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StartseiteBüchermarktDen Leser gegen die Wand fahren lassen04.08.2013

Den Leser gegen die Wand fahren lassen

Buch der Woche: Peter Esterhazy: "Esti"

Radikal, einfallsreich, witzig – mit diesen Worten beschreiben Kritiker den ungarischen Schriftsteller Peter Esterhazy. Seinen Lesern mutet er einiges zu, so auch in seinem neuen Buch: skurrile Einfälle, absurde Konstellationen, ein schwer nachvollziehbares Drunter und Drüber.

Von Martin Lüdke

Der ungarische Schriftsteller Peter Esterhazy (AP)
Der ungarische Schriftsteller Peter Esterhazy (AP)
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Fußballerische Bekenntnisschrift

Anmerkung der Onlineredaktion: Beim vorliegenden Text handelt es sich um eine leicht gekürzte Fassung.

Der ungarische Schriftsteller Peter Esterhazy zählt zu den großen europäischen Erzählern unserer Gegenwart. Dabei mutet er auch seinen Lesern einiges zu. Allerdings selten so viel – wie jetzt. Es kann einem schwindlig werden beim Lesen des neuen Romans. Ja! Der Verlag wagt es tatsächlich, dieses Buch "Roman" zu nennen, auch wenn man besser von einem Sprengsatz sprechen sollte, der unsere herkömmlichen Vorstellungen ordentlichen Erzählens wie Bombensplitter über ein weites Feld zerstreut.

Esterhazy, ein Spross des berühmten Adelsgeschlechts, 1950 in Budapest geboren, 2004 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet, ist schon immer ein (r)echter Schelm gewesen. Ein Spieler, Wort- und Sprachspieler. Doch das Spiel, das er hier inszeniert, ist ein Doppelspiel – in einer Endlosschleife. Wenn es eineiige Zwillinge darauf anlegen, dann können sie wirklich Verwirrung stiften. Man denke zum Beispiel an die beiden deutschen Fußballnationalspieler Lars und Sven Bender, der eine spielt bei Dortmund, der andere bei Bayer Leverkusen. Wenn die beiden nebeneinanderstehen, am besten noch zwischen zwei Spiegeln, dann dürfte es schwer werden, festzustellen, wer wer ist. Die beiden Kicker verkörpern, gleich, ob sie es selbst auch nur ahnen, etwas von dem romantischen Motiv des Doppelgängers, dem Inbild des Zweifels an der eigenen Identität. Im Doppelgänger sieht das Ich seine Zweifel an sich selbst im Spiegel seiner selbst.

Man könnte, ein anderes Beispiel, auch die beiden Ungarn nehmen, die zu allem Überfluss auch noch den gleichen Namen tragen, obwohl sie aus verschiedenen Zeiten stammen: Kornél Esti. Der Eine, ein Kind der dreißiger Jahre, stammt von dem ungarischen Schriftsteller Dezsö Kostolanyi und gibt sich als Schöpfer des gleichnamigen Romanhelden aus; der andere, ein Geschöpf der Nachkriegszeit, verdankt seine Existenz dem jüngeren Kollegen des Klassikers, Peter Esterhazy.

"Parallelgeschichten. (Windschiefe Geraden: Sie sind weder parallel noch schneiden sie einander.) Die Frage ist nicht, warf Kornél Esti die Frage auf, was zuerst da war, das Huhn oder das Ei, sondern wann zwei Eier (Hühner) parallel sind (so gleichen wir einer dem anderen)."

Beide, genauer gesagt: alle Kornél Esti‘s sind übrigens entfernt, aber erkennbar verwandt mit dem Bucklicht Männlein von Walter Benjamin, einem Kobold, der einiges Porzellan zerschlagen, viel Verwirrung gestiftet und mehr noch Unsinn verzapft hat. ("das Töpflein brochen"!) Wahrlich, kein guter Geist.

"Skizze. Lebensskizze. – Der Mann gräbt seine Frau im Küstensand ein, sodass nur die Augen frei bleiben, und geht auf ein Bier. Der entsetzte Frauenblick. Ich flehe dich an, rette mich. Esti verlangsamt nicht einmal seine Schritte, vielleicht geht er nicht auf ein Bier, eher Eis essen, dabei hat er Durst, unendlichen Durst."

Auch so präsentiert sich Kornel Esti. Er nimmt allerdings sehr viele Erscheinungsformen an, tritt sogar mal als Jungfrau Maria oder als betender Karpfen auf, dann als kompromisslos moderner Schriftsteller, als Mann oder Frau, als kläffender Hund oder Judenmädchen, als Dolmetscher, Schönheitskönigin von Kentucky, Bauernhofhuhn oder als dogmatischer Anhänger von Otto Mops. Er gibt sich als liberaler Sextherapeut aus oder als unbestechlicher Beobachter, durchaus angezogen von ausgezogenen Damen. Eintrag in Estis "Notizheft":

"Schielende Brüste. Entweder sie schielen oder sie hängen. Eigene Beobachtung."

PC, Political Correctness, ist seine, Estil, Sache nicht. Es sind überhaupt hanebüchene Geschichten, die uns von diesen Kornél Estis erzählt werden, weiter entfernt von Logik, Folgerichtigkeit und herkömmlichen Ordnungsvorstellungen als der SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück von der Popularität der gegenwärtigen Bundeskanzlerin. Skurrile Einfälle, absurde Konstellationen, also ein schwer nachvollziehbares Drunter und Drüber, verpackt in ein grobmaschiges Netz, zusammengehalten nur durch die schlichten Buchdeckel.
Mein Gott, so klagte einst unser Frankfurter Schulmeister Robert Gernhardt:

"Mein Gott, ist das beziehungsreich.
Ich glaub‘, ich übergeb‘ mich gleich."
Warten wir es ab!"


"Esti", der Name dieses Gebildes, mit dem wir uns hier beschäftigen, geht zurück auf ein Bekenntnis von Peter Esterhazy.

"Vanitas vanitatum: An der Universität (mathematische Fachrichtung) nannten mich meine Kommilitonen Esti. Das ist bisher meine größte Auszeichnung."

Damit ist schon ziemlich sicher gestellt, dass dieser, in Anführungsstrichen, Roman auch autobiografische Züge trägt. Hinzu kommt nun, dass Esterhazy dieses Bekenntnis im Nachwort der deutschen Ausgabe der "Bekenntnisse des Kornél Esti" ablegt. Sie sind unter dem Titel "Ein Held seiner Zeit", im Jahr 2004 erstmals übersetzt worden sind. Der Autor, Dezsö Kostolanyi, 1885 bis 1936, gilt allgemein als einer der Heroen der modernen ungarischen Literatur. Am 4. April 1923 attestierte unser aller Thomas Mann höchstpersönlich seinem ungarischen Kollegen ein "feines und starkes Talent" und bekannte zudem, wie sehr ihn dessen "Nero", "dieser Kaiser- und Künstlerroman" tatsächlich "bewegt" habe. Er beschrieb den Inhalt des Romans, bewertete ihn ausgiebig und resümierte dann: "Ja, das ist gut, ist vortrefflich, ist meisterhaft." Auch wenn man in Rechnung stellt, dass Thomas Mann mit Kollegen-Lob selten sparsam umgegangen ist, hier, im Fall Kostolanyis drückt er doch ungewöhnlich kräftig auf die Tube. Kostolanyi ist also nicht irgendwer. Die meisten seiner Bücher, darunter der besagte historische Roman "Nero", auch die wahrhaft wunderbare Erzählung "Lerche", in der Bibliothek Suhrkamp als Roman verkauft, schließlich der bizzare "Dienstmädchenroman" mit dem schlichten Titel "ANNA", alle diese Bücher sind zwar alle unzweifelhaft gut, aber eher konventionell geschrieben. Nicht so die "Bekenntnisse des Kornel Esti", im Original 1933 erstmals erschienen, und, kurz vor seinem Tod, 1936, herausgekommen "Die Abenteuer des Kornel Esti".
Das heißt: Mit "Kornel Esti" hat die ungarische Literatur den Anschluss an die europäi-sche Moderne gefunden. Gleich im ersten Kapitel der "Bekenntnisse" wird der eigentümliche Status des Helden zwischen Fiktion und Wirklichkeit, wie Kostolanyi schreibt, "vorgestellt und entlarvt", also der Autor nicht nur als Spiegelbild seines Helden präsentiert, sondern, weit mehr noch, als Produkt von dessen Fantasie. Das führt naturgemäß zu einigen Irritationen, und zwar auf allen Seiten.

"Entsetzt starrte ich auf diese Alptraumgestalten, die einst in irgendeiner Vorstellung bestimmt gelebt, geatmet, geglüht hatten, jetzt aber schwarz waren, tot und kalt, wie das verglühte, zu Kohle gewordene Scheit. Ich kannte sie nicht. Sie hingegen kannten und erkannten mich. Ich verwies sie allesamt an Kornel Esti. Da lächelten sie. Wollten, dass ich ihn beschreibe. Worauf sie spöttisch auf mich zeigten."

Nicht von Esterhazy ist hier, nur zur Erinnerung, die Rede, sondern immer noch von Kostolanyi und seiner Figur Kornel Esti. Die beiden, der Autor, der auch als Erzähler auftritt, und Esti, planen, nachdem sie endlich wieder zueinandergefunden hatten, gemeinsam etwas zu schreiben.

"Eine Reisebeschreibung? (…) Oder eine Lebensbeschreibung? Weder das eine noch das andere. Einen Roman?‘

‚Gott bewahre! Jeder Roman beginnt so: ‚Auf der dunklen Straße ging ein junger Mann mit hochgeklappten Kragen.‘ Dann stellt sich heraus, dass der junge mit dem hochgeklappten Kragen der Romanheld ist. ‚Das Wecken des Interesses‘. 'Fürchterlich.‘
‚Was machen wir dann?‘
‚Alles zusammen. Eine Reisebeschreibung, ich, der ich erzähle, wie ich gern gereist wäre, einen romanhaften Lebenslauf, in dem ich auch Rechenschaft darüber gebe, wie oft der Held in seinen Träumen gestorben ist. Eines will ich mir aber ausbedingen. Dass du es mir nicht zu irgendeiner läppischen Geschichte zusammenkleisterst. Es soll alles so bleiben, wie es eines Dichters würdig ist: Fragment.‘"


Soweit Dezsö Kostolanyi, wenn man will: das Original.

Jetzt die Fälschung? Nein, das wäre falsch. Nicht nur, weil Peter Esterhazy offen die Her-kunft seines Kornel Esti von Kostolanyis Kornel Esti eingesteht, mehr noch: sie voller Selbstbewusstsein laut herausposaunt, sondern weil eine der Pointen dieses Verfahrens, das der Eine vom Anderen übernommen hat, darin besteht, solche Unterscheidungen wie die zwischen Original und Fälschung zu unterlaufen bzw. in dem unentwirrbaren Beziehungsgeflecht, das sich dabei herstellt, aufzuheben. Esterhazy beginnt entsprechend seinen – ich bleibe bei dem Begriff – "Roman":

"Der einzige Held dieses Buches. Auf der dunklen Straße ging ein junger Mann mit hochgeklappten Kragen. Das bin ich, in Anführungsstrichen, ich bin meine Reisebeschrei-bung, mein romanhafter Lebenslauf (in dem ich auch Rechenschaft darüber gebe, wie oft der Held in seinen Träumen gestorben ist), ich bleibe Fragment. Novellenkranz. Keiner schreibt, was er ist, sondern was er gern wäre. Nichtsdestoweniger wäre es gut, noch eine Zeit lang zu leben."

Das sind die allerersten Worte von Esterhazys "Roman ": "Esti". Bisschen verwirrend, sicher. Verständlich wohl erst, wenn man den Vorgänger schon oder noch vor Augen hat.
Kostolanyi hatte seine "Bekenntnisse" sichtbar schlichter, damit auch vermeintlich harmloser angefangen, also seine Leser nicht gleich gegen die Wand fahren lassen, son-dern erst einmal nur auf den Leim geführt:

"Die Hälfte meines Lebens war schon vorbei, als mir an einem windigen Frühlingstag Kornel Esti in den Sinn kam. Ich beschloss, ihn aufzusuchen und unsere alte Freundschaft zu erneuern."

Esterhazy schreibt erst nach einigen Seiten, unter der Überschrift "Die Struktur der Verän-derung":

"Die Hälfte meines Lebens war schon vorbei, als mir an einem windigen Frühlingstag Kornél Esti in den Sinn kam, kam es Kornél Esti in den Sinn (schrieb ich an einem windi-gen Frühlingstag)."

Das kann man eine Endlosschleife nennen: Ich glaube, dass er glaubt, dass ich glaube, dass er glaubt …
Ich darf hier noch einmal an den Hinweis von Robert Gernhardt erinnern: Mein Gott, ist das beziehungsreich …

Nur wozu dient das ziemlich pedantische Aufdröseln dieses Beziehungsgeflechts, das sich zwischen Kostolanyi und Esterhazy herstellt? Das von Kostolanyi in den späten zwanziger und frühen dreißiger Jahren entwickelte Verfahren steht im Kontext der literarischen Moderne: Der Angriff auf die saubere Unterscheidung zwischen Schein und Wirklichkeit, Fiktion und Realität wurde seinerzeit von verschiedenen Seiten vorgetragen: Dadaismus und Surrealismus kämpften hier gemeinsam mit Erzählern der, wie man heute sagt, klassischen Moderne wie André Gide und William Faulkner, ja bis hin zu dem letzten trotzig-vergrübelten (Ab)Arbeiter an der alteuropäischen Identität, dem Eidgenossen Max Frisch.

In dieser Literatur verknüpften sich Kritik und Utopie, der Widerstand gegen die ge-gebenen Verhältnisse mit der Hoffnung auf eine bessere, leuchtende Zukunft. Aber genau dort, wo dieses Versprechen, mithilfe des Großen Bruders, der ruhmreichen Sowjetunion, eingelöst werden sollte, blieb "alles grau", deprimierend mausgrau, "selbst die rote Fahne der Arbeiterbewegung". Nichts erschien trister als der real existierende Sozialismus, ob in der DDR, der großen Sowjetunion oder in dem gulasch-kommunistischen Ungarn.

Daraus ergaben sich einige Konsequenzen für die Literatur in den sogenannten sozialisti-schen Ländern. Sowohl für ihre Rezeption, die Literatur übernahm nämlich Funktionen der bürgerlichen Öffentlichkeit. Wie auch für ihre Produktion, die sich den gegebenen restriktiven Bedingungen anpassen musste. Die Diktatur, schreibt darum Esterhazy, und das sei noch "der glücklichere Fall", verdoppele das Leben. Wer sich auch nur einen Rest von Freiheit bewahren wollte, war zu einem Doppelleben gezwungen. Der romantische Doppelgänger bekam in den Arbeiter- und Bauern-Republiken eine neue Rolle, als Schutzschild, hinter dem man sich verstecken und als Sündenbock, den man vorschicken konnte. In seinem Kornél Esti beschreibt Peter Esterhazy, kaum verhüllt, noch einmal auch seine eigene (Lebens-)Geschichte.

"Unsere Jugend" "spielte sich unter dem Firmament der Diktatur ab: 'die Angst saß mit ihrem ungeheuren Arsch mitten in der Stadt‘". "In der Diktatur kommt ein borstiges Ungeheuer und stiehlt uns unsere Freiheit." "Unser Geist füllte sich mit den allerschönsten närrischen Vorstellungen, und wir glaubten, dass das Wahrheit sei, was doch nur Schönheit war." "Dem Nichtstun (…), dem Verstummen, (…) verlieh die Diktatur immer eine gewisse heroische, zweideutige Aura, die erreichte Leistung überzog sie mit dem klebrigen Schleim der der wahnwitzigen Anklage, kollaboriert zu haben."

Hier zeigt sich das ganze Dilemma, dem nicht nur Esterhazys "Esti" entsprungen ist, son-dern sein Werk überhaupt. Ich habe mich oft, wenn auch immer vergeblich gefragt, warum Peter Esterhazy, der Aristokrat, bei dessen Vorfahren Joseph Haydn am Gesinde-Tisch gesessen und auf Anweisung der Herrschaft Konzerte geschrieben und mit dem Orchester der Fürstenfamilie gespielt hatte; ich habe mich also gefragt, warum der Nachkomme dieser Edelleute sich so hemmungslos bei jungen und alten Kollegen bedienen musste, deutlicher gesagt, warum er wie ein Rabe geklaut hat. Viele der Werke, die unter seinem Namen publiziert wurden, sind reine Zitat-Collagen, unausgewiesen, versteht sich. Eine mögliche Begründung sehe ich in der Zensur, unter der die osteuropäischen Schriftsteller über Jahrzehnte gelitten haben. Hinter Zitaten ließen sich die eigenen Absichten gut verbergen. Hinter unausgewiesenen Zitaten sogar noch besser. Denn wie leicht konnte sich ein Zensor da blamieren.

Noch größer war freilich die Angst der Zensoren vor hermetischer oder, schlimmer noch, experimenteller Literatur. Jedes totalitäre Regime fürchtet solche Texte. Die Diktatoren halten es in dieser Hinsicht gerne mit der Bibel. "Es sei aber euer Wort: ja, ja, nein, nein; was darüber ist, ist vom Bösen." Zwischentöne sind unbeliebt. Die subversive Botschaft, die zwischen den Zeilen zu lesen ist, wird gefürchtet. Deshalb wurde solche Literatur zumindest argwöhnisch beobachtet und nach Möglichkeit auch verboten. Je finsterer die Zeiten, desto größer wurde freilich die Attraktivität solcher Literatur. Viele Autoren des Ostblocks haben aus diesen misslichen Umständen sichtbar profitiert, dann allerdings, gleich nach der Wende, 1989, sofort und auch erheblich ihre Attraktivität wieder eingebüßt.

"Eine kulinarische Skizze, das ist mein Ehrgeiz, sagte Kornél Esti bei seiner Rückkehr aus Moskau, das möchte ich sein. Eine wohlschmeckende Verheißung. (…) Natürlich war Kornél Esti nie in Moskau gewesen, und natürlich war das überhaupt nicht von Bedeutung, schon allein deshalb nicht, weil wir damals (…) der Wirklichkeit keine große Bedeutung zumaßen. Wir lebten in der glanzvollen Zukunft. Wir schätzten die Wirklichkeit nicht gering, vielmehr wollten wir ihr, dieser unseligen Idiotin, auf irgendeine Weise helfen, sie, nun, im Nachhinein kann ich es eingestehen, erschaffen (…) die Wirklichkeit erschaffen."

Die Sprengung der konventionellen Form des Romans, die wir hier lesend erleben, ver-stand sich einst als revolutionärer Akt. Die Diktaturen des Ostblocks hielten nicht viel davon. Als Stalin seine Macht konsolidiert hatte, verfolgte er als Erstes die revolutionären Autoren der jungen Sowjetunion, von den Futuristen bis hin zum Proletkult und den Ver-bal-Anarchisten vom Schlage eines Daniil Charms. Modernität überhaupt galt als suspekt. An diese Tradition knüpften, nach 1956, der Niederschlagung des Ungarn-Aufstandes, die damals jungen Autoren, Kertesz, Eörsi, Nadas, Esterhazy wieder an. Die Verdoppelungen des Kornél Esti durch Kostolanyi und Esterhazy müssen deshalb noch immer als ein politischer Akt begriffen werden. Das scheint mir der Grund, weshalb sich so viele Rückblenden in "Esti" finden, einerseits als Versuch, die einst geltenden Bedingungen, nachdem sie verschwunden sind, noch einmal zu rekapitulieren, anderseits als Möglichkeit, die vergangenen Kämpfe unter den gegenwärtigen Bedingungen noch einmal zu reflektieren.

"Ungarn lebte nach 1956 durch und durch in der Niederlage. Das heißt in der Einsam-keit. Die Einsamkeit aber ist die Brutstätte des Verrats. Ich sah in der Arbeit den Fluchtweg. Flucht ist kein gutes Wort, es ist zu weinerlich und zu romantisch. Außerdem war es nicht möglich, zu fliehen. Wir wollten auf jeden Fall leben und nicht nur überleben, wollten neue Wege und nicht nur Auswege."

Das heißt nun aber auch, dass Esterhazys "Esti" gleichsam in zwei Teile zerfällt. Der Ko-bold, der in Esti steckt, konnte in den finsteren Zeiten der ungarischen Geschichte eine gute Rolle als Bösewicht spielen. All der Unsinn, den er verzapfte, die Sprengsätze, die er, durch Kalauer, Wortwitze und wahnwitzige Einfälle im gesunden Menschenverstand zün-dete, ließen sich als politische Aktionen in ästhetischer Verkleidung entschlüsseln.

"Unser Geist erfüllte sich mit den allerschönsten närrischen Vorstellungen, und wir glaubten, dass das Wahrheit sei, was doch nur Schönheit war."

Protest, Kritik, Opposition – das stellt Peter Esterhazy damit heute etwas ernüchtert fest, erschöpfte sich, ziemlich wirkungslos, in der ästhetischen Geste. Die Konsequenz, die er heute aus diesem Umstand zieht, ernüchtert freilich seine Leser. Warum den gleichen Unsinn, das heißt: den verweigerten Sinn, der damals schon nichts eingebracht hat, heute noch einmal verdoppeln, wenn doch sicher ist, dass auch das nichts bringt.

"Das abenteuerliche Leben des Kornél Esti. Kornél Esti lebte, dann starb er. Das ist (wurde, war, wird) Kornél Estis Leben." "Nichts tat so weh, wie es geschrieben zu sehen, sagte Kornél Esti. Dieses 'nichts‘ ist sein Leben. Mein Schatten ist real."

Tja. Vielleicht fragte Kornel Esti tatsächlich zurecht:

"Wen interessiert die Literatur? Jetzt im Ernst."

Auf alle Fälle bleibt der Doppelgänger – eine romantische Erinnerung an die guten, alten Zeiten.

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