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StartseiteLange NachtDenken ohne Geländer15.06.2013

Denken ohne Geländer

Die Lange Nacht über Hannah Arendt

1972 wurde zu Ehren von Hannah Arendt (1906 - 1975) in Toronto eine Konferenz abgehalten, bei der Freunde und Kollegen Aspekte ihres Werkes kritisch diskutierten. In den bisher unveröffentlichten Tondokumenten nimmt Arendt u.a. Stellung zu ihrer Unterscheidung von Macht und Gewalt, von Politischem und Sozialem, von Denken und Handeln.

Von Christine Nagel

Die politische Philosophin Hannah Arendt im Jahr 1969 (AP Archiv)
Die politische Philosophin Hannah Arendt im Jahr 1969 (AP Archiv)

"Ich war immer der Meinung, dass man so zu denken anfangen müsste, als wenn niemand zuvor gedacht hätte. Und dann beginnen sollte, von den anderen zu lernen."

Auf diese Weise war es ihr möglich, sich als unabhängige Denkerin auf philosophische Autoren des Abendlandes zurückzubeziehen, und ihre Gegenwart nach dem Holocaust kritisch zu begleiten.

Hannah Arendts Werk basiert auf einem radikalen Neuansatz nach dem sogenannten Traditionsbruch. Hatte sie kurz nach dem Zweiten Weltkrieg die "Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft" untersucht, war ihre Arbeit im Folgenden auf die Bedingungen gerichtet, unter denen politisches Handeln zustande kommt. Ihr Politikbegriff ist gekennzeichnet vom "acting in concert", wie sie das Handeln vieler, die Pluralität, bezeichnete.

In gewaltfreien Revolutionen sah sie eine Möglichkeit, "das Glück des Öffentlichen" herbeizuführen.

Was es bedeutet, im Zeitalter der totalitären Ideologien als Jüdin zu überleben und daraus Schlüsse für die Verfasstheit des Menschen in schwierigen Zeiten zu ziehen, ist nach ihrem Tod aktuell geblieben.

Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner:

Ursula Ludz
Herausgeberin und Übersetzerin zahlreicher Werke von Hannah Arendt im Deutschen

Wolfgang Heuer
Privatdozent am Otto-Suhr-Institut für politische Wissenschaft, FB Politik- und Sozialwissenschaften der FU Berlin; Herausgeber zahlreicher Schriften von Hannah Arendt; verantwortlicher Redakteur des internationalen Hannah Arendt Newsletter; Publizistische Arbeiten für Rundfunk und Fernsehen.

Jerome Kohn
Philosophieprofessor, Direktor der New School University NYC und Verwalter des Hannah Arendt Blücher Literary Trust

Allan C. Hutchinson
Distinguished Research Professor, Osgoode Hall Law School Dean & Associate Vice-President Graduate Faculty of Graduate Studies York University Toronto Ontario Canada

Dr. Alice Lotvin Birney
Literary and Cultural Historian, Manuscript Division at The Library of Congress Washington, DC

Alexander Bazelow
ehemaliger Student von Heinrich Blücher und Mitarbeiter von Hannah Arendt

Roger Berkowitz
Direktor des Hannah Arendt Center am Bard College/Annandale on Hudson

Jeoffrey Katz
Direktor der Universitätsbibliothek und Executive Director des Hannah Arendt Center am Bard College/Annandale on Hudson.


Institutionen:

Roger Berkowitz, Academic Director of the
Hannah Arendt Center
and Associate Professor of Politics, Philosophy, and Human Rights at Bard College.
Jeffrey Katz, Executive Director of the Hannah Arendt Center, and Dean of Information Services as well as Director of College Libraries.

In die Bibliothek des Bard Colleges ist die private Bibliothek des Ehepaares Arendt-Blücher integriert. Die Website der Bibliothek ermöglicht eine recht weitgehend ausgearbeitete Online-Recherche zu marginalia und Originalton-Mitschnitte von Vorlesungen Heinrich Blüchers, der viele Jahre als Professor am Bard College tätig war.
Bibliografie der Werke von Hannah Arendt

Das Hannah Arendt Center unter Leitung von Direktor Roger Berkowitz organisiert jeden Herbst eine Jahrestagung (annual fall conference) zu einem Thema, das von einem Gedanken Hannah Arendts inspiriert ist, und unsere Gegenwart reflektiert und diskutiert.

* Direktor Roger Berkowitz über das Hannah Arendt Center, September 2012:
"I turned to Hannah Arendt as a symbol and the embodiment of humanistic thought grounded in thorough understanding of the times in which we live. No other American thinker so engages (and, yes, sometimes enrages) citizens and students from all political persuasions, resisting all attempts at categorization on the right or the left, and all the while insisting on human dignity. Arendt's writings attract the minds and hearts of individuals who wish to think for themselves. She is that rare writer who compels her readers to think and re-think their most fundamental ethical and political convictions.

The Arendt Center is not a mausoleum to Arendt's legacy. Our conferences bring thought leaders from the academy, business, and the arts together to think together outside of tired clichés and jargons-insisting that passionate thinking knows neither partisan nor disciplinary boundaries. Over the last five years we vigorously have pursued our mission to think what we are doing, sponsoring six major conferences that continue Arendt's legacy of public thinking. Arendt Center conferences-including Thinking in Dark Times; The Intellectual Origins of the Financial Crisis; Lying and Politics; Truthtelling: Democracy in an Age Without Facts; Human Being in an Inhuman Age, and Does the President Matter? -are public events that impact the wider political discourse. The Center's conferences are major events in the intellectual life of the nation, attracting speakers like Christopher Hitchens, Zadie Smith, Ray Kurzweil, Sherry Turkle, Bernard Kouchner, Ralph Nader, Lewis Lapham and Walter Russell Mead. Attended by Bard students, guests from around the Hudson Valley and New York City, and High School students from Bard's early colleges in Manhattan, Queens, Newark, and New Orleans, these conferences bring together a diverse audience of engaged citizens.

I insist the Center engage citizens everywhere in the relentless examination of issues from multiple points of view, with an emphasis on unimagined and unintended consequences-what Arendt called "thinking without banisters. We can no longer count on the ways of the past to guide us in a global and technologically enhanced world. Arendt Center events nurture the foundational thinking that encourages the active citizenship that can humanize an often-inhuman world."

Umfangreiche Datenbank für Artikel, Aufsätze, Hinweise auf Veranstaltungen und Verschickung eines Newsletters:
www.hannaharendt.net


Am 1. Juli 1999 wurde das Hannah Arendt-Zentrum an der Carl von Ossietzky Universität eröffnet.

Ein Schwerpunkt des Zentrums ist das Archiv, das den größten Teil des archivierten Nachlasses von Hannah Arendt enthält. Die "Hannah Arendt Papers" aus der Library of Congress in Washington D.C. liegen hier komplett vor. Der Nachlass besteht aus dem umfangreichen Briefwechsel Hannah Arendts, aus Notizen, Vorlesungsmanuskripten, Tagebüchern und den verschiedenen Druckfassungen ihrer Werke. Der Bestand wird laufend ergänzt. Seit 2001 hat das Archiv als einziges in Europa Zugang zur digitalisierten Version des Nachlasses, die in der Library of Congress erstellt wurde. Zu den Arbeitsvorhaben des Zentrums zählt die Herausgabe einer kritischen Edition der Werke Hannah Arendts.

Das Hannah Arendt-Zentrum hat eine eigene Buchreihe (Hannah Arendt-Studien) und bietet Vorträge, Kolloquien und Tagungen zum Werk Hannah Arendts und zur Geistesgeschichte des 20. Jahrhunderts an. Außerdem ist das Zentrum Mitherausgeber des Internetportals www.hannaharendt.net

Das Archiv steht der wissenschaftlichen und allgemeinen Öffentlichkeit nach Vereinbarung zur Verfügung. Um Anmeldung wird gebeten.

Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung e.V. an der TU Dresden


The Hannah Arendt Papers at the Library of Congress

The papers of the author, educator, and political philosopher Hannah Arendt (1906-1975) are one of the principal sources for the study of modern intellectual life. Located in the Manuscript Division at the Library of Congress, they constitute a large and diverse collection reflecting a complex career. With over 25,000 items (about 75,000 digital images), the papers contain correspondence, articles, lectures, speeches, book manuscripts, transcripts of Adolf Eichmann's trial proceedings, notes, and printed matter pertaining to Arendt's writings and academic career. The entire collection has been digitized and is available to researchers in reading rooms at the Library of Congress, the New School University in New York City, and the Hannah Arendt Center at the University of Oldenburg, Germany. Parts of the collection and the finding aid are available for public access on the Internet.


Hannah-Arendt-Tage Hannover
Unter der Schirmherrschaft des Oberbürgermeisters der Landeshauptstadt Hannover finden im Neuen Rathaus jährlich zum Geburtstag von Hannah Arendt öffentliche Vorträge mit anschließenden Symposien mit Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus Philosophie und Politik statt.

Die Vorträge der Hannah-Arendt-Lectures und der Hannah-Arendt-Tage 2011 sind zusammen in einem Sammelband erschienen. Detlef Horster (Hg.), Untergang des Abendlandes? - Die Zukunft der europäischen Kultur in der Welt, Velbrück Wissenschaft, Weilerswist 2012, 100 Seiten, 12,80 EUR.


Literaturliste

Das Werk von Hannah Arendt in deutscher Sprache erscheint im PIPER Verlag München.
Darüber hinaus wurde unter anderem folgende Literatur verwendet:



Günther Anders: Die Kirschenschlacht. Dialoge mit Hannah Arendt. C.H.Beck München 2011

Marie Luise Knott: Verlernen. Denkwege bei Hannah Arendt. Matthes&Seitz Berlin 2011

Arendt-Handbuch. Leben - Werk - Wirkung. Herausgegeben von Wolfgang Heuer, Bernd Heiter, Stefanie Rosenmüller. Metzler Verlag. Stuttgart Weimar 2011

Thinking in Dark Times. Hannah Arendt on Ethics and Politics. Edited by Roger Berkowitz, Jeffrey Katz and Thomas Keenan. Fordham University Press, New York 2010

Antonia Grunenberg: Hannah Arendt und Martin Heidegger. Geschichte einer Liebe. Piper TB München 2008

Wolfgang Heuer: Hannah Arendt. rororo bildmonographien. Hamburg 2007

Arendt und Benjamin. Texte, Briefe, Dokumente. Hrsg. von Detlev Schöttker und Erdmut Wizisla. Suhrkamp TB Wissenschaft. Frankfurt/Main 2006

Thomas Wild: Hannah Arendt. Leben Werk Wirkung. Suhrkamp BasisBiographie. Frankfurt/ Main 2006

Elisabeth Young-Bruehl: Why Arendt matters. Yale University Press. New Haven&London 2006

Elisabeth Young-Bruehl: Hannah Arendt. Leben, Werk und Zeit. S.Fischer Verlag. Frankfurt/Main 2004

Die Philosophin Hannah Arendt im Jahr 1954. (AP-Archiv)Hannah Arendt im Jahr 1954. (AP-Archiv)Hannah Arendt: Denktagebuch, 1950 bis 1973, hrsg. von Ursula Ludz und Ingeborg Nordmann in Zusammenarbeit mit dem Hannah-Arendt-Institut Dresden, 2 Bde., München Zürich 2002

Hannah Arendt / Martin Heidegger: Briefe 1925 - 1975 und andere Zeugnisse. Aus den Nachlässen herausgegeben von Ursula Ludz. Vittorio Klostermann, Frankfurt/Main, 3.Aufl. 2002

Hannah Arendt/Mary McCarthy: Im Vertrauen. Briefwechsel 1949-1975. Piper TB München 1997

Jerome Kohn: Three Essays:
The Role of Experience in Hannah Arendt`s Political Thought


Musikliste

1.Stunde:

Michael Cain: Circa. ECM Records. 1622. BMG Classics 78118216222.
take 9: Red Rock Rain

Heiner Goebbels: Eislermaterial. Ensemble Modern. Josef Bierbichler. ECM New Series 1779, LC 02516, 461648-2, take 5 und take 10

Erwin Schulhoff, Cinq études de jazz (1926), wego LC 0846, WER 6281-2, take 18

Anton Webern: Complete Webern Boulez, Deutsche Grammophon 457637-2, LC 0173 universalclassics. CD 1. J.S. Bach: Fuga (Ricercata) a 6 voci, take 13

Robert Landfermann: Null. JHM 187, Jazzhaus musik LC 09632. take 2: Tiefe Sicht

Franz Schubert: 6 Deutsche Tänze. Für Orchester gesetzt von Anton Webern. Festival Strings Luzerne, Achim Fiedler Conducto. Oehms Classics OC 333, D 820, take 13 und 14


2.Stunde:
Dialogue Schubert-Webern. Festival Strings Lucerne. Achim Fiedler, Conducto. Oehms Classics OC 333, LC 12424:
take 8: Anton Webern: Fünf Sätze op.5 (1909). Fassung für Streichorchester (1929), Heftig bewegt.
take 10: Anton Webern: Fünf Sätze op.5, Five Movements, Sehr lebhaft. (0`46)
take 9: sehr langsam
take 15: Anton Webern: Satz für Streichorchester d-moll (1904). Fragment.

George Crumb: A Little Suite for Christmas.
take 12 und take 14

Archie Shepp: Attica Blues, Impulse! 654414-2, LC 00236, Stereo AS-9222
take 5: Steam.


3.Stunde:
Lavard Skou Larsen / Alexander Müllenbach: Camargo Mozart Guarnieri: Violin Sonatas 2, 3&7. Marco Polo 223885.

Bill Frisell: History, Mayery. Part One, Nonesuch 7559799437
take 10: A Change is Gonna Come


Filme:

"Zur Person". Hannah Arendt im Gespräch mit Günter Gaus, Ursendung ZDF 28.10.1964
(YouTube)

"Denken und Leidenschaft. Hannah Arendt". Ein Film von Jochen Kölsch. Buch: Ursula Ludz, Clarissa Ruge. Bayerischer Rundfunk 2006
(YouTube)


Thematische Schwerpunkte:

Zum Themenkomplex "Das Böse", "Versöhnung"
Hannah Arendt hat immer wieder den Begriff des "Bösen" und der Versöhnung untersucht, weiterentwickelt, alte Überlegungen und Definitionen neu überdacht.

Sprecherin / Hannah Arendt:
"Daß ein großes Verbrechen der Natur Gewalt antut und die Erde selbst nach Vergeltung schreit; dass das Böse eine naturgegebene Harmonie zerstört, die nur durch Sühne wiederhergestellt werden kann; dass Unrecht der betroffenen Gruppe um der moralischen Ordnung willen die Pflicht auferlegt, den Schuldigen zu bestrafen - all das sind für uns antiquierte Vorstellungen, die wir als barbarisch ablehnen. Und dennoch, scheint mir, lässt sich kaum leugnen, dass Eichmann auf Grund solcher längst vergessenen Vorstellungen überhaupt vor Gericht kam und dass sie allein schließlich die Todesstrafe rechtfertigen. Er konnte nicht länger auf der Erde unter den Menschen bleiben, weil er in ein Unternehmen verwickelt war, das zugegebenermaßen gewisse "Rassen" für immer vom Erdboden verschwinden lassen wollte."

(zit. nach: Hannah Arendt: Eichmann in Jerusalem. München (1964), von der Autorin durchgesehene und ergänzte deutsche Erstausgabe, S.327)


Sprecherin / Hannah Arendt:
Damit kommen wir zu einer anderen der grundsätzlichen Fragen, die in allen diesen Nachkriegsprozessen und natürlich auch im Eichmann-Prozeß berührt wurde und um die sich zu streiten in der Tat lohnen würde. Sie betrifft das Wesen und das Funktionieren der menschlichen Urteilskraft. Was wir in diesen Prozessen fordern, ist, dass Menschen auch dann noch Recht von Unrecht zu unterscheiden fähig sind, wenn sie wirklich auf nichts anderes mehr zurückgreifen können als auf das eigene Urteil, das zudem unter solchen Umständen in schreiendem Gegensatz zu dem steht, was sie für die einhellige Meinung ihrer gesamten Umgebung halten müssen. Und diese Frage ist um so ernster, als wir wissen, dass die wenigen, die unbescheiden genug nur ihrem eigenen Urteil trauten, keineswegs identisch mit denjenigen waren, für die die alten Wertmaßstäbe maßgebend geblieben waren, oder die sich von einem kirchlichen Glauben leiten ließen. Da die gesamte tonangebende Gesellschaft auf die eine oder andere Weise Hitler zum Opfer gefallen war, waren auch diese gesellschaftsbildenden moralischen Maximen und die gemeinschaftsbildenden religiösen Gebote gleichsam verschwunden. Diejenigen, die urteilten, urteilten frei; sie hielten sich an keine Regel, um unter sie Einzelfälle zu subsumieren, sie entschieden vielmehr jeden einzelnen Fall, wie er sich ihnen darbot, als ob es allgemeine Regeln für sie nicht gäbe.

Wie tief diese Frage des Urteilens und, wie man oft meint, des Aburteilens Menschen unserer Zeit beunruhigt, hat sich auch in dem Streit um das vorliegende Buch wie in dem in vielem ähnlich gelagerten Streit um Hochhuts "Stellvertreter" gezeigt. Weder Nihilismus noch Zynismus, wie man vielleicht hätte erwarten dürfen, aber eine ganz außerordentliche Verwirrung in den Elementarfragen des Moralischen ist zutage getreten, als sei das Moralische nun wahrlich das letzte, was sich in unserer Zeit von selbst versteht.

August 1964 Hannah Arendt
(zit. nach: Hannah Arendt: Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen. Piper Verlag München (1964), von der Autorin durchgesehene und ergänzte deutsche Erstausgabe,Vorwort, S.22/23, 25)


Siehe hierzu:
/ Roger Berkowitz: Bearing Logs on Our Shoulders. Reconciliation, Non-Reconciliation, and the Building of a Common World. In: Theory&Event 2011

/ Shai Lavi: Crimes of Action, Crimes of Thought: Arendt on Reconciliation, Forgiveness, and Judgment. In: Thinking in Dark Times. Hannah Arendt on Ethics and Politics. Edited by Roger Berkowitz, Jeffrey Katz, and Thomas Keenan. Fordham University Press. New York (2010), S.229/230

/ Hannah Arendt: Über das Böse. Eine Vorlesung zu Fragen der Ethik. Aus dem Nachlaß herausgegeben von Jerome Kohn. Aus dem Englischen von Ursula Ludz. München 2009)3

/ Eichmann oder Von der Banalität des Bösen. Hannah Arendt interpretiert ihr Buch. Joachim Fest im Gespräch mit Hannah Arendt, SWR Stuttgart, Sendedatum: 9.11.1964. Gedruckte Fassung in: Hannah Arendt & Joachim Fest. Eichmann war von empörender Dummheit. Gespräche und Briefe. Hg. Ursula Ludz & Thomas Wild. Piper, München 2011


Zum Themenkomplex "Denken ohne Geländer"

O-Ton Arendt:
You said groundless thinking. I have a metaphor, which is not quite that cruel, but which comes very qu- metaphor, which I never published for myself, I call it thinking without banister, that is in German Denken ohne Geländer. That is: as you go up and down the stairs, you can always hold on to the banister, so that you don`t fall down. What we have lost is a banister. That is a way I tell it to myself. That is indeed what I try to do. (...)

Übersetzerin / Arendt:
Sie sprachen vom bodenlosen Denken. Ich habe eine Metapher, die nicht so grausam ist, die ich niemals veröffentlicht, sondern für mich behalten habe. Ich nenne es "thinking without a banister", auf deutsch: "Denken ohne Geländer". Wenn Sie Treppen hinauf- oder heruntersteigen, können Sie sich immer am Geländer festhalten, damit Sie nicht fallen. Das Geländer jedoch ist uns abhanden gekommen. So verständige ich mich mit mir selbst. Und "Denken ohne Geländer", ist in der Tat, was ich zu tun versuche.
(Abschrift des Mitschnitts von der Tagung in Toronto 1972)

O-Ton Arendt
I do think that there is such a thing, as Kant said, [as] the need of reason. That is [r]eason itself, the thinking capability which we have, has a need to actualize itself. And what we actually ought to do is to take this capability which the philosophers and the metaphysicians (among whom I don't reckon myself) have monopolized [...] The philosophers and metaphysicians have monopolized this capabillity. This has led to very great, very great things. It also has led to rather unpleasant things - we have forgotten that every human being has a need to think, not to think abstractly, not to answer the ultimate questions of God, immortality, and freedom, nothing but to think while he is living. And he does it constantly. Everybody who tells a story of what happened to him half an hour ago on the street has got to put this story into shape. And this putting the story into shape is a form of thought. So in this respect it may even be nice that we lost - together with the tradition - the monopoly of what Kant once very ironically called the professional thinkers. We can start worrying about what thinking means for the activity of acting, but not what theory [means for it]. [...] theory could only be possible in the reform of consciousness. [...] Did you ever think about how many people you will have to reform - whose consciousness you will have to reform? And if you don't think about it in these concrete terms, then you think about mankind - that is, about some noun which actually doesn't exist, which is a concept. And this noun - be that it Marx's species-being, or mankind, or the world spirit, or what have you - is constantly construed in the image of a single man. It is construed in the image of the thinking ego. But even the thinking ego, while he is thinking, [while he] is by himself and not together with others - even this thinking ego lives in the plural. If we really believe - and I think we share this belief - that plurality rules the earth, then I think one has got to modify this notion of the unity of theory and practice to such an extent that it will be unrecognizable for those who tried their hand at it before. Now I will admit one thing. I will admit that I am, of course, primarily interested in understanding. This is absolutely true. And [I will admit] that there are other people who are primarily interested in doing something. I am not. I can very well live without doing anything. But I cannot live without trying at least to understand whatever happens.

Übersetzerin / Hannah Arendt:
Ich denke, dass es so etwas gibt, wie Kant sagte: das Bedürfnis der Vernunft.

Das heißt, die Vernunft selbst, die uns gegebene Fähigkeit zu denken, hat ein Bedürfnis, sich zu betätigen. Philosophen und Metaphysiker haben dieses Vermögen zu ihrem Monopol gemacht. Dies hat zu sehr, sehr großen Dingen geführt. Es hat aber auch recht unerfreuliche Dinge mit sich gebracht. Nämlich, daß wir vergessen haben, daß jeder Mensch das Bedürfnis hat zu denken. Nicht abstrakt zu denken, nicht um die letzten Fragen nach Gott, Unsterblichkeit und Freiheit zu beantworten. Vielmehr nichts anderes zu tun, als zu denken, während er lebt. Und er tut es ständig. Jeder, der eine Geschichte über das, was er vor einer halben Stunde auf der Straße erlebt hat, erzählt, muß diese Geschichte in eine Form bringen. Und dieses Die-Geschichte-in-eine-Form-Bringen ist eine Art von Denken. In dieser Hinsicht also mag es sogar erfreulich sein, dass wir - zusammen mit der Tradition - das Monopol derjenigen, die Kant einst höchst ironisch die "Denker von Gewerbe" genannt hat, verloren haben. Wir können damit beginnen, uns darüber den Kopf zu zerbrechen, was Denken für die Tätigkeit des Handelns bedeutet. Aber nicht, was Theorie für sie bedeutet. Theorie könnte nur in der Veränderung des Bewusstseins möglich sein Diese Bewußtseinsveränderung - Du meine Güte - haben Sie jemals darüber nachgedacht, wie viele Menschen Sie zu verändern haben? Deren Bewußtsein Sie zu reformieren haben? (sie lacht) Also, wenn man nicht auf diese konkrete Art darüber nachdenkt, dann denkt man über die Menschheit nach. Das heißt, über ein Substantiv, das tatsächlich gar nicht existiert, das nur ein Begriff ist. Und dieses Substantiv, sei es das Marxsche Gattungswesen, die Menschheit oder der Weltgeist oder was auch immer Sie nehmen - es wird immer nach dem Bild eines einzelnen Menschen konstruiert. Nämlich nach dem Bild des denken Ichs. Doch das denkende Ich, während es denkt, während es bei sich selbst und nicht zusammen mit anderen ist - sogar dieses denkende Ich lebt im Plural. Wenn wir wirklich glauben - und ich meine, diese Überzeugung teilen wir - daß Pluralität die Erde regiert, dann muß man wohl die Vorstellung von Theorie und Praxis in einem solchen Maß modifizieren, daß sie für diejenigen, die sich zuvor daran versucht haben, nicht wiederzuerkennen sein wird.

Ich will eine Sache zugeben. Ich will zugeben, dass ich - natürlich - in erster Linie am Verstehen interessiert bin. Das ist absolut richtig. Und ich will zugeben, dass es andere Menschen gibt, die in erster Linie daran interessiert sind, etwas zu tun. Das bin ich nicht. Ich kann sehr wohl leben, ohne etwas zu tun. Aber ich kann nicht leben, ohne nicht zumindest den Versuch zu machen, zu verstehen, was immer geschieht.
(Abschrift des Mitschnitts von der Tagung in Toronto 1972)

Siehe hierzu:
/ Hannah Arendt: Ich will verstehen. Selbstauskünfte zu Leben und Werk. Mit einer vollständigen Bibliographie. Herausgegeben von Ursula Ludz. Piper TB München 1996

/ Hannah Arendt: Vom Leben des Geistes. Das Denken. Das Wollen. Hrsg. Mary McCarthy. Piper TB, München (2008)4

/ Hannah Arendt: Über den Zusammenhang von Denken und Moral. In: dies. Zwischen Vergangenheit und Zukunft, Übungen im politischen Denken I, Piper TB München (2012)

/ Hannah Arendt: Das Urteilen. Hrsg. Und mit einem Essay von Ronald Beiner. Aus dem Amerikanischen von Ursula Ludz. Piper TB, München 1998. Darin: "Die Einbildungskraft. Aufzeichnungen zu einem Seminar über Kants "Kritik der Urteilskraft", gehalten an der New School for Social Research, New York, im Herbstsemester 1970

/ Arendt-Handbuch. Leben-Werk-Wirkung. Hrsg.v.W.Heuer, B.Heiter, S.Rosenmüller, Stuttgart (2011). Darin u.a.: Artikel von Linda M.G.Zerilli über Urteilen/Einbildungskraft
/ Hannah Arendt: Denktagebuch, 1950 bis 1973, hrsg. von Ursula Ludz und Ingeborg Nordmann in Zusammenarbeit mit dem Hannah-Arendt-Institut Dresden, 2 Bde., München Zürich 2002

Szene aus dem Kinofilm "Hannah Arendt" mit Barbara Sukowa (picture alliance / dpa / Heimatfilm/NFP)Szene aus dem Kinofilm "Hannah Arendt" mit Barbara Sukowa (picture alliance / dpa / Heimatfilm/NFP) / "Selbst denken macht einsam". Interview von Andreas Rossmann mit Edna Brocke, Großnichte von Hannah Arendt, anläßlich der Kino-Premiere von Margarethe von Trottas Spielfilm über Hannah Arendt. In: FAZ, 14.1.2013


Zum Themenkomplex Traditionsbruch - Verstehen - politische Urteilskraft
Das unvollendete Projekt: Der innere Zusammenhang zwischen dem Begriff der totalen Herrschaft und dem der politischen Urteilskraft ist zentral für ihr ganzes Werk.

Sprecherin / Hannah Arendt:
"Für diejenigen, die sich für die Frage nach dem Sinn und Verstehen interessieren, liegt das Beängstigende am Aufkommen des Totalitarismus nicht darin, dass es sich um etwas Neues handelt, sondern darin, dass damit der Ruin unserer Denkkategorien und Urteilsmaßstäbe ans Licht gebracht worden ist."
(Hannah Arendt: Verstehen und Politik, In: Hannah Arendt: Zwischen Vergangenheit und Zukunft, Piper TB München (2012), S.122


Sprecherin / Hannah Arendt:
"Immer wieder wird gesagt, man könne den Totalitarismus nicht bekämpfen, ohne ihn zu verstehen. Das stimmt aber glücklicherweise nicht; denn wenn es so wäre, hätten wir es mit einem hoffnungslosen Fall zu tun. Das Verstehen nämlich ist - im Unterschied zur fehlerfreien Information und dem wissenschaftlich Wissen - ein komplizierter Prozeß, der niemals zu eindeutigen Ergebnissen führt. Es ist eine nicht endende Tätigkeit, durch die wir Wirklichkeit, in ständigem Abwandeln und Verändern, begreifen und uns mit ihr versöhnen, das heißt durch die wir versuchen, in der Welt zu Hause zu sein."
(dito s.o. zVuZ, S.110)



Zitate aus Sekundärliteratur:

"Verstehen als Ein-Verständnis gibt es für Arendt nur unter Freunden. Ein Dokument solcher Nähe ist Arendts Interpretation der Lebensgeschichte Rahel Varnhagens, in der sie ihre "beste Freundin" sah und deren Geschichte sie so nacherzählen wollte, wie Rahel selbst sie hätte erzählen können. Dieses seltene Verstehen als Gleich-Erleben und Übereinstimmung mit Menschen, mit denen man die eigene Seele teilt, wird in Arendts späterer politischer Theorie zum Gegenentwurf des Politischen. (...) Einverständnis bleiben wie das Familiale apolitisch. Sie halten der Verpflichtung gegenüber der Welt nicht stand und verkennen die Grundlage politischer Existenz: die Pluralität, die das Denken mit erweiterten Perspektiven bevölkert und dem Anderen seinen Ort gibt."

"Verstehen ist angewiesen auf den Dialog des denkenden Ich, der es zum "Denken der Einsamkeit (Denktagebuch, S.287) macht, zugleich aber das Gemeinsame wahrnimmt (vgl. Denktagebuch, S. 317), denn mit der Pluralität in uns (vgl. DT 458; 583) bleibt das Dialogisch-mit-sich-selbst-Sein (Denktagebuch, S.283) von vornherein auf Andere bezogen."

"Der Traditionsbruch des Totalitarismus hat mit dem Bankrott des gesunden Menschenverstands auch zum Bankrott des Verstehens geführt. Arendts Aussage, den Totalitarismus verstehen heißt, "uns mit einer Welt, in welcher diese Dinge überhaupt möglich sind, versöhnen" (zVZ, 110), zielt auf die Wiederherstellung unserer Urteilsfähigkeit, auf die Ermächtigung, zu entscheiden, was wir zu verantworten haben und was wir nicht verantworten können. Die Welt mit Anderen teilen, verlangt nicht ein Anfreunden mit dem, was und wie der Mensch ist, sondern damit, dass Menschen jenseits ihrer Natur und jenseits von Gewalt handeln können."
(zitiert nach: Arendt-Handbuch. Artikel IV,42., S.328/329)


Sprecherin / Hannah Arendt:
"Immer wieder wird gesagt, man könne den Totalitarismus nicht bekämpfen, ohne ihn zu verstehen. Das stimmt aber glücklicherweise nicht; denn wenn es so wäre, hätten wir es mit einem hoffnungslosen Fall zu tun. Das Verstehen nämlich ist - im Unterschied zur fehlerfreien Information und dem wissenschaftlichen Wissen - ein komplizierter Prozeß, der niemals zu eindeutigen Ergebnissen führt. Es ist eine nicht endende Tätigkeit, durch die wir Wirklichkeit, in ständigem Abwandeln und Verändern, begreifen und uns mit ihr versöhnen, das heißt durch die wir versuchen, in der Welt zu Hause zu sein. (..) Verstehen (...) ist die spezifisch menschliche Weise, lebendig zu sein, denn jede einzelne Person muß sich mit jener Welt versöhnen, in die sie als Fremder hineingeboren wurde und wo sie im Maße ihrer klar bestimmbaren Einmaligkeit immer ein Fremder blieben wird. Verstehen beginnt mit der Geburt und endet mit dem Tod. In dem Ausmaß, in dem das Heraufkommen totalitärer Regime das Hauptereignis unserer Welt ist, heißt den Totalitarismus verstehen nicht irgendetwas entschuldigen, sondern uns mit einer Welt, in welcher diese Dinge überhaupt möglich sind, versöhnen."
(Verstehen und Politik. In: zVZ, S.110)

Siehe hierzu:

/ Hannah Arendt: Was ist Politik? Fragmente aus dem Nachlaß, g. v. Ursula Ludz, München Zürich 2005

/ Hannah Arendt: Verstehen und Politik, In: Hannah Arendt: Zwischen Vergangenheit und Zukunft, Piper TB München 2012

/ Arendt-Handbuch. Leben - Werk - Wirkung. Herausgegeben von Wolfgang Heuer, Bernd Heiter, Stefanie Rosenmüller. Metzler Verlag, Stuttgart Weimar 2011

/
Waltraud Meints: Partei ergreifen im Interesse der Welt. Eine Studie zur politischen Urteilskraft im Denken Hannah Arendt.

/ Susanne Lüdemann: Vom Unterscheiden. Zur Kritik der politischen Urteilskraft bei Hannah Arendt und Giorgio Agamben. Siehe:
HannahArendt.net

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