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StartseiteSprechstundeUnerklärliche Atemnot28.06.2016

Der besondere Fall Unerklärliche Atemnot

Nie zuvor von ähnlichem geplagt, überfällt Barbara Heine plötzlich eine unangenehme Beklommenheit gepaart mit extremer Unruhe. Der Zustand verschwindet, kommt später aber wieder - dann auch mit starker Atemnot. Beim Hausarzt bekommt sie Beruhigungsmittel, doch die Atemprobleme bleiben. Alles wirklich nur die Psyche? Nein - tatsächlich schwebt die Frau in Lebensgefahr.

Von Thomas Liesen

Ärzte vor einer Operation (picture alliance / dpa / Klaus Rose)
Nach einigen Tagen auf der Intensivstation sind auch die Atemprobleme der Patientin verschwunden. (picture alliance / dpa / Klaus Rose)

"Das war Silvester 2012, ich bin aus der Klinik entlassen worden, wir haben abends noch mit Freunden gefeiert, sind dann schlafen gegangen und ich werde nachts wach."

Doch nicht ein verspäteter Böller reißt Barbara Heine aus dem Schlaf.

"Ich habe mich gefühlt, wie ich mich sonst noch nie gefühlt habe: eine extreme Unruhe, es war sehr, sehr unangenehm..."

Nach einiger Zeit lässt diese merkwürdige innere Anspannung nach. Barbara Heine schläft wieder ein. Am nächsten Morgen denkt sie, es werden wohl Nachwirkungen der aufregenden Zeit sein, die sie gerade erlebt. Denn sie war erst zum Jahreswechsel aus dem Krankenhaus entlassen worden.

"Ich hatte einen Knöchelbruch, der ist zwischen Weihnachten und Silvester operiert worden und Silvesterabend bin ich entlassen worden."

Krücken und Rollstuhl werden sie noch eine Zeit lang begleiten, aber sie ist froh, wieder zu Hause zu sein. Fast hat sie die merkwürdige Attacke schon vergessen, als es wieder losgeht. Und es wird nicht das letzte Mal bleiben.

"Die ersten Symptome waren immer ein Feuchtwerden der Hände und dann immer so ein ganz unangenehmes Kribbeln in der Bauchgegend, ein sehr sehr unangenehmes Gefühl. Ich hatte auch immer das Gefühl, ich muss das Fenster aufreißen, obwohl ich da noch keine Atemnot hatte. Ich habe mir keinen Reim drauf machen können. Es kam aus dem Nichts, es war wie wenn jemand einen Deckel aufmacht, ein schwarzes Gespenst kommt heraus für eine Weile und zieht sich dann wieder zurück."

Nach 30, 40 Minuten ist der Spuk immer wieder vorbei. Schließlich geht sie zum Hausarzt.

"Dann hat er mir zuerst ein pflanzliches Beruhigungsmittel gegeben, das hat aber überhaupt nichts bewirkt, wenn es kam. Und dann ein normales, stärkeres Beruhigungsmittel, das habe ich dann in meiner Not auch genommen und dann war es zwei, drei Tage besser und dann wie aus dem Nichts fing es dann wieder an."

Alles nur Psyche?

Sie nimmt erneut die Beruhigungsmittel, sie dämpfen tatsächlich die Attacken. Freunden, denen sie von ihren Problemen berichtet, vermuten, dass sie sich wegen ihres Knochenbruchs ein wenig in eine Krise hineinsteigert.

"Das war schon so, dass man gesagt hat: Ja, vielleicht übertreibst du jetzt auch, guck mal, ist doch nicht schlimm mal sechs Wochen mit dem Bein. Und dann auch: Wir probieren es mal mit Atemübungen. Das habe ich dann auch versucht, einzuüben, aber es hat halt nichts genutzt im Große und Ganzen."

Alles nur die Psyche? Tatsächlich ist das zunächst eine durchaus naheliegende Vermutung, sagt Klaus Lieb, Psychiatrieprofessor von der Uniklinik Mainz.

"Die Symptome, die die Patientin beschreibt, sind eigentlich sehr typisch für eine Symptomatik, wie wir sie bei Panikattacken finden, das Feuchtwerden der Finger, also Schwitzen, eine sehr starke Unruhe, Beschleunigung des Herzschlags, dann ein Beklemmungsgefühl."

Barbara Heine glaubt mittlerweile selbst an Panikattacken und nimmt fleißig ihre Benzodiazepine, also recht starke Beruhigungsmittel. Doch dann nachts erneut eine Attacke. Und es kommt noch schlimmer:

"Am nächsten Morgen beim Aufstehen wieder die Attacke und ich habe nur das Kopfkissen ausgeschüttelt und war richtig in Atemnot. Ich habe dann sofort gedacht: Jetzt dreht die Psyche völlig durch, jetzt ist irgendwas am Rotieren."

Auf der Spur des Blutgerinnsels

Ihr Mann macht sich große Sorgen und überredet sie, die Ambulanz der Psychiatrie der Uniklinik Mainz aufzusuchen. Dort treffen beide auf den Assistenzarzt Konrad Schlicht. Und der wird hellhörig bei der Schilderung des Ehemanns.

"Dass der mir auch gesagt hat: Mensch, da hast du doch auch ganz blass da gestanden."

Nicht unbedingt typisch für eine Panikattacke. Er bemerkt, dass Barbara Heine ein Bein bandagiert hat und es kaum belastet.

"Sie sagte zu mir, am dritten Weihnachtstag hat es die Operation gegeben und in der Silvesternacht erstmals diese Panikattacke. Also dieser zeitliche Zusammenhang war für mich von Anfang an der Erkrankung da."

Der junge Assistenzarzt ist mitten in der Ausbildung zum Psychiater, und er kann noch gut das Basiswissen aus dem Bereich Innere Medizin abrufen. Und da hat er etwas gelernt, was ihn nun auf die Spur führt.

"Eine immobilisierte Extremität wie eben das recht Bein, da besteht eine ganz hohe Gefahr, dass sich in diesem sich nicht bewegenden Bein ein Thrombus entsteht."

Ein Thrombus, eine Blutgerinnsel also. Doch welche Rolle kann das bei Paniksymptomen spielen?

"Da kam der Gedanke in mir hoch, das könnte doch möglicherweise eine körperliche Ursache haben, das könnte doch auch eine Lungenembolie sein."

Steckt bei Barbara Heine etwa ein Blutgerinnsel in der Lunge fest? Unruhe, Beklemmung und Luftnot – das könnte passen. Aber wenn es stimmt, schwebt sie in akuter Lebensgefahr. Konrad Schlicht veranlasst sofort ein CT, also eine Röntgen-Tomografie der Lunge. Tatsächlich ist der Befund eindeutig: Die Lungenarterie ist gleich an mehreren Stellen verstopft.

"Da bin ich aus allen Wolken gefallen, das war ein richtiger Schock erst mal und dann lag ich halt kurze Zeit später auf der Intensivstation."

"Lungenembolien sind in jedem Fall lebensbedrohliche Erkrankungen, insofern war es richtig, jetzt schnell die Diagnostik herbei zu führen und dann auch schnell eine Verlegung in die medizinische Notaufnahme und dann auch schnell auf Intensivstation zu veranlassen und dann hat sich ja auch die intensivmedizinischen Maßnahmen ergriffen werden und dann hat sich ja auch alles sehr gut entwickelt."

Klaus Lieb, Direktor der Klinik für Psychiatrie der Uniklinik Mainz. Die Ärzte schaffen es, das Blutgerinnsel aufzulösen. Und schon nach zwei Tagen geht es aufwärts.

"Samstags bin ich auf Intensiv gekommen und montags abends hatte ich noch einmal eine Panikattacke und das war aber die allerletzte, die ich hatte, danach kam nie mehr was. Damit war es dann auch vorbei, der Spuk."

Die Ärzte untersuchen schließlich auch ihr Bein. Und sie werden auch dort fündig.

"Dort hatte man dann gesehen, wo wahrscheinlich dieser Embolus herkommt, eben das in dem rechten Unterschenkel in verschieden Venen jeweils Blutgerinnsel vorlagen."

Der junge Arzt hatte einen richtigen Riecher. Damit hat er nicht nur verhindert, dass die Patientin zu Unrecht für psychisch krank erklärt wurde. Er hat vermutlich sogar ihr Leben gerettet. Klaus Lieb:

"Wichtig ist, dass man sich nicht sofort und zu früh auf eine psychische Ursache festlegt, wie es bei der Patientin war, da darf man sich nicht auf die falsche Fährte locken lassen."

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