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StartseiteBüchermarktDer Büchermörder von Leipzig18.01.2006

Der Büchermörder von Leipzig

Detlef Opitz auf der Suche nach Legende und Fälschung

1813 wird der Schäferssohn, Pfarrer, Familienvater und feurige Prediger Johann Georg Tinius des Mordes an einer Witwe angeklagt. Im Lauf des Indizienprozesses wird ihm noch ein vergangener Raubmord an einem Kaufmann vorgeworfen - als Mittel zur Finanzierung seiner Bücherkäufe. Detlef Opitz rekonstruiert die Ereignisse in seinem Werk "Der Büchermörder". Ihm gelingt nicht nur eine mitreißende Kriminalgeschichte, sondern der abenteuerliche Bericht einer Entdeckungsreise.

Von Dorothea Dieckmann

Opitz hat sich der Wahrheitsfindung verschrieben und zugleich ein Sprachkunstwerk geschaffen. (Stock.XCHNG / joana franca)
Opitz hat sich der Wahrheitsfindung verschrieben und zugleich ein Sprachkunstwerk geschaffen. (Stock.XCHNG / joana franca)

" Paul Boulard war ein Pariser Advokat, der relativ vermögend war, und als er dann in Pension ging, hat er in Paris per Meterstab Bücher gekauft - er war senil, ja, er hat Bücher aus Senilität gekauft - und hat in Paris im Lauf weniger Jahre vier oder drei Speicherhäuser mit Büchern gefüllt, und als er dann starb und die Sache raus kam, brach über mehrere Jahre in Paris der ganze Buchhandel zusammen."

Stundenlang könnte uns Detlef Opitz mit absonderlichen Geschichten über jene illustre Krankheit unterhalten, die ihm selbst nicht unbekannt ist: die Bibliomanie. Das Stöbern und Sammeln, Suchen und Speichern, Wählen und Archivieren ist ein Kennzeichen seiner eigenen, so obsessiven wie verspielten Literatur. Da sind die extravaganten, in entlegenen Nischen edierten frühen Arbeiten des im sächsischen Erzgebirge aufgewachsenen, von der Staatssicherheit als unsicherer Kantonist beäugten und behelligten Schriftstellers. Da ist die durch einen subversiven Briefwechsel mit den DDR-Behörden komplettierte Prosasammlung "Idyll." Und da ist der große Lutherroman "Klio - ein Wirbel um L." - eine phantastische Kompilation von Wahrheit und Dichtung, Legenden und Fälschungen, die 1996 im Steidl Verlag erschien. Kurz darauf wollte der Verleger Opitz zu einem kurzen Text über Goethe animieren, nicht ahnend, dass er einen viel größeren Stein ins Rollen brachte. Denn ein Goethebrief von 1821 animierte Opitz zu einem neuen Roman, über dessen Geburtsstunde wir im zweiten Kapitel informiert werden:

Zu Leipzig wurde schon seit Wochen die Bibliothek eines Magisters Tinius versteigert, zwangsversteigert, wie es hieß, Hofrat Goethe fragte nach den Preisen. Zwangsversteigert!? fragten wir prompt retour und saßen einem solidarischen Déjà-vu auf: - wer war dieser Kerl, Kumpel und Kumpane? [...] Ein nächstliegendes Lexikon half weiter: ‚Räuber und Mörder aus Büchersammelwuth', sächsischer Pfarrer, 1764 bis 1846. - Sammelwuth! Büchersammelwuth!

Kurzum: Es war Liebe auf das erste Wort! [...] Pfaffe, Killer, Bibliomane! Welcher Zutaten noch sollte es für einen glücklichen Roman bedürfen, einen mit mehr oder weniger Goethe zur Garnitur? Also: Wer ist Johann Georg Tinius? Oder war? Oder was?


Dass die Antwort auf diese atemlos gestellte Frage einen fast zehn Jahre langen Atem brauchen würde, ahnte der Verfasser nicht. Er stieß auf einen Kriminalfall, der es in sich hat: Der Schäferssohn und spätere Pfarrer, Familienvater und feurige Prediger Tinius hielt sich 1813 in Leipzig auf, um einen Raum für seine riesige Bibliothek anzumieten. Am selben Tag wurde dort eine Witwe in ihrer Wohnung ermordet. Die Aussagen ihres Mädchens führten zur Verhaftung des Pastors, dem im Lauf des Indizienprozesses noch ein vergangener Raubmord an einem Kaufmann in derselben Stadt vorgeworfen wurde - als Mittel zur Finanzierung seiner Bücherkäufe. Obwohl er seine Umschuld beteuert, wird der Angeklagte nach langen Jahren verurteilt; er verbringt 22 Jahre in Haft und stirbt elf Jahre später als 82-Jähriger. Angesichts einer völlig undurchsichtigen Faktenlage erwies sich die Rekonstruktion der Lebens- und Tatumstände des mutmaßlichen "Büchermörders" als waghalsiges Unterfangen. So entstand nicht nur eine mitreißende Kriminalgeschichte, sondern der abenteuerliche Bericht einer Entdeckungsreise, die Opitz auf verschlungenen Wegen zu aberwitzigen Funden verhalf.

" Ich stand, als ich quasi auf diesen Namen gestoßen bin, vor einer Sammlung von etwa hundertfünfzig Seiten, und mittlerweile ist es ein Bücherregal voll geworden. ... Ich hätte auch ein Buch vollschreiben können nur mit Recherchen, ohne den historischen Teil ... Ich musste mich dann halt begnügen und einschränken; das war vielleicht das Schwerste. Ich hab mal gesagt: Wenn ich die Möglichkeit hätte, 2000 Seiten zu schreiben, wäre ich vor zwei Jahren schon fertig geworden. ... Und dann ist mir aufgefallen, dass es so eine Sucht gibt oder einen Drang gibt, immer mehr zu recherchieren, weil man dann nicht schreiben braucht. Du hast dann Angst vor dem Schreibtisch und diese berühmte Angst vor dem weißen Blatt, und das wird auch ewig nichts und das klappt nicht, also recherchierst du ins 100.000stel und noch weiter. Ich hätte auch noch die nächsten zehn Jahre recherchieren können."

Und doch besteht der Geniestreich dieses Romans eben darin, dass sich Opitz der Wahrheitsfindung verschrieben und zugleich ein originäres Sprachkunstwerk geschaffen hat. Den Zwängen, die ihm die Materialschlacht auferlegte, steht die Sprachlust eines sinnlichen Geschichtenerzählers, verspielten Poeten, gelehrten Wortklaubers und historischen Verwandlungskünstlers gegenüber. Sie schwelgt in allen Tönen, von deftiger Umgangssprache über wortgewaltige Albernheiten bis zu einer köstlich antiquierten Kanzlei- und ornamentalen Barocksprache. So etwa, wenn sich die geschwätzige Hauptzeugin über den Amtsrichter Weidlich mokiert:

... dieses sterbensbleiche Weidlich, das immer in der übelsten Laune brät und immer seinen rußschwarzen Qualster zur Seite ausspuckt und Stinkekraut raucht [...], mit einer Haut, als hätte jemand Wachs über ein Gerippe gegossen und die Kerzen dafür wären zwei Jahre in der Rumpelkammer gelungert, wo es Spinnen hat und Unrath und alte Säcke und immer im Herbst noch das Brennzeug vom letzten Winter liegt, so lange haben sie schon in der Kammer gelegen. [...] Diese dürre Statur, die es öftermalen schon wagte, sie ganz impertinentisch anzufahren [...], mit so einer Grimasse dabei, wie die vom Teufel mit seinen engen Augen, mit zwei kleinen milchkalten Murmeln aus Glas, die so tief in seinem Kopf drinnen steckten, als hätte sie jemand persönlich hineingedrückt.

So verbinden sich leidenschaftliche Forschung und kriminalistischer Spürsinn, Recherchen und Spekulationen, Fakten und Fiktion durch die Einbildungskraft des Sprachkünstlers zu einem hochpoetischen Roman, der sich jedem definierbaren Nutzen verweigert. Wer den spielerischen Ernst der Dichtung genießen will, wird sich mit Freuden in diesem Labyrinth verlaufen. Wer allerdings, unter welchen Vorzeichen auch immer, die Literatur als Transportmittel gesellschaftlich relevanter Aussagen benutzen will, kommt hier nicht auf seine Kosten.

" Seit ich denken kann und über die Begriffe nachdenken kann, gab es immer den Begriff des Engagierten - engagierte Literatur ist politische Literatur zum Beispiel, und "engagiert" ist für mich eher ein feindliches Wort. Wir haben auch schon zu Ostzeiten die engagierten Schriftsteller von den lustvollen unterschieden, von den dekadenten eigentlich, müsste man fast sagen, die sich für die DDR-Verhältnisse auch gar nicht mehr interessiert haben, weil sie zu klein waren und zu lächerlich ... Eine Literatur, die sich engagiert, ist in Anführungsstrichen unfrei - (...) sie kann ja nicht frei fabulieren und sich frei entwickeln. So schroff würde ich das heute nicht mehr trennen, aber ich glaube, dass das bei mir schon übrig geblieben ist, die Lust an dem, was entsteht, die Lust am Text, der eigentlich erst einmal gar nichts besagen will. Also, wenn es wie bei Tinius dann noch dann diese Geschichte noch dazu gibt, dann ist es gut so, aber eigentlich muss der Text frei sein, muss er von dieser Art von Zwängen befreit werden. Das ist die Form der Kunst, wie man es schafft zu informieren und trotzdem nicht dem Gesetz zu gehorchen, zu informieren oder informieren zu müssen."

Der als Büchermörder verurteilte Pfarrer Johann Georg Tinius war ein Freigeist, der durch seine Leidenschaft das Auge des Gesetzes auf sich zog. Die Akribie und Fabulierkunst, mit der sein geistesverwandter Verteidiger Detlef Opitz den skandalösen Fall zweihundert Jahre später aufrollt, beweist einmal mehr die subversive Kraft der Bücher.

Detlef Opitz: "Der Büchermörder"
(Eichborn Verlag, Berlin)

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