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StartseiteBüchermarktDas erschöpfte, handlungsunfähige Selbst28.03.2018

Depression in der LiteraturDas erschöpfte, handlungsunfähige Selbst

Depressionen werden in der Literatur immer wieder thematisiert - auch durch betroffene Autoren, die über ihre Erkrankung berichten. Ihre Schilderungen können nicht nur zu einem allgemeinen Verständnis der Krankheit beitragen, sondern auch Psychotherapeuten helfen, ihre Patienten besser zu durchschauen.

Von Miriam Zeh

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Ein Mensch im Dunkeln. (Unsplash.com/Benjamín Castillo)
Depression ist immer wieder Gegenstand in der Gegenwartsliteratur (Unsplash.com/Benjamín Castillo)
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Die Symptome sind so alt wie die Menschheit selbst. Anhaltende Traurigkeit, Lethargie und Lebensüberdruss ziehen sich als roter Faden durch die Kulturgeschichte. Aus der 12. altägyptischen Dynastie um 1900 v. Chr. finden sich erste schriftliche Hinweise auf depressive Störung in den "Gesprächen eines Lebensmüden mit seiner Seele". Von den trübsinnigen Anwandlungen des israelitischen König Saul aus dem 1. Jahrhundert v. Chr. ist in der Bibel ist die Rede. Das Konzept der Depression kennt die Geschichte allerdings nicht. Alles, was wir heute unter Depression verstehen, firmiert zunächst und lange Zeit unter dem Begriff der Melancholie.

Seit der Genese dieses Topos vereint die Melancholie zwei unterschiedliche Bedeutungslinien. In einem medizinischen Sinne beschreibt Melancholie ein Defizit. Hippokrates macht im 5. Jahrhundert v. Chr. ein schädliches Übermaß an schwarzer Galle für melancholische Zustände verantwortlich. Zur Behandlung verordnet er – was heute überraschend fortschrittlich erscheint – ein geregeltes und ruhiges Leben, Besonnenheit und Entsagung.

In der griechischen Philosophie dagegen entwickelte sich ein ganz anderes Verständnis von Melancholie. Hier begreift man sie als innere Ausstattung des Genies. Aristoteles identifiziert alle außergewöhnlichen Männer als Melancholiker. Platon etwa oder Sokrates litten unter einem schöpferischen Wahn, der ihnen extra-normale Größe und Produktivität verliehen habe.

Von der Melancholie zur Depression

Die Melancholie bezeichnete also seit jeher sowohl ein Lebensgefühl als auch eine Krankheit. Im Übergang zur Moderne allerdings gewinnen der psychopathologische Diskurs und die Auffassung von Melancholie als Defizit langsam, doch sicher die Oberhand. Sigmund Freud bestimmt zu Beginn des 20. Jahrhunderts Melancholie als Weltverlust und als selbstbestrafenden Rückzug aufs eigene Ich infolge nicht gelungener Trauer.

Heute wird der Begriff "Melancholie" kaum mehr verwendet. Die klinische Terminologie jedoch, die Depression, ist in verschiedensten Kontexten präsent und etikettiert geradezu unsere gegenwärtige, spätmoderne Gesellschaft.

Weltweit und auf breiter Front, bei Jungen und Alten, bei Frauen und Männern wird eine Zunahme depressiver Erkrankungen verzeichnet. Prognosen der Weltgesundheitsorganisation sagen einen weiteren Anstieg voraus.

"Depression ist die Melancholie einer Gesellschaft"

Um die Jahrtausendwende beginnen Soziologen, Psychoanalytiker und Kulturwissenschaftler, die "Volkskrankheit" gesellschaftsdiagnostisch zu deuten. Den Subjekten einer "depressiven Gesellschaft" würden Autonomie und Selbstverwirklichung zur Last. Von einer "fatigue d'être soi", einer Müdigkeit, man selbst zu sein, spricht der französische Soziologe Alain Ehrenberg.

Pörtät von Alain Ehrenberg um 2010  (imago stock&people)"Depression ist die Melancholie einer Gesellschaft", schreibt der französische Soziologe Alain Ehrenberg 1998 (imago stock&people)

In seiner gleichnamigen Studie von 1998 heißt es: "Depression ist die Melancholie einer Gesellschaft, in der alle gleich und frei sind, es ist die Krankheit von Demokratie und Marktwirtschaft par excellence. In dieser Hinsicht ist die Depression die unvermeidliche Kehrseite der Souveränität des Menschen, nicht dessen, der falsch handeln, sondern dessen, der gar nicht handeln kann."

Subjekte mit ihren heimlichen Triebwünschen, wie sie Sigmund Freud noch vor Augen hatte, mussten zwangsläufig mit den gesellschaftlichen Normen in Konflikt geraten. Neurotische Verarbeitungsformen waren die Folge. Vor 40 bis 50 Jahren jedoch bildete sich vor allem durch einen drastischen Wandel der Arbeitswelt ein neuer Individualismus heraus. Die typische Lebensweise der spätmodernen Subjekte war zwar zunächst als eine emanzipierte und authentische angestrebt, entwickelte sich dann aber mehr und mehr zu einer gesellschaftlich erwarteten und geforderten Entfaltung und Präsentation des eigenen Selbst. Die Verantwortung für den eigenen Selbst-Entwurf und sein Gelingen hat dabei jeder Einzelne allein zu tragen - und zwar vollständig.

Ausgelaugt vom unaufhörlichen Druck, sich auf dem Markt anzubieten und eine authentische Version seiner Selbst zu inszenieren, verliert das Subjekt seine Kraft und Motivation. Das erschöpfte Selbst kapituliert und zermürbt. Es wird handlungsunfähig.

Depressive Figuren der deutschen Gegenwartsliteratur

Die Gegenwartsliteratur kennt einige von diesen erschöpften, handlungsunfähigen Figuren. In Terézia Moras Roman "Das Ungeheuer" von 2013 trauert der IT-Spezialist Darius Kopp um seine Frau Flora. Nach einer jahrelangen, schweren Depression nahm sich die hochintelligente und hochsensible Flora das Leben. Erst nach ihrem Tod beginnt der Ehemann, Floras Leiden zu begreifen. Er findet Tagebuchaufzeichnungen, in denen Flora ihre Depression in Worte zu fassen versucht:

Ein Mensch sitzt auf einer Fensterbank und stützt seinen Kopf mit den Armen, im Gegenlicht sind nur seine Umrisse erkennbar. (dpa / picture alliance / Thomas Eisenhuth)Wenn das Leben zur Last wird: Depressionen spielen auch in der Gegenwartsliteratur eine große Rolle (dpa / picture alliance / Thomas Eisenhuth)

"Ich bewege diesen Körper. Er ist fern, innerhalb meiner selbst bin ich sehr klein. Ich wohne irgendwo in meinem Kopf. Auch innerhalb meines Kopfes bin ich sehr klein. Ich habe mich auf einen winziges Platz konzentriert, ich bin fern von dieser Hülle, ein winziger Geist, aus der Ferne beobachte ich. Und so lange ich auch beobachte, ich werde nicht klüger. Ein verschlossener Fremder bin ich für mich selbst."

Flora beschreibt ihre Depression als Entfremdung von sich selbst. Ein Gefühl von Stumpfheit und Wertlosigkeit gehen mit ihrer Erkrankung einher. Einen kontinuierlichen, nicht zu bewältigenden Druck der Gesellschaft, aber auch unverarbeitete Traumata ihrer Kindheit und jüngeren Vergangenheit bringt die belesene und reflektierte Figur mit ihrer Krankheit in Verbindung.

Die Depression wird in Moras Roman aber nicht nur als lebensweltliches, sondern auch als textliches Phänomen sichtbar. Floras Tagebuchaufzeichnungen verwandeln sich von zusammenhängenden Sätzen und Wörtern zu sinnentleerten Buchstabenhaufen. Immer unverständlicher wird Floras Stimme, immer unsagbarer ihr Leid, bis die Figur schließlich vollständig verstummt.

Entfremdung und Scham

Obwohl Frauen nach Statistiken der WHO deutlich häufiger unter Depressionen leiden, kennt die deutsche Gegenwartsliteratur auch zahlreiche männliche depressive Figuren. Eine von ihnen ist der Protagonist aus Heinz Strunks Debütroman "Fleisch ist mein Gemüse" von 2004. Die autofiktional angelegte Hauptfigur Heinz wird nach wenigen Wehrdienstwochen aus der Kaserne entlassen. Endogene Depression lautet der Befund, für alle Zeiten dienstuntauglich. Für den ohnehin bereits von Akne und Selbstzweifel zerfressenen Heinz beginnen verdrießliche Jahre. In der Wohnung seiner manisch-depressiven Mutter träumt er vom Musikstudium. Vorerst genügen seine Fertigkeiten allerdings nur zum Saxofonisten in einem Tanzmusik-Ensemble. Auch hier kann Heinz seine schambesetzte Erkrankung nicht leugnen.

"Meine Depressionen wurden immer ärger und ließen sich auch bei den Mucken nicht mehr verbergen. Wie ein Stein stand ich auf der Bühne und glotzte ins Leere. Immer öfter begannen sich die Leute über mich zu beschweren: 'Was ist denn mit eurem Saxofonisten los, ist der immer so?' – 'Der hat Liebeskummer.' – 'Aha. Na, dann gute Besserung.' Meine Kollegen deckten mich."

Der Autor, Schauspieler und Musiker Heinz Strunk sitzt auf dem blauen Sofa. (imago stock/ Christian Grube)Der Autor, Schauspieler und Musiker Heinz Strunk (imago stock/ Christian Grube)

Antidepressiva verschieben Verantwortlichkeit

Wie in vielen Depressionserzählungen spielt auch bei Heinz Strunk die medikamentöse Behandlung der Krankheit eine Rolle. Zeitgleich mit den depressiven Jugendjahren in Hamburg-Harburg Anfang der 1990er-Jahre startet in den USA ein Massenmarketing für das Antidepressivum Prozac. Auch Heinz träumt von der Wunderwaffe gegen Traurigkeit. Mit der Möglichkeit zur Medikamentation verschiebt sich noch einmal die Verantwortlichkeit der Erkrankung. Zwar ist man dadurch nicht selbst schuld an seiner Depression, doch aber von seinem sozialen Umfeld dazu aufgefordert, die depressiven Symptome durch die Medikamente unter Kontrolle zu halten.

Während die Kulturgeschichte der Melancholie bereits recht ausführlich aufgearbeitet wurde, konstituiert sich die literaturwissenschaftliche Depressionsforschung gerade erst. Ende letzten Jahres fand an der Carl-von-Ossietzky-Universität in Oldenburg die erste literaturwissenschaftliche Tagung zur "Ästhetik des Depressiven" statt. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft fördert an der Ruhr-Universität in Bochum ein Projekt zu Repräsentationen von Depression in der französischen Prosa um die Jahrtausendwende. Und einige literaturwissenschaftliche wie literatursoziologische Dissertationen zur Depressionen in der Literatur werden gerade geschrieben.

Literaturwissenschaftliche Depressionsforschung

Auf die Frage, welchen Beitrag Literatur und Literaturwissenschaft zur medizinischen Depressionsforschung leisten können, wird gern auf das Weltwissen der Literatur verwiesen. Durch eine Vielfalt an narrativen Verfahren kann Literatur Nuancen, Ambivalenzen, Gesten und Sprachen der Depression differenzierter ausdrücken, als es klinischen Diagnosehandbüchern möglich ist. Psychotherapeuten könnten Romane über depressive Figuren und Romane von depressiven Autoren lesen, um Patienten besser zu verstehen.

Denn auch Autoren und ihre autobiografischen Depressions-Zeugnisse werden zum Forschungsgegenstand. Im Jahr 1990 veröffentlichte der US-amerikanische Autor William Styron die Geschichte seiner eigenen Depression und begründete damit ein Genre. "Darkness Visible. A Memoir of Madness", in deutscher Übersetzung erschienen unter dem Titel "Sturz in die Nacht: Die Geschichte einer Depression" gilt als erstes Depressionsmemoir. Zahlreiche Schriftsteller, aber auch Personen des öffentlichen Lebens taten es Styron gleich und veröffentlichten die Autobiografie ihrer Depression.

Depressive Autoren

Mit "Die Welt im Rücken", einem Memoir über seine manisch-depressive Erkrankung, stand Thomas Melle 2016 auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis.

Der Autor Thomas Melle und sein Roman "Die Welt im Rücken" (Deutschlandradio / Rowohlt Verlag )In "Die Welt im Rücken" verarbeitete der Autor Thomas Melle seine Erkrankung (Deutschlandradio / Rowohlt Verlag )

Der Autor erzählt die Chronik seiner eigenen bipolaren Störung. Melle leidet also nicht an einer einfachen Depression, er ist manisch-depressiv – und zwar in einer besonders schweren Form. Seine manischen Phasen können dabei bis zu einem Jahr andauern. Die depressiven Phasen sind in der Regel sogar noch einmal doppelt so lang. Neben Beschreibungen seiner psychischen Zustände, die von wahnhaft-paranoider und aggressiver Manie bis hin zu tiefster Depression und Suizidversuchen reichen, bekennt sich Melle in "Die Welt im Rücken" auch zu seinen sozio-ökonomischen Verhältnissen während der erzählten Zeit.

Der Autor verschuldet sich zunehmend, verliert zwischenzeitlich seine Wohnung und die meisten seiner Freunde; er sieht sich mit Gerichtsprozessen und Feindschaften konfrontiert, nicht wenige davon innerhalb des Literaturbetriebs.

Das Erzählen wird für Melle zur letzten Hoffnung, wo jede andere Ausdrucksform unzulänglich erscheint. Schreiben wird beinahe zur Selbsttherapie, in jedem Fall zu einer Entlastung von Leid. Der fertige Roman ist Trost und Mahnung zugleich, wie Melle im Epilog schreibt:

"Sollte ich eine weitere Manie haben, möge mir jemand dieses Buch in die Hand drücken. Ich meinte schon nach der zweiten Manie, eine dritte würde ich nicht überleben. Habe ich aber. Würde ich wieder. Ich mag mich wieder umbringen wollen, irgendwann. Dann werde ich dennoch weiterleben. Dann werden diese Zeilen wie ein Gebet sein."

Lesen als Trost

Warum wollen Menschen Romane über Depressionen lesen? Für eine literaturwissenschaftliche Depressionsforschung ist diese Frage genauso interessant wie die Motive von Autoren, über ihre Erkrankung zu schreiben. Im Internet werden Depressions-Romane und Depressions-Memoirs in Listen zusammengestellt als Hilfe für Betroffene und Angehörige. Offenbar versprechen Leser sich Trost von der Lektüre und von dem beruhigenden Gefühl, Teil einer größeren Leidensgemeinschaft zu sein.

Ob literaturwissenschaftliche Depressions-Studien am Ende tatsächlich die psychotherapeutische Praxis bereichern können, bleibt abzuwarten. Auf gesellschaftliches Interesse, auch außerhalb der Universität, stößt dieser neue Forschungszweig allerdings schon heute.

 

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