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StartseiteBüchermarktDer Akt des Erinnerns als Feuerwerk von Assoziationen24.07.2012

Der Akt des Erinnerns als Feuerwerk von Assoziationen

Joe Brainard: "Ich erinnere mich", Walde und Graf Verlag

1942 geboren und 1994 an Aids gestorben, lebte der Künstler und Schriftsteller Joe Brainard im New York der 1960er und 70er-Jahre als Bohemien am Rande des Existenzminimums. In seinen Memoiren "Ich erinnere mich" erhalten selbst Banalitäten poetischen Glanz.

Von Sacha Verna

Joe Brainard erzählt von sich selber und hat zugleich tausend Augen für alles und alle um sich herum. (picture alliance / dpa / Tobias Kleinschmidt)
Joe Brainard erzählt von sich selber und hat zugleich tausend Augen für alles und alle um sich herum. (picture alliance / dpa / Tobias Kleinschmidt)

Das Verfassen von Memoiren ist zum Volkssport geworden. Ob Pop-Sternchen oder Postbote, ob Krebsopfer, Lotteriegewinner oder Gartenzwergenthusiast: Heute hält sich jeder August für einen Augustinus und jeder Babysitter für eine Madame O. Weshalb also sollte man sich ausgerechnet für die Existenzkrümel eines gewissen Joe Brainard interessieren? Eines amerikanischen Künstlers und Schriftstellers, der 1942 geboren wurde und 1994 an Aids starb? Die Antwort ist zweifach: Joe Brainards Erinnerung sind formal einzigartig und inhaltlich so deliziös und überraschend wie eine Schachtel feinster Pralinen.

"Ich erinnere mich", so der Titel des schmalen Bandes, besteht aus rund fünfzehnhundert Einträgen, die mit "Ich erinnere mich" beginnen. Es gibt keinen fortlaufenden Text, keine chronologische oder thematische Gliederung, bloß Eintrag um Eintrag, mal kürzer mal länger. Etwa:

"Ich erinnere mich an bunte Schaumbadkugeln. Und an Schmutzringe in der Badewanne."

Oder:

"Ich erinnere mich an eine heftige Kontroverse, bei der es darum ging, ob man einen Coca-Cola-Automaten im Erdgeschoss der Kirche aufstellen sollte oder nicht."

Aber auch:

"Ich erinnere mich, dass ich alle drei Monate auf der Second Avenue für Geld Blut spendete."

Und:

"Ich erinnere mich, dass ich mich in Homo-Bars aufrecht und gerade hielt."

Joe Brainard stotterte, war schüchtern und homosexuell und lebte im New York der 1960er und 70er-Jahre lange als Bohemien am Rande des Existenzminimums. Das wäre ein prächtiger Stoff für Nähkästchengestrick à la: "Damals, als ich mit Jasper Johns durch die Lower East Side zog und in Andy Warhols Factory als Model posierte."

Joe Brainard tischt einem nichts Dergleichen auf. Stattdessen erinnert er sich an Comics, die nicht komisch waren und deshalb auch nicht Comics heißen sollten, und an rote Druckmuster auf der Haut beim Aufstehen. In seinen Reminiszenzen tauchen Figuren und Artefakte aus der Welt der Kultur und des Konsums auf. Er geht vom Persönlichen über ins eher Allgemeine, versteigt sich jedoch nie zu Zeitdiagnosen. Er erzählt von sich selber und hat zugleich tausend Augen für alles und alle um sich herum.

"Ich erinnere mich, dass in Kunstfilmen des Öfteren zwei Nonnen vorbeigehen."

"Ich erinnere mich, dass ich jeden Morgen zu einer bestimmten Zeit aufstand und die Straße hinunterging, um einem jungen Typen auf dem Weg zur Arbeit zu begegnen. Eines Morgens sagte ich schließlich 'Hallo' zu ihm und von da an sagten wir dann beide 'Hallo' zueinander. Aber das war das höchste der Gefühle."

"Ich erinnere mich an Hobby-Räume in Kellergeschossen."

So entsteht das Bild einer Kindheit und Jugend im Mittleren Westen und das eines zurückhaltenden Menschen, der nicht Meinungen absondert, sondern Eindrücke schildert. Joe Brainard feiert den Akt des Erinnerns an sich mit einem Feuerwerk von Assoziationen, in einer Sprache, die unprätentiös ist und doch präzis. Brainard schreibt anschaulich, ohne sich metaphorisch zu überheben über Sex und triste Feiertage, über Torero-Hosen und Träume. Selbst Banalitäten erhalten bei ihm einen poetischen Glanz. Auch wer nach Identifikationsmöglichkeiten sucht, wir von diesem Autor nicht enttäuscht. Klebte nicht in fast jeder Vergangenheit irgendwo irgendwem Kaugummi in den Haaren? Und wessen Mama lief nicht mit Feuchtigkeitscreme im Gesicht herum?

Man könnte "Ich erinnere mich" wie eine Sammlung von Aphorismen lesen, immer mal wieder zwei, drei zufällig gewählte Abschnitte. Allerdings würden einem so manche subtile Zusammenhänge entgehen. Am besten verfährt man mit diesem Buch eben wie mit einer Schachtel feinster Pralinen: Man arbeitet sich systematisch durch und lässt sich die köstlichen Miniaturen der Reihe nach schmecken.

Joe Brainard: Ich erinnere mich.
Mit einem Vorwort von Paul Auster. Aus dem Amerikanischen von Uta Goridis
Walde und Graf Verlag, Zürich 2011, 210 Seiten, 14,95 Euro

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