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Seit 20:10 Uhr Hörspiel
StartseiteBüchermarktDer Autor als Mahner und Warner30.04.2010

Der Autor als Mahner und Warner

Andreas Eschbach: "Ein König für Deutschland", Lübbe Verlag, 2009, 491 Seiten

Andreas Eschbachs Roman " Ein König für Deutschland" kann als einziges Plädoyer gegen elektronische Wahlmaschinen gelesen werden. Er attackiert die Gutgläubigkeit, mit der wir uns den hochpotenten Rechenmaschinen anvertrauen und trifft dabei auf die verborgenen Fundamente unserer Realität.

Von Hartmut Kasper

Ein Mitarbeiter des Wahlamtes demonstriert  in Köln einen Wahlcomputer  (AP)
Ein Mitarbeiter des Wahlamtes demonstriert in Köln einen Wahlcomputer (AP)

Wir befinden uns in der tiefsten Gegenwart, auch wenn ein Hauch von Utopie um diesen Roman weht. Die Erzählung ist vom politischen Alltag gesättigt, Merkel, Koch und Ypsilanti sorgen ebenso für zeitgenössisches Kolorit wie George W. Bush Junior und schließlich Barack Obama.
Am Ende des Romans ist Mr Obama zum Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika gewählt worden, und in der Bundesrepublik Deutschland hat das Bundesverfassungsgericht soeben – das heißt: am 3. März 2009 – verfügt, dass die derzeit auf dem Markt der Möglichkeiten verfügbaren Wahlcomputer als unzuverlässig einzustufen seien.
Der Autor des Buches befürwortet diese Entscheidung. Sein Roman kann als einziges Plädoyer gegen elektronische Wahlmaschinen gelesen werden. Der zentrale Satz des Textes lautet:

"Ein Computer ist eine Maschine zur Manipulation von Daten. Dafür ist er erfunden worden"."

Vincent Wayne Merrit ist ein junger und durchaus hochbegabter amerikanischer Programmierer. Er arbeitet für eine kleine, aber feine Firma, deren Inhaberin Consuela Sanchez sich mit einem gewissen Benito Zantini eingelassen hat:

""Zantini fasste an Vincents Ohr. Im nächsten Augenblick spürte Vincent dort etwas Kaltes, Rundes ... ein Hühnerei.
Consuela konnte nicht mehr an sich halten, prustete auf einmal los vor Lachen. "Benito ist Zauberer, müssen Sie wissen!"
"Illusionist", korrigierte Zantini spitzlippig und steckte das Ei achtlos in die Tasche."

Die rührige Exil-Kubanerin nimmt einen dubiosen Auftrag an, der, wenn Vincent ihn recht versteht, zur Manipulation der nächsten US-amerikanischen Präsidentschaftswahl führen würde. Und siehe da: Bush junior gewinnt wieder Erwarten und gegen alle Hochrechnung – und holt besonders dort viele Stimmen, wo per Wahlcomputer ausgezählt wird.
Dieses Ergebnis führt den Taschenspieler Zantini zu der Überzeugung, man könne mit einem Taschenspielertricks ganz andere Sachen als Hühnereier zum Verschwinden bringen. Die Demokratie in Deutschland zum Beispiel.
Wie?

"Indem ich den Wahlsieg an den meistbietenden verkaufe, natürlich", erklärte Zantini. "Allerdings muss ich mir noch im Detail überlegen, wie das wohl vor sich gehen würde."

Im Detail geht das so: Vincent schreibt – von Zantini erpresst – ein Programm, das – unabhängig von den tatsächlich abgegeben Stimmen – besagten Meistbietenden zum Sieger rechnen soll.
Allerdings versenkt Vincent einen geheimen Schlüssel in die Tiefen des Programms – die Initialen seines Namens nämlich, VWM – Vincent Wayne Merrit.

Kurz darauf erweist sich Vincent als kaum weniger edel denn Winnetou und Old Shatterhand – kein Wunder, ist er doch der uneheliche Sohn einer US-Amerikanerin und eines Deutschen. Sein Vater heißt Simon König. Simon König weiß von seinem Sohn, lebt aber abseits des Weltgeschehenes in der deutschen Provinz, in Stuttgart nämlich.

Sein Beruf: Er ist verbeamteter Gymnasiallehrer für Geschichte.
Was nicht unbedingt Indiana-Jones-artige Abenteuer in Aussicht stellt.
Vincent entzieht dem bösen Zauberer das Programm und schickt es seinem Vater zu.
Simon König erhält kurz darauf Verbindung zu einer Gruppe aufklärerischer Verschwörer, die vor der Manipulierbarkeit von Wahlcomputern warnen möchte.

Man entschließt sich, dieses Risiko der Öffentlichkeit durch einen Coup vor Augen zu führen: Über die programmatische Falltür, Vincents Initialen VWM, verschafft man sich Zugang zum Zählpogramm für die nächste Bundestagswahl:

"Es würde genügen, eine fiktive Partei mit der Kurzbezeichnung VWM in die Liste einzutragen und eine Probewahl durchzuführen, bei der man nur den übrigen Parteien Stimmen gibt. Wenn die VWM am Schluss trotzdem fast alle Stimmen hätte, wäre einwandfrei klar, dass etwas nicht stimmt."

Also gründet man eine Partei. Stellt sich die Frage, wofür der geplante politische Verein denn Partei ergreifen soll:

"Gründen wir eben eine Volkspartei. Oder eine Volksfront. Genau,. wie wäre das? Volksfront für wirtschaftlichen Marxismus ( ... )"
"Volksbewegung für Waffenbesitz und Mobilfunk ( ... ). Oder Volksbewegung für weltweite
Mülltrennung ( ... )."

Schließlich einigt man sich auf Volksbewegung zur Wiedereinführung der Monarchie. Spitzenkandidat wird natürlich niemand anderes als Simon König – der zukünftige Herr König von Deutschland.

Es kommt, wie es kommen, muss, jedenfalls wenn ein Roman so am Schnürchen läuft wie dieser.
Die VWM gewinnt die Wahl, natürlich sehen die Wahlgewinnler plötzlich nicht mehr ein, warum sie, da sie die Wahl so haushoch gewonnen haben, die Verhältnisse in Deutschland nicht zum Besten lenken sollten.

Und natürlich opponiert am Ende niemand anderes als der gute König Simon. Er unterbricht die wunderliche Zeremonie seiner Königssalbung im Dom zu Aachen und ruft zur neuerlichen Volksabstimmung auf, diesmal per Hand auszuzählen und ohne Rechenmaschinen.

Die gezinkte Realität ist aufgeflogen. Die Welt wird wieder heil.
Wenn sie denn je unheil war. Zugegeben, der böse Zauberer muss am Ende sterben. Aber muss er das in anderen Märchen nicht auch? Sonst ist alles Harmonie, ja in gewissem Sinne prästabilisierte Harmonie: Studienrat König weiß wie kein Zweiter Schüler wie Leser über das deutsche Königtum zu unterrichten; seine Frau Helene ist Chefredakteurin eines besonders goldenen Blattes, das sich auch sonst schon der Adelsverehrung widmete und nun in Simon einen besonders dankbaren Gegenstand findet.

Selbst Herrn Königs Nachbarin entpuppt sich passgenau als Bühnenschneiderin, die vor Zeiten für die drei Sissi-Filme gearbeitet hat. Ihre textile Hilfestellung für den zukünftigen König wäre – ja, was, wenn nicht die Krönung ihrer Karriere.

Eschbach lotet in seinen Romanen gerne die reale Metaphysik unserer Gesellschaft aus, untersucht die verborgenen Fundamente unserer Realität.
In "Ausgebrannt" ging es um das Öl als Lebenselixier unserer Zivilisation, in "Eine Billion Dollar" um Geld und Ökonomie.

Der "König für Deutschland" attackiert die Gutgläubigkeit, mit der wir uns den hochpotenten Rechenmaschinen anvertrauen.
Der Autor als Mahner und Warner – das klingt ein wenig nach biederer Aufklärung und nachtwächterlicher Wachsamkeit. Aber warum eigentlich nicht wieder einmal dem Nachtwächter lauschen, zumal wenn er so unterhaltsam erzählt wie hier, und hören, was die Stunde geschlagen hat?

Andreas Eschbach: Ein König für Deutschland
Roman., Lübbe Verlag, 2009, 491 Seiten, 19,99 EUR

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