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StartseiteThemen der WocheDer deutsche Papst in Polen27.05.2006

Der deutsche Papst in Polen

Tauben Ohren zu predigen, das gehört seit ewigen Zeiten zum Geschäft der Priester und also auch zum Amt des Papstes. Alle sind begierig auf sein Wort, aber wer hört ihm eigentlich richtig zu? Die öffentliche Meinung eher nicht. Die ist so beschäftigt mit ihrer eigenen Geschwätzigkeit und Verbreitung, dass ein geistliches Wort es nicht leicht hat, verstanden zu werden, zumal, wenn der Papst in fremder Zunge spricht und dann auch noch mit so feiner Stimme, dass es wie ein Säuseln hinter dem Lärm der Welt ist.

Von Hubert Maessen

Papst Benedikt XVI. bei seinem Besuch in Wadowice mit einem Gemälde seines Amtsvorgängers Johannes Paul II. (AP)
Papst Benedikt XVI. bei seinem Besuch in Wadowice mit einem Gemälde seines Amtsvorgängers Johannes Paul II. (AP)

So kommt es leicht, ja man könnte sogar sagen: zwangsläufig zu Missverständnissen. Eines ist gerade zu besichtigen in der medialen und politischen Begleitung der päpstlichen Reise nach Polen. Die bucht man vor allem in Deutschland, aber auch in Polen als ein binationales Ereignis, als ein Kapitel der schwierigen Aussöhnungsgeschichte. Deutscher Papst besucht Polen, besucht Auschwitz, deutscher Papst als Missionar der Versöhnung etcetera. Fast sämtliche Berichte, beinahe jeder Kommentar reflektieren dieses Thema wie selbstverständlich.

Da ist es doch so etwas wie ein Mysterium, dass Benedikt XVI. davon als Begründung und Leitmotiv seiner ersten großen Auslandsreise überhaupt nicht spricht. Eine hoch symbolisch angelegte Reise ins Heimatland seines geliebten Vorgängers, wie der Papst in Warschau sagte. Er besuche wichtige Orte des Lebensweges von Johannes Paul II., des Weges, der ihn auf den Stuhl Petri führte. Es sei aber keine sentimentale Reise, hat der also auch literarisch gebildete Papst mit Nachdruck betont, sie stehe unter dem Leitwort: "Seid fest in Eurem Glauben". Das haben die, die es angeht in Polen, natürlich verstanden. Ihr, das ist nicht nur das Volk, welches in der freien globalen Welt manchen, nicht nur materiellen Versuchungen erliegt, Ihr, die fest zum Glauben stehen sollen, das ist auch explizit die Kirche in Polen selber, das ist der Klerus, der vieles tut, was in Rom gar nicht gut ankommt; man denke nur an den Krach um den zwar katholischen, aber auch rechtsextremen Sender "Radio Marija". Die Reise des Papstes ist also eine Reise nach Polen, zu den Polen und wegen Polen, eine seelsorgerische. Benedikt will mit der Erinnerung an Johannes Paul dessen Kraft wiedererstehen lassen, er will sie auf sich überleiten, er will sie nutzen, um das katholischste Land Europas für die Kirche zu festigen. Denn wenn Polen der Kirche verloren ginge, wäre eine Bastion verloren.

Und was also ist mit Deutschland und Polen? Da geht es bestenfalls um einen Nebenaspekt und um das schon angesprochene Missverständnis außerhalb der Kirche. Der Papst fährt ja nicht als Deutscher nach Polen. Das kann er gar nicht. Er ist das Oberhaupt eines eigenen Staates und vor allem einer weltumspannenden Organisation, in der so gut wie alle Nationen vertreten sind. Die deutsch-polnische Aussöhnung kann nicht ein eigenes Thema des Papstes sein, der anderswo ja auch Benedetto gerufen wird. Er ist das Oberhaupt einer Welt-Kirche, die Botschaft des Glaubens ist seine Sache. Wenn die überall gehört wird, dann ist auch das deutsch-polnische Verhältnis kein Problem. So denkt doch der Papst, wie sollte es denn anders sein. Und es ist kein Zufall, dass er sich in Polen nicht als Deutscher vorstellt und kleinmacht. Übrigens hat dieser Papst in seinem früheren Leben als der Theologe Josef Ratzinger an der versöhnenden Ostpolitik namhaft mitgewirkt, da ist ein persönliches Defizit des Mannes auf dem Stuhl Petri nicht zu beklagen.

Zu beklagen ist der Versuch der schlichten Instrumentalisierung des Papstes, die Verstehen verstellt und das vielleicht sogar soll. Der ultranationale polnische Staatspräsident tat es auf dem Warschauer Flughafen: Er begrüßte den Papst auch wie einen deutschen Abgesandten, bezeichnete Auschwitz als Symbol der Versöhnung beider Völker, als sei der Holocaust eine bilaterale Angelegenheit und der Papst eine Art Berliner Außenminister. Das ist nicht nur ein Fauxpas, das zeugt von einer ähnlichen Ignoranz wie sie Stalin mit seiner berühmten Frage nach den Divisionen des Papstes verewigte. Nein, die Reise nach Polen hat als Ziel die Stärkung der Kirche. Das steht auf dem Programm dieses Papstes. So macht er Politik. Für eine Zukunft, die in Rom länger dauert als Wahlperioden. Der Papst spricht leise. Aber er hat einen langen Atem.

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