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Seit 17:30 Uhr Kultur heute
StartseitePolitische Literatur (Archiv)Der Antisemitismus als ein konstitutives Element des Islam16.07.2007

Der Antisemitismus als ein konstitutives Element des Islam

Der Orientalist Hans-Peter Raddatz im Gespräch

Der Begriff des Antisemitismus ist eine deutsche Erfindung. 1860 wurde er zum ersten Mal von dem jüdischen Gelehrten Moritz Steinschneider in einer polemischen Äußerung gebraucht. Seit dieser Zeit gehört er zum Vokabular politischer Theorien, obwohl er doch ziemlich unscharf ist.

Kachelschmuck in der Grünen Moschee von Bursa. (Science/W. B. Denny)
Kachelschmuck in der Grünen Moschee von Bursa. (Science/W. B. Denny)

Untrennbar verknüpft ist er in seinen Ursprüngen mit dem Islam: Diese Variante des Antisemitismus erfährt in den letzten Jahrzehnten eine Renaissance, wie der Orientalist Hans-Peter Raddatz es im Untertitel zu seinem neuesten Buch "Allah und die Juden" nennt.

Jürgen Liminski
Mit alttestamentarischer Wucht prallen in Nahost die Gegensätze aufeinander. Die Region kommt nicht zur Ruhe, alle fünf bis zehn Jahre verzeichnen die Geschichtsbücher seit 60 Jahren einen Krieg, meist ist Israel in der einen oder anderen Weise, direkt oder indirekt involviert. Der israelisch-arabische Gegensatz scheint immer wieder der Auslöser zu sein. Der Orientalist und Volkswirt Hans-Peter Raddatz hat diesem Gegensatz sein neuestes Buch, es ist das siebte über die Region und den Islam, gewidmet, es heißt "Allah und die Juden - Die islamische Renaissance des Antisemitismus". Herr Raddatz, ist dieser Gegensatz die Quelle aller Konflikte in Nahost?

Hans-Peter Raddatz
Ein Teil davon, Herr Liminski, insofern als Juden und Christen einen Sonderfall innerhalb des islamischen Feindbilds Nicht-Islam bilden. Der Islam hat sich von Anfang an innerhalb des Koran und der Prophetentradition gegen alles Nicht-Islamische definiert. Und innerhalb dieser Definition bilden die Christen und die Juden einen Sonderfall, insofern als Muhammad schon große Probleme mit den Juden hatte. Die Christen spielten damals eine geringere Rolle, aber sie haben dann in der islamischen Geschichte immer wieder auch den Muslimen Probleme bereitet.

Jürgen Liminski:
Ist denn der Antisemitismus nicht älter als der Islam? Sie beschreiben im dritten Kapitel ihres Buchs ja auch die Muster des Antisemitismus, und da gehen Sie bis in die Antike zurück.

Hans-Peter Raddatz
Ja, der Antisemitismus klassischer Art kommt natürlich von der Kirche, ist aber dann in eine spezielle Form hinein entwickelt worden, aufgrund gerade der Erfahrungen, die Muhammad, die ich eben kurz angesprochen hatte, gemacht hatte. Und dann hat sich auf der Basis innerhalb der islamischen Entwicklung eine Sonderform des Antisemitismus oder, sagen wir mal, Anti-Judaismus entwickelt, die ich dann im Rahmen meines Buches nicht mehr groß unterscheide, weil ich sage, den Opfern selbst, den Juden, die jeweils betroffen waren - sei es in der Kirchengeschichte oder sei es in der islamischen Geschichte -, ihnen konnte es egal sein, von wem sie ausgeraubt oder getötet wurden.

Jürgen Liminski:
Aber in ihrem Buch beschäftigen sie sich doch vorwiegend mit dem Antisemitismus des Islam?

Hans-Peter Raddatz
Ja, weil ich hier den Eindruck hatte, dass ein gewisses Vakuum in den letzten Jahren entstanden ist und auch eine neue These, nämlich dergestalt, dass man in den letzten zwei, drei Jahren immer betonter damit herauskommt, dass Antisemitismus eigentlich im Islam original nicht entstanden sei, sondern von Europa seit Beginn des 19. Jahrhunderts importiert worden sei. Also, dem ist natürlich ganz entschieden entgegenzutreten, weil, wie gesagt, ausgehend von Muhammad sich eine starke und durch die gesamte islamische Geschichte ziehende anti-jüdische Haltung gezeigt hat.

Jürgen Liminski:
Würden Sie denn sagen, dass der Antisemitismus ein konstitutives Element des Islam ist?

Hans-Peter Raddatz
Er ist es, Herr Liminski, und er ist es auch über lange Zeit im Christentum gewesen. Deshalb habe ich mir ja auch die Mühe gemacht und habe in die Mitte des Buches ein Kapitel unter dem Titel "Muster des Antisemitismus" gestellt, um dem Leser noch einmal vor Augen zu führen, wie konstitutiv die Kirche für das Entstehen des Antisemitismus gewesen ist. Aber gleichzeitig weise ich auch darauf hin, dass die Muslime selbst ihren eigenen Antisemitismus oder Anti-Judaismus entwickelt haben.

Jürgen Liminski:
Sie packen mit einer gewissen Formulierungslust, die man Henryk Broder noch zugesteht, bei Ihnen womöglich aber als Polemik auslegt, auch heiße Eisen an, zum Beispiel den Mythos Palästina, wie Sie das vierte Kapitel nennen. Man könnte den Eindruck gewinnen, ihr Herz schlägt für die Juden, weniger für die Muslime. Ist diese Grundeinstellung nicht verzerrend?

Hans-Peter Raddatz
Den Eindruck kann man gewinnen, er lässt sich aber leicht dadurch erklären, dass ich in vielen meiner Bücher immer wieder auch Lücken und Vakuen füllen muss, die eine gängige Mainstream-Ideologie inzwischen hinterlassen hat. Dazu gehört auch die These oder der Mythos von einem Palästina, das von Anbeginn ein blühendes Land gewesen sein soll, das den Arabern gehört hat und das dann im Zuge der Geschichte von Christen oder Türken oder was weiß ich von wem auch immer besetzt wurde, den Arabern immer wieder weggenommen worden sein soll und schließlich in der Kulmination des Unrechts durch die Gründung des Staates Israel nun endgültig den Arabern entwunden worden sei. Das ist ein Mythos insofern, als es eine reiche Literatur gibt - und ich ziehe sie bei -, aus der man mühelos aufzeigen kann, dass es keineswegs so gewesen ist, sondern dass die Araber sogar in Palästina weitaus in der Minderheit waren und auch gar nicht daran interessiert waren, dieses Land zu kultivieren, weil Landbau noch nie eine Priorität im Islam gespielt hatte.

Jürgen Liminski:
Was hat Sie denn nun wirklich bewegt, dieses Buch zu schreiben?

Hans-Peter Raddatz
Auf der einen Seite eben die intellektuelle Sicht, die diese Lücken und Vakuen, die ich eben angesprochen habe, festgestellt hat, auf der anderen Seite ergibt sich daraus natürlich auch die Erkenntnis - und sie wird durch die aktuelle Entwicklung immer wieder bestätigt -, dass wir hier in Europa beispielsweise - und da ist mir als Europäer natürlich das Hemd näher als der Rock; also ich schaue zunächstmal auf Europa und Deutschland und dann in zweiter Linie auf Amerika - (...), dass sich in den letzten zehn, fünfzehn Jahren auf EU-Ebene eine Politik herauskristallisiert, die Israel und die jüdischen Interessen eindeutig benachteiligt.

Jürgen Liminski:
Im fünften Kapitel befassen Sie sich mit der Neuzeit und der Aktualität, beschreiben dort die Allianz der Judenfeinde, die Hisbollah, die Hamas, die Antisam, so nennen Sie die Anti-Israel-Amerika-Front. Es fällt auf, dass Sie dem Iran kein eigenes Kapitel oder wenigstens Unterkapitel widmen, obwohl sich Teheran doch gerade in Sachen Antisemitismus besonders lautstark hervortut. Warum dieses Versäumnis?

Hans-Peter Raddatz
Ich spreche das ja an. Ich spreche ja diese einschlägigen Äußerungen von Ahmadinedschad an. Ich spreche auch die enge Verbindung, die zwischen Hisbollah und Iran besteht, an, bzw. dann auch den wachsenden Schulterschluss mit den arabischen Gewaltgruppen PLO, Fatah und Hamas (...). Aber vergessen Sie bitte nicht: Die Bücher, die ich in der Zwischenzeit verfasst habe, die haben sich mehr oder minder aus sich selbst heraus als eine Art Serie ergeben. Ich schreibe so gewissermaßen auch entlang der Aktualität. Das letzte Buch heißt "Iran" und beschäftigt sich nun ausführlich mit diesem Phänomen und spricht auch da wiederum die Verbindungen zur Israel-Poltik an. Ich habe auch in dem neuen Buch darauf hingewiesen, so dass ich also insgesamt glaube, hier hinreichend die maßgebliche Rolle, die der Iran ja eindeutig im Palästina-Konflikt spielt, angesprochen zu haben.

Jürgen Liminski:
Herr Raddatz, sehen Sie auch Möglichkeiten der Versöhnung oder ist die Überschrift zum letzten Unterkapitel, nämlich "Dialog - der kollektive Betrug", sozusagen Ihr letztes Wort? - Das passt den harmonie- und konsensgewohnten Deutschen sicher nicht. Sie wollen Ihr Buch doch auch verkaufen, oder?

Hans-Peter Raddatz
Ja, und es ist auch schon ganz gut angelaufen - jedenfalls ist der Verlag nicht unzufrieden. Aber davon mal abgesehen ist es ja mein Anliegen, vor allem auch darauf hinzuweisen, wie wichtig es ist, dass der Dialog eben kein Monolog ist. Und die Art und Weise wie er bisher insbesondere in Europa geführt worden ist, legt diesen Verdacht nahe. Ich habe keine Mühe gehabt in den vorangegangenen Büchern. Und ich werde ja auch auf recht breiter Front in Politik, Kirchen, Medien und auch in der Justiz bestätigt, dergestalt, dass man tatsächlich dort zunehmend zur Kenntnis nimmt, hier vielleicht in der einen oder anderen Form zuviel getan zu haben, den Muslimen zu pauschal in ihrem Forderungsverhalten entgegengekommen zu sein und vielleicht doch in Zukunft mehr darauf zu achten, dass in einem Dialog auch ein Kompromiss angestrebt werden muss, und nicht nur die eine Seite sich durchsetzen sollte. Insofern spreche ich immer wieder dieses große Defizit im sogenannten Islam-Dialog an, nämlich, dass wir es bisher nicht geschafft haben, den Muslimen klarzumachen, welche unverzichtbaren Spielregeln wir eigentlich hier aufstellen müssen, nämlich die Einhaltung der rechtsstaatlichen Gewaltmonopol-Überlegungen bzw. der Grundrechte, insbesondere der Frauen, und, was sich daraus dann fundamental ergibt, das Bestehen auf Religionsfreiheit. Wir haben es ja in diesem Dialog bis heute noch nicht fertiggebracht, die Religionsfreiheit der Muslime auf deutschem Boden sicherzustellen.

Jürgen Liminski:
Glauben Sie denn, dass der Islam insofern reformfähig ist, dass er den Antisemitismus eines Tages abschütteln könnte?

Hans-Peter Raddatz
Er könnte nur dann reformfähig sein, Herr Liminski, wenn wir uns die richtigen Gesprächspartner besorgen. Bisher haben wir mehrheitlich islamistische Führer akzeptiert, die teilweise sogar von islamischen Ländern ausgewiesen wurden. Das heißt also: Wir akzeptieren Kräfte, die in der Region selbst zum Teil als nicht akzeptabel gelten. Das müssen Sie sich mal vor Augen halten. Und das sollten wir uns selbst auch nochmal in Erinnerung rufen, wenn es um die Frage geht: Welche Gesprächspartner brauchen wir eigentlich für einen wirklichen rechtsstaatlich-demokratischen Dialog, der natürlich in hinreichender Form auch die Interessen der Muslime wahrnimmt. Aus Sicht der europäischen Verfassungen bedeutet Religionsfreiheit halt das, was sie sagt: die Ausübung der Religion in freier Form, aber nicht die Hinzunahme eines politisch rechtlichen Systems, was das System, das ihm diese Freiheit einräumt, langfristig überwinden will.

Jürgen Liminski:
Das war Hans-Peter Raddatz, Autor des Buches "Allah und die Juden. Die islamische Renaissance des Antisemitismus", erschienen im Verlag Wjs in Berlin; das Buch hat 352 Seiten und kostet 24 Euro 90.

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