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StartseiteKultur heuteDer betrogene Mahler04.07.2010

Der betrogene Mahler

Percy und Felix Adlon gelingt szenenweise großes Kino

Die Ehefrau geht fremd! Das ist für jeden Mann ein Schock, so auch für den Komponisten Gustav Mahler. Um diese Kränkung zu überwinden, begibt er sich im neuen Film von Percy und Felix Adlon auf die Couch von Sigmund Freud.

Von Kirsten Liese

Gustav Mahler ist am Boden zerstört: Seine Frau geht fremd. Aus einem Liebesbrief, der an ihn adressiert, aber an Alma gerichtet ist, erfährt der Komponist alle erotischen Details. Seine Eifersucht lähmt Mahler, er sucht Hilfe bei dem Seelendoktor Sigmund Freud.

Die Eckdaten dieser Geschichte sind historisch verbürgt. Wie sich aber alles im Einzelnen zugetragen hat, haben sich Percy und Felix Adlon ausgedacht. Leicht hätte das ins Auge gehen können wie bei so manchen Komponistenfilmen, die ein allzu simples Bild von ihren Protagonisten entwerfen.

Solche Befürchtungen bewahrheiten sich beim Film "Mahler auf der Couch" zum Glück nicht.

Psychologisch dicht und schlüssig erzählen Vater und Sohn Adlon mit vielen Rückblenden und Traumsequenzen, welche Umstände zu der Ehekrise geführt haben.

"Alma: Du hast mir alle Eigenheit genommen, so dass ich nicht mehr aus eigener Kraft stehen konnte. Deshalb bin ich immer öfter krank geworden. Du hast den furchtbaren Brief von damals wahr gemacht. Ich hatte mich aufgegeben und nur für dich gelebt. Ich hab’ deine ganze Hölle mitgelebt, ich hab’ mich in deinem Fegefeuer quälen lassen. Und was hab’ ich dafür bekommen?"

Deutlich zu kurz im Film kommt der Komponist Gustav Mahler. Was seine Genialität ausmacht, was seine Tonsprache auszeichnet, erfährt der Zuschauer nicht. Das ist insofern besonders schade, weil für "Mahler auf der Couch" ein aufwendiger Soundtrack mit namhaften Interpreten produziert wurde. Das Adagietto aus der fünften Sinfonie klingt darin an, auch das "Ruhevoll" aus der Vierten. Für die einsätzige zehnte Sinfonie haben sich die Regisseure etwas ganz Besonderes einfallen lassen.Der bekannte finnische Dirigent Esa Pekka-Salonen hat den Torso mit dem schwedischen Radio Sinfonieorchester in Form einer Probe aufgenommen, erläutern Percy und Felix Adlon:

"Esa Pekka-Salonen, hat auf unsere Bitte hin den Satz zerlegt, d.h. er hat einzelne Instrumentengruppen und Einzelinstrumente ihre Partien einfach spielen lassen."

"Die Idee war ja für die Filmmusik, dass wir die einzelnen Stimmen hören und dass es aus der Sicht des Komponierenden auch ist. Dass wir das hören, woran er gerade schreibt, worüber er musikalisch auch gerade nachdenkt."

Diese Idee aber setzen Vater und Sohn Adlon nicht überzeugend um. Die zehnte Sinfonie und Mahlers Arbeit daran, nehmen auf der erzählerischen Ebene zu wenig Raum ein. Die Musik dient letztlich nur zur atmosphärischen Untermalung des Geschehens und gewinnt nie eine eigene Dimension.

Ganz abgesehen davon, dass man ein großer Mahler-Kenner sein muss, um einordnen zu können, was man hört. Das Drehbuch baut keine Brücken für den musikalischen Laien. Selbst der musikalisch vorgebildete Zuschauer dürfte nicht so ohne weiteres darauf kommen, dass ihm einzelne Segmente einer komplexen Partitur zu Gehör gebracht werden.

Ebenso bleibt auch Alma Mahler als Komponistin unterbelichtet. Zwar erzählen Percy und Felix Adlon durchaus einfühlsam, wie sie zunächst selbstbewusst bei Alexander Zemlinsky studiert, sich nach der Hochzeit widerstrebend dem Egomanen Mahler unterordnet, ihm zuliebe ihre eigene künstlerische Arbeit aufgibt und darüber kreuz unglücklich wird. Doch kommt im Film nicht ein einziges Werk von Alma Mahler zum Erklingen. Noch nicht einmal in jener entscheidenden Szene, in der Mahler auf seine alten Tage seine Meinung revidiert, ihre musikalische Begabung würdigt, sie gar ermuntert, unbedingt wieder zu komponieren. Spätestens da aber hätte sich der Zuschauer gerne ein Bild davon gemacht, zu welchen Leistungen diese Frau fähig war.

Dennoch hat der Film seine Stärken, vor allem in psychologischer Hinsicht. Barbara Romaner als Alma und Johannes Silberschneider als Gustav liefern eine reife Vorstellung als ein Paar, das es von Anfang an schwer miteinander hat und doch unzertrennlich ist. In einigen dieser Szenen einer Ehe wird es so abgründig wie in einem Drama Ingmar Bergmanns. In solchen Momenten ist "Mahler auf der Couch" großes Kino.

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