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StartseiteBüchermarktDer Ausgrenzung des Wahns entgegenwirken25.06.2012

Der Ausgrenzung des Wahns entgegenwirken

Gerhard Roth : "Im Irrgarten der Bilder. Die Gugginger Künstler", Residenz Verlag

Die Welt des Wahns ist aus Sicht des Österreichers Gerhard Roth von der "vernünftigen" nur graduell zu unterscheiden. Ursprungsort dieser Einsicht ist für ihn die Landesnervenheilanstalt Gugging. Nach 1945 wurde sie zu einem weltberühmten Ort künstlerischen Schaffens. In seinem Buch "Im Irrgarten der Bilder" setzt er ihren Patienten ein Denkmal.

Von Angela Gutzeit

Gerhard Roths Thema ist die labyrinthische Welt des Wahns. (Copyright: Didi Sattmann / Wien Museum)
Gerhard Roths Thema ist die labyrinthische Welt des Wahns. (Copyright: Didi Sattmann / Wien Museum)

Im wahrsten Sinne des Wortes ist es ein Wahnsinns-Projekt - dieser 15-bändige Doppelzyklus "Die Archive des Schweigens" und "Orkus". 30 Jahre lang hat der österreichische Autor Gerhard Roth damit zugebracht, und dass er es im vergangenen Jahr überhaupt hatte abschließen können, ist ein Wunder. Sein Thema ist die labyrinthische Welt des Wahns, in der sich der Autor manchmal fast verloren hätte. Denn betrachtet man den Wahn-Sinn so, wie es Roth tut, dann hat das fast unüberschaubare Konsequenzen für das literarische Schaffen. Die Welt des Wahns ist aus seiner Sicht von unserer sogenannten vernünftigen Welt nur graduell zu unterscheiden; die Übergänge fließend und vom künstlerischen Standpunkt aus irrelevant. Der Ausgrenzung des Wahns entgegen zu wirken, heißt, ihm bis in seine inneren Zonen nachzuspüren, ihm Stimmen zu geben und sich auf ein narratives Vexierspiel einzulassen, einen "Irrgarten der Bilder" zu betreten. Mit unsicherem Ausgang. Die Reflexion über diesen Kraftakt hat Roth zum ästhetischen Prinzip seines Erzählwerkes gemacht. Im Roman "Das Labyrinth" von 2005 heißt es:

"Seit 30 Jahren arbeite ich an einer Abhandlung unter dem Titel 'Wahn und Sinn - Vom Sinn und Unsinn des Wahns'. Hunderte Informationen habe ich darüber in meinen Notizbüchern und auf Karteikarten festgehalten, Hunderte Kopien aus Büchern angefertigt, Hunderte Gespräche mit Nervenärzten, Pflegern, Patienten, Schriftstellern, Künstlern, aber auch mit sogenannten normalen Menschen geführt, um die es mir ja geht. Ich komme zu dem Ergebnis, dass die normalen Menschen ihr Leben lang auf der Suche nach dem Wahnsinn sind, den sie ebenso fürchten wie sie ihn herbeiwünschen. Liegt nicht der allergrößte, der schrecklichste Wahnsinn in der Geschichte der Menschheit selbst, die nach allgemeinen Vorstellungen von 'normalen' Menschen gemacht wird ... nichts ist an Grauen und Gewalttätigkeit so reich wie die Geschichte der menschlichen Normalität."

Der Ursprungsort dieser Einsicht ist die Landesnervenheilanstalt Gugging nahe Wien. Während der Nazizeit wurden hier etwa tausend Patienten ermordet. In der Nachkriegszeit machte sie der Psychiater und Kunsthistoriker Leo Navratil zu einem weltberühmten Ort des künstlerischen Schaffens. Für die zumeist schizophrenen Langzeitpatienten ließ Navratil ein "Haus der Kunst" auf dem Anstaltsgelände bauen und förderte und publizierte ihre dichterischen und vor allen Dingen bildnerischen Ausdrucksformen, die in der Fachwelt der sog. "Art brut" zugerechnet werden. Für Gerhard Roth, der Gugging seit den 70er-Jahren ständig besuchte, wurden diese Örtlichkeit mit die Menschen, die dort oft Jahrzehnte zubringen mussten, zum entscheidenden Impuls für sein Werk. Er hat sie in seinen Romanen dargestellt - und jetzt, nach Abschluss des Doppelzyklus', ihnen im Text- und Bildband "Im Irrgarten der Bilder" ein Denkmal gesetzt.

Hunderte von Malen hatte Gerhard Roth das Tor zur Anstalt durchschritten und "Das Haus der schlafenden Vernunft", wie er es in Abwandlung eines Goya-Bildtitels benannte, besucht. Ein Reich, das eben nicht nur Ungeheuer gebiert, "sondern auch einen exemplarischen Zugang zum Schöpferischen", so Roth. Etliche der Künstler-Patienten, die ihm vertraut waren, sind mittlerweile tot. Und so ist es naheliegend, dass den hier veröffentlichten Texten Roths eine elegische Stimmung eingeschrieben ist.

"Als Erstes erblickt man in der Anstalt Gugging gegenüber der Portiersloge ein buntes Wandgemälde. Labyrinthisch ineinander verschlungen sind Mensch und Natur in friedlicher Fremdheit vereint. In großen Buchstaben liest man das Wort Paradies. August Walla, 52 Jahre alt, insgesamt 15 Jahre Patient in Gugging, hat es gemalt. Nicht weit davon findet man im Park eine Gedenktafel, die an die rund tausend Ermordeten der Gugginger Anstalt erinnert (...) Sodann fährt man zum 'Haus der Künstler' wie auf einen kleinen Zauberberg hinauf. Es liegt auf einer Anhöhe, am Rand eines Laubwalds, fast nicht mehr innerhalb des Anstaltsbereichs - weder ganz Hölle draußen noch ganz Hölle drinnen gehörig. Es wird zum Großteil von 'aufgegebenen Fällen', von 'chronisch kranken Langzeitpatienten' - so der medizinische Standpunkt -, bewohnt, die dort mit gewissen Erleichterungen gegenüber Insassen mit einem ähnlichen Schicksal leben: Die Tür des Hauses ist nicht versperrt, die Atmosphäre privater; aber trotzdem ist es ein vorgeschriebenes Dasein mit eingeschränkter Verantwortung, das die Bewohner hier führen."

Nach Gugging kam Gerhard Roth 1976, um den Dichter Ernst Herbeck zu treffen. Ein Foto zeigt die beiden von hinten nebeneinander auf einer Bank sitzend. Viel haben sie nicht miteinander gesprochen, so ist der einfühlsamen Schilderung Roths zu entnehmen, der spürbar nicht nur von der Kunst der Patienten fasziniert war, sondern auch von ihrer Persönlichkeit, von dieser absoluten und existenziellen Einheit von Kunst und Leben. Und immer wieder berührt zeigt sich der österreichischen Autor von der Einsamkeit dieser Menschen, die einen an andere, berühmtere Dichterschicksale denken lassen wie die von Robert Walser oder Christine Lavant. Ernst Herbecks zerbrechliche Seele skizziert Gerhard Roth mit einem einzigen Satz:

"Ich sitze mit einem Mann auf der Bank, der Gedichte geschrieben hat, die zum Schönsten zählen, was die österreichische Lyrik in der Gegenwart hervorgebracht hat, es ist Sommer und er singt 'Stille Nacht, heilige Nacht' für mich."

Fast alle anderen der Gugginger Künstler aber waren Bildschaffende. Ihrer Kunst und ihrem Leben im Schutzraum der Anstalt hat Gerhard Roth jeweils ein Kapitel in diesem Band gewidmet: August Walla, der Mystiker unter den Gugginger Künstlern, der mit seinen farbigen Darstellungen sein Zimmer in ein mythologisches Universum verwandelte; Johann Fischer, der mit seinen miniaturistischen Bildgeschichten das gesamte Land Österreich zu erfassen suchte; Johann Hauser, in dessen Bildern sich "der Schrecken gerne in Form einer Frau manifestiert(e)" - und dessen Werke im Katalog von Christie's zum Anrufungspreis von 7000 bis 9000 Pfund angeboten wurden.

Gerhard Roth hat ganz bewusst nicht nur die Kunstwerke der Gugginger Künstler-Patienten in diesen Band aufgenommen, sondern auch die fotografischen Porträts, die er von ihnen machte. Man sieht die von inneren Kämpfen und oft auch äußeren Krankheiten gezeichneten Gesichter und daneben Bildwerke von großer schöpferischer Kraft. Gerhard Roth, der sich intensiv u.a. mit Foucaults Schriften zu "Wahnsinn und Gesellschaft" auseinandergesetzt hat, sowie mit vielen Malern wie zum Beispiel Jean Dubuffet, der einen engagierten Aufsatz zu den Vorzügen der Art Brut verfasste, - Gerhard Roth weiß, dass der sogenannte "gesunde Blick" von uns "Normalen" in den Bildern der Schizophrenen sofort nach Verzerrungen, nach Abweichungen, nach "den kleinen Sensationen von Krankheit und Behinderung sucht". Aber genau um diese Veränderung unseres Blicks geht es ihm und dazu leistet dieses Buch einen wichtigen Beitrag.

Eine der Autorinnen, die am Schluss dieses beeindruckenden Bandes zu Gerhard Roths literarischem Schaffen Stellung nimmt, bezeichnet seinen Roman-Zyklus als Versuch einer literarischen Umkehrung des Ausgrenzungsprozesses dieser Menschen. Und in diesem Sinne ist es eben nicht als wohlwollende Betrachtung der Kunst Andersartiger zu werten, sondern als Versuch, unser Verständnis von Kreativität zu erweitern, wenn Gerhard Roth einen Unterschied nur insofern gelten lässt, dass er bei diesen Menschen einen direkteren Zugang zum schöpferischen Impuls sieht als bei den sogenannten Gesunden. Ungefiltert sei ihr Weg zum eigenen Selbst, wobei sie - Zitat - "leichtfüßig das Hindernis der Logik" überspringen. - Außerhalb der Gugginger Gemeinschaft aber hatte keiner von ihnen eine Chance.

Gerhard Roth: Im Irrgarten der Bilder. Die Gugginger Künstler.
Residenz Verlag, 324 Seiten mit über 300 Abb., 39.90 Euro.

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