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StartseiteZeitzeugen im Gespräch"Der Deutschlandfunk war Rundfunk im Kalten Krieg"25.07.2013

"Der Deutschlandfunk war Rundfunk im Kalten Krieg"

Der Publizist Karl Wilhelm Fricke im Gespräch

Seine Bücher, Rundfunksendungen und Zeitungsberichte über Opposition und Widerstand in der DDR brachten ihm große Beachtung ein. Karl Wilhelm Fricke verkörpert den nüchternen Chronisten im journalistischen Beruf, recherchestark und ideologiefrei.

Die Fragen stellt Rainer Burchardt

Karl Wilhelm Fricke (privat)
Karl Wilhelm Fricke (privat)

Seine vielen Bücher über politische Repression in der sowjetischen Besatzungszone SBZ und späteren DDR sind Standardwerke. Als ebenso profiliert gelten seine unzähligen Rundfunksendungen sowie seine in die Hunderte gehenden Zeitungs- und Zeitschriftenberichte über Opposition und Widerstand im SED-Staat, die er seit den 50er-Jahren verfasste. Wo manche seiner beruflichen Zeitgenossen die Realität der DDR-Diktatur erst nach 1989 entdeckten und darüber berichteten, musste er seine bis dahin erschienenen Werke nicht umschreiben.

In der Tat, Karl Wilhelm Fricke, geboren 1929, verkörpert den nüchternen Chronisten im journalistischen Beruf, recherchestark, ideologiefrei und insofern streng wahrheitsorientiert. Obwohl er zu den mehreren Hundert Entführungsopfern gehört, die vom Ostberliner Ministerium für Staatssicherheit 1955 gewaltsam in die DDR gebracht wurden, schrieb er nach seiner vierjährigen Haft, die er unter anderem in Bautzen verbüßen musste, nie mit Schaum vor dem Mund. In die Versuchung, etwa antikommunistische Gegenpropaganda zu betreiben, kam er nach seiner Haftentlassung nicht. Kurzum, Fricke blieb auch gegenüber seinen SED-Peinigern stets sachlich, fair, und war damit letztendlich erfolgreich. Wieder in Freiheit, setzte er ab den 1960er-Jahren seine journalistische Arbeit im Westen fort, im Mittelpunkt standen dabei immer der SED-Staat und seine Repressionsmechanismen.

Als Leiter der Ost-West-Abteilung und stellvertretender Chefredakteur des Deutschlandfunks fungierte Fricke in beruflichen Führungspositionen des Kölner Informationssenders. In den 1990er-Jahren war er unter anderem Sachverständiger zweier Enquetekommissionen des Bundestages und bekam für seine Aufklärungsarbeit über die SED-Diktatur von der Freien Universität Berlin die Ehrendoktorwürde verliehen. 2010 erhielt er den Hohenschönhausen-Preis des Fördervereins Stiftung Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen. Seinem journalistischen Lebensthema, Widerstand und Opposition, Strafjustiz und Staatssicherheit in der DDR, blieb der 2001 mit dem Bundesverdienstkreuz 1. Klasse Ausgezeichnete jahrzehntelang treu, bis heute. Karl Wilhelm Fricke ist verheiratet und hat zwei Kinder.


Das Schicksal des Vaters

Karl Wilhelm Fricke: Das Schicksal meines Vaters hat mich sehr geprägt.

Karl Wilhelm Fricke und sein Vater, Festnahme in der Schule und Flucht in den Westen.

Rainer Burchardt: Herr Fricke, wenn man Ihre Vita betrachtet, so wie die Quellen sie überliefern, dann ließe sich Ihr Leben vielleicht mit der Schlagzeile zusammenfassen: Die DDR war sein Schicksal!

Fricke: Das ist genau richtig, es erinnert mich an ein Wort von Napoleon, der mal gesagt hat, die Politik ist das Schicksal. Es ist ganz klar, dass die Entwicklung in der sowjetischen Besatzungszone und ab 1949 in der DDR meine Prägung fürs Leben gegeben hat, das ist gar keine Frage!

Burchardt: Welchen Einfluss hat damals das ähnliche Schicksal oder schlimmere Schicksal eigentlich Ihres Vaters, was dann natürlich sehr viel kurzfristiger war, gespielt? Der wurde ja damals – er war auch Journalist oder Publizist – und wurde dann verhaftet und ist ja dann relativ schnell auch gestorben.

Fricke: Ja, er war also eigentlich Volksschullehrer und hat dann nebenher als Schriftsteller gearbeitet, als Fotofachschriftsteller. Er ist dann 1946 von der sowjetischen Geheimpolizei aufgrund einer Denunziation festgenommen worden, ist nach Buchenwald gekommen, in das damalige NKWD-Internierungslager, und hat dort dann bis 1950 ausharren müssen, mit Tausenden anderen, und ist dann im Februar 1950 in das Zuchthaus Waldheim übergeführt. Dort wurden die sogenannten Waldheimer Kriegsverbrecherprozesse vorbereitet, in diesen Verfahren, die also ohne elementare Rechtsgrundsätze durchgepeitscht wurden, in wenigen Monaten sind 3400 Internierte verurteilt worden, unter ihnen eben auch mein Vater, der zwölf Jahre Zuchthaus bekommen hat, nach Kontrollratsgesetz 10, und der verurteilt wurde, weil er, ohne dass das individuell bewiesen wurde, die Kinder im Ungeist des Nationalsozialismus erzogen haben soll. Er ist nach zwei Jahren Haft in Waldheim gestorben, weil ihm rechtzeitige gesundheitliche Hilfe verweigert wurde.

Burchardt: Sie waren 1946 17 Jahre, vielleicht sogar erst 16, als er verhaftet wurde. Wenn dieser Vorwurf eine Rolle gespielt haben soll, wie gerecht haben Sie das eigentlich empfunden?

Fricke: Ich habe zunächst einmal aus meiner damaligen Einstellung heraus schon es für richtig gefunden, dass die sowjetische Besatzungsmacht die Entnazifizierung in ihrer Zone einleitet. Ich hätte allerdings nicht geglaubt, dass man das unter Missachtung aller Rechtsgrundsätze durchzieht. Und ich muss gestehen, dass ich auch mit einem fairen Verfahren gerechnet habe, das dann nicht kam. Mein Vater war ja vier Jahre ohne jede juristische Unterlage interniert, erst die Gerichte der DDR haben das dann nachgeholt, und das allerdings auch in absolut unzureichender Weise. Das heißt, ich wiederhole das noch Mal, unter Missachtung elementarer Rechtsgrundsätze. In dem Prozess gegen meinen Vater war es wie in den anderen auch, es wurde also ungefähr 30 Minuten verhandelt, 30 bis 40 Minuten und das war alles … Es gab keine Verteidigung, es gab keine Öffentlichkeit, nichts.

Burchardt: War das für Sie die Initialzündung für Ihre spätere, ja, man kann ja vielleicht global sagen, antikommunistische Haltung?

Fricke: Absolut, ja, das kann ich ohne Weiteres sagen. Das Schicksal meines Vaters hat mich sehr geprägt. Es kam dann hinzu, dass ich in Konflikt kam auch, schon in jungen Jahren, mit der neuen Ordnung. Ich war ja damals Schüler des Stephaneums an der Oberschule in Aschersleben, ich habe dort '48 mein Abitur gemacht. Ich sollte ursprünglich schon nicht mehr zum Abitur zugelassen werden mit ein paar anderen Klassenkameraden, weil wir uns weigerten, in die FDJ einzutreten, in die Freie Deutsche Jugend. Meine Argumentation war damals, solange ich nicht weiß, dass mein Vater nach Rechtsgrundsätzen verurteilt wird, engagiere ich mich politisch überhaupt nicht.

Burchardt: Haben Sie sich denn als stigmatisiert empfunden, weil Sie in einem angeblich nationalsozialistisch geprägten Haushalt aufgewachsen sind?

Fricke: Eigentlich nicht. Ich bin sehr früh in Konflikt mit meinem Vater aus politischen Gründen geraten. Ich hatte eine Auseinandersetzung, die mich dann jahrelang allerdings auch belastet hat. Gerade am Tage seiner Festnahme 1946 wollte er mich dazu animieren, in die FDJ einzutreten beziehungsweise in den Antifaschistischen Jugendausschuss, den es damals noch gab. Und ich habe das abgelehnt, ich habe gesagt, ich muss mich erst überzeugen, dass hier die antifaschistisch-demokratische Ordnung erklärterweise auch eine solche ist! Und davon war ich eben nicht überzeugt.

Burchardt: Das war aber '46, da gab es ja die DDR noch gar nicht.

Fricke: Da gab es noch nicht die DDR, auch 48 nicht, als ich Abitur gemacht habe. Und ich bin dann im Oktober 1948 aufgrund meiner bruchstückhaften Russischkenntnisse nebenamtliche Lehrkraft für Russisch an derselben Volksschule geworden, an der mein Vater als Lehrer verurteilt wurde. Da sieht man also die merkwürdige politische Gemengelage!

Burchardt: Ist das nicht irgendwo schizophren, Herr Fricke, auf der einen Seite haben Sie eine Position, die antisowjetisch ist, auch wegen der Unrechtsurteile gegen Ihren Vater, auf der anderen Seite lernen und lehren Sie die russische Sprache?

Festnahme in der Schule und Flucht in den Westen

Fricke: Ich habe das nicht so empfunden. Ich sagte mir, das russische Volk oder die Völker Russlands, die müssen genauso wie andere Völker unter der bolschewistischen Diktatur leiden. Und da ich die russische Sprache in den Jahren, in denen ich sie in der Schule gelernt hatte, lieben gelernt habe – ein Gedicht von Puschkin oder Lermontow in der Originalsprache ist was ganz anderes als in der Übersetzung –, hat mir das keine Schwierigkeiten bereitet. Obwohl natürlich die alten Nazis in meinem Heimatort Hoym mich natürlich gefragt haben, wie kannst du hier Russisch unterrichten, wenn die Russen deinen Vater interniert haben! Das gab es schon, aber das war ein Konflikt, mit dem ich leben musste.

Ich bin dann aber nach wenigen Monaten, am 22. Februar 1949, in der Schule während des Unterrichts festgenommen worden von zwei Volkspolizisten, unter dem lächerlichen Vorwand des Verdachts auf Vorbereitung zum Hochverrat. Hintergrund war, eine Kollegin hatte mich denunziert, weil ich eine unbedachte – das gebe ich gerne zu –, unbedachte politische Äußerung getan hatte. Man ist mit damals 19 Jahren, war ich natürlich nicht so abgeklärt, dass man jedes Wort auf die Waage legt. Ich wurde also dann festgenommen, wurde von Hoym im Wagen nach Ballenstedt gebracht, das war die damalige Kreisstadt in derjenigen Zeit, später ist das Quedlinburg geworden, und dort wurde ich eingeliefert in eine Villa, die damals in der Otto-Kiep-Straße besetzt worden war von der K5, das heißt also von der Abteilung K5 der Volkspolizei, der Vorläuferorganisation der Staatssicherheit.

Nun hatte ich aber das Glück, dass der für mich zuständige Kommissar, glaube ich, oder Oberkommissar abwesend war. Wir mussten also warten. Wir heißt also, die zwei Volkspolizisten, die in dem Wachlokal waren, in dem wir untergebracht waren. Und nun kommt das Schicksal dazu: Einer davon war ein früherer HJ-Führer von mir. Und ich musste dann, nachdem wir also dann eine Stunde, anderthalb Stunden gewartet hatten, musste ich mal die Toilette aufsuchen und dann kam dieser ehemalige HJ-Führer, dieser inzwischen Volkspolizist, mit in die Toilette und sagte, in den Toilettenraum, und da sagte ich zu ihm, na, Fred – Fred hieß der, Fred Gerhard –, willst du mich auch noch abhalten? Ja, da hat er gesagt, na gut, da ist der zurückgegangen in den Wachraum. Da das kein Gefängnis war, sondern eine ehemalige Villa, war das noch nicht mit entsprechenden Sicherheitsvorkehrungen bewehrt. Und als ich hier heraustrat, war der Gang zum Ausgang frei.

Burchardt: Den hat er Ihnen frei gemacht?

Fricke: Vielleicht. Vielleicht hat er ihn mir frei gemacht, vielleicht war es auch Nachlässigkeit. Ich weiß es nicht. Ich bin also dann an dem Pförtner vorbei, den gab es damals schon, und bin dann erst in Ballenstedt auf der großen Allee ab in den herzoglichen Park und bin dann über verschlungene Harzwege nicht in meine Heimatstadt Hoym zurückgeflüchtet, sondern in Harzgerode. In Harzgerode lebte ein Patenonkel von mir und eine Tante von mir und die haben mich dann eine Nacht verborgen und am nächsten Tag in aller Frühe, um fünf, bin ich dann nach Benneckenstein, Hohegeiß gelaufen, also Benneckenstein war der Grenzort auf östlicher Seite, und dort bin ich dann im Schutze der Dunkelheit am Abend nach Hohegeiß …

Burchardt: Also, Sie haben das auch selber noch nicht als sehr gefährlich empfunden, über die Grenze zu gehen?

Fricke: Nein, das war ja damals noch …

Burchardt: Das war alles am Anfang.

Fricke: Das war grüne Grenze damals noch. Es gab keinen Stacheldraht, keine Minen, nichts. Das war also relativ risikofrei. Und es hat auch gut und wunderbar geklappt und in Hohegeiß ging ich dann in eine Kneipe, die noch offen hatte, und die haben gesagt, Junge, leg dich erst mal hier aufs Sofa, da kannst du dich ausschlafen, morgen früh reden wir weiter!

Anschreiben gegen das Regime

Fricke: Ich wollte gegen das Regime anschreiben.

Studium in Wilhelmshaven, der Tod des Vaters und die journalistische Berufung des Karl Wilhelm Fricke

Burchardt: Sie waren damals 20 Jahre alt.

Fricke: Richtig, genau.

Burchardt: Keine Zukunft, oder wie war Ihre eigene Befindlichkeit? Eigentlich wussten Sie, hatten Sie Adressen im Westen, wo Sie sagen, ich gehe jetzt zu meinem Onkel, zu einer Tante, zu wem auch immer, und versuche dann zu studieren? Oder haben Sie damals auch schon so empfunden, dass gewisse Rachegefühle Sie getrieben haben?

Fricke: Natürlich war ich nicht frei von Ressentiments, das ist ganz klar. Aber Rache in dem Sinne kann ich eigentlich nicht empfinden, sondern es war eigentlich mehr eine Mischung aus Hass und Verachtung. Denn was man mit meinem Vater getan hatte, das war ja auch das Motiv meiner eigenen Flucht, ich wollte ja nun nicht einem ähnlichen Schicksal entgegengehen wie mein Vater. Und diese Gefahr hätte damals durchaus bestanden, denn damals wurden auch politische Gefangene von der Volkspolizei noch an die sowjetische Geheimpolizei überstellt. Dem wollte ich natürlich entgehen. Und ich wusste natürlich, dass ich im Westen zunächst mal ins Flüchtlingslager zu gehen kannte, ich wusste nicht, wohin sonst, und das habe ich dann auch getan. Ich bin dann zunächst also nach Uelzen-Bohldamm, da war ein großes Flüchtlingslager, das war bekannt, und dort war ich eine Zeit lang, ein paar Wochen. Dann bin ich von dort aus in das Jugendflüchtlingslager Poggenhagen bei Hannover und von dort aus nach Hannover-Kirchrode. Und dort hab ich dann im Flüchtlingslager ungefähr fünf Monate zugebracht und bekam dann dank der Vermittlung eines Professors, Professor Fritz Voigt, der in Wilhelmshaven der neu gegründeten Hochschule für Arbeit, Politik und Wirtschaft eine Professur hatte, ein Stipendium vermittelt des niedersächsischen Kulturministeriums, und ich habe dann schon im Wintersemester 1949/50 in Wilhelmshaven mein Studium begonnen.

Ich wollte damals schon Journalist werden, das ist richtig. In meinem Abiturzeugnis steht – da wurde der Berufswunsch jeweils notiert –, Karl Wilhelm Fricke will Journalist werden. Und das bin ich dann, hoffe ich, auch geworden!

Erste Erfahrungen als Journalist

Burchardt: Wurde dann Ihre schon von Anfang an getroffene Berufswahl oder das Berufsziel Journalist nun auch zusätzlich beschleunigt dadurch, dass Sie sagen, da kann ich jetzt Öffentlichkeit finden und ich kann natürlich das tun, was Sie ja auch getan haben, nämlich öffentlich gegen dieses System Stellung beziehen?

Fricke: Ja. Also, das klingt vielleicht ein bisschen pathetisch, aber mein Ziel war tatsächlich, ein politisches Verständnis des journalistischen Berufs, ich wollte gegen das Regime anschreiben. Und ich habe mich dann auch eigentlich ein ganzes Berufsleben damit beschäftigt. Allerdings unter Berücksichtigung und gewissenhafter Wahrung, behaupte ich jedenfalls von mir, journalistischer Standards. Ich habe also …

Burchardt: In einem Stasi-Papier heißt es ja auch, er schreibt ständig gegen uns und er versucht, die DDR zu denunzieren. Das ist ja ein Zettel, den man sich hinter den Spiegel hängen kann!

Fricke: Ja, das ist richtig, aber es gibt auch ein Gutachten der Hauptverwaltung A im Ministerium für Staatssicherheit, der Aufklärung, in der mir bescheinigt wird, dass meine Beiträge sachlich fundiert wären, das gibt es auch. Ich bin dann ja – ich greife jetzt mal in den Dingen vor – sehr schnell in den journalistischen Beruf hineingekommen, das heißt, ich muss eigentlich noch etwas zwischenschalten: Ganz wichtig war für meine Entwicklung der Tod meines Vaters, der als politischer Gefangener 1952 in Waldheim verstarb. Und ich war da inzwischen schon in Wilhelmshaven, ich kriegte dort die Todesnachricht. Und das hat mich natürlich bestärkt in der Auffassung, nun wirklich zu ergründen, ist das ein zufälliges Schicksal oder ist das systembedingtes Unrecht?

Burchardt: Es gab angeblich eine Krankheitsepidemie in dieser Waldheim…

Fricke: Richtig, im Frühjahr 1952 gab es eine Ruhr- und Grippeepidemie in Waldheim, in deren Verlauf auch mein Vater gestorben ist.

Burchardt: Glauben Sie das?

Fricke: Ja. Also, es gibt eine Todesanzeige, da wurde dann also auch eine toxische Kreislaufstörung diagnostiziert. Und es ist auf der anderen Seite, dass wir auch später Briefe von Mitgefangenen bekommen haben, die uns diese Version bestätigt haben. Ich habe drei Briefe von drei ehemaligen Gefangenen bekommen, die sich über das Schicksal meines Vaters dann brieflich an mich gewandt haben, als sie gemerkt hatten, dass ich inzwischen im Westen war.

Burchardt: Sie sagten jetzt, Sie sind dann Journalist geworden, Sie haben für westliche Medien ja damals geschrieben, wenn man das so sagen darf. Das war Anfang der 50er-Jahre, insgesamt gesehen, in der DDR tat sich damals einiges. '52 war Ihr Vater gestorben, '53 gab es den Volksaufstand in der DDR. War das auch noch ein Brandbeschleuniger für Sie?

Abendroth-Kreis und Visionen

Fricke: Na ja, die ganze Entwicklung in der DDR hat mich ja in meiner Grundauffassung bestätigt. Und ein Regime, das mit den dortigen Mitteln unter Führung von Walter Ulbricht, im engen Kontext mit der sowjetischen Besatzungsmacht so arbeitet, wie sie gearbeitet haben, konnte eigentlich nicht beispielgebend sein. Das hat meine demokratische, antikommunistisch-demokratische Grundhaltung natürlich bestärkt. Ich habe mich dann ernsthaft auch in Wilhelmshaven schon, an der Hochschule für Arbeit, Politik und Wirtschaft – einer meiner Lehrer war übrigens ein alter Trotzkist, Wolfgang Abendroth, ein großartiger Mensch, der auch einen kleinen Kreis Studenten um sich gesammelt hatte, wir haben uns einmal im Monat zusammengesetzt und haben diskutiert, Schriften von Rosa Luxemburg und Leo Trotzki –, und das hat mich alles sehr geprägt und hat natürlich auch meine kritische Einstellung gegenüber der DDR absolut bestärkt und bestätigt.

Burchardt: Haben Sie sich denn in diesem Abendroth-Kreis, wenn ich das Mal so nennen darf, als Außenseiter gefühlt oder als jemand, der von der völlig anderen Position her kam? Oder haben Sie gesagt, ja, wenn die das so machen würden, wie wir hier jetzt sprechen, und gewisse gesellschaftliche Lehren zögen, dann könnte man hier ein neues Deutschland aufbauen?

Fricke: Das Letztere ist sicherlich zutreffend, wobei hinzukommt, dass ich eine große Hochachtung vor der Haltung Wolfgang Abendroths in der nationalsozialistischen Diktatur hatte, er war ja mehrere Jahre auch selbst im Zuchthaus. Und das hat mich natürlich sehr beeindruckt. Andererseits habe ich nie von ihm irgendwelche, sagen wir mal, kritische Aversion oder Distanz kennengelernt, im Gegenteil.

Burchardt: Ihm gegenüber?

Fricke: Ja, ihm, oder auch er mir gegenüber.

Zu Adenauers Westbindung

Fricke: Die Einheit Deutschlands war für Walter Ulbricht nur als sozialistische Einheit vorstellbar.

Pro Adenauers West-Bindung und Deutschlands Lage im Kalten Krieg

Burchardt: Wie ging es dann weiter bei Ihnen? Die 50er-Jahre waren dann ja der Beginn der Adenauer-Ära, es gab eine Wohlstandsentwicklung, das sogenannte Wirtschaftswunder, wahrscheinlich für Sie auch wieder eine Art von Bestätigung, aber auf der anderen Seite, so wie man Sie kennt und auch weiß, was Sie im Leben gelitten haben, war das für sie nicht irgendwie auch traurig, dass sich die beiden deutschen Staaten so wahnsinnig auseinanderentwickelt haben damals?

Fricke: Natürlich. Wobei ich gestehe, dass ich Anhänger Konrad Adenauers damals war. Ich glaubte, seine Politik war in der damaligen Zeit des Kalten Krieges richtig, eine Abgrenzung gegenüber der DDR. Wobei man ja das im Kontext sehen muss zur Politik der SED. Die SED hatte 1952 auf der zweiten Parteikonferenz den Aufbau des Sozialismus in der DDR beschlossen, und das musste natürlich zwangsläufig zur Vertiefung der deutschen Spaltung, der Teilung Deutschlands führen. Und insofern sah ich zunächst einmal in der Politik Konrad Adenauers die richtige Alternative.

Burchardt: Wobei die ja durchaus umstritten war, dieser Weg in die West-Bindung, wie es damals hieß, zum einen. Dann hatten wir später auf europäischer Ebene die Hallstein-Doktrin, die natürlich auch eine strikte Abgrenzung und auch das Werben auf internationaler Ebene gegen die DDR gewesen ist. Hätten Sie da nicht auch mal sagen können, halt, stopp, Leute, wir wollen ja irgendwann mal wieder zusammenkommen?

Fricke: Sie haben völlig recht. Aber ich glaubte eben, dass man das eines Tages durch Wandel in Moskau überwinden kann, und dass die DDR …

Burchardt: Damals schon?

Fricke: Ja, das war schon doch meine damalige … Ich kann das übrigens belegen, in meinen Büchern habe ich das damals dann auch geschrieben, später. Das war schon meine Überzeugung, dass es aber nur durch die West-Bindung eines Tages möglich sein wird, die Teilung zu überwinden. Das Umgekehrte hatte ja die SED im Verein mit der KPD, die ja erst 1956 verboten wurde, auf ihre Fahnen geheftet, den Sozialismus in ganz Deutschland und dann die Wiedervereinigung. Das heißt, die Einheit Deutschlands war für Walter Ulbricht nur als sozialistische Einheit vorstellbar. Und das war für mich natürlich, na ja, ganz klar eine Haltung, die ich mit meinen bescheidenen Mitteln bekämpfen wollte.

Als Journalist in Westberlin

Fricke: Und in dieser Wohnung wurde mir ein Betäubungsmittel verabreicht, und zwar in einem kleinen Cognac. Und das war mein Verhängnis.

Als Journalist in der Frontstadt Westberlin, Entführung durch die Staatssicherheit und vier Jahre Haft

Burchardt: Sie sind dann ja als Journalist auch nach Berlin gegangen, Sie haben dort unter anderem auch für den "Tagesspiegel" geschrieben und haben Kontakt bekommen zu einem Ehepaar, dem Sie sehr vertraut haben und die sich dann als Stasi-Spione beziehungsweise als Mitarbeiter der Staatssicherheit entpuppt haben und Sie dann entführt haben. Können Sie das mal schildern, wie entwickelt man das eigentlich? Waren Sie da naiv oder was war das?

Fricke: Also, zunächst einmal darf ich ganz kurz sagen, ich hatte in Wilhelmshaven das Vergnügen und die Ehre, Erik Reger kennenzulernen. Und Erik Reger sagte in seinem Leichtsinn, wenn Sie mal nach Berlin kommen, Sie wollen ja Journalist werden, dann melden Sie sich doch mal bei mir. Und das tat ich, nachdem ich nach dem Tod meines Vaters von Wilhelmshaven nach Berlin übergesiedelt war. Und so ergab sich der erste Kontakt zum "Tagesspiegel". Damals war ja Erik Reger Herausgeber und Chefredakteur des "Tagesspiegel", ein großartiger Mann, der leider schon sehr früh, '54 im Herbst, gestorben ist. Und es kam hinzu, dass ich Kontakt hatte zur "Deutschen Rundschau" unter Leitung von Rudolf Pechel. Und Rudolf Pechel war auch für mich insofern wieder ein Vorbild, antinationalsozialistisch eingestellt in der Zeit des Dritten Reiches, auch im Konzentrationslager, aber konservativ. Und das war für mich, wenn Sie so wollen, die Mischung, die mich damals fasziniert hat.

Burchardt: Wir waren jetzt gerade schon dabei, wie es gelaufen ist, dass Sie dann von Westberlin aus entführt wurden. Haben Sie jemals damit gerechnet? Ich meine, Westberlin war nun damals ja wirklich Frontstadt, dass das ein heißes Pflaster ist, das wussten Sie doch wahrscheinlich?

Fricke: Natürlich wusste ich, dass Berlin damals im Kalten Krieg ein Zentrum der West-Ost-Auseinandersetzung war. Und ich hatte ja auch selbst erlebt als Zeitzeuge, dass die ersten Entführungen durchgeführt wurden, zum Beispiel Walter Linse, der Rechtsanwalt, oder Otto John wahrscheinlich. Das muss man alles berücksichtigen. Und es kam hinzu, dass ich mich natürlich nicht für so bedeutsam … Das klingt jetzt ein bisschen wie aufgesetzte Bescheidenheit, aber ich habe mich wirklich nicht als so bedeutsam empfunden, dass ich Gegenstand einer Operation der Staatssicherheit werden könnte.

Burchardt: Aber hat Sie dann die DDR-Behördenschaft als zu bedeutsam eingeschätzt?

Fricke: Ja, mit Sicherheit.

Burchardt: Denn für die waren Sie ja schon wer.

Fricke: Mit Sicherheit. Ich habe mich allerdings in meiner journalistischen Arbeit natürlich auf die DDR spezialisiert, und speziell natürlich auch auf die politische Strafjustiz und auf die Staatssicherheit als Hauptinstrument der politischen Verfolgung. Das war schon mein Kernthema. Und das hat auch in Ostberlin natürlich zu einer gewissen Aufmerksamkeit geführt, das konnte ich sogar daran ablesen, dass gelegentlich auch in der Ostpresse zitiert oder angegriffen wurde. Aber es kommt hinzu, dass ich in der Tat auch arglos war, weil ich eben glaubte, dass ich gar nicht so interessant sein könnte, und umgekehrt hat mich die Staatssicherheit maßlos überschätzt.

Das geht also dann aus der späteren Einsicht in meine Stasi-Akten eindeutig hervor. Man hielt mich für eine Art Residenten, wie man das nennt, mit Kontakten zu Geheimdiensten, sogar als jemanden, der in der DDR Kontakte hat. Und die glaubten auch, meine Artikel über die DDR würden auf illegal beschafften Informationen beruhen. Das war nicht der Fall. Heute könnte ich es ja sagen, aber es war wirklich nicht der Fall. Ich hatte auch aus Furcht, dass ich die möglichen Informanten dadurch gefährden würde, gar kein Interesse daran, Informanten im Osten zu haben.

Burchardt: Wie haben Sie denn dieses Ehepaar kennengelernt, waren die auf Sie zugegangen oder haben Sie zu denen Kontakt gesucht?

Freunde, die sich als Spitzel entpuppten

Fricke: Nein, das Ehepaar war eine gemeinsame Bekanntschaft eines ehemaligen Kommunisten, Erich Wollenberg, der in der Weimarer Republik in der KPD eine Rolle gespielt hatte und dann 1933 in die Sowjetunion emigrierte, dann allerdings in Konflikt kam mit der Stalinschen KPdSU und der dann geflüchtet ist und dann später über Frankreich und Marokko wieder nach Deutschland zurückgekommen ist, den lernte ich kennen in Bonn auf einer politischen Veranstaltung. Und der kam dann auf mich zu und sagte, ich möchte dich mal kennenlernen. Und durch die Bekanntschaft, die dann auch fortdauerte, als er nach Hamburg übersiedelte, wo ich dann später auch gewohnt habe, dann ausgebaut wurde.

Burchardt: Trotzdem, der hat Sie vermittelt?

Fricke: Nein, nicht vermittelt. Ich lernte dadurch jemanden kennen, der dieses Ehepaar auch kannte. Und durch ihn …

Burchardt: Sie waren arglos?

Fricke: Absolut. Sie waren mir bekannt geworden als ein Flüchtlingsehepaar aus Potsdam. Tatsächlich haben sie auch in Potsdam gelebt. Und das Interessante war für mich, mein späterer Mitentführer war ehemaliger Kommunist in Hamburg und war in der Sowjetunion selbst verurteilt. Das heißt, er war in der Sowjetunion auch verhaftet und 1940, im Zuge der damaligen Verständigungspolitik Stalin-Hitler, war er zusammen mit Grete Buber-Neumann und anderen deutschen Kommunisten von den Russen an die Gestapo ausgeliefert. War dann bis '45 im Konzentrationslager Sachsenhausen und ein solcher Mann war für mich natürlich als Zeitzeuge interessant. Ich habe ihm absolut vertraut und er hat natürlich auch alles getan, um dieses Vertrauen auch wirklich zu verfestigen und zu entwickeln.

Burchardt: Wie lief Ihre Entführung ab, vielleicht können Sie das kurz schildern?

Fricke: Ich hatte von diesem – Kurt Rittwagen hieß der, der zusammen mit seiner Frau Anne-Maria in sogenannter geheimer Mitarbeit, sagte die damals, die Staatssicherheit, in Westberlin eingesetzt war. Er hatte mich gelegentlich mit Literatur aus Ostberlin versorgt, angeblich über eine Cousine, in Wirklichkeit hatte ihm die Staatssicherheit das geliefert. Und an dem Tag meiner Entführung, am 1. April 1955, hatten wir uns verabredet. Ich sollte mir aus seiner Wohnung ein Buch abholen. Das habe ich dann auch getan, das heißt, wir haben uns auf einem Postamt in Berlin, in Hohenschönhausen, im zentralen Untersuchungsgefängnis Berlin-Hohenschönhausen der Staatssicherheit, und dorthin war ich, wie ich später aus den Akten gesehen habe, ich habe das dann auch in meinem Buch "Akteneinsicht" genau dokumentiert – ich sage das deshalb, nicht, weil ich Reklame machen will, sondern um zu sagen, das ist wirklich alles dokumentiert durch Akten in der Staatssicherheit –, dort wurde mir dann klar, dass ich entführt worden bin. Ich wurde über die Sektorengrenze in einem Schlafsack transportiert in einem ganz normalen Caravan.

Entführung und Gefängnis

Burchardt: Gab es damals schon politische Interventionen des Westens oder war das überhaupt nicht bekannt geworden?

Fricke: Bekannt war es natürlich, der Verdacht war von vorneherein gegeben, weil die Indizien auch darauf schließen ließen, dass mein Verschwinden nur auf eine Entführung zurückzuführen sein konnte. Aber es gab noch keinerlei Kontakte zwischen den beiden Regierungen damals, es ist ja dann erst später in den 70er-Jahren unter Willy Brandt eingeleitet, so was gab es alles nicht.

Burchardt: Wir müssen aus Zeitgründen ein bisschen straffen, Herr Fricke. Sie haben dann vier Jahre in Bautzen 2 abgesessen. Was hat diese Zeit für Sie bedeutet?

Fricke: Ja, also, das war zunächst einmal 15 Monate in Hohenschönhausen in Untersuchungshaft. Und die Staatssicherheit versuchte vergeblich, mir nachzuweisen, dass ich illegale Kontakte gehabt hätte. Das gelang nicht, trotzdem wurde ich natürlich nicht entlassen, das ist ganz klar. Aber ich hatte das große Glück im Unglück, dass ich in eine Phase des politischen Tauwetters geriet. Das heißt, also, inzwischen hatte die SED entsprechend den Veränderungen in Moskau, Anti-Stalin-Rede von Chruschtschow, die Festigung der sozialistischen Gesetzlichkeit auf ihre Fahnen geheftet und man konnte mich nicht mehr so ohne Weiteres verurteilen. Aber man konnte mich auch nicht laufen lassen. Deshalb verzögerte sich das Verfahren gegen mich und schließlich wurde ich dann angeklagt vor dem Ersten Strafsenat des Obersten Gerichts der DDR. Mit dem Ergebnis, dass ich wegen Verbrechens nach Artikel sechs der Verfassung der DDR zu vier Jahren Zuchthaus unter Anrechnung der Untersuchungshaft verurteilt wurde.

Burchardt: Und das haben Sie dann auch voll erfüllen müssen.

Fricke: Die habe ich dann erst in Brandenburg-Görden und dann später in Bautzen 2, einer Sonderhaftanstalt der Staatssicherheit, verbüßt bis zum letzten Tag.

Burchardt: Und als Sie entlassen wurden, haben Sie gesagt, so, und jetzt mache ich da weiter, wo ich aufgehört habe?

Fricke: Ja und nein. Ich kam aus der Haft mit der festen Überzeugung, noch viel stärker mit journalistischen Mitteln, aber ohne Agitation, ohne Ressentiment zu arbeiten. Und das beste Kompliment, das mir ein Kollege vom Westdeutschen Rundfunk mal gemacht hat, das war dieses, er sah auf einem Buchumschlag von mir einen Kurzlebenslauf und dann sagte er, was, Sie waren in politischer Haft? Das hat man ja Ihrer Arbeit ja nicht angemerkt! – Ich sage, lieber Herr Kollege, das ist das beste Kompliment, das Sie mir machen konnten!

Burchardt: Wie war es denn damals, selbst wenn die Untersuchungshaft angerechnet wurde, im Zuchthaus Bautzen? Haben Sie sich dort menschlich behandelt gefühlt?

Fricke: Ich bin also nicht misshandelt worden. Ich bin ja nicht in dem eigentlichen Zuchthaus Bautzen, dem Gelben Elend gewesen, sondern in einer Sonderhaftanstalt unter Kuratel der Staatssicherheit, Bautzen 2. Und dort bin ich übrigens auch wie in der Untersuchungshaft schon ständig in Einzelhaft gewesen. Das war für mich ja eigentlich die bedrückendste Erfahrung meiner Haft, wobei ich allerdings sagen muss, ich habe dann Papier und Bleistift bekommen, Bücher und Zeitungen, aber Einzelhaft war schon ein sehr hartes Los. Ich bin dann fristgerecht entlassen, am 31. März 1959, und habe dann meine journalistische Arbeit begonnen, erst freiberuflich, und kriegte dann 1970 das Angebot, zum Deutschlandfunk zu kommen. Der damalige Intendant Franz Thedieck kannte mich aus meiner Arbeit als Journalist und Zusammenarbeit mit Henning Frank, hat dann sich an mich gewandt und gefragt, ob ich nicht Lust hätte, zum Deutschlandfunk zu gehen. Und wir haben dann, Frank und ich, gemeinsam die Ost-West-Redaktion aufgebaut, die dann 1976 in eine Abteilung umgewandelt wurde. Und ich habe hier meine absolute berufliche und politische Befriedigung erfahren, es war eine glückliche Zeit, die ich beim Deutschlandfunk zugebracht habe.

Beim Deutschlandfunk während des Kalten Kriegs

Fricke: Der Deutschlandfunk war Rundfunk im Kalten Krieg, aber er hat keinen Kalten Krieg im Rundfunk gemacht.

Fricke als Leiter der Ost-West-Abteilung im Deutschlandfunk, Gedanken zur deutschen Einheit, und vom Sinn der Einsicht in Stasi-Akten

Burchardt: Gab es so etwas wie ein latentes Misstrauen auch Ihnen gegenüber, weil Sie vielleicht als jemand, der ja nun wirklich auch sehr viel erlitten hat, in der Haftzeit, dass Sie da vielleicht auch geprägt sein könnten und mangelnde Fairness möglicherweise vorherrschen könnte?

Fricke: Nein, das habe ich nicht empfunden, habe ich auch nicht wahrnehmen müssen. Im Gegenteil, ich bin eigentlich kollegial auch von den Kollegen behandelt worden. Natürlich wurde ich eine Zeit lang auch mal als Kalter Krieger verunglimpft, aber damit konnte ich leben und ich habe mich auch nie so empfunden und auch nie so verhalten. Und auf der anderen Seite, die Bestätigung, die wir durch die Hörer erfahren haben, war ja das beste Zeugnis, das wir ausgestellt bekommen konnten.

Burchardt: Sie waren ja im Grunde genommen auch – man kann das ja auch sagen –, der Deutschlandfunk war ja auch so etwas wie ein Instrument des Kalten Krieges damals, hinarbeitend auf eine Vereinigung oder Wiedervereinigung. Haben Sie sich hier genau richtig gefühlt?

Fricke: Absolut, absolut. Ich muss Ihnen im Übrigen ein wenig widersprechen: Der Deutschlandfunk war Rundfunk im Kalten Krieg, aber er hat keinen Kalten Krieg im Rundfunk gemacht. Sondern wir haben auch damals schon uns als Informationssender verstanden, und das war viel wirksamer, um das Meinungs- und Nachrichtenmonopol der SED in der DDR zu unterlaufen, als wenn wir Gegenpropaganda gemacht hätten.

Burchardt: Und Sie wussten auch, dass die Bürger der DDR sehr oft Deutschlandfunk gehört haben, um überhaupt zu erfahren, was auf der Welt passiert.

Fricke: Richtig. Herr Burchardt, ich werde heute noch manchmal angesprochen, wenn ich zum Beispiel in Leipzig oder in Dresden bin, ja, wir haben damals Ihre Sendungen gehört, Ihre und andere natürlich, Günter Lincke vom Berliner Studio, ganz klar, Harald Kleinschmidt, aber auch meine Wenigkeit. Das verleiht mir natürlich schon gewisse Genugtuung und eine Bestätigung für die Richtigkeit unserer Arbeit.

Burchardt: Wobei es für Sie dann nachträglich vielleicht auch noch so etwas wie ein Schock war, als Sie feststellen mussten nach der Einheit, dass hier auch in diesem Sender Leute saßen, auch in entscheidenden Positionen, die als IMs enttarnt wurden. Was ist da durch Ihren Kopf gegangen?

Fricke: Ja, also, das mag ja vielleicht ein bisschen arrogant klingen, aber ich habe immer damit gerechnet. Denn dass der Deutschland Gegenstand operativer Maßnahmen der Staatssicherheit sein musste, das war so klar wie Kloßbrühe, wie man in Berlin sagt. Denn er war ja ein Zentrum der politisch-ideologischen Diversion, wie die Staatssicherheit ihn verstand. Und eben weil er Informationssender war, der seine Hörerschaft in der DDR hatte – auch in der DDR natürlich –, und das war natürlich sehr viel gefährlicher als Gegenpropaganda im Stil des damaligen Deutschland-Senders.

Aufarbeitung der SED-Diktatur

Burchardt: Ein Wort vielleicht von Ihnen noch zur Arbeit der ehemals Gauck-, später Birthler- und jetzt Jahn-Behörde, also Aufklärungsbehörde, Aufarbeitung DDR-Unrecht, Stasi-Mitarbeit, wie beurteilen Sie die Arbeit dieser Behörde und ist sie möglicherweise langsam überflüssig geworden?

Fricke: Also, die Tatsache, dass noch immer neue Enthüllungen möglich sind, würde eigentlich die letzte Frage noch zunächst einmal negativ beantworten lassen. Andererseits halte ich die Arbeit, die dort geleistet wird, für wichtig, es ist also historische und politische Aufarbeitung, und meine eigenen Akten einzusehen, das war für mich schon ganz wichtig, denn vieles ist mir erst danach klar geworden. Ich habe also zum Beispiel angenommen, dass meine Entführung auf einer operativen Zufallsentscheidung beruhte, in Wirklichkeit war sie monatelang planmäßig vorbereitet.

Das konnte ich nicht ahnen, aber das habe ich dann aus den Akten belegt gefunden. Und das war schon als subjektive Erfahrung typisch für die Erfahrung vieler ehemaliger Verfolgter, die heute in der sogenannten Jahn-Behörde ihre Akten einsehen können. Ich hatte ein sehr gutes Verhältnis zu Joachim Gauck, den ich schon früher kannte, wir haben ja ein paar Interviews auch hier im Deutschlandfunk gemacht mit ihm, und dann natürlich auch mit Marianne Birthler, und Roland Jahn ist nun eine andere Generation, da ist der Kontakt nicht mehr so eng, aber ich halte sie nach wie vor für wichtig und für notwendig.

Die Zeit nach der DDR und die deutsche Einigung

Burchardt: Zurück zum Mauerfall, war das für Sie dann sozusagen auch der Einschnitt nach dem Motto "mission fulfilled", die Einheit ist da? Und dann auch Ihre Beurteilung, wie jetzt die Einheit in den vergangenen 20 Jahren gemanagt wurde von politischer Seite, wie beurteilen Sie das?

Fricke: Also, zunächst einmal hat mich natürlich die Einheit mit tiefer politischer Genugtuung erfüllt. Das können Sie sich vorstellen, nach meinem Schicksal. Und das, ich bin auch heute noch absolut Befürworter dieser Politik. Ob alles im Prozess der deutschen Einheit dann so gelaufen ist, wie wir das uns gewünscht hatten und wie sich das auch manche Hörer oder Menschen in der DDR vorgestellt haben, ist eine andere Frage. Es ist auch manches, es hat viele Fehler gegeben natürlich auch, das muss man einräumen. Aber im Großen und Ganzen ist es eigentlich doch ganz gut gelungen und wahrscheinlich war der Erwartungshorizont auch zu weit gespannt, sodass also manche Enttäuschung eingetreten ist, weil die Erwartungen so hoch sind. Man muss ja auch berücksichtigen, wohin die DDR inzwischen gedriftet war in den 40 Jahren ihrer Existenz.

Burchardt: Wir haben das Gespräch begonnen mit einer Schlagzeile, "Lebensschicksal DDR", um Sie persönlich anzusprechen. Würde es genauer vielleicht heute heißen, "Lebensschicksal Einheit"?

Fricke: Na ja, ich möchte nicht zu ambitioniert sein. Aber ich habe natürlich mich schon auch einzubringen versucht in den Prozess der Einheit, ich war Mitglied der beiden Enquetekommissionen des Deutschen Bundestages zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, das hat mir eine große politische Befriedigung verliehen und ich konnte dazu einen bescheidenen Beitrag leisten. Und das hat mich also doch … Auch heute bin ich ja noch etwas publizistisch tätig, dieses Gespräch beweist es.

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