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StartseiteBüchermarktDer Detektiv, die unzeitgemäße Figur05.08.2008

Der Detektiv, die unzeitgemäße Figur

Christian Böhm: Löwenjagd, Piper, München 2007

Der Kommissar hat den Detektiv aus dem Kriminalroman verdrängt. Christian Böhm lässt in seinem Debüt-Roman die guten alten Zeiten wiederauferstehen: mit einem Detektiv von Sherlock Holmes'schem Schlag. Das Pendant zu Dr. Watson allerdings ist weiblich - ein Tribut an die erotische Spannung.

Von Jochen Rack

Alkohol und Knarre: das klassische Detektiv-Klischee (Stock.XCHNG / Peter Saddington)
Alkohol und Knarre: das klassische Detektiv-Klischee (Stock.XCHNG / Peter Saddington)

Kriminalromane haben seit einiger Zeit Konjunktur. Aber nicht nur die Bücher weltberühmter Autoren wie Henning Mankell werden von einem unterhaltungssüchtigen Publikum verschlungen, sondern auch Krimis von vornehmlich regional bekannten Schriftstellern, deren Geschichten dezidiert in der Provinz spielen. Christian Böhm gehört mit seinem Debüt-Krimi "Löwenjagd" in diese Kategorie: Das oberbayerische Provinzstädtchen Wasserburg am Inn ist in seinem Buch der Schauplatz eines Verbrechens, dessen Hintergründe freilich ganz und gar nicht provinzialistisch sind.

Der Anfang des Krimis ist klassisch: Vor der Tür des Privatdetektivs Jo Watzmann liegt eines Tages mit einem Messer in der Brust eine Leiche. Es ist der Fußballspieler Rudi Pasolini, der im ambitionierten Wasserburger SV als Stürmer spielte und den - wie es das Leben in der Provinz nun einmal will - Watzmann auch noch persönlich kannte; in seiner Jugend hat er schon mit Pasolini gekickt, und nun will er natürlich herausfinden, wer seinen ehemaligen Kumpel umgebracht hat. Das Besondere an Christian Böhms Krimi ist dabei, dass seine Hauptfigur Watzmann kein professioneller Kommissar ist, sondern als Detektiv eigentlich eine unzeitgemäße Figur.

"Es ist tatsächlich so, dass es viel mehr Kommissare gibt als Detektive. Als Detektiv ist vom Fernsehen nur noch der Matula bekannt aus "Fall für zwei", aber im Krimigenre gibt’s seit Philip Marlowe nicht mehr viele, es hat sich alles auf staatliche Institutionen verlagert. Ich selber bin einfach mehr so fürs Private, weniger für den Staat, und als Detektiv ist es so, dass man noch mehr Freiheiten hat. Auch als Schriftsteller, der mit einem Detektiv hantiert, weil wenn ein Mord aufgeklärt wird heutzutage, ist das eine Sache der Techniker, der Spezialisten von der KTO, für Chemiker, Biologen, die nach Hinweisen von der DNA angefangen ermitteln und was das aussagekräftige Beweismittel vor Gericht sein wird. Insofern, wie man sich den Kommissar oder Inspektor noch vorstellt, wie "Derrick" oder "Der Alte", der mit psychologischen Tricks arbeitet und dann immer wieder Leute neu zum Verhör bittet, ich denke, dass das heutzutage nicht mehr der Realität entspricht, und ich bin jetzt auch nicht so im Naturwissenschaftlichen drin, dass ich CSI-mäßig diese Fälle aufklären könnte. Der Detektiv hat nicht die technischen Belange, mit denen er sich rumschlagen muss, und zweitens ist er frei, er hat keinen Chef über sich, keine Untergebenen unter sich. Beim Watzmann kommt ja noch dazu, dass er eigentlich keine Lust hat, Kriminalfälle aufzudecken, er will im Prinzip nur was machen, um seine Kosten zu decken, will seine Ruhe und wird dann durch Zufall in seinen ersten Mord hineinverwickelt."

Als ehemaliger Anglistik-Student sucht Böhms Detektiv Watzmann aus seiner Leidenschaft für Kriminalromane einen Beruf zu machen und wehrt sich damit gleichzeitig gegen die Abwertung des Genres Kriminalroman in der Literaturwissenschaft.

Gelesen habe ich schon immer gerne. Vor allem Kriminalromane. Das Blöde: Als Krimileser genießt der Student bei den Professoren keine Achtung, weil in deren Weltbild Krimis keinen literarischen Wert besitzen und die Herrschaften unterhalb von Thomas Mann sowieso nicht diskutieren. Selbst den Dürrenmatt lassen sie nur ungern gelten. Das ist freilich eine Schande, weil der Schweizer Autor für die Literatur das war, was die Netrebko für die Oper ist – einzigartig. Ich sage nur: Der Richter und sein Henker. Der Verdacht. Die Panne. Das Versprechen – ein Requiem auf den Kriminalroman. Gekonnter hätte es Mozart nicht komponieren können. Von allen Detektiven ist der Kommissar Bärlach einer meiner liebsten. In seiner Menschlichkeit erinnert er an Maigret. Von altem Schrot und Korn, handelt nicht immer nach den Buchstaben des Gesetzes, bevorzugt unkonventionelle Methoden, statt blind auf neumodische Techniken zu vertrauen. Bärlach folgt seiner Nase. Gegen alle Widerstände.

Als dilettierender Detektiv, der seinen literarischen Helden nacheifert, hat Christian Böhms Watzmann von vornherein etwas Don-Quichotte-Haftes. Dass er sich seiner postmodernen Identität aus Genre-Versatzstücken bewusst ist und sich zu seinen Vorbildern selbstironisch in Beziehung setzen kann, macht nicht zuletzt den Charme dieses Krimis aus. Henning Mankell oder der Münchener Krimiautor Friedrich Ani schauen Watzmann bei seinen Ermittlungen immer über die Schulter, aber anders als deren schwermütige Kommissare erfreut Böhms Detektiv den Leser durch ein gutgelauntes Naturell und seinen witzig-sarkastischen Plauderton. Wozu es gut passt, dass ihn seine Freunde spöttisch Sherlock rufen.

"Das ganz große Vorbild von Watzmann ist Sherlock Holmes, also gerade die britische Attitüde, die auch Watzmann gerne selber pflegen würde und es auch tut. Seine Grundmotivation, Detektiv geworden zu sein, ist auch die, dass er sich während seines Studiums sehr intensiv mit Krimis auseinander gesetzt hat und da ist auch mal die Aussage von ihm, was der Mankell kann oder dessen Kommissar, der Wallander, das kann er schon lange, und gerade mit der Motivation, weil er schon sehr viel Krimis gelesen hat, und sich somit auch Fachwissen angeeignet hat, wird er Detektiv. Seine Vorbilder sind da Derrick und Matula, und die Miss Marple."

Wie es sich für einen Ermittler in den Fußstapfen von Arthur Conan Doyle gehört, hat Watzmann einen Dr. Watson an seiner Seite, der in diesem Fall eine Frau ist: Die Lokalradio-Journalistin Kassandra, die ihm bei den Nachforschungen hilft und selber in Gefahr gerät. Nachdem Watzmann - zunächst von der Polizei als Täter verdächtigt und eingesperrt – wieder auf freiem Fuß ist, macht er sich auf die Spur des Mörders. Dabei kommt es ihm zu Pass, dass er gleichzeitig an seine frühere Fußballerkarriere anknüpfen und als Ersatzmann für Pasolini beim Wasserburger SV als Stürmer einspringen kann. Die Fußball-Leidenschaft befördert nicht nur seine vom Übergewicht bedrohte Fitness, sondern auch seine Ermittlungen. Wie der Detektiv mit Kassandras Hilfe herausfindet, hatte das Mordopfer Rudi Pasolini zum zweiten Stürmer der Wasserburger "Löwen", dem rumänischstämmigen Ion Ionesco ein verheimlichtes homosexuelles Verhältnis. Gleichzeitig aber ist Ionesco in die Affäre mit der Frau des Bauunternehmers Stefan Schwarz verstrickt, der nymphomanen Heidi Keller. Gefährliche Liebschaften tauchen als mögliches Tatmotiv auf.

"Eifersucht ist ein klassisches Mordmotiv wie die Erpressung oder die Habgier. Wenn man sich die Kriminalstatistiken anschaut, passiert es in der Familie und bei Freunden, um die neunzig Prozent aller Gewaltverbrechen passieren im erweiterten Familienkreis. Da habe ich mir gedacht, die Eifersucht muss es sein in dem Fall."

Die Polizei hat den Fußballer Ionesco als Mörder im Visier, Watzmann dagegen den Bauunternehmer Schwarz, der – wie er herausfindet - in unsaubere Geschäfte mit rumänischen Leiharbeitern verstrickt ist.

"Es gibt zwei Thematiken, die eine ist Homosexualität in der Provinz, was sicherlich nicht leicht ist, und das andere ist die Ausbeutung von Arbeitern, die hier im Land sind ohne Aufenthaltsgenehmigung, die eingeschleust werden von Schleuserbanden, die für einen Hungerlohn 15 Stunden auf einer Baustelle oder einer Putzkolonne arbeiten, um gewissen Unternehmen ihren Profit zu sichern, und das ist ein weites Feld, das funktioniert über Subunternehmer, das macht es schwierig. Ich hoffe, dass das sozialkritisch rauskommt, aber nicht so, wie es andere Autoren tun, mit erhobener Hand, sondern nebenbei eingestreut, es gibt ja auch eine Szene, da ist der Watzmann auf einer Baustelle, da geriert sich Watzmann als Gewerkschaftsboss und hält da eine flammende Rede, ich versuche, das im Humor zu verpacken."

Ein zweiter Mord am Inhaber einer Leiharbeitsfirma scheint den Verdacht der Polizei gegen Ionseco zu bestätigen, doch in einem Wettlauf mit der Zeit findet Watzmann heraus, dass der Täter eine Frau ist, mit der er auch noch selber im Bett war … - Ein dramatischer Showdown folgt.

"Grundsätzlich habe ich versucht, mit meiner "Löwenjagd" alle Vorgaben, die an einen klassischen Krimi gestellt werden in der Theorie umzusetzen. Das heißt zum ersten ein Mord, dann ein Ermittler, der auch zum Schmunzeln anregen kann, interessante Nebenfiguren und ein guter Schuss Humor. So heißt es zumindest in der Theorie, und Sherlock Holmes hat seinen Dr. Watson dabei, der als sein Biograph offiziell fungiert, und der Leser weiß genau so viel wie die beiden Ermittler im Augenblick. Und bei mir ist es letzten Endes ein klassischer Whodunnit-Krimi, also es passiert der Mord und wird dann 200 Seiten später vom Detektiv aufgeklärt. Ich habe es in der Ich-Perspektive geschrieben, weil ich mir zum einen überlegt habe, dass es relativ neu ist, also es gibt nicht sehr viele, die in der Ich-Perspektive schreiben. Was interessant ist für mich als Autor, auch die inneren Gedankengänge zu transportieren, aber auch letzten Endes es schwer macht, weil es keine weiteren Informationen gegeben werden können über das hinaus, was der Detektiv weiß."

Christian Böhm setzt in seinem fesselnden Debüt-Krimi auf die klassische Wer-wars?-Spannung; die Motive seiner Geschichte hat er plausibel verknüpft und für überraschende Peripetien der Handlung gesorgt. Detektiv Watzmann, der mit seinem ersten Fall auf die Bühne tritt, ist ein überzeugender Charakter, was nicht heißt ohne Widersprüche: Fußball gehört seine Leidenschaft ebenso wie der Operndiva Anna Netrebko, deren Gesang in einsamen Stunden gerne lauscht. Ansonsten schlägt er sich mit Hilfe von Alkohol und Fernsehweisheiten durchs Leben, bricht seine ausufernden Reflexionen regelmäßig mit der Formel "Schwamm drüber" ab und verzehrt – obwohl erklärter Vegetarier – auch schon einmal eine Leberkäs-Semmel, wenn es sich gerade ergibt. Ein sympathischer Held, der mit seiner halb eingestandenen Zuneigung zu der geschwätzigen Kassandra auch in den Fortsetzungsfällen, die Böhm schon konzipiert hat, nicht nur für kriminalistische, sondern auch erotische Spannung sorgen wird.

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