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StartseiteSprechstundeSchwarze Haut, dramatischer Gewichtsverlust28.02.2017

Der besondere FallSchwarze Haut, dramatischer Gewichtsverlust

Als sich ihre Gesichtshaut schwarz färbt und sie innerhalb kurzer Zeit extrem viel Gewicht verliert, diagnostizieren die Ärzte bei Saliha Pejić Diabetes. Doch die üblichen Behandlungsmethoden schlagen nicht an. Fieberhaft suchen die Mediziner nach einer Lösung.

Von Mirko Smiljanic

Eine junge Frau wiegt sich auf einer Waage. (imago / McPhoto)
Die Patientin verlor 30 Kilo in drei Monaten. (imago / McPhoto)
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Bonn, ein milder Frühsommertag. Wie jeden Morgen bereitet sich Saliha Pejić auf ihren Arbeitstag vor. Gedankenverloren schaut die Serbin in den Spiegel – und erstarrt vor Schreck.

"Es begann vor vier Jahren, da wurde plötzlich die Haut in meinem Gesicht fast schwarz und innerhalb der nächsten drei Monate habe ich zusätzlich 30 Kilogramm Gewicht verloren. Ich bin dann zum Arzt gegangen, der mir als erstes Blut abgenommen hat. Da hat man dann festgestellt, dass ich Diabetes habe, ich hatte einen Zuckerwert von 450. Weil mein Hausarzt mit diesen Symptomen nicht weiter wusste, hat er mich in ein Krankenhaus überwiesen."

Gesunder Zuckerwert liegt zwischen 70 und 100

Bei gesunden Menschen schwankt der Zuckerwert zwischen 70 und 100 Milligramm pro Deziliter Blut, liegt der Wert über 200 Milligramm diagnostizieren Ärzte einen Diabetes mellitus, also eine Zuckerkrankheit. Die dramatischen Begleitsymptome können eine Folge des Diabestes sein, müssen es aber nicht.

"Ein schwerer Gewichtsverlust ist erst einmal verdächtig auf eine bösartige Erkrankung, also Krebs, und das Schwarzwerden der Haut, das sind die Melanozyten, die die Hautfärbung verursachen, und die sind stimuliert worden offensichtlich an bestimmten Stellen, im Nacken vor allem, da hat es angefangen, an den belasteten Hautstellen über den Gelenken, an den Falten im Gesicht, und das war ganz außergewöhnlich ausgeprägt."

Privatdozent Dr. Lars Möller, Oberarzt an der Klinik für Endokrinologie und Stoffwechselerkrankungen am Universitätsklinikum Essen.

"Mein Arzt hat mich dann in ein Krankenhaus überwiesen, wo ich sieben Wochen stationär gelegen habe. Da hat man alle möglichen Tests und Untersuchungen gemacht, aber die Ärzte konnten auch in der Klinik die Ursache dieser Symptome nicht finden. Ich bin dann ohne Diagnose entlassen worden."

"Jetzt kommt die Schwierigkeit! Der Gewichtsverlust passt eigentlich zu einem Insulinmangel-Diabetes, einen Typ 1-Diabetes.Was Frau Pejić aber hatte, waren hohe Insulinspiegel, das würde eher für eine Insulinresistenz, eine Typ 2-Diabetes sprechen, da gehört eine Gewichtszunahme und ein Übergewicht zu, nicht ein Gewichtsverlust, also zwei Dinge, die nicht zueinander passen, aber der Zucker, der bestand."

Maßnahmen zeigen keine Wirkung

"Die Klinik, die ja keine Diagnose stellen konnte, hat mich dann an eine auf Diabetes spezialisierte Arztpraxis überwiesen. Dort bin ich wieder gründlich untersucht worden, ich habe Pläne bekommen, was ich essen darf und was nicht, wie viel Insulin ich wann spritzen muss. Ich habe dann sogar eine Insulinpumpe bekommen, die an meinem Bauch angeschlossen wurde. Ich habe das auch alles gemacht, aber leider hat das nichts genutzt."

"Frau Pejić hat abgenommen, weil das Insulin nicht gewirkt hat, weil Insulin eigentlich dafür sorgt, dass der Zucker in die Zellen kommt, und weil das bei Frau Pejić nicht gewirkt hat, konnte kein Zucker in die Zellen kommen und die sind quasi verhungert, wenn man das mal plastisch sagen will, und dadurch hat Frau Pejic Gewicht verloren."

Der Blutzucker erreicht mit fast 1.000 Milligramm pro Deziliter Blut mittlerweile Extremwerte. Ein dritter Mediziner wird hinzugezogen.

"Auch der dritte Spezialist hat noch einmal alle bisherigen Untersuchungsergebnisse gelesen, die Blutwerte wurden bestimmt, aber er war rasch der Meinung, dass dies kein normaler Diabetes sein kann, er vermutete einen versteckten Tumor. Weil er ihn auch nicht gefunden hat, bin ich nach Essen ans Universitätsklinikum überwiesen worden. Dort hat man als erste Maßnahme die Insulinpumpe entfernt."

Sie sei nutzlos, so Lars Möller, weil es ja genug Insulin gibt, das überlebenswichtige Hormon aber aus irgendeinem Grund nicht an den Zellen wirkt und der Zucker daher nicht in die Zellen gelangt.

"Wir haben dann als Erklärung uns überlegt, dass ein Antikörper gegen den Insulinrezeptor als Ursache infrage kommt. Das würde erklären, warum sie selbst viel Insulin produziert, das aber nicht wirken kann, weil ein Antikörper den Rezeptor blockiert. Antikörper sind Eiweißstoffe, die vom Körper gebildet werden als Abwehr gegen Bakterien, Viren, die aber manchmal als Autoimmunerkrankung auch körpereigene Strukturen erkennen."

Untersuchung auf Antikörper

Eine elegante Erklärung, aber lässt sie sich beweisen? Möller schickt Blutproben an ein Speziallabor mit dem Auftrag, nach Antikörpern zu suchen.

"Und es kam zurück ein negatives Ergebnis! Die Aussage war, es liegen keine Antikörper gegen den Insulinrezeptor vor. Dann standen wir tatsächlich erst einmal wieder bei null!"

Ein Schock, zumal Saliha Pejić‘s Zustand mittlerweile lebensbedrohlich ist. Einen winzigen Hoffnungsschimmer hat Lars Möller noch. Vielleicht war die Messmethode ungenau?!

"Wir haben geguckt, wer kann das noch messen und sind dann auf ein Labor in Cambridge in England gestoßen, die sich wissenschaftlich mit diesen Antikörpern gegen den Insulinrezeptor beschäftigen, und haben gefragt, ob die das Blut von Frau Pejić untersuchen würden, ob der Antikörper vorliegt."

Sie haben es untersucht – und fanden tatsächlich Antikörper! Endlich kann die Bonnerin gezielt behandelt werden.

"Wir haben zwei verschiedene Dinge versucht, wir haben als erstes Immunglobuline gegeben in der Vorstellung, dass die diese falsch produzierten Antikörper abfangen können, und haben eine Plasmapherese versucht, quasi eine Art Dialyseverfahren, wo das Plasma ausgetauscht wird, um die Antikörper aus ihrem Blut herauszubekommen."

Rettung in letzter Sekunde

Wieder ein Rückschlag! Keine der Maßnahmen greift! Der Zuckerspiegel bleibt unverändert hoch! Fieberhaft suchen die Essener Ärzte andere Behandlungsstrategien. Da sich die Antikörper nicht direkt beseitigen lassen, möchten sie bei den Zellen ansetzen, die die Antikörper produzieren. Sie finden ein Medikament mit dem Namen "Rituximab",…

"…das gegen die B-Zellen gerichtet ist, also gegen die Zellen, die die Antikörper produzieren."

Zwei Mal verabreicht Lars Möller "Rituximab" in Kombination mit zwei weiteren Medikamenten. Was dann geschieht, hätte kaum jemand für möglich gehalten. Innerhalb von vier Monaten normalisiert sich der Zustand von Saliha Pejić. Der Zuckerspiegel sinkt, das Gewicht steigt.

"Ich war so froh, dass jetzt endlich die Ursache meiner Krankheit gefunden worden ist. Den Ärzten bin ich zutiefst dankbar, zum Schluss dachte ich, entweder finden sie die Ursache oder ich sterbe. Es ist eigentlich so, dass für mich ein neues Leben begonnen hat!"

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