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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenDen Babyboomern droht die Altersarmut14.06.2012

Den Babyboomern droht die Altersarmut

Tagung des Forschungsprojektes "Lebensläufe und Alterssicherung im Wandel"

Die Babyboomer werden in weit größerem Maße von Altersarmut betroffen sein als die vorhergehende Kriegs- und Nachkriegsgeneration. Was sich schon lange abzeichnet, belegt nun eine Studie, an der das Deutsche Zentrum für Altersfragen, das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung und die Deutsche Rentenversicherung Bund arbeiten.

Von Isabel Fannrich-Lautenschläger

Die Babyboomer werden in ein bis zwei Jahrzehnten in den Ruhestand gehen. (AP)
Die Babyboomer werden in ein bis zwei Jahrzehnten in den Ruhestand gehen. (AP)
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Die Babyboomer: Das sind rund dreizehn Millionen Menschen, die zwischen 1956 und 65 geboren wurden. Die vergleichsweise große Altersgruppe der heute 47- bis 56-Jährigen wird in ein bis zwei Jahrzehnten in den Ruhestand gehen.

Anders als bei den vorhergehenden Jahrgängen prägen viele Wechsel das Arbeits- und Familienleben der Babyboomer. Julia Simonson vom Deutschen Zentrum für Altersfragen spricht von zunehmenden Diskontinuitäten insbesondere im Beruf:

"Wir sehen eine Zunahme von Wechseln zwischen verschiedenen Beschäftigungsformen. Vor allen Dingen gibt es häufige Wechsel zwischen abhängiger Beschäftigung und Selbstständigkeit. Und das hat dann auch Auswirkungen auf die Alterssicherung. Außerdem können wir erkennen, dass es häufig Phasen der Arbeitslosigkeit gibt und Wechsel zwischen Vollzeiterwerbstätigkeit und Teilzeiterwerbstätigkeit ebenfalls zugenommen haben."

Die Wissenschaftler haben erstmals Daten aus Haushaltsumfragen des sozio-ökonomischen Panels mit denen der Rentenversicherung zusammen geführt – und diese für die Babyboomer bis ins Rentenalter fortgeschrieben. Eine Methode, mit der sie das Ausmaß der Veränderungen in Job, Familie und Rente berechnen wollen.

Dabei zeigt sich wie unterschiedlich die Berufsbiografien von Frauen und Männern, von Ost- und Westdeutschen sich entwickelt haben.

"Wir sehen, dass die Erwerbsverläufe bei westdeutschen Männern weitgehend stabil bleiben. Also da gibt es auch bei der Kohorte der Babyboomer immer noch sehr viele Männer, die einen stabilen Vollzeit-Erwerbsttätigkeitsverlauf haben, also dauerhaft Vollzeit erwerbstätig sind. Bei den ostdeutschen Männern ist das nicht so. Da gibt es eine starke Zunahme an diskontinuierlichen und brüchigen Erwerbsbiografien."

Bei den Frauen dagegen finden die Forscher nicht nur das von langer Berufsausbildung, von Vollzeitarbeit oder von Wechseln geprägte Arbeitsleben. Ihre Berufsbiografie werde in stärkerem Maße durch Familienphasen unterbrochen. Außerdem spielen Teilzeit- und Haushaltsarbeit bei Frauen eine viel größere Rolle.

Wie auch bei den Männern unterscheidet sich die Entwicklung in den alten und neuen Bundesländern. Die westdeutschen Babyboomer-Frauen arbeiten mehr auf Teilzeitstellen und weniger als Hausfrauen als noch ihre Vorgängerinnen. Zwar steigt auch bei den ostdeutschen Frauen die Bedeutung von Teilzeitarbeit – allerdings auf Kosten der Vollzeit-Stellen. Der veränderte Arbeitsmarkt nach der Wende führt bei ihnen zu wechselhafteren Berufsverläufen und häufigerer Arbeitslosigkeit.

Reinhold Thiede leitet den Bereich Forschung bei der Deutschen Rentenversicherung Bund:

"Bei den Babyboomern nimmt der Anteil von Menschen mit solchen diskontinuierlichen Lebensverläufen zu. Und das ist insbesondere in zwei Bereichen problematisch, nämlich dann, wenn die Erwerbsbiografien häufig unterbrochen werden von längeren Phasen der Arbeitslosigkeit oder von mehrfachen Wechseln zwischen abhängiger Beschäftigung und selbstständiger Tätigkeit. In beiden Fällen hat man den Eindruck – hier jetzt wieder in diesem Datensatz – dass keine umfassende ausreichende Altersvorsorge aufgebaut wird."

Die Soziologin Julia Simonson:

"Die ostdeutschen Männer aus der Babyboomer-Generation oder Babyboomer-Kohorte werden deutlich geringere Renten-Anwartschaften haben als die aus den Vorgänger-Kohorten. Bei den westdeutschen Männern und den ostdeutschen Frauen liegen die Rentenniveaus etwas unter den Niveaus von vorangegangenen Kohorten. Und bei den westdeutschen Frauen bleibt das eigentlich relativ stabil. Allerdings ist das Niveau einfach sehr gering bei den westdeutschen Frauen."

Das Ergebnis der Studie überrascht nicht: Ähnlich wie die heutigen Rentner wird auch ein Großteil der Babyboomer im Alter materiell gut abgesichert sein. Allerdings steigt bei den Risikogruppen die Gefahr der Altersarmut: Bei jenen, die kaum Vollzeit gearbeitet haben, die länger arbeitslos waren, im Niedriglohnsektor beschäftigt oder instabil selbstständig waren.

Die Zahlen, die die Wissenschaftler vorlegen, sprechen für sich: Die westdeutschen Babyboomer-Männer können im Mittel auf eine Rente von rund 1300 Euro brutto hoffen. Ostdeutsche Frauen und Männer dagegen bekommen voraussichtlich nur rund 800 Euro. Am niedrigsten fällt die gesetzliche Rente für westdeutsche Frauen mit durchschnittlich etwa 660 Euro aus.

Das Problem der niedrigen Renten verschärft sich durch den zusätzlichen Wandel der Lebensformen und Familienbiografien. Der Soziologe Markus Grabka vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung:

"Wir sehen natürlich eine deutlich geringere Relevanz von typischen verheirateten Familien in Ostdeutschland. Auch der Anteil der Ledigen ist in Ostdeutschland durchaus signifikant geringer als in Westdeutschland. Das Phänomen des sozusagen gerade des dauerhaft Alleinlebens und des Status des Ledigen ist in Westdeutschland wesentlich verbreiteter als in Ostdeutschland."

Nicht nur die individuellen Ansprüche auf Rente, sondern auch diejenigen weiterer Haushaltsmitglieder sind dafür relevant, wie ein Babyboomer im Alter versorgt ist und ob ihm oder ihr Altersarmut droht.

"Das Kernergebnis, zumindest für mich persönlich ist, dass Altersarmut in Deutschland definitiv ansteigen wird. Wir sehen halt zum Beispiel bei den diskontinuierlichen Erwerbsverläufen, dass eben auch bei diesen der Anteil der Geschiedenen und auch der dauerhaft Ledigen zunimmt, das heißt also neben den sinkenden eigenen individuellen Rentenanwartschaften an die Gesetzliche Rentenversicherung gibt es darüber hinaus auch weniger Absicherungsmöglichkeiten über einen weiteren Erwachsenen im Haushalt, weil diese Personen eben immer weniger in einer typischen Kernfamilie leben."

Die Altersversorgung der Babyboomer wird so bunt wie ihre Lebensläufe, resümiert Reinhold Thiede von der Deutschen Rentenversicherung Bund: eine Entwicklung, die insbesondere auch die Jahrgänge nach den Babyboomern betrifft.

"Es wird eine Alterssicherung sein, die sich zusammensetzt aus Segmenten: Gesetzliche Rente, Betriebsrente, Zusatzvorsorge. Es wird eine Alterssicherung sein, wo auch wahrscheinlich mehr Menschen im Alter noch erwerbstätig sein werden – und sei es nur zusätzlich über einen Minijob oder so etwas. Es wird eine Alterssicherung sein, die auch später einsetzt, weil die Menschen länger arbeiten."

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