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StartseiteBüchermarktDem Wunder jeden Tag die Hand reichen14.09.2011

Dem Wunder jeden Tag die Hand reichen

Doris Dörrie: Alles inklusive. Diogenes Verlag, Zürich

Mit Filmen wie "Männer", "Kirschblüten - Hanami" oder "Die Friseuse" ist Doris Dörrie bekannt geworden. Die Regisseurin hat aber auch mehrere Erzählbände und Romane veröffentlicht. Ihr neuster Roman heißt "Alles inklusive". Er erzählt die Geschichte von vier Menschen auf der Suche nach der Sonnenseite des Lebens.

Von Patrick van Odijk

"Meine Mutter war die Strandkönigin von Torremolinos. Ihr nackter Busen war der schönste von allen, das konnte jeder sehen. Er war kugelrund und fest mit einem leichten Schwuppdich nach oben. Ich betete, dass ich einen Busen bekäme wie sie, aber bisher war von vorne nichts zu sehen, nur von der Seite eine winzige Vorwölbung, und auch nur, wenn ich den Bauch einzog. Ich trug immer meinen Bikini, blau mit rot-weißen Streifen, ich war die Einzige, die nicht nackt war an unserem Strand. Auf der anderen Seite der Bucht sind die Spießer, sagte meine Mutter.

Tochter Apple muss dann aber mit ansehen wie sich ihre Hippiemutter Ingrid ausgerechnet mit einem solchen Spießer, dem verheirateten Bankangestellten Karl mit Sohn Tim und Ferienhaus, auf dem Sofa vergnügt. Dabei wäre Apple auch lieber die Tochter einer Spießerfamilie und würde gerne in einem echten Bett auf gebügelten Laken schlafen. Stattdessen pennt sie mit ihrer Mutter in stinkenden Schlafsäcken am Strand und muss tagsüber Gabeln in Restaurants klauen. Daraus biegt Ingrid Armreife, die sie an Touristen verkauft. Aus der Affäre ihrer Mutter entwächst eine Katastrophe, unter deren Nachwirkungen die Beteiligten noch 30 Jahre später zu leiden haben.
Die Irrungen und Wirrungen des spanischen Sommers 1976 schildert Doris Dörrie zu Beginn des Buches aus der Sicht der Kinder Apple und Tim. Mit klaren, poetischen Sätzen schafft sie atmosphärisch dichte Bilder von Apples Unglück in der flippigen Hippiewelt und Tims wachsender Unruhe angesichts der zerfallenden Familienidylle im Ferienhaus mit Swimmingpool. Es sind präzise Erinnerungen und genaue Beobachtungen, mit denen Doris Dörrie ihre Figuren ausstattet.

"Das hat auch viel mit dem Mülleimer zu tun. Man muss sehr viel schreiben, um dann näher an seine Figuren heranzukommen. Zu versuchen, sich ganz genau zu erinnern und zwar sich mit allen fünf Sinnen zu erinnern und mit Übung und mit Beständigem sich erinnern kommen auch immer mehr Erinnerungen. Es ist ein bisschen wie eine Schatzkiste umgraben, oder auch Kompost umgraben, dass man dadurch merkt, was dann unten noch verborgen ist. Das muss man an die Luft bringen dann kann man es auch genauer wieder erkennen. Wenn man sich immer wieder erinnert wird es präziser, es muss nicht unbedingt wahrer werden, weil man auch anfängt, seine eigenen Erinnerung auszuschmücken. Das ist das Wesen der Fiktion, da muss es nicht wahr sein, sondern nur genau sein."

So realistisch ihre Figuren dann auch erscheinen, es sind nie wirklich existierende Personen.

"Aber sie haben manchmal Facetten von existierenden Personen. Das lässt sich gar nicht vermeiden, weil ich das vielleicht dann auch so gar nicht auseinanderhalten kann, was ich beobachtet und was ich erfunden habe. Aber ansonsten kommen alle Personen aus einer Melange von möglichst genau berichtetem Umfeld. Also ich möchte schon immer über Menschen schreiben, die heute leben und sich mit heutigen Problemen rumschlagen."

Ursprünglich wollte Doris Dörrie einen Roman über das Schicksal illegaler afrikanischer Flüchtlinge in Spanien schreiben.

"Der Ausgangspunkt war ein Foto, das sie vielleicht auch kennen. Das ging um die Welt, da saßen deutsche Touristen am Strand, direkt neben afrikanischen Flüchtlingen, die sich gerade an Land gerettet hatten und da im Sand lagen. Das ist ein erschreckendes Bild gewesen und ursprünglich der Grund das 'mal recherchieren zu wollen und dann hab ich gemerkt, ich kann nicht aus der Perspektive eines afrikanischen Flüchtlings schreiben, das ist Quatsch. Ich muss schon bei meiner europäischen Perspektive bleiben."

Ein solcher angeschwemmter afrikanischer Flüchtling taucht aber dennoch in dem Roman auf und die noch immer etwas rebellische Ingrid rettet ihn zumindest kurzfristig. Aber das ist, wie viele andere Episoden, vor allem gekonntes Beiwerk und Ausstattung in einem Roman wo es hauptsächlich um etwas Anderes geht.

Dreißig Jahre nach dem spanischen Hippiesommmer 1976 treffen Ingrid, Apple, Karl, Tim und Susi wieder in Torremolinos aufeinander. Zwischen Hotelbunkern mit derben All–inclusive–Touristen und dem früheren Ferienhaus von Karl berichten sie, wie die damaligen Katastrophe ihr Leben geprägt hat. Die weitgehend alltagsunfähige Apple trudelt von einer Liebeskatastrophe in die Nächste. Mutter Ingrid hingegen ist mit über sechzig noch immer exzentrisch genug um ein neues Leben hinter der Theke eines Transvestitenlokals zu beginnen. Kurz entsteht der Eindruck, der Roman könnte eine Abrechnung mit der Hippiegeneration sein.

"Als Abrechnung hab ich das nie gesehen, sondern nur als eine möglichst präzise Beschreibung von Dingen, die ich beobachtet habe. Ne Abrechnung läge mir fern, ich glaube, dass es gleichzeitig sehr positive Impulse gegeben hat aus der Zeit."

Der Geist der "Sechziger Jahre" hat unsere Gesellschaft in vielen Bereichen nachhaltig modernisiert. Davon ist Doris Dörrie überzeugt und das gilt vor allem für die Rolle der Frau. Apple gehört zu einer Generation …

"… die noch mehr als ihre Mutter wirklich die freie Wahl hat, was sie mit ihrem Leben machen will. Sie ist nicht mehr ökonomisch abhängig von Männern, sie kann bestimmen wie und wann sie Kinder kriegen will, das sind zwei große Veränderungen im Leben einer Frau, die in diesen paar Jahren entstanden sind. Und das muss man erst mal wegstecken und verkraften, daran knabbern wir bis heute."

Und das ist ein Thema das Doris Dörrie in vielen ihrer Filme, Kurzgeschichten und Romane variiert. Die neuen Möglichkeiten der Frauen haben dramatische Folgen für das Leben und die Liebe.

"Es stellt alles infrage. Es stellt fundamental die Liebe infrage. Warum soll man zusammenleben. Ne ganz einfache soziale Definition wie früher, dass man versorgt werden musste als Frau gibt's nicht mehr. Damit fällt vieles weg, was man sich hat gefallen lassen aber auch eingegangen ist. Also muss die Liebe riesengroß sein, damit man überhaupt zusammen ist. Und diese große Freiheit und so empfindet das Apple, ist wie eine Pistole auf der Brust, die immer die Frage stellt, was willst du, was willst du ... und das in jedem Moment zu beantworten, das ist schon sehr schwer. "

Apple scheitert, weil sie das Schicksal ihrer verkorksten Kindheit nicht annehmen und überwinden kann. Sie ist unfähig, ihr Leben zu meistern.

"Weil sie ein Kind ihrer Zeit, ein Kind dieser wahnsinnigen Psychologisierung dieser Zeit ist, woraus sie gemacht hat, dass ihre Mutter an allem schuld ist. Das ist auch so ein verharren in einer sehr infantilen Sicht der Welt. Dass man sich immer darauf zurückzieht, dass andere Schuld sind. Deshalb bekommt Apple einen Hund der Freud heißt und sie sehr milde als Hysterikerin betrachtet und sehr klar den Finger auf die Wunde legt, dass sie ihr Unglück auch selber heraufbeschwört, weil sie es gar nicht ertragen kann, die Verantwortung für die eigene Freiheit zu haben."

Dieser Doktor Freud ist ein Mops und dessen Hundegedanken der abendlichen Therapiesitzungen mit Frauchen Apple hat Doris Dörrie aufgeschrieben. Das ist ein herrlicher fiktionaler Kunstgriff der Autorin, die ansonsten meist mit präzis geschilderten Alltagssituationen arbeitet. Die allerdings, insbesondere bei Schilderungen des modernen All-inclusive-Urlaubs in Torremolinos, stecken voller Slapstick und Komik.

"Am ersten Tag sitze ich bereits mit Hunderten von Mitgefangenen am Pool und sehe zwei Animateuren zu, die dreisprachig auf der kleinen Bühne herumkaspern. Sie fordern zum Gurgeln mit Alkohol auf nach der Melodie von When The Saints Go Marching In.
Wer die Melodie halbwegs erkennbar gurgeln kann, bekommt einen Longdrink. Hummerrote Engländer stürmen auf die Bühne, ein dickes Mädchen gewinnt, sie torkelt bereits.
Danach gibt es das BH-Spiel. Auf Pfiff rennen die Herren los und sammeln die BHs der Damen ein. Links und rechts von mir zerren ältere Frauen riesige Büstenhalter unter ihren Strandkleidern hervor und schwenken sie aufgeregt ihrem Liebsten entgegen. Go, Love, Go!, brüllen sie. "


Aber je mehr man beim Lesen lachen muss, desto deutlicher ahnt man, dass die nächste Katastrophe bereits naht.

"Mich interessiert immer diese Mischung aus dem Komischen ins Tragische und umgekehrt eben auch, mich interessiert immer die Ambivalenz, wie Dinge dann auch kippen können, sehr traurige Dinge sich ins Komische wenden können und andersrum."

Döris Dörrie ist mit Alles Inklusive ein wunderbarer moderner Gesellschaftsroman gelungen. Leicht, schön und witzig erzählt - mit Figuren, die uns bekannt vorkommen und die uns gerade wegen ihrer komischen und tragischen Überlebensversuche ans Herz wachsen. Gleichzeitig ist der Roman voller Hintersinn und dem unauffälligen Hinweis sich seinem Schicksal zu stellen und das Leben und die Liebe in die Hand zu nehmen. Am Ende des Buches beklagt sich Apple darüber, dass ihre Mutter glücklich herumspringe und ihre alten Katastrophen überhaupt keine Rollen mehr spielen, während sie selbst mit Panik an ihre Zukunft denke. Dabei ist es ausgerechnet ihre Mutter, die einen Ausweg wüsste und ihr als Kind auch schon immer zuflüsterte.

"Nicht zuletzt ist es Ingrid, die das versteckte Motto von geglücktem Leben formuliert mit diesem Gedicht von Hilde Domin. Jeden Tag dem Vogel die Hand hinstrecken, also jeden Tag das Wunder möglich machen, dass das Wunder sich überhaupt zeigt. Das ist etwas, was Apple nicht mehr kann und die anderen. Nur Ingrid hat die Offenheit, Naivität mit 66 ein neues Leben anzufangen, weil sie dem Wunder jeden Tag die Hand hinstreckt."

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