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Seit 02:07 Uhr Kulturfragen
StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenDer Beginn und das Ende vom Leben12.05.2011

Der Beginn und das Ende vom Leben

"Die Untoten" - Wissenschaftlicher Kongress und Inszenierung auf Kampnagel in Hamburg

Leben kann im Reagenzglas entstehen und Körper können ohne Funktion an der Herz-Lungen-Maschine lebendig gehalten werden. Wissenschaftler und Kulturschaffende diskutierten seit heute, was wirkliches "Leben" ist und wie mit dem ungeklärten Status umgegangen werden sollte.

Von Bettina Mittelstrass

Tanzender Tod, Joachim Hennen, um 1680, Elfenbein, 14 cm (Museum Schnütgen)
Tanzender Tod, Joachim Hennen, um 1680, Elfenbein, 14 cm (Museum Schnütgen)

"In Hamburg haben wir uns entschieden, dass wir das Ganze in einem Filmset stattfinden lassen. Und zwar hat dieser Filmset vier verschiedene Szenerien. Das sind die Orte, an denen das Untote entweder entsteht, also das Labor, in denen es überlebt, wie das Krankenhaus, oder in denen es auf Dauer anwesend ist, der Friedhof, oder halt auch das Kino, als der Entstehung für den Zombie, der ja eine filmische Figur ist."

Hannah Hurtzig, Leiterin der "Mobilen Akademie", setzt Wissenschaft in Szene. In der großen Halle der ehemaligen Kampnagelfabrik schickt sie dieses Mal als künstlerische Leiterin des Kongresses "Die Untoten - Life science und Pulp fiction" das Besucherpublikum durch eine Art Ausstellung.

"Nur dass es dieses Mal halt keine Bilder sind, sondern es sind vortragende, sprechende, im Gespräch sich darstellende Wissenschaftler, Künstler und Praktiker."

Das Projekt der Kulturstiftung des Bundes in Zusammenarbeit mit der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und Kampnagel Hamburg geht diesen ungewöhnlichen Weg für ein zentrales und schwieriges gesellschaftliches Thema. Der Literaturwissenschaftler Josef Vogl, Professor an der Humboldt-Universität zu Berlin, ist einer der teilnehmenden Wissenschaftler:

"Die Unterscheidung zwischen Leben und Tod und damit natürlich auch das damit verbundene Datum, das Sterbedatum in weitester Hinsicht, war nie einfach, sondern war glaube ich immer zentraler Gegenstand einer hohen kulturellen Symbolproduktion. Also elementare Ritualformen, elementare Symbolbildungen bis hin zum Grabmal beispielsweise dienen dazu, dieses Ereignis in irgendeiner Form zu begehen. Und das heißt also, damit auch den Prozess zwischen denen, die noch leben und denen, die gegangen sind, oder gehen, in irgendeiner Form sichtbar, damit erfahrbar, damit integrierbar und damit auch beherrschbar zu machen."

Allerdings sind heute die eindeutigen Ritualformen parallel zur Entwicklung der modernen Lebenswissenschaften verloren gegangen, sagt die Kölner Medien- und Kulturwissenschaftlerin Dr. Karin Harrasser, die den Kongress wissenschaftlich leitet.

"Diese ganzen symbolischen Deckungen gerade zum Ende des Lebens hin sind erodiert oder haben sich auch vervielfältigt, jedenfalls gibt es nicht mehr die eine Erzählung vom Jenseits oder so was ähnliches, sondern die haben sich in viele kleine Seitenströme aufgespalten. Und dem gegenüber steht aber schon eine Medizin, die sehr, sehr kraftvoll ist, die sehr viel kann, die tatsächlich in sehr viele Prozesse des Lebens eingreifen kann, die aber auch deswegen sehr weit weggerückt ist von dem individuellen Verstehen. "

Das Sterben im Familienkreis ist selten geworden. Die meisten Menschen sterben in Krankenhäusern, weil die Unsicherheit so groß ist: Kann man es verantworten, Angehörige aus der medizinischen Versorgung heraus zu holen? Oder gar Maschinen abzustellen?

Die Grenze zwischen Leben und Tod ereignet sich in vielen Fällen nicht mehr, sie muss aktiv gezogen werden - am Ende des Lebens durch Patientenverfügungen oder Angehörige und Ärzte. Was sind die Alternativen? Und wie gehen wir mit den unsicheren Räumen am Beginn des Lebens um? In Folge einer künstlichen Befruchtung werden "übrige" Embryonen eingefroren zu so genannten "frozen angels". Was passiert schließlich mit dem weder toten noch lebendigen "Rest", über dessen Status niemand entscheidet? In Hamburgs Kampnagelfabrik werden solche und andere Grenzbereiche zwischen Leben und Tod aus vielen Perspektiven behandelt. Hannah Hurtzig:

"Also das ist dann zum Beispiel jemand, der von Gen-Art kommt, das ist so eine der größten Betriebe, Firmen, die mit synthetischen Biobauteilen arbeiten, die stellen 3000 künstliche Gene pro Tag her. Das ist ein Gespräch. Oder es gibt einen Künstler aus Australien, Oron Catts, der Zellgewebe - synthetisches und biologisches Material - kombiniert und die Frage dann dort auch stellt, welches Verhältnis wir dazu dann haben: ist das offensichtlich nicht mehr nur ein Objekt? Lebend aber auch noch nicht? Es gibt jemand wie die Philosophin Christiane Voss, die hauptsächlich über die Todesdienstleister und die neuen Krematorien spricht, die jetzt überall im entstehen sind, oder Petra Gehring über Sterbepolitik. Und Oliver Tolmein spricht über das, was die Patientenverfügung eigentlich ist und tut und will und soll. Und dann gibt es ein paar Abschweifungen."

Wie zum Beispiel die Diskussion der Frage: wollen wir eigentlich ewig leben? Vampire sind so populär wie nie. Moderne Erzählungen über Wesen zwischen Leben und Tod könnten auch orientieren helfen. Allerdings nimmt sich der Kongress eine sehr viel unattraktivere Figur aus dem Grenzland vor: den Zombie.

"Wenn man in die Populärkultur schaut, sind das zunächst einmal ganz, ganz drastische wilde Bilder, die man sich auch nicht unbedingt als die einzige Rahmung vorstellen will, wenn es darum geht, einen Menschen zu verabschieden oder sich mit seinem eigenen Sterben zu befassen. Aber dennoch glauben wir, dass es eine Ressource ist, mit der man sich beschäftigen kann und soll und wo es sich lohnt, noch mal einen zweiten Blick drauf zu werfen."

Das schlurfende Elend aus den Gräbern erscheint Mitte des 20. Jahrhunderts. Welche Parallelen zur Entwicklung der Lebenswissenschaften lassen sich ziehen? Dazu Hurziger:

"Er ist ja sozusagen gehirntot, hat aber noch so ein paar vitale Funktionen des Überlebens und tritt als Masse auf."

Und Harasser:
"Also man könnte dazu sagen, dass ist so eine a-bjekte Figur, die wie so ein Ausschuss ist, der nirgendwo mehr Platz hat. Ja, das fanden wir mal als eine Reflexionsfigur ganz wichtig, denen Raum zu geben und zu sagen: was lernt man denn davon, wenn eine Kultur plötzlich an allen Ecken und Enden diese Überreste - diesen Abfall der Biopolitik - wieder auferstehen lässt?"

Dazu muss man sich ansehen, wozu Zombies in Kontrast stehen. Es sind Figuren, die nichts können und zu nichts nutze sind. Sie produzieren - nichts. Leben aber bedeutet in der Moderne vor allem das: Produktivität. Warum eigentlich? Josef Vogl:

"Mir scheint sehr interessant zu sein, dass mit dem Entstehen der europäischen Territorialstaaten, nach dem Desaster des 30 Jährigen Kriegs tatsächlich ein Gedanke aufkommt, der auch unmittelbar politisch umgesetzt wird und auch politische ökonomische Programmatiken gebildet hat: der der Fruchtbarkeit von Bevölkerungen. Wo plötzlich die Zölibateren, die Junggesellen, die Unfruchtbaren zu einem sehr problematischen Posten in diesen Gesellschaften geworden sind. Der Imperativ "mehrt euch!" ist glaube ich einer, der neuzeitlichen Gesellschaften mitgegeben, eingeschrieben ist und zu den ganz zentralen sozialpolitischen Maßnahmen geführt hat, die uns heute noch betreffen - das heißt also Gesundheitspolitik, Bevölkerungspolitik, das Problem demografischer Kurven. Der Überhang von Alten, das heißt Nicht-Produktiven, von Alten, das heißt also demnächst Sterbenden, ist tatsächlich aus dieser Perspektive eine ökonomische, soziale und politische Last."

Und doch ist es derselben Gesellschaft kaum noch möglich, selbst in einer Phase völliger Unproduktivität auf Leben erhaltende Maßnahmen zu verzichten. Karin Harrasser will im grellen Licht der Untoten - der Zombies - noch bis einschließlich Samstag auch diese Fragen aufwerfen:

"Warum tun wir uns so schwer damit, das Ende zu akzeptieren und wo liegen auf der anderen Seite die Probleme genau darin, dass wir uns so wahnsinnig schwer damit tun, unproduktives Leben zu akzeptieren? Das ist das Spannungsfeld, in dem sich das bewegt. Einerseits den Tod fast nicht haben zu wollen, also eine Todesverleugnung auf der einen Seite, und auf der anderen Seite aber auch nicht damit leben zu können, dass das Leben nicht immer gleich produktiv ist. Ja - es gibt vielleicht auch Lebensformen, die machen vielleicht nichts, die produzieren vielleicht nichts. Und ich glaube, darin sind wir im Moment alle ganz schön unsicher, wie wir damit umgehen sollten. "

"Was hier gefragt wird, ist ein überaus interessantes, kompliziertes, wahrscheinlich ebenso intelligentes wie dramatisches Grenzgängertum. Auch ein wissenschaftliches Grenzgängertum. "

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