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StartseiteComputer und KommunikationDer Computer als Telefonzentrale16.08.2008

Der Computer als Telefonzentrale

Anlagen-Software Asterisk löst althergebrachte Vermittlungstechnik ab

<strong>Das Telefonieren in Datenpaketen des Internets ist kostengünstig und daher attraktiv für Netzbetreiber. Doch nicht nur namhafte Konzerne stellen dazu die nötige Software her, sondern auch unabhängige Programmierer: ihre Alternative "Asterisk" erfreut sich großer Beliebtheit.</strong>

Von Jan Rähm

Eine Stärke der freien Anlagensoftware Asterisk ist ihre große Flexibilität. (Stock.XCHNG / Dan Norder)
Eine Stärke der freien Anlagensoftware Asterisk ist ihre große Flexibilität. (Stock.XCHNG / Dan Norder)

"Ich hatte kein Geld und so baute ich mir meine eigene Webseite und meinen eigenen Computer so wie das jeder macht, der eine eigene Firma gründet. Außerdem brauchte ich eine Telefonanlage und die waren wirklich teuer. So entschied ich mich, mir einfach meine eigene zu bauen."

Sagt Marc Spencer, der Erfinder der freien Telefonanlagensoftware Asterisk. Für seine 1999 gegründete IT-Firma fehlte ihm eine Telefonanlage. Kurzerhand entwickelte er sich eine Softwarelösung. Sie sollte den vollen Funktionsumfang herkömmlicher Anlagen abdecken und obendrein die etablierten Techniken der analogen und der digitalen Telefonie mit der neuen Voice-over-IP-Technologie verbinden. Er traf den Zeitgeist.

"Die Open-Source-Software Asterisk war deutlicher interessanter als alles andere was unsere Firma tat. Und außerdem war da so große Nachfrage nach einer Open-Source-Kommunikationslösung, dass Asterisk schnell erfolgreich wurde."

Einer, der sehr vertraut ist mit der Software, ist Siegfried Langauf, Netzwerkadministrator bei der Stuttgarter Versicherungsgruppe. Sein Verantwortungsbereich: Der Aufbau einer neuen Telekommunikationsinfrastruktur. Seit gut drei Jahren arbeiten er und seine Kollegen an einem System auf Basis von Asterisk. Hersteller anderer IP-basierter Lösungen schieden früh aus:

"Diese Hersteller sind dann alle ausgeschieden, weil wir uns eben nicht festlegen wollten auf einen Hersteller. Aus der Erfahrung heraus, die wir mit unserer alten Anlage hatten, dass eben nach einem gewissen Zeitraum das entsprechende Anlagenmodell und die Endgeräte vom Hersteller nicht mehr unterstützt werden und man quasi gezwungen wird, für sehr viel teures Geld die Infrastruktur komplett auszutauschen."

Asterisk macht schon bei nur zwei Telefonen Sinn. Die wohl größte Installation dürfte bei einem brasilianischen Mobilfunkanbieter im Einsatz sein. Er verwaltet über 120.000 Anschlüsse mit Asterisk. Grundsätzlich kann schon ein halbwegs versierter Nutzer eine Asterisk-Installation aufsetzen. Teure Spezialtechnik ist nicht zwingend von Nöten. Auch ein älterer Linux- oder Windows-PC mit nur wenigen hundert Megahertz Taktfrequenz kann noch gute Dienste als Telefonzentrale leisten.

"Inzwischen ist aus dieser Testinstallation ein System geworden, das innerhalb der gesamten Firmengruppe benutzt wird, um zu telefonieren. Aber nicht nur die gewöhnliche Telefonanlagenfunktionalität, sondern wir haben auch zwei Call-Center, die von dem System bedient werden."

Gut 800 Arbeitsplätze der Versicherungs-Gesellschaft von Siegfried Langauf sind via Asterisk vernetzt. Ganz unproblematisch war die Einführung nicht:

"Da war zum Beispiel Hardware die Probleme gemacht hat. Probleme mit Faxgeräten. Und dann gab's natürlich das übliche Akzeptanzproblem wenn sich irgendwas ändert. Die Anwender haben natürlich neue Telefone auf dem Tisch gehabt, die ein bisschen anders zu bedienen waren als ihre alten Telefone und mussten sich erst mal daran gewöhnen."

Zwar beherrscht Asterisk die gängigen Standards sehr gut. Doch einige ISDN-Funktionen waren beim Systemumstieg nicht ohne Tücke:

"Grundsätzlich gab es mit den Standards keine Probleme. Selbst der Übergang vom klassischen ISDN-Netz ins IP-Telefonie-Netz, der wird von Asterisk prima abgedeckt. Wo es Probleme gab, dass sind die etwas erweiterten Funktionen vom ISDN, also wenn man zum Beispiel an "Rückruf bei Besetzt"denkt."

Am Erfolg der freien Software ist eine ständig wachsende Zahl Entwickler beteiligt. Sie sorgen dafür, dass allgemein gültige, aber auch spezielle Standards schnell Einzug in die Software finden, erklärt Marc Spencer:

"Telefonie ist ein Bereich, in dem viele Anpassungen notwendig sind. Protokolle variieren beispielsweise von Land zu Land. Aber da Asterisk anders als andere Lösungen Open Source ist, können die Anwender leicht Anpassungen vornehmen. Und wir wiederum können diese Anpassungen nehmen, um eine gewaltige Zahl an Anwendungen zu unterstützen. Damit ist Asterisk wahrscheinlich die flexibelste Telefonie-Software auf der Welt."

Asterisk fungiert als Schnittstelle zwischen verschiedenen Welten. Selbst seltene Spezialitäten der Internetkommunikation, etwa Telefonieren über das Chat-Protoll "Jabber", wurden eingebunden. Aber auch einschlägige Internet-Standards wie Enum – die Übersetzung von Telefonnummern in Internetadressen – unterstützt das Kommunikationssystem. Einige Entwickler bemängeln allerdings, Asterisk sei zu sehr auf die Hardware abgestimmt, die Erfinder Spencer mit seiner Firma vertreibt. Die Kritiker lösten den Konflikt aber mit einem in der Open-Source-Welt typischen Schritt: Unter dem Namen CallWeaver spaltete sich ein alternatives Projekt von der eigentlichen Entwicklergemeinschaft ab und arbeitet seither an einer eigenen Asterisk-Version.

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