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StartseiteKultur heuteDen Tanz geopfert28.09.2012

Den Tanz geopfert

Ruhrtriennale: Uraufführung der Tanzperformance "Sacré Sacre du Printemps" von Laurent Chétouane

Mit der Uraufführung von "Sacré Sacre du Printemps" des Regisseurs und Choreografen Laurent Chétouane fand in Essen die letzte Premiere der Ruhrtriennale statt. Dabei habe Chétouane die Kunst des Tanzes geopfert, um auf gesellschaftliche Missstände aufmerksam zu machen, sagt Wiebke Hüster, Tanzkritikerin der FAZ.

Wiebke Hüster im Gespräch mit Karin Fischer

Der Regisseur Laurent Chétouane gilt als Zen-Meister unter den Choreografen.  (AP)
Der Regisseur Laurent Chétouane gilt als Zen-Meister unter den Choreografen. (AP)
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Karin Fischer: Laurent Chétouane gilt, sagen wir mal, als der Zen-Meister unter den Choreografen. Er hat in seinen Stücken die Langsamkeit und den Nicht-Tanz als Form kultiviert. Das hat nur wenig damit zu tun, dass er als Theater-Regisseur begonnen hat, sondern mehr mit seiner Philosophie, die das Hermetische und Befremdende gerne mal wirken lässt und dann noch dazu ins eher Statuarische überträgt. Böse Zungen behaupteten gern, Chétouane mache "Eurythmie für Schauspieler".

Jetzt hat er sich, für die letzte Uraufführung der Ruhrtriennale, ausgerechnet ein ungemein rhythmisches Stück vorgenommen, das Frühlingsopfer, "Le Sacre de Printemps" von Igor Strawinsky. Wir kennen die maßgebliche, neue Interpretation von Pina Bausch, aber - und das war vor der Sendung meine erste Frage an Wiebke Hüster, die Tanzkritikerin der FAZ - wir müssen ein paar Worte verlieren zu der Modernität des Stücks selbst, "Le Sacre" aus dem Jahr 1913?

Wiebke Hüster: Sonst versteht man nämlich das Konzept von Laurent Chétouane überhaupt nicht. Ich fand es gerade sehr schön, wie Sie gesagt haben, "Eurythmie für Schauspieler". Ich habe mich heute den ganzen Morgen gefragt, "Sacré Sacre du Printemps", was ist das eigentlich, was Chétouane mit dem Tanz macht. Und ich habe den Eindruck gewonnen, es ist nicht so sehr Eurythmie, sondern er opfert quasi die Kunst des Tanzes einer intellektuellen Konsumation des Körpers, wenn man so will.

Es geht ihm gar nicht um eine tänzerische Sprache. Ob der Arm jetzt nach oben geführt wird, oder zur Seite, oder nach hinten, ob man sich eine Viertel Drehung oder eine halbe Drehung dreht, das spielt im Detail gar keine Rolle, das würde ich jetzt mal so behaupten, sondern es geht um ein Gesamtkonzept von Tanz, das den Tanz drückt, eindrückt praktisch. Die Brust ist eingefallen bei den Tänzern, die Schultern sind hochgezogen, die Arme hängen in den Ellenbogen nach unten, und man hat das Gefühl, die haben irgendwie einen Backstein auf dem Kopf.

Aber zurück zu Ihrer Frage. "Sacré Sacre du Printemps", was war das 1913? Nun, das war eine skandalumwitterte Uraufführung. Zu der Musik von Igor Strawinsky entfaltete Vaslav Nijinsky eine Choreografie, die dem Komponisten überhaupt nicht gefiel. Wenn wir jetzt die Rekonstruktion betrachten, die wir seit einigen Jahrzehnten haben, dann muss man sagen: Eigentlich hat es diese Musik perfekt umgesetzt. Diesen Zusammengang von russischer Volkstradition, die aufgenommen wird, und russischer Kunstmusik, Mussorgski, das sehen wir auch bei Nijinsky. Wir sehen die perfekte Verschmelzung von tänzerischen Volkstraditionen und der großen klassischen Tradition Russlands.

Fischer: Laurent Chétouane hat sich nun eine zweite Komposition dazugenommen, neue Musik von Leo Schmidthals, und damit verbunden war, wenn ich das richtig verstanden habe, auch eine inhaltliche Umdeutung des "Frühlingsopfers".

Hüster: Ja, genau. Chétouane sagt im Programmheft, unsere Gesellschaft grenzt das Fremde aus, und das ist sein Thema in diesem Stück. Er betrachtet das Frühlingsopfer, diese eine Person, die sich eben dem Libretto zufolge zu Tode tanzt, in diesem Fruchtbarkeits-, Erneuerungsritual aufopfert für die Gemeinschaft. Das wertet er um und sagt, ja, wir können das Fremde nicht integrieren, wir haben noch immer ein Problem damit. Darum auch "Sacré Sacre du Printemps". Er opfert diese Choreografie, um uns darauf aufmerksam zu machen, auf gesellschaftliche Missstände, die sich eben auf fremde Kulturen und ihren Stand, ihren Stellenwert in unserer Gesellschaft beziehen.

Fischer: Und was man gesehen hat, war das nun Tanz?

Hüster: Ja, natürlich war das Tanz im Sinne von rhythmisch strukturierter, geplanter, auch koordinierter und teilweise auch synchronisierter Bewegung von sieben Darstellern. Aber er opfert tatsächlich natürlich die Choreografie, so wie wir sie in der Rekonstruktion kennen. Es tauchen nur ganz schwache Zitate davon auf. Aber was ich noch viel schlimmer finde, ist, dass für diesen einen, doch nicht neuen und eigentlich auch recht matten Gedanken eine ganze Konzeption des Aufbruchs in die Moderne geopfert wird. Das, was eigentlich den Gehalt von "Sacré" ausmacht, darüber erfahren wir gar nichts.

Fischer: Heiner Goebbels hat ja nun in diesem Jahr einen Tanz-Schwerpunkt für die Ruhrtriennale organisiert. Boris Charmatz, Mathilde Monnier, Anna Teresa de Keersmaeker, große Namen, die große Festivals bespielen, aber nicht so oft in diesem Teil Deutschlands zu sehen sind. Wie beurteilen Sie sein Konzept?

Hüster: Einerseits finde ich das sehr überintellektualisiert und absichtsvoll spröde. Das ist das eine. Das andere ist: Man fragt sich, was wollen Leute wie Chétouane oder auch Charmatz eigentlich mit dem Tanz? Wo ist ihr Ansatzpunkt? Und meine These dazu ist, dass gerade diese beiden sich gefragt haben, auf welche Weise kann man den Tanz wieder in den Mittelpunkt des künstlerischen Diskurses setzen und behaupten, dass man damit wirklich noch eine Setzung macht, die in anderen Künsten nicht möglich ist.

Ja, wie kann man das? - …, indem man einen Skandal zu erzeugen versucht. Charmatz, indem er mit Kindern arbeitet und die ganz bewusst sehr provokativ, wie kleine manipulierte Puppen, einsetzt, und Chétouane eben, indem er seine Tänzer bewusst dazu zwingt, den Tanz als Bewegungssprache absolut zu zerstören, zu verleugnen.

Fischer: Wiebke Hüster war das über Laurent Chétouanes Neudeutung "Sacré Sacre du Printemps".


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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