Interview / Archiv /

Den Ausgang der US-Präsidentenwahlen wird "die Mitte entscheiden"

Ex-ARD-Fernsehkorrespondent in Washington über den Wahlkampf und sein Buch "Wahnsinn Amerika"

Klaus Scherer im Gespräch mit Bettina Klein

Obama "hat erkennbar in der Sympathiekurve zugelegt", sagt Klaus Scherer.
Obama "hat erkennbar in der Sympathiekurve zugelegt", sagt Klaus Scherer. (AP)

Für Europäer sei es schwierig, Amerikas politische Auseinandersetzungen etwa um die Gesundheitsreform zu verstehen, meint Klaus Scherer. Der Versuch der Republikaner, Obama "zum Vier-Jahres-Präsidenten zu machen", habe jedenfalls nicht funktioniert, so der ehemalige ARD-Fernsehkorrespondent in Washington.

Bettina Klein: Die Parteitage in den USA sind gelaufen, der Wahlkampf dort um die Präsidentschaft ist in die letzte Phase eingetreten, wir haben darüber berichtet. Wo stehen die Kandidaten jetzt eigentlich? Offenbar holt Barack Obama deutlich auf in diesem knappen Rennen. Wir wollen auch darüber sprechen mit einem Kollegen des ARD-Fernsehens, der bis zum Sommer aus Washington, aber nicht nur von dort berichtet hat und über seine Zeit gerade ein Buch veröffentlichte mit dem mehrdeutigen Titel "Wahnsinn Amerika". Guten Morgen, Klaus Scherer.

Klaus Scherer: Guten Morgen, Frau Klein.

Klein: Beginnen wir mit diesen aktuellen Meldungen dieser Tage. Obama legt zu in den Umfragen. Nicht nur das: er hat auch bei den Spenden sehr aufgeholt. Woran liegt das Ihrer Meinung nach? Waren die Parteitage Schuld?

Scherer: Ja, das können Sie messen. Er hat erkennbar in der Sympathiekurve zugelegt und ich glaube, es ist auch der Unterschied klar geworden zwischen dem Republikaner-Parteitag und dem Demokraten-Parteitag. Ich glaube, bei den Republikanern rächt sich ihr naiver Glaube, dass sie gar kein Programm brauchen würden und fast auch gar keinen profilierten Kandidaten, weil sie nur über die Bilanz Obamas abstimmen lassen wollten, davon ausgehend, dass die Wirtschaft danieder liege und dass Früchte trage diese ganzen Kampagnen, die man auch mit in Kauf, wenn nicht sogar selbst befeuert hat, dass er gar kein Amerikaner sei, dass er Sozialist sei, dass er insgeheim Moslem sei. Das hat man ja alles mitgenommen, um ihn zu diskreditieren und ihn zum Vier-Jahres-Präsidenten zu machen. Das hat nicht funktioniert. Die Leute wollen Substanz, das wird in den letzten vier Wochen auch deutlicher werden, wenn man nicht über Schlagworte, sondern über das redet, was dahinter steckt und stecken müsste, und da haben, glaube ich, die Republikaner an Boden verloren.

Klein: Aber wie weit trägt dieser Vorsprung? Ist das Rennen inzwischen etwas anderes als immer noch knapp?

Scherer: Das weiß man nicht, weil die Mitte wird entscheiden. Sie haben bei den Parteitagen bei beiden Kandidaten gemerkt, bei dem Präsidenten und dem Kandidaten, dass sie doch sanftere Töne angeschlagen haben, dass sie nicht mehr so aggressiv die eigene Basis beflügeln, aggressiv gegen den anderen, auch negativ gegen den anderen sind, sondern da sagt Romney schon mal, na ja, ich kann ja verstehen, dass die Leute Obama gewählt haben, ich habe ihm ja auch Erfolg gewünscht, weil ich Amerika Erfolg wünschte. Das muss man ihm nicht glauben, nachdem sie vier Jahre lang kein gutes Haar an ihm gelassen haben. Warum macht er das? Weil er natürlich in der Mitte Skeptiker gegenüber beiden Lagern doch noch zu sich rüberziehen möchte. Umgekehrt war auch Obama nicht so kämpferisch, wie er als Kandidat seinerzeit war. Er gibt sich staatsmännischer, jovialer, auch ein bisschen leiser – in der Hoffnung, dass er gerade in der Mitte Leute nicht verprellt, die vielleicht näher bei den Republikanern stehen, aber von Romney nun auch enttäuscht sind, weil er ja auch keine Antworten gegeben hat und weil man ihm nicht abnimmt, dass er als eine Art Super-Amerikaner und Geschäftsmann mal eben alles in Ordnung bringt. Die Antwort schuldet er ja auch.

Klein: Sie blicken zurück, Herr Scherer, auf die fünf Jahre Ihres Korrespondenten-Daseins. Sie schreiben über viele Begegnungen, die Sie auf Reportagefahrten für Ihre Beiträge und Sendungen hatten, vor allem außerhalb des Washingtoner Beltways, also des berühmten Autobahngürtels, innerhalb dessen man angeblich gar nichts spannendes erlebt, zumindest nicht die wirklichen USA. Was hat Sie zu dem Titel "Wahnsinn Amerika" geführt?

Scherer: Na ja, er soll ja schillern. Zum einen ist es natürlich Wahnsinn, wenn Sie dieses Land überfliegen und stundenlang wechselt da unter Ihnen nicht mal die Landschaft, die Ausmaße, die Sie da vorfinden. Ich habe in Montana mal einen Menschen im Saloon getroffen, der war schon etwas angetrunken, der war nicht mehr kameratauglich, aber er sagte einen Satz, den ich nie vergessen habe. Der sagte: Die Art und Weise, wie ihr Europäer über 100 Jahre Geschichte redet, ihr Angeber sozusagen, so reden wir über 100 Meilen Land. Und ich habe oft gedacht, ja, den Satz werde ich noch mal zitieren, weil es schon sich auswirkt, dass da ein viel größerer, ein Kontinent im Grunde immer wieder unter einen Hut gebracht werden muss. Zum anderen auch natürlich Wahnsinn, wenn Sie Zustände sehen, die Sie in Entwicklungsländern vermuten würden. Wir sind mit Hilfsorganisationen durch Kentucky und Tennessee gefahren, die am Wochenende mit freiwilligen Ärzten aus Chicago und New York Leuten helfen, die zu Tausenden dann ankommen, über Nacht stehen bleiben vor der Tür, um dann in einer umgebauten Turnhalle sich von Zahnärzten bis zu 16 Zähne ziehen lassen. Das sind Leute, die sind 30, 35 Jahre alt. In einem Fall, da erzählte mir dann ein Zahnarzt, der war selber fassungslos, von der Frau, die sich mit dem erhitzten Drahtkleiderbügel, mit dem Haken über einer Kerze, 16 Nerven abgetötet hat. Der sagt, stellen Sie sich das mal vor, wie groß der Leidensdruck sein muss, damit so jemand so etwas tut, und das im reichsten Land der Welt.

Klein: An manchen Stellen Ihres Buches könnte man den Eindruck gewinnen, als seien Ihrer Meinung nach, Ihrer Erfahrung nach Amerikaner nur von Amerikanern zu verstehen. Besteht noch immer diese Kluft im Verständnis in grundsätzlichen Fragen über den Atlantik hinweg?

Scherer: Oh ja! Ich habe oft gefragt, auch in Interviews, muss ich eigentlich Amerikaner sein, um das zu verstehen. Nehmen Sie die Gesundheitsreform: für mich als Korrespondent schwierig zu berichten, weil Bezüge nach Deutschland da waren – zum einen, weil wir eine öffentliche Krankenversicherung haben, wir haben nie verstanden, warum die so eine Ideologiedebatte daraus machen, was daran so giftig und so sozialistisch sein soll, zum anderen natürlich dann auch die Mentalität der Amerikaner zu transportieren, dass sie regierungskritisch sind, traditionell, das hat mit der Kolonialzeit zu tun, und dass sie im Grunde da auch immer anfällig sind für Scheindebatten und für Debatten, die nur auf der Oberfläche stattfinden. Dann haben Sie Demonstrationen gegen Obama von der Tea Party, da halten Leute ein Poster hoch mit Obama mit Hitler-Bärtchen. Was machen Sie mit so jemandem? Sollen Sie den interviewen, oder sollen Sie den schütteln und sagen, das ist völliger Unfug, was du da treibst? Manchmal versuchten wir beides.

Klein: Wie nehmen Sie das wahr? Gibt es auf der anderen Seite eine spezifisch gefärbte Brille, durch die man in Deutschland auf die USA schaut?

Scherer: Das auch. Meine Erfahrung, auch aus Rückmeldungen, Anrufen, auch aus Fragen aus Deutschland: jeder redet mit, jeder hat schon eine manchmal vorgefertigte Meinung Amerika gegenüber, das reicht von den ganz loyalen Transatlantikern, die immer dankbar sind und immer richtig finden, was Amerika macht, bis zu den Grundskeptikern, Antiimperialisten, die grundsätzlich alles falsch finden, was die Amerikaner machen. Manchmal ist auch ein bisschen Bequemlichkeit dabei. Wir haben acht Jahre lang geschimpft, dass George W. Bush im Grunde sich benimmt, als könne er die Welt alleine lenken. Und dann plötzlich hatten wir so ein bisschen den Eindruck, jetzt wünschen wir uns, dass Obama das schon mal alles in Ordnung bringt und müsste genau das tun, was wir von Bush nicht wollten, nämlich alleine alles in Ordnung bringen. Das passt auch hierzulande nicht zusammen, da waren wir manchmal auch ein bisschen selbstgerecht.

Klein: Klaus Scherer, bis zum Sommer ARD-Fernsehkorrespondent in Washington. Er hat gerade ein Buch veröffentlicht unter dem Titel "Wahnsinn Amerika". Danke für das Gespräch heute Morgen!

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Interview

Massaker im Südsudan"Die Katastrophe ist schon da"

Ein Foto des Kinderhilfswerks UNICEF zeigt drei Kinder in der südsudanesischen Stadt Mingkaman, während sie erschöpft darauf warten, als Hilfesuchende registriert zu werden.

Die Vereinten Nationen berichten von einem Massaker mit Hunderten Toten im Südsudan. Solche brutalen Übergriffe finden bereits seit Mitte Dezember immer wieder statt, sagte Sudan-Expertin Marina Peter im DLF. Es drohe ein Ausmaß wie in Ruanda 1994.

Petersburger Dialog"Treffen gegen die Sprachlosigkeit"

Der ehemalige deutsche Botschafter in Moskau, Ernst-Jörg von Studnitz

In Leipzig kommt heute der deutsch-russische "Petersburger Dialog" zusammen. Das abgewertete Treffen solle weiter zur "Bereinigung des Klimas" zwischen beiden Ländern beitragen - trotz Ukraine-Konflikt, sagte der langjährige Botschafter in Moskau, von Studnitz, im DLF.

Vorratsdatenspeicherung"Offene Flanke schließen"

Der baden-württembergische Innenminister Reinhold Gall (SPD) erläutert am 28.03.2014 im Landtag in Stuttgart (Baden-Württemberg) im Rahmen einer Pressekonferenz die Polizeistatistik für das Jahr 2013.

Die SPD ist sich uneins über die Vorratsdatenspeicherung. Anders als Parteivize Stegner will Baden-Württembergs Innenminister Gall sie nicht völlig aufgeben. Es brauche klare, enge Vorgaben, sagte er im DLF.

 

Interview der Woche

Zukunft der Kirche"Das Wichtigste ist die Verkündigung des Evangeliums"

Kardinal Reinhard Marx lächelt, vor ihm ein Mikrofon, hinter ihm auf einem Gebäude der Schriftzug "Bischöfliches Priesterseminar Borromäum"

Der Münchner Erzbischof, Reinhard Kardinal Marx, beklagt eine zu starke Fixierung auf die Institution Kirche. "Nicht die Kirche soll attraktiv sein, sondern das Evangelium soll attraktiv sein", sagte Marx im Deutschlandfunk. Nur so könne Christus in der Gesellschaft lebendig bleiben.

Konflikte in EuropaSchulz: Europäische Strukturen haben den Krieg gebannt

Martin Schulz gestikuliert, während er spricht.

Der Präsident des Europäischen Parlaments, Martin Schulz, hat sich trotz der zunehmenden Eskalation in der Ostukraine für diplomatische Lösungen ausgesprochen. Man müsse jetzt verstärkt nach gemeinsamen Interessen zwischen dem Westen und Russland suchen, sagte er im Interview der Woche des Deutschlandfunks.

IntegrationÖzoğuz möchte Nachbesserungen beim Doppelpass

Profilfoto von Aydan Özoğuz

Es handele sich bei der Staatsangehörigkeit um ein sehr emotionales Thema, sagte Aydan Özoguz, Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, im DLF. Der Doppelpass-Kompromiss der Großen Koalition sei deshalb ein großer und wichtiger Schritt. Die SPD-Politikerin setzt sich aber weiterhin für eine komplette Abschaffung der Optionspflicht ein.