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StartseiteBüchermarktDer Blick des Außenseiters28.11.2005

Der Blick des Außenseiters

Martin Gülich: "Die Umarmung"

Auch in seinem vierten Roman "Die Umarmung" widmet sich Martin Gülich wieder einer gesellschaftlichen Randfigur, einem Außenseiter. Protagonist Dolf ist ein einfacher Charakter und Gehilfe in der Gerichtsmedizin. Tatsächlich wird Gülich seinem Dolf die ganze Geschichte hindurch gerecht, seiner schlichten Sprache ebenso wie seinem Denken, ohne dabei der Gefahr zu erliegen, in Trivialität abzurutschen.

Von Claus Lüpkes

Der Autopsieraum: für den Protagonisten Dolf täglicher Arbeitsplatz. (AP)
Der Autopsieraum: für den Protagonisten Dolf täglicher Arbeitsplatz. (AP)

Dolf: so heißt der Protagonist des Romans. Dieser Dolf ist Gehilfe in der Gerichtsmedizin, d.h. der Leichenwäscher: er geht dem Dr. Sander bei der Obduktion zur Hand, um die Toten aufzuschneiden, ihnen sämtlichen Organe zu entnehmen und die dann zu untersuchen, zu messen und zu wiegen.

Kein Job für empfindliche Gemüter, und kein Job von besonderem intellektuellem Reiz.
Nein, dieser Dolf ist ein einfältiger Charakter – aber seinen Stolz hat er doch, wie wir gleich zu Anfang lesen:

""Nein, ich bin kein Idiot. Wer das sagt, lügt. Man sollte sie alle einsperren. Und schlagen wie einen Hund. Dann winseln sie und flehen und wollen eine Gnade. Aber so eine Gnade, die ist ja nicht umsonst, die fällt ja nicht vom Himmel. Da muss man eine Verneigung machen und die Hände falten und sagen, dass das alles eine Lüge ist. Nein, ich bin kein Idiot, auch wenn alles ganz anders kommt. Ich lasse sie reden. Ich höre weg. Ich lasse mir nichts anmerken. Ich merke gar nichts davon. Ich habe eine Haut aus dickem Leder. Da kann man reinstechen, und es tut sich nichts. Ein kleiner Pieks, das ist schon alles. Walter sagt keine solchen Sachen. Manchmal lacht er über mich, aber wo wir doch Freunde sind, will ich ihm das nicht übel nehmen. Walter hat auch eine dicke Haut, eine sehr dicke Haut. Beim Gehen schwabbelt alles ein bisschen. Dann lache ich, und Walter ist mir nicht böse."

Sein Freund Walter ist der einzige Mensch, mit dem sich Dolf in seiner Freizeit trifft. Bei Frauen hat er kein Glück. Weil er, wie er weiß, stinkt. Wie die Leichen vor ihm auf dem Tisch. Da kann er sich waschen und duschen, sooft er will: der Gestank bleibt. Dann, eines Tages, die Leiche eines Mannes ohne Namen: drei Messerstiche im Bauch, die Leber zerschlitzt. Bald aber ist die Identität des Toten geklärt:

"Der Tote hat einen Namen bekommen. Am Morgen ist der Herr Staatsanwalt gekommen und hat mit einem Stück Papier gewedelt. Mike sowieso. Die Zähne, sagt er, am Ende sind es immer die Zähne. Kommt jemand, fragt Dr. Sander. Der Herr Staatsanwalt nickt, und ich weiß, was das bedeutet. Eine halbe Stunde später ist sie da. Eine Frau, so schön, dass es sie gar nicht gibt. Schöner als Kristina, schöner als die Frau von Dr. Sander, schöner als alle Frauen zusammen, mit denen Walter zur Sache kommt. Sie hat einen Schrecken schon in der Tür, obwohl der Raum ganz leer ist und der Tote noch im Schrank. Ihre Wimpernfarbe läuft ihr über die Backen, und ihre blonden Haare sind ein bisschen verwühlt. Obwohl noch nicht einmal richtig Frühling ist, ist das Stückchen von ihrem Bauch, das zwischen Hose und Bluse herausschaut, schon braun wie im August."

Als die Frau den Toten dann identifizieren muss, fällt sie dem Dolf schluchzend um den Hals. Und nachdem sie sich schließlich bei ihm bedankt hat, da ist es um ihn geschehen: so etwas hat Dolf noch nie erlebt. Seither geht ihm diese schöne Frau nicht mehr aus dem Kopf. Damit aber nimmt das Unheil seinen Lauf.

Auch in diesem Buch widmet sich Gülich wieder einer gesellschaftlichen Randfigur, einem Außenseiter:

"Ich glaub, Beckett war es, der gesagt hat, ihn interessiert nur das Scheitern. Und ich hab einfach, so glaube ich, ne gewisse Wahrnehmung für solche Außenseiterfiguren und für Randfiguren. Beispiel: wenn ich irgendwo eine Schulklasse auf nem Ausflug sehe,
sehe ich sofort den einen in der Klasse, der eben am Rande steht, das zieht meine Blicke sofort an. Vielleicht weil ich auch selber in der Schule eher ein Außenseiter war und ganz gut weiß, wie es sich anfühlt, ein Außenseiter zu sein."

Schon in den "Bagatellen" hatte Gülich mit Vorliebe Verlierer und Versager porträtiert bzw.: skizziert, auf maximal jeweils einer Seite. Dabei hatte er sich allerdings ganz auf die Außenansicht der Figuren beschränkt und keinerlei Interpretation und psychologische Erklärung zugelassen. Im Gegensatz dazu schildert er das Geschehen in "Die Umarmung" konsequent aus der Sicht des Dolf. Es ist erstaunlich, wie gut Gülich diese Perspektive durchgehalten hat, von der ersten bis zur letzten Zeile:

"Die Arbeit an einem Buch gliedert sich ja meistens in zwei große Blöcke: das eine ist das Schreiben und das zweite ist das Überarbeiten, was in aller Regel mindest noch mal genauso lange dauert wie das Schreiben. Und das Überarbeiten diese Buches war in erster Linie ne Arbeit an der Sprache, an der Konsistenz der Sprache - das ist ja auch ne heikle Geschichte: die Ich-Perspektive aus der Sicht eines intellektuell eher minderbegabten Menschen zu wählen und ihn da in Sprache auch nicht zu verraten, sondern immer die Balance zu halten, so was kann ja ganz schnell auch kippen, und da steckt schon auch sehr viel Arbeit dann auch drin. Das sind dann manchmal Tage, vielleicht an einem Kapitel, um wirklich winzige Nuancen noch rauszuarbeiten oder Sachen noch rauszuschmeißen, wo man denkt, das ist jetzt was, wo man der Person nicht mehr gerecht wird."

Tatsächlich wird Martin Gülich seinem Dolf die ganze Geschichte hindurch gerecht, seiner schlichten Sprache ebenso wie seinem Denken, ohne dabei der Gefahr zu erliegen, in Trivialität und Kolportage abzurutschen. Und auch Arbeitswelt des Dolf, die Gerichtsmedizin, schildert Gülich - mit sparsamen Mitteln - verblüffend präzise:

"Ich hab den Roman fast ausschließlich in der Uni-Bibliothek in Freiburg geschrieben, auch auf dem Stockwerk, wo die entsprechende Fachliteratur steht, und das sind ganz fürchterliche Bücher, die es da gibt, reich bebildert, mit ganz schrecklichen Bildern, die dann z.T. ganz profane Titelunterschriften haben wie "Weichteildeformation nach Nagetierbefall" oder ähnliches, und hab natürlich einiges an Faktenwissen erst mal aus diesen Büchern. Und für mich stand sehr lange die Frage im Raum, ob ich auch zu ner Obduktion gehen soll, und hab das immer so n bisschen vor mir hergeschoben, weil inzwischen wusste ich doch einiges darüber und eine Obduktion ist einfach eine ziemlich gewalttätige Angelegenheit. Und ich hatte dann einen Gesprächstermin mit dem Professor für Gerichtsmedizin hier in Freiburg und habe das Gespräch zum einen gesucht, weil es noch viele Fragen zu klären gab, die die Bücher für mich nicht geklärt haben, und dann kam eben irgendwann auch die Frage an ihn, ob ich bei ner Obduktion dabei sein könnte, was er kategorisch abgelehnt hat, und ich war in dem Moment irgendwo auch ganz froh, dass mir jemand die Entscheidung abgenommen hat, weil: ich weiß nicht wirklich, ob ich die Bilder, die ich dort gesehen hätte, ob ich die so richtig hätte verarbeiten können, denn das ist schon keine schöne Sache."

In seinen sechs Jahren als freier Autor hat Martin Gülich bereits zweimal den Verlag gewechselt. "Die Umarmung", sein viertes Buch, ist jetzt, bei "Schöffling" in Frankfurt herausgekommen. Mit diesem aufstrebenden Literaturverlag hofft er endlich seinen Heimathafen gefunden zu haben:

"Schöffling und Co., wo ich nun bin, das war für mich immer einer meiner oder sogar DER Wunschverlag, den ich hatte, und drum bin ich nun sehr glücklich, dort gelandet zu sein. Dort geht es für mich einfach auch weiter und es ist ne klare Perspektive für mich bei dem Verlag, und von beiden Seiten der Wunsch, dass das eine lange Zusammenarbeit ist. Und auch das ist etwas, was man sich als Autor wünscht. Also, dass ich nun zweimal den Verlag gewechselt habe, heißt nicht, dass ich das weiter tun möchte, sondern ganz im Gegenteil: ich fühl mich ausgesprochen wohl bei Schöffling und sehe da einfach meine Perspektive und das ist für mich sehr schön, dort gelandet zu sein, wo ich eigentlich immer hin wollte."

Bleibt zu hoffen, dass der Wunsch nach einer gemeinsamen Zukunft in Erfüllung geht und dieser Roman Erfolg hat. Denn Martin Gülich gelingt mit "Die Umarmung" die einfühlsame Studie eines einsamen Menschen mit einfachem Gemüt, der sich am Rand unserer Gesellschaft eingerichtet hat, bis eines Tages eine einzige Umarmung seine Sehnsucht nach Liebe weckt und ihn diese Sehnsucht aus der Bahn wirft. Gülich erzählt, wie ein Mensch, jeden Halt verliert und am Ende zum Gewalttäter wird.

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