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StartseiteForschung aktuellDer Anfang des Klimawandels08.12.2011

Der Anfang des Klimawandels

Schon in der Steinzeit hat der Mensch die Umwelt verändert

Paläontologie/Klimaforschung. - Als Jäger und Sammler sich entschlossen haben, Ackerbau zu betreiben, war dies eine der tief greifendsten Veränderungen für die Vegetation auf der Erde. Die Umstellung veränderte ganze Landstriche. Erosionen, der Verlust fruchtbaren Bodens und Klimaveränderungen waren die Folge.

Von Sabine Goldhahn

Höhlenmalereien in Lascaux: Während der Umstellung auf die Landwirtschaft griff der Mensch drastisch in die Natur ein.  (Brown University)
Höhlenmalereien in Lascaux: Während der Umstellung auf die Landwirtschaft griff der Mensch drastisch in die Natur ein. (Brown University)

Dichte Wälder, ab und zu unterbrochen von einer Lichtung. Nur vereinzelt kleine Lager von Steinzeitmenschen – das war Mitteleuropa vor 10.000 Jahren. Zu jener Zeit wohnten hier und in anderen Regionen der Erde noch Jäger und Sammler. Ihr Speiseplan: Wild, Fisch, Beeren, Pilze, Früchte, Kräuter und Wildgräser. Ihr Kohlendioxid-Ausstoss: so gut wie nicht messbar.

"Ein Jäger Sammler bei niedriger Bevölkerungsdichte hat sozusagen keinen Effekt aufs Klima. Wenn ich aber Landwirtschaft in großem Stil betreibe, dann habe ich einen großen Effekt aufs Klima, dadurch, dass ich Bäume roden muss, dieser Kohlenstoff endet dann in der Atmosphäre, und natürlich auch dadurch, dass ich andere physikalische Eigenschaften der Landoberfläche ändere, also die Reflektivität, wie die Sonne zurückgestrahlt wird, ich ändere, wie Feuchtigkeit transportiert wird durch den Boden ... "

... erklärt Carsten Lemmen, Physiker am Helmholtz-Zentrum Geesthacht. Er hat ein Computer-Modell entwickelt, mit dem man simulieren kann, wie viel Kohlenstoff die Steinzeit-Menschen ausgestossen haben. Dabei hat er die Erde entsprechend der verschiedenen Vegetationszonen und basierend auf dem Klima von damals in 700 Gebiete aufgeteilt. Deutschland zum Beispiel besteht aus der norddeutschen Tiefebene sowie den Mittelgebirgen und dem Alpenvorland.

"Wir starten 11.500 Jahre vor heute, indem wir in jedes Gebiet einen Menschen pro hundert Quadratkilometer hineinsetzen, der ausgestattet ist mit den typischen mittelsteinzeitlichen Technologien, und dieser Mensch ist innovativ, verbessert seine mittelneolithische Technologie, er passt sein Nahrungsspektrum an die Vegetation an, die er vorfindet und erfindet die Nutzung von Wildarten als domestizierte Arten, also von Wildgräsern hin zu Getreide."

Als Nächstes bildet er grössere Gemeinschaften, rodet Wälder, wandert umher. Am Ende der Computersimulation steht fest: Schon im Zeitraum zwischen 9.000 und 2.000 Jahren vor Christus hat der Mensch durch Waldrodung und das Anlegen von Feldern Kohlenstoff in die Atmosphäre gelassen, nämlich mindestens 30 Gigatonnen. Das klingt viel. Die heutige Menschheit jedoch erreicht schon pro Jahr über neun Gigatonnen. Und während Amerika früher gar keine Kohlenstoffemissionen hatte, ist es heute Rekordhalter– gefolgt von den prähistorischen Spitzenreitern China und Europa. Dass der Mensch seine Umwelt sogar noch früher als im Modell aktiv genutzt und auch verändert hat, zeigen Forschungen des britischen Archäologen Graeme Barker von der Universität Cambridge.

"”Wir haben in Borneo in der Niah-Höhle gearbeitet, diese Höhle wurde vor 50.000 Jahren besiedelt, und wir haben Hinweise dafür, dass die Menschen dort schon zu jener frühen Zeit den Regenwald abgebrannt haben. Sie haben auch Fallen gestellt und giftige Pflanzen gesammelt und hatten Techniken, wie man das Gift beseitigt. Sie haben wohl auch Pflanzen umgesetzt, wenngleich es falsch wäre zu sagen, dass sie die Pflanzen schon kultiviert hätten. Aber sie haben ihre Umgebung auf immer kompliziertere Weise verändert und mit Pflanzen gearbeitet, und das schon vor 40.000 bis 50.000 Jahren.""

Diese Veränderungen waren jedoch so gering, dass sie die Landschaft und das Klima nicht messbar beeinflussten. Deutliche Spuren hingegen sieht man nach dem Umstieg auf die Landwirtschaft in Europa. Das hat Barker bei Grabungen im italienischen Biferno-Tal gefunden.

"”Wir konnten zeigen, dass der Mensch durch seine Landwirtschaft schon vor 6.000 bis 7.000 Jahren die Erosion des Bodens verursachte. Aber vor allem zwei Episoden waren entscheidend. Wir haben meterhohe Sedimentschichten gefunden, die auf 300 und mehr Jahre intensive Landnutzung in frührömischer Zeit hinweisen. Wir haben aber auch Ablagerungen in gleicher Grössenordnung gefunden, die von 1970 bis heute gehen, also der Einfluss der letzten 30 bis 40 Jahre Landwirtschaft ist genauso groß wie der von 300 bis 400 Jahren in frührömischer Zeit.""

Somit hat der Mensch zwar schon immer die Umwelt beeinflusst, aber erst seit dem Beginn der Landwirtschaft hat er auch die Landschaft und sogar das Klima in prähistorischer Zeit verändert – das Ausmass von heute wurde noch nie erreicht.

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