• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 13:30 Uhr Zwischentöne
StartseiteInterview"Der Chip im Ball ist nicht unbedingt das Maß aller Dinge"03.07.2010

"Der Chip im Ball ist nicht unbedingt das Maß aller Dinge"

Schiedsrichter: Technische Hilfsmittel nur bedingt einsetzbar

Die Schiedsrichterleistungen stehen auch bei dieser WM wieder in der Kritik. Ex-Schiedsrichter Jürgen Aust meint, dass seine Kollegen durch starre FIFA-Vorgaben verunsichert seien.

Jürgen Aust im Gespräch mit Christoph Heinemann

Das Nicht-Tor von England gegen Deutschland (AP)
Das Nicht-Tor von England gegen Deutschland (AP)

Christoph Heinemann: Tore, die nicht gegeben wurden, Treffer, die eindeutig aus einer Abseitsposition oder mit der Hand erzielt wurden – neben den Hörschäden durch Vuvuzelas und den Enttäuschungen über einige Nationalmannschaften sorgen die Entscheidungen mancher Schiedsrichter bei der FIFA-Fußballweltmeisterschaft für Kopfschütteln. Am Telefon ist Jürgen Aust, ehemaliger Bundesliga- und FIFA-Schiedsrichter, im Zivilberuf Rechtsanwalt. Guten Morgen!

Jürgen Aust: Ja, schönen guten Morgen!

Heinemann: Herr Aust, was ging in Ihnen vor, als das Tor der Engländer, das 2:2, nicht gegeben wurde?

Aust: Ja, es war natürlich am Fernsehen schon überraschend, dass die Schiedsrichter oder auch der Schiedsrichter mit seinen Assistenten diese Situation falsch eingeschätzt hat. Ich denke mal, man war konzentriert woanders. Für den Assistenten war es natürlich schwer zu sehen, denn um das wirklich gut sehen zu können, hätte er auf der Torauslinie stehen müssen. Bei einem Fernschuss orientiert er sich natürlich mehr nach den Verteidigern. Aber generell muss man einfach sagen, die Assistenten sollten so geschult sein, dass sie so einen Lapsus nicht machen.

Heinemann: Sind die Leistungen insgesamt schlechter als bei früheren Turnieren?

Aust: Also wir hatten ja bei der WM 2006 die gleiche Situation, dass in der Vorrunde die Schiedsrichter sehr massiv kritisiert worden sind. Wenn ich jetzt im Nachhinein lese, dass die FIFA Wert drauflegt, wie die Karten gezeigt werden, bedeutet das für mich, dass die Schiedsrichter in einen Bereich reingezwängt werden, der nicht ihren Persönlichkeiten entspricht. Denn wir wissen ja, die Schiedsrichter, die da sind, haben in der Vergangenheit ihre Leistung gebracht, waren ihre Persönlichkeiten, und jetzt wird im Prinzip ein Katalog aufgemacht – für dieses Vergehen muss eine Verwarnung ausgesprochen werden, dafür muss eine Verwarnung ausgesprochen werden. Die Schiedsrichter sind also mehr damit beschäftigt, das umzusetzen, was die FIFA theoretisch vorgibt, und dadurch sind sie verunsichert und bringen nicht die Leistung, die sie sonst in der Lage sind zu erbringen. Und man hat ja gesehen jetzt die Spiele der letzten zwei, drei Tage, dass die Schiedsrichterleistungen ganz anders sind. Das heißt, die Schiedsrichter können jetzt ihre Persönlichkeit, so wie sie es früher gemacht haben, auch zum Ausdruck bringen.

Heinemann: Warum auf einmal?

Aust: Ich denke mal, die FIFA hat gemerkt, dass sie mit diesen Anweisungen der vielen gelben Karten danebengelegen hat, was zur Verunsicherung und auch vor allem zur massiven Kritik geführt hat. Und dadurch könnte es so sein, dass also die FIFA gesagt hat, bitte, Schiedsrichter, leitet eure Spiele so wie in der Vergangenheit, wie ihr es früher gemacht habt, um zur WM zu kommen. Und plötzlich funktioniert es.

Heinemann: Herr Aust, die FIFA denkt offenbar um, sollten Schiedsrichter in Zweifelsfällen Videoaufzeichnungen zurate ziehen oder Stichwort Chip im Ball?

Aust: Also ich denke mal, der Chip im Ball ist nicht unbedingt das Maß aller Dinge, dass mal eine Torentscheidung wie jetzt bei dem Spiel Deutschland–England vorkommt, ist seltener. Anders sieht es natürlich aus, wenn jetzt klare Abseitsentscheidungen vorgelegen haben oder auch Tätlichkeiten und Ähnliches. Ich denke, in der Richtung muss man einfach mit der Zeit gehen, mit der Technik gehen, und da wird die FIFA sich schon Gedanken machen. Einfach der Druck ist jetzt zu groß geworden in den letzten Wochen, dass man einfach sagt, wir gehen darüber hinweg und nehmen die Kritik nicht ernst.

Heinemann: Aber was wären zum Beispiel die deutsch-englischen Beziehungen ohne das Wembleytor? Gehört die Unvollkommenheit der Unparteiischen nicht auch zum Reiz des Spiels?

Aust: Das ist richtig, aber wir können uns einfach nicht verschließen und sagen, wir müssen mit Fehlern leben. Ich kann auch nicht mehr hören, wenn man sagt, ja, wenn ein Spieler den Ball neben das Tor setzt, oder wie gestern Abend bei dem Strafstoß in der letzten Minute der Nachspielzeit kann ich nicht sagen, das ist Pech, und wenn Schiedsrichter Fehler machen, wird es anders gewertet, sondern hier muss man einfach sehen, dass wir versuchen, optimal auch zu dem heutigen Fußballsport zu stehen mit den Möglichkeiten. Aber es muss natürlich klar abgegrenzt sein, wann können wir technische Hilfsmittel in Anspruch nehmen. Wenn wir jetzt heute gesehen haben, dass sehr viele Spieler simulieren – ein Spieler wird in den Rücken angesprungen und er hält sich theatralisch den Kopf –, ich denke, da müssen wir nicht hingehen, dass wir dann sagen, dazu brauchen wir einen Videobeweis, sondern wir müssen ganz klar abstecken, wann kann dieser Videobeweis tatsächlich auch eingeführt werden.

Heinemann: Ottmar Hitzfeld, Nationaltrainer der Schweiz, meint, man sollte nur die besten Schiedsrichter nominieren, ganz unabhängig von ihrer Nationalität.

Aust: Das ist natürlich richtig. Ich meine, mit seiner Aussage hat er schon recht, denn wenn wir sehen, dass in Europa oder Südamerika Fußball gespielt wird vor 60.000, 70.000 Zuschauern und in anderen Bereichen finden Spiele vor 3000, 4000 Zuschauern statt, nicht mit dieser Bedeutung, die wir haben, muss man natürlich schon gucken, dass man nicht jetzt an Proporzgedanken festhält und dann auch Länder berücksichtigt, die also nicht diese Qualifikation mit sich bringen. Da muss ich Ottmar Hitzfeld zustimmen.

Heinemann: Herr Aust, der deutsche Mittelfeldspieler Bastian Schweinsteiger wirft den Argentiniern ein unfaires Spiel vor, das hat er jetzt gesagt. Sollte man so etwas vor einer WM-Begegnung sagen?

Aust: Also ich denke mal, es wird von allen Seiten etwas hereingebracht. Wenn wir bedenken Deutschland–England, was ist im Vorfeld auch reingebracht worden, was ist auch Schiedsrichter Stark bereits vor der Partie in den britischen Zeitungen angegangen oder attackiert worden. Ich denke, das gehört heute dazu, aber das nimmt keiner so richtig ernst.

Heinemann: Nach umstrittenen Entscheidungen sieht man es häufig auf dem Spielfeld, dass Spieler auf die Schiedsrichter einreden, gestikulieren – wirkt so etwas, haben Sie sich zum Beispiel von solchen Reklamationen jemals beeinflussen lassen?

Aust: Also das hat im Prinzip mehr Außenwirkung für das Publikum, damit das Publikum im Prinzip bei der nächsten strittigen Situation gegen den Schiedsrichter angeht. Ein Schiedsrichter selber lässt sich davon nicht beeindrucken, dafür sind sie zu erfahren. Und auch zu meiner Zeit war es so, dass das einfach dazugehörte, dass die Spieler reklamierten, aber es ist dann mehr im Prinzip, um abzulenken, um auch eigene Fehler abzuwenden von dem Fehler, den man gemacht hat, oder von den Mitspielern.

Heinemann: Letzte Frage an den Fußballfreund Jürgen Aust: Mit welchem Ergebnis rechnen Sie heute?

Aust: Also Sie wissen ja, die Schiedsrichter dürfen nicht tippen, aber ich hoffe natürlich, dass die deutsche Mannschaft ein Tor mehr schießt als die Argentinier.

Heinemann: In den "Informationen am Morgen" sprachen wir im Deutschlandfunk mit dem ehemaligen Bundesliga- und FIFA-Schiedsrichter Jürgen Aust. Danke schön für das Gespräch und auf Wiederhören!

Aust: Auf Wiederhören!

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk