, konnte man schon 2001, nach dem rot-grünen Ausstiegsbeschluss beobachten: In den Jahren danach kamen immer weniger Menschen zu den Castor-Protesten. Im Wendland wurde es – nach heftigen Kämpfen Ende der Neunzigerjahre – merklich ruhiger. Auf der Konferenz wurde deutlich, dass viele Protestler nach dem neuen Ausstiegsbeschluss Ähnliches befürchten. Peter Dickel von der Arbeitsgemeinschaft Schacht Konrad:

"Das ist eine große Angst von vielen, die das damals erlebt haben, dass jetzt so die große bleierne Schwere kommt. Dass jetzt alles vorbei ist. Die Leute legen sich zur Ruhe und haben das Gefühl: Der Ausstieg kommt! Und ich persönlich sehe das ganz, ganz anders."

Denn, so Peter Dickel, der seine ersten Protesterfahrungen Ende der Siebzigerjahre in Brokdorf machte, heute sei den Menschen klar, wie schnell politische Entscheidungen auch rückgängig gemacht werden können. Und immerhin hatte die Regierung Merkel vor ihrem Radikalschwenk weg von der Kernenergie gerade erst die Laufzeiten der Meiler massiv verlängert.

"Und ich glaube, diese Erfahrung ist sehr stark und die Leute wissen, dass die Probleme nicht gelöst sind. Dass ich beliebig Reaktoren stilllege, aber dann Reaktoren wie Gundremmingen – was genauso ein Siedewasserreaktor ist wie Fukushima - oder Neckarwestheim auf einer Erdbebenspalte – die lasse ich weiterlaufen? Und das wird die spannende Frage sein: Kann man tatsächlich politisch zu einer schnelleren Stilllegung kommen, als das vorgesehen ist, kann man tatsächlich einschneidend was beim Umgang mit dem Atommüll ändern. Und da müssen wir Zeichen setzen, was geht und was nicht!"

Für seine Mitstreiterin Kerstin Rudeck, die in rund sieben Kilometer Entfernung zu den Gorlebener Atomanlagen lebt, bleibt auch nach dem Ausstieg noch viel zu tun: Sie will dafür sorgen, dass die Strahlenwerte rund um das Zwischenlager genau überprüft werden und vor allem verhindern, dass gleich neben diesem Lager eine Endlagerstätte für die radioaktiven Hinterlassenschaften der Atomkonzerne entsteht. Daran, dass dort – wie es der Bundesumweltminister Norbert Röttgen formuliert: ergebnisoffen erkundet wird, glaube sie schon lange nicht mehr, so Rudeck:

"Sie bringen Atommüll nach Gorleben, stellen den in einer Kartoffelscheune ab. Und zufällig wird auf der anderen Straßenseite - in Anführungsstrichen: ergebnisoffen ein Endlagerstandort erkundet ... Also: Wie blöd müssen wir denn sein, um uns jetzt mit dem, was wir erreicht haben, zufriedenzugeben?"

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