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StartseiteSprechstundeBlind nach Asthma-Attacken10.01.2017

Der besondere FallBlind nach Asthma-Attacken

Zuerst kann er keinen Druckausgleich mehr machen. Am Ende erblindet Wilfried Reiß kurzzeitig. Die Ärzte können die Symptome nicht einordnen. Erst eine Google-Suche liefert den Medizinern den entscheidenden Hinweis.

Von Mirko Smiljanic

Ein Arzt füllt eine Infusion nach. (imago/stock&people/Westend61)
Erst eine Kortisontherapie verbessert den Zustand des Patienten. (imago/stock&people/Westend61)

1987, ein sonniger Oktobertag. Wilfried Reiß, Zahntechnikermeister aus dem hessischen Frankenberg und Hobbypilot, steuert seine Cessna 172 D Richtung Mainz. Höhe: 5.000 Fuß. Reisegeschwindigkeit: 106 Knoten pro Stunde.

"Mit 40 Jahren fing bei mir das Dilemma an, ich hatte 20 Jahre überhaupt keine Probleme gesundheitlich."

Links liegen die Kontrollzonen rund um den Airport Frankfurt/Main, zum Sportflughafen Mainz-Finthen sind es nur noch wenige Meilen.

"Ich hatte einen schönen Flug gemacht, kam zurück und hatte Probleme mit Druckausgleich. Nase zuhalten und bei geschlossenem Mund pusten, Gähnen, nichts hilft. Und bin dann zu meinem Fliegerarzt gegangen, und der kriegte einen Schrecken und sagte, 'Herr Reiß, bei Ihnen deutet sich ein Asthma an'."

Wilfried Reiß konsultiert zwei Hals-Nasen-Ohren-Ärzte, die den Verdacht nicht bestätigen. Allerdings kann sich auch keiner der beiden die Druckausgleich-Probleme erklären. Auf Betreiben seiner Ehefrau Karin – sie spielt bei diesem "besonderen Fall" eine wichtige Rolle – lässt er sich in Bad Wildungen von einem dritten HNO-Arzt untersuchen. Der fertigt vom Kopf seines Patienten zunächst eine CT-Aufnahme an,…

"Und dann stellt sich fest, dass mein ganzer Nebenhöhlenbereich zu war! Es war eine Polyposis nasi in den Nasennebenhöhlen, die dadurch nicht mehr so funktionierten, wie sie eigentlich funktionieren sollten."

Unzählige Operationen und kein Erfolg

Dr. Andreas Jerrentrup, stellvertretender Leiter des "Zentrums für unerkannte und seltene Erkrankungen" am Universitätsklinikum Marburg. Die Diagnose ist eindeutig, die Therapie auch: Wucherungen in den Nasennebenhöhlen werden operativ entfernt. So geschieht es auch, allerdings mit magerem Erfolg. Die Polypen kehren zurück, die Strategie seines Arztes greift nicht.

"Und nach vier Jahren war er verzweifelt, weil ich da zwei schwere Operationen schon hatte bei ihm, und er hat dann gesagt, wir müssen mal einen anderen Weg finden, ich kann nicht andauernd operieren."

Ein Allergologe aus Wiesbaden wird hinzugezogen, mittlerweile der fünfte Arzt. Anders als seine Vorgänger legt er größeren Wert auf die Ergebnisse der Blutuntersuchungen. Und tatsächlich findet er eine Unregelmäßigkeit: Wilfried Reiß hat zu viele Eosinophile.

"Eosinophile sind eine Untergruppe der Leukozyten, der Entzündungszellen, der weißen Blutkörperchen, in diesem Fall sind es Granulozyten. Eosinophile Granulozyten treten bei verschiedenen Erkrankungen auf, beim Asthma können sie auftreten, aber auch bei Befall mit Parasiten, da muss man immer dran denken, und auch bei Autoimmunerkrankungen." 

Eine erste Spur, leider nicht mehr. 2002, der Zahntechnikermeister ist mittlerweile 55 Jahre alt, sind die gesundheitlichen Probleme so gravierend, dass er seinen Betrieb schließen muss. Und siehe da: Sein Zustand verbessert sich! Er treibt wieder Sport, selbst fliegen kann er. Ende gut, alles gut? Wilfried Reiß:   

"Und dann ging es wieder schlechter, das fing eigentlich an 2014 mit meiner ersten Lungenentzündung, das war eine atypische Lungenentzündung."

Ein paar Wochen später kommt der nächste Schock. Während eines Spaziergangs erblindete Wilfried Reiß von der einen Minute zur anderen.

"Das Auftreten war so, dass ich einen plötzlichen stechenden Schmerz bekam, das war schon ganz komisch, und dann wie ein Vorhang, der sich von unten nach oben bis zur Mitte des Auges, bis zur Hälfte ausgebreitet hatte, das waren so ganz stark metallische Farben, Schwarz mit Verfärbungen wie Weiß drin. Und dann bin ich weiter gelaufen, habe das Auge zugehalten, tat sehr weh und bin so ungefähr 800 Meter gelaufen, und dann habe ich vorsichtig das Auge aufgemacht, und da war diese plötzliche Blindheit wieder weg."

Google als Diagnose-Helfer

Weder sein Hausarzt noch ein Augenarzt können die Symptome einordnen, eine Untersuchung beim Neurologen scheitert, weil er keine freien Termine hat. Ein ebenfalls hinzugezogener Orthopäde schickt Wilfried Reiß schließlich in die Notaufnahme des Universitätsklinikums Marburg. Auch dort finden die Augenärzte nichts, wollen ihn aber zur Beobachtung stationär aufnehmen. Reiß lehnte ab, nach mehr als zwölf Stunden Wartezeit hat er die Nase voll.

Ein Drama ohne Ende. Fast zumindest. Die Lösung leitet Wilfried Reiß‘ Ehefrau Karin ein. Als ehemalige Apothekerin hat sie Routine im Umgang mit medizinischen Themen. Nasenpolypen, Asthma, hohe Konzentration von Eosinophilen, plötzliche Blindheit, atypische Lungenentzündung – gibt es da Zusammenhänge? Karin Reiß:

"Und nachdem das als atypische Lungenentzündung diagnostiziert worden ist, hab ich den Google gequält und dann kam, plong, plong, plong, eine "Riesenzellarteriitis" zum Vorschein, ich hab da also einen wundervollen Ausdruck gemacht, und den haben wir hier mit in die Uniklinik genommen als Verdacht."

Schlimmer kann es für Ärzte kaum kommen: Patienten legen googlerecherchierte Ausdrucke auf den Schreibtisch mit der Bitte, doch mal in diese Richtung zu untersuchen.

"Die Ärztin war natürlich erst mal so ein bisschen angepisst, würde ich mal sagen, hat aber gesagt, das ist durchaus im Bereich der Möglichkeiten, das müssen wir also in Betracht ziehen."

Wilfried Reiß geht es immer schlechter, mittlerweile liegt er schwer krank in der Lungenklinik des Universitätsklinikums Marburg. Erst dort nehmen Ärzte die hohe Zahl der Eosinophile unter die Lupe – und schauen sich die Rechercheergebnisse von Karin Reiß genauer an. Dann geht alles ganz schnell, die Diagnose steht binnen weniger Tage.     

"Nachher hieß die Diagnose "Churg-Strauss-Syndrom". Ganz typisch für diese Erkrankung ist, dass das mit einem Asthma assoziiert ist, das es zusätzlich zu einem Problem mit den Nasennebenhöhlen kommt."

Die Ärzte am Universitätsklinikum leiten eine Kortisontherapie ein, der Zustand des Patienten bessert sich zusehends. Wilfried Reiß geht es heute wesentlich besser. Nur das aktive Fliegen hat er aufgegeben.

"Ich fühle mich wohl, ja. Also bei der Erkrankung und der Form der Erkrankung, da darf ich nicht klagen."

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