• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
StartseiteHintergrundDer Anfang vom Ende09.11.2013

Der Anfang vom Ende

Novemberpogrome markieren Übergang von Diskriminierung der Juden zur systematischen Verfolgung

Vor 75 Jahren ging das NS-Regime landesweit gegen jüdische Mitbewohner vor. Synagogen, Geschäfte und Wohnungen wurden zerstört, Hunderte Menschen ermordet. Nur wenige Deutsche widersetzten sich dem "rasenden Volkszorn", den Joseph Goebbels beschworen hatte.

Von Otto Langels

Eine in der so genannten "Reichskristallnacht" (9. November 1938) zerstörte Synagoge in Berlin. (AP)
Eine in der so genannten "Reichskristallnacht" (9. November 1938) zerstörte Synagoge in Berlin. (AP)

"Die erbitterten Einwohner, arischen Einwohner dieses Bezirks haben nach dieser ruchlosen Tat von Paris es sich nicht nehmen zu lassen, um auch hier ihren abgrundtiefen Hass gegen das Judentum zu zeigen. Der Judentempel war in wenigen Minuten ein Raub der Flammen."

Ein junger Rundfunkreporter stand am 10. November 1938 in der Ruine der Leopoldstädter Synagoge. Wie überall im Deutschen Reich hatten fanatische Nationalsozialisten in der Nacht vom 9. auf den 10. November auch in Wien das jüdische Gotteshaus angezündet.

"Wenn wir uns jetzt hier in diesem orientalischen Kuppelbau umsehen, dann ist von diesem eigentlichen Tempel, von diesem prunkvollen und mit viel Geld erbauten Gebäude nur mehr das Gerippe, das alte Gerüst übrig geblieben."

Vorwand und Auslöser der sogenannten Reichskristallnacht, des Novemberpogroms von 1938, war die in der Reportage erwähnte "ruchlose Tat von Paris", das Attentat des 17-jährigen Herschel Grünspan auf Ernst vom Rath, einen Beamten der deutschen Botschaft in Frankreich. Der junge Jude wollte darauf aufmerksam machen, dass das NS-Regime plante, alle in Deutschland lebenden polnischen Juden über die Grenze nach Osten abzuschieben. Von der brutalen Aktion waren rund 17.000 Juden betroffen, darunter auch die in Hannover wohnende Familie Grünspan. Der allein und illegal in Paris lebende Herschel erfuhr von der Deportation seiner Angehörigen und schrieb am 7. November einen Brief an einen Onkel:

Mir blutet das Herz, wenn ich an unsere Tragödie denke. Ich muss auf eine Weise protestieren, dass die ganze Welt meinen Protest hört, und das habe ich vor.

Grünspan: Habe aus Liebe gehandelt

Herschel Grünspan kaufte sich eine Pistole, ging zur deutschen Botschaft und bat, mit einem Mitarbeiter sprechen zu dürfen. Er wurde in das Büro des Ersten Sekretärs Ernst vom Rath geführt. Dort schoss er mehrmals auf den Diplomaten und verletzte ihn schwer. Grünspan ließ sich widerstandslos festnehmen. In der ersten Vernehmung bekannte er:

Ich habe aus Liebe zu meinen Eltern und zu meinem Volk gehandelt, das ohne Recht einer empörenden Behandlung unterworfen wurde. Es ist schließlich kein Verbrechen, Jude zu sein. Mein Volk hat ein Recht darauf, auf dieser Erde zu existieren.

Am 8. November kündigte der "Völkische Beobachter", das Parteiblatt der NSDAP, den Juden Konsequenzen für die Schüsse von Paris an: Das NS-Regime drehte die Spirale von Ausgrenzung und Gewalt weiter. Nach dem Boykott jüdischer Geschäfte am 1. April 1933, dem Verlust von Arbeitsplätzen, den Nürnberger Rassegesetzen im September 1935 sowie ständigen Schikanen im Alltag kam es unmittelbar nach dem Pariser Attentat zu ersten Ausschreitungen.

Am Nachmittag des 9. November 1938 erlag Ernst vom Rath seinen Verletzungen. An diesem Abend versammelte sich in München die NS-Führung zur jährlichen Traditionsfeier des Putschversuchs von 1923. Als die Nachricht vom Tod des Diplomaten eintraf, besprach sich Hitler kurz mit Goebbels. Der Propagandaminister notierte dazu in seinem Tagebuch:

Hitler bestimmt: Demonstrationen weiterlaufen lassen. Polizei zurückziehen. Die Juden sollen einmal den Volkszorn zu verspüren bekommen. Ich gebe gleich entsprechende Anweisungen an Polizei und Partei. Dann rede ich kurz dementsprechend vor der Parteiführerschaft. Stürmischer Beifall. Alles saust gleich an die Telephone. Nun wird das Volk handeln.

"Die sogenannte Reichskristallnacht ist tatsächlich der Anfang vom Ende. Das ist kein Wendepunkt. Hier hat sich das Regime jetzt nicht plötzlich dramatisch zu etwas entschlossen, was es vorher nicht gewollt hat."

Sagt der Historiker Wolfgang Benz vom Berliner Zentrum für Antisemitismusforschung.

"Aber jetzt hatte sich der Anlass geboten, jetzt war auch die internationale Konstellation gegeben, dass man das tun konnte, was man so die Schlussabrechnung mit dem Judentum in Deutschland dann nannte."

Von höchster Ebene geplant

Was nach außen hin als spontane Reaktion der Bevölkerung erscheinen sollte, war tatsächlich ein von der NS-Führung geplantes Vorgehen. Joseph Goebbels erteilte als Gauleiter von Berlin persönlich den Befehl, die Hauptsynagoge in der Fasanenstraße abzubrennen. Wolfgang Benz:

"Jetzt wurde stufenweise der Mechanismus in Gang gesetzt, der Pogrom inszeniert. Das ist eine Sache, die ist ganz einmalig und nicht vergleichbar mit den Pogromen, die in Russland, in Galizien, in ganz Osteuropa vorkamen und früher im Mittelalter auch in Mitteleuropa, in Westeuropa. Das hier ist ein kaltblütig, planmäßig, zynisch inszenierter Pogrom, mit Wissen des Staatsoberhauptes und inszeniert vom Reichspropagandaminister."

Werner Bab:

"Erst wollten wir das ja gar nicht glauben und sind zur Synagoge gegangen, und die brannte wirklich."

Werner Bab war 14 Jahre alt, als er die brennende Synagoge seiner Heimatstadt Stettin sah:

"Tausende von Leuten standen drum rum und fanden das alle schön. Damit war aber das jüdische Leben in Stettin ziemlich erledigt, vor allem, wenn ich da vor mir sehe, die Begeisterung der Leute, die da standen, die haben das Feuer gesehen, fanden das alle sehr schön."

Überall in den deutschen Städten brannten die Synagogen. Auf Befehl von Reinhard Heydrich, dem Leiter der Sicherheitspolizei, durfte die Feuerwehr nur eingreifen, wenn deutsches Leben oder Eigentum gefährdet war. In Mönchengladbach beobachtete Hilde Schermann, wie Rauch aus der Synagoge aufstieg:

"Die Synagoge hat gebrannt bis ungefähr ein Uhr, zwei Uhr morgens. Da hat mein Vater gesagt, wenn sie jetzt nicht löschen – die Feuerwehr hat rundum gestanden mit ihren Autos - wird das ganze Dorf verbrennen, weil die Häuser waren alle dicht beieinander. Und so ist es gewesen. Sie sind ausgestiegen, die Feuerwehrleute, und haben die Synagoge geschleift, das heißt die ganzen Wände nach innen geworfen, sodass es dann erstickt ist."

In Wien brannte die Leopoldstädter Synagoge bis auf die Grundmauern nieder.

"Es ist jetzt alles weg, also ich glaube, der Tempel kann ohne Weiteres einstürzen. Wir haben alle nichts dagegen, oder?"

Gezielt jüdische Familien terrorisiert

Nicht nur Synagogen oder Einrichtungen der jüdischen Gemeinden wurden in Brand gesetzt, der nationalsozialistische Mob wütete auch in jüdischen Geschäften und Privatwohnungen. Gezielt suchten SA- und NSDAP-Trupps jüdische Häuser auf, um die Bewohner zu terrorisieren. Sie konnten sich ermuntert fühlen von Heydrichs Anordnung, dass Wohnungen von Juden nur zerstört, nicht aber geplündert werden dürften, woran sich viele Nazis freilich nicht hielten.

Sie misshandelten Juden brutal oder brachten sie um, darunter die Väter von Franz Löser und Walter Philipson:

"Ich bin mit meinem Vater auf der Straße gegangen, ein Wagen hielt neben uns, vier Gestapo-Beamte sprangen heraus, ergriffen meinen Vater und schlugen ihn auf bestialische Weise nieder. Er war völlig blutüberströmt. Und ich kniete neben ihm. Und aus einer Schule kamen zehn bis 14 junge Menschen. Keiner von ihnen half uns. Und dann schrie mir ein junges Mädchen ins Gesicht: 'Es geschieht euch ganz recht, ihr dreckigen Judenschweine, ihr verdammten Bolschewisten.'"

"Als das Geschrei immer größer wurde, ging mein Vater runter, in der Annahme, er kann die Tür aufschließen. Aber schon, als er auf der Treppe war, bekam er den Schuss, und er rief noch, ich bin getroffen. Es wurde auch gerufen, Juden raus, Tod den Juden."

Viele Nachbarn und Passanten beobachteten die organisierten Brandstiftungen und Ausschreitungen, manche stumm, die meisten jedoch zustimmend. Der Novemberpogrom war offensichtlich ein Ventil, bedenkenlos an einer geächteten Minderheit Aggressionen auszuleben. Mit unzähligen diskriminierenden Gesetzen und Verordnungen hatte das NS-Regime den Boden bereitet und die jüdischen Bürger Schritt für Schritt zu rechtlosen Außenseitern gemacht.

Der Historiker Peter Longerich von der Universität London:

"Was '38 geschah, ist, dass die Bevölkerung zu passiven Komplizen dieser Verbrechen gemacht werden sollte. Sie sollte das wahrnehmen, was geschah, diese Plünderungen, Zerstörungen, Morde, Massenverhaftungen, und sollte damit zum Ausdruck bringen, dass sie, die Bevölkerung, diese Dinge im Grunde akzeptierte."

Polizisten aus Saarlouis und Berlin waren rühmliche Ausnahmen

Nur wenige Deutsche widersetzten sich dem "rasenden Volkszorn", den Joseph Goebbels beschworen hatte. Als Berliner SA-Männer in der prächtigen, weithin sichtbaren Synagoge in der Oranienburger Straße Feuer legten, schritt der Reviervorsteher der nahe gelegenen Polizeistation ein. Er konnte die Nazis aufhalten und die Feuerwehr alarmieren, die die Flammen löschte. Für sein couragiertes Einschreiten wurde er nicht bestraft.

In Saarlouis hörte Martha Lazar, wie am Abend des 9. November Unbekannte die Haustür einschlugen. Ihre 80-jährige Mutter lag bereits im Bett:

"Da sind ungefähr 50 Personen bei uns die Treppe rauf. Furchtbarer Krach, die Mitteltüre eingeschlagen, aber dann rauf. Dann war es auf einmal mucksmäuschenstill. Kurze Zeit danach kommt jemand die Treppe rauf und sagt: 'Machen Sie auf, hier ist ein Polizist.' Der hat gesagt, er hat die Bande vertrieben."

Der Polizeibeamte brachte neben Martha Lazar und ihrer Mutter noch weitere Juden in Sicherheit. Die Polizisten aus Saarlouis und Berlin zählen zu den rühmlichen Ausnahmen, die Solidarität mit ihren jüdischen Nachbarn übten.

Am 11. November schrieb Joseph Goebbels in sein Tagebuch:

Berlin. Dort ist alles ganz toll vorgegangen. Brand über Brand. Aber das ist gut so. Ich setze eine Verordnung auf Abschluss der Aktionen auf. Es ist nun gerade genug. Die Aktion selbst ist tadellos verlaufen. 100 Tote. Aber kein deutsches Eigentum beschädigt.

Die Bilanz von Goebbels war unvollständig. Im Verlauf des Novemberpogroms waren mindestens 400 Juden ermordet oder in den Selbstmord getrieben worden, manche Historiker sprechen sogar von bis zu 1400 Toten. Ferner gingen 1400 Synagogen, Bethäuser und Versammlungssäle in Flammen auf und mehrere Tausend jüdische Geschäfte und Wohnungen wurden demoliert.

30.000 Juden kamen in Konzentrationslager

Damit nicht genug, mussten Juden selber die Schäden beseitigen, die Nazis angerichtet hatten. In Mönchengladbach beobachtete Hilde Schermann, wie jüdische Bürger die Trümmer der abgebrannten Synagoge aufräumten:

"Am Eingang waren zwei Säulen, die mit Gold belegt waren, und die lagen da. Dann ist ein Bekannter gekommen, der war Dachdecker, der hat die gestohlen. Am nächsten Tag hat man Bescheid bekommen, dass die ganzen Männer, die bei den Trümmern arbeiten mussten, das waren so 17 bis 20 Männer, die mussten eine Strafe bezahlen für die gestohlenen Säulen."

Es blieb nicht bei vereinzelten Schikanen. Am 12. November lud Hermann Göring Vertreter der Ministerien und der Versicherungen zu Beratungen in das Reichsluftfahrtministerium. Allein die zerstörten Fensterscheiben waren mit rund sechs Millionen Dollar versichert, was Göring zu der berüchtigten Äußerung veranlasste, ihm wäre es lieber gewesen, 200 Juden seien erschlagen und nicht solche Werte vernichtet worden. Der Reichsmarschall ordnete an, dass die Juden für alle Reparaturen an ihren Häusern und Geschäften aufkommen mussten. Zahlungen der Versicherungen gingen an das Deutsche Reich. Doch dies genügte dem NS-Regime noch nicht.

Der Historiker Wolfgang Benz:

"Jetzt werden erst mal 30.000 wohlhabende Juden ins Konzentrationslager geworfen, um Auswanderungsdruck zu erzeugen. Jetzt kommt die Arisierung, die sogenannte Arisierung, also die Wegnahme und Ausplünderung der Juden, die Wegnahme ihrer Geschäfte und Unternehmungen in Gang. Das geht sehr schnell. Es kommt diese teuflische Sondersteuer, diese Kontribution in Höhe von einer Milliarde Reichsmark, die den deutschen Juden mit der zynischen Begründung, sie müssten für die Schäden dieser Reichskristallnacht aufkommen, auferlegt wird. Wer jetzt noch kann, ergreift in Panik die Flucht. Das sind doch noch weit über 100.000 Menschen, die jetzt völlig verarmt Deutschland verlassen."

Der Attentäter von Paris, Herschel Grünspan, blieb knapp zwei Jahre in Haft, ohne dass ihm der Prozess gemacht wurde. Dann lieferten ihn die Franzosen an Deutschland aus, er kam in das KZ Sachsenhausen und wurde vermutlich 1942 oder 43 ermordet.

Vom Rath wird zum "Märtyrer" erklärt

Das Opfer des Attentats, der Diplomat Ernst vom Rath, wurde nach einer Trauerfeier in Paris in einem Sonderzug nach Düsseldorf überführt, wo der Sarg am 17. November eintraf.

"Hier ist der Hauptbahnhof Düsseldorf. Düsseldorf erwartet den Toten, Ernst vom Rath. Aus dem Nebel fährt langsam der Zug in die Stadt Düsseldorf ein."

In Anwesenheit von Adolf Hitler sprach Ernst Wilhelm Bohle, Chef der Auslandsorganisation der NSDAP, in der Düsseldorfer Rheinhalle. Er stellte vom Rath in eine Reihe mit sogenannten "Märtyrern" des Nationalsozialismus wie Horst Wessel und Wilhelm Gustloff:

"Die Juden vergessen aber eines, sie vergessen, dass tote Nationalsozialisten die Bewegung immer nur stärker und zum Siege entschlossener gemacht haben."

Der Novemberpogrom, die "Reichskristallnacht", wie es nach 1945 lange Zeit verharmlosend hieß, wurde im Nachkriegsdeutschland zu einem wichtigen Datum der Erinnerungspolitik. Alljährlich gedachten Repräsentanten des öffentlichen Lebens am 9. November der Opfer des Nationalsozialismus.

Heinz Galinski, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, erklärte 1965 in einer Feierstunde:

"Das Nazi-Regime offenbarte sich in dieser Nacht in seiner ganzen Dämonie und Verwerflichkeit durch die Pogrome gegen die Judenheit in Deutschland."

In den ersten Jahrzehnten nach 1945 standen der Abscheu über die monströsen nationalsozialistischen Verbrechen sowie der Wunsch nach Aussöhnung im Zentrum der Erinnerung. In den 1980er Jahren rückte dann zusehends die Frage in den Mittelpunkt, wie eine zivilisierte Nation im 20. Jahrhundert einen Teil der eigenen Bevölkerung ausgrenzen, verfolgen und ermorden konnte.

Gedenkreden sorgen immer wieder für Diskussionen

Zum 50. Jahrestag des Novemberpogroms unternahm Bundestagspräsident Philipp Jenninger 1988 den Versuch, den Zuhörern im Bundestag den politischen Triumphzug Hitlers und den Antisemitismus des NS-Regimes zu erklären:

"Was die Juden anging, hatten sie sich nicht in der Vergangenheit doch eine Rolle angemaßt – so hieß es damals -, die ihnen nicht zukam? Mussten sie nicht endlich einmal Einschränkungen in Kauf nehmen? Hatten sie es nicht vielleicht sogar verdient, in ihre Schranken gewiesen zu werden? Und wenn es gar zu schlimm wurde, wie im November 1938, so konnte man sich mit den Worten eines Zeitgenossen ja immer noch sagen: Was geht es uns an! Seht weg, wenn euch graust. Es ist nicht unser 'Schicksal'."

Jenningers Absicht, sich in die NS-Zeit hineinzuversetzen, ging gründlich schief. Der Bundestagspräsident hielt eine rhetorisch miserable Rede, er war nicht in der Lage, NS-Ideologie von eigenen Gedanken abzuheben und bediente sich ohne hörbare Distanz der Nazi-Terminologie. Noch während der Ansprache verließen Dutzende von Abgeordneten den Plenarsaal. Das Echo war verheerend, Philipp Jenninger zog die Konsequenzen und trat einen Tag später von seinem Amt zurück.

Ignatz Bubis, Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland, hielt im darauffolgenden Jahr in der Frankfurter Synagoge eine Rede. Er übernahm dabei einige Passagen aus Jenningers Ansprache, ohne dass jemand dagegen protestierte.

Eine Feierstunde im Jahr 2012 sorgte erneut für hitzige Debatten. Die Stadt Frankfurt am Main lud zum 9. November den deutsch-französischen Publizisten Alfred Grosser als Redner ein. Der gebürtige Frankfurter Jude war jedoch umstritten, weil er die Palästina-Politik der israelischen Regierung wiederholt kritisiert hatte. In der Paulskirche sprach er das Thema dann auch an:

"Israel gehört zu unserem Westen, es ist ein Teil unserer sogenannten westlichen Kultur. Und jedes Mal, wenn wir etwas verletzen von unseren Werten, die wir behaupten zu respektieren, werden wir unglaubwürdig den anderen Kontinenten gegenüber, wenn wir unsere Werte predigen."

Grossers Israel-Kritik fiel moderat aus, der erwartete Eklat blieb aus, niemand verließ den Saal. Der Publizist Micha Brumlik, Kind jüdischer Flüchtlinge, war dennoch empört:

"Ich kann überhaupt nicht verstehen, warum die Stadt Frankfurt es zulässt, dass am 9. November, wo wir der nicht nur jüdischen Opfer des Nationalsozialismus gedenken, wir uns nun von Herrn Grosser, der sich da wirklich nicht auskennt, Belehrungen über den Israel-Palästina-Konflikt anhören müssen."

75 Jahre nach der sogenannten "Reichskristallnacht" ist es immer noch eine Gratwanderung, zeitgemäß an den Novemberpogrom von 1938 zu erinnern. An der Aufgabe, der Opfer zu gedenken, Ursachenforschung zu betreiben und womöglich aktuelle Bezüge herzustellen, dürfte noch mancher Redner scheitern.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk