Interview / Archiv /

 

"Der dritte Platz müsste doch drin sein"

Ex-Nationalspieler Littbarski stärkt Löw den Rücken

Pierre Littbarski im Gespräch mit Dirk Müller

Der ehemalige Nationalspieler Pierre Littbarski
Der ehemalige Nationalspieler Pierre Littbarski (AP)

Deutschland habe gegen "eine absolut herausragende Mannschaft" im Halbfinale verloren, sagt Pierre Littbarski. Zur Diskussion um den Trainerposten erklärte der Fußballweltmeister von 1990, es gebe keinen Besseren als Joachim Löw.

Dirk Müller: Die Niederlage war deutlich, wenn auch nicht hoch: 0:1 gegen Spanien. Das Aus im WM-Halbfinale wie auch schon 2006. Dabei hatte das deutsche Team so eindrucksvoll England und Argentinien bezwungen. – Darüber sprechen wollen wir nun mit dem früheren Nationalspieler Pierre Littbarski, Fußball-Weltmeister von 1990, jetzt Co-Trainer beim VFL Wolfsburg. Guten Morgen!

Pierre Littbarski: Guten Morgen!

Müller: Herr Littbarski, warum hat es diesmal nicht geklappt?

Littbarski: Weil wir fünf Spiele auf absolut großem, großartigem Niveau gespielt haben und es gestern nicht geschafft haben, das weiterzuführen. Wir sind erstarrt in Ehrfurcht vor den Spaniern.

Müller: Wie kann das sein, wenn man England und Argentinien vorher bezwungen hat?

Littbarski: Wir sollten nicht England und Argentinien mit Spanien gleichsetzen. Spanien ist eine absolut herausragende Mannschaft, die taktisch auch viel kompakter, viel besser spielt als zum Beispiel die Argentinier.

Müller: Das hört sich so an, als hatten wir ohnehin keine Chance?

Littbarski: Absolut nicht! Wir haben einfach durch den Ausfall von Müller ein taktisches Problem gehabt. Wir hatten niemand, der hinter die Abwehr gelaufen ist, gefährlich werden konnte. Es war zu eng im Mittelfeld und da waren die Spanier uns überlegen. Wir konnten unsere Schnelligkeit, unsere Passschnelligkeit nicht ausspielen.

Müller: Die Passgenauigkeit hat ja vorher immer funktioniert. Warum hat das nicht gegen Spanien funktioniert?

Littbarski: Ja, es sind halt nur Menschen und natürlich spielen die Nerven auch eine Rolle. Wenn man zu viel Respekt hat, hat man auch schwere Beine, man passt nicht mehr so locker, wie vielleicht in den Spielen davor, wo wir auch einen guten Start hatten mit einem schnellen Tor. Das gibt natürlich dann auch den Schub, den man braucht für solche Spiele.

Müller: Haben die Spanier den Fußball gezeigt, den Deutschland noch entwickeln muss?

Littbarski: Nein. Ich glaube, wir haben unseren eigenen Fußball entwickelt, den ich für sehr gut halte. Die Spanier haben eine andere Ausbildung, sie spielen sehr viel kleine, kurze Pässe mit zwei Kontakten. Wir sind eine Mannschaft, die ihren Stil mit gutem, schnellem Spiel nach vorne, teilweise sehr, fast perfektem Konterspiel entwickelt hat, und ich glaube, wir haben das neue deutsche Spielsystem gefunden.

Müller: Waren viele Spieler einfach zu jung für diese große Herausforderung?

Littbarski: Nein, glaube ich nicht. Sie waren nicht zu jung, um England im wahrsten Sinne des Wortes wegzuputzen, oder auch die starken Argentinier. Aber natürlich wird dieses Spiel für die Zukunft sehr wichtig sein, weil man natürlich da sich viel rausholen kann, auch wenn es jetzt frustrierend ist, aber beim nächsten Mal wird man die Sache besser anpacken.

Müller: Sie haben, Pierre Littbarski, ja auch schon harte Niederlagen ertragen müssen: 1982 im Finale verloren, 1986 im Finale verloren, 1990 gegen Argentinien dann 1:0 gewonnen. Wie geht man als Spieler mit einer solchen Niederlage um?

Littbarski: Ja. Durch die zwei Niederlagen zweifelt man natürlich am eigenen Selbstvertrauen. Besonders 1982 war für mich sehr hart, weil ich noch sehr jung war. Man braucht wirklich ein, zwei Wochen, um das zu verarbeiten, denn mit einem Schlag ist das Turnier zu Ende. Die Jungs haben sich vermutlich auf das Finale eingestellt und man wacht jetzt auf aus einem Traum. Das dauert eine Weile, um das zu verarbeiten, und dann muss man wieder vorwärts schauen.

Müller: Machen Niederlagen stark?

Littbarski: Auf alle Fälle! Fußballer – und das sagt man besonders für junge Spieler – Erfahrung kann man nicht kaufen, Erfahrung muss man bekommen, Stück für Stück, und ich glaube, dass diese Spieler die Qualität haben, um 2014 dann den Pokal nach Deutschland zu holen.

Müller: Das heißt, dieses Team ist auf dem richtigen Weg?

Littbarski: Sie sind auf dem richtigen Weg und ich glaube auch, dass sie uns Deutschen sehr viel Freude vermittelt haben. Wir haben wieder – schon 2006 hat es angefangen und 2010 wurde das weitergeführt – einen Riesen Stellenwert auch als Land bekommen, und ich glaube, die Jungs können sehr stolz sein auf sich.

Müller: Herr Littbarski, brauchen wir mit Blick auf 2014 einen Trainer namens Jogi Löw?

Littbarski: Na, aber hundertprozentig! Ich glaube, das Team muss so zusammen bleiben. Die haben vier Jahre hervorragende Arbeit geleistet und jetzt geht es darum – und Löw hat das ja auch gesagt -, nach der WM spricht man dann über Verträge, und ich glaube nicht, dass es einen besseren gibt.

Müller: Das Team braucht also demnach keinen Matthias Sammer?

Littbarski: Matthias Sammer hat eine absolut wichtige Funktion im Fußballverband und auch da gibt es keinen besseren und man sollte alt Bewährtes beibehalten.

Müller: Reden wir noch einmal über die Fußball-Weltmeisterschaft 1990. Da gibt es den viel zitierten Satz: "Deutscher Meister bist du nur ein Jahr, Weltmeister bleibst du immer." Sind Sie immer noch Weltmeister?

Littbarski: Für die Leute ja, für mich persönlich nicht, weil das Leben weitergeht. Aber es sind wunderbare Erinnerungen und na ja, es ist halt nicht immer ganz so einfach, Weltmeister zu werden. Also es ist schon eine schöne Sache, aber ich glaube, die Spitzenleute, die ruhen sich nicht aus auf den Lorbeeren.

Müller: Dann gucken wir noch mal auf das Turnier, auf den kommenden Samstag, auf den kommenden Sonntag. Erstens Deutschland-Uruguay. Werden wir das packen?

Littbarski: Auch wieder eine schwierige Sache. Wir haben eine Mannschaft aus Uruguay gesehen, die über sich hinausgewachsen ist. Man hat gesehen, dass man durch harte Arbeit und mit einem oder beziehungsweise zwei hervorragenden Stürmern sehr viel bei dem Turnier erreichen kann. Trotzdem ist es wichtig, dass wir gut abschließen. Vielleicht kommt der eine oder andere sogenannte Reservist rein. Das ist auch für die Spieler persönlich noch mal eine hohe Motivation. Und der dritte Platz müsste doch drin sein.

Müller: Schlägt Spanien auch Holland?

Littbarski: Ich glaube, es ist ein Schub für die Bundesliga, da muss ich dran denken, und da spielen mehr Holländer in der Bundesliga. Also: Holland, mach ett! – 2:1!

Müller: Entschuldigung, jetzt habe ich Sie unterbrochen. Sagen Sie noch mal bitte.

Littbarski: Wir haben ja viele Holländer in der Liga und da würde das eine gute Motivation auch für die Bundesliga geben. Holland, mach ett, 2:1 für Holland.

Müller: 2:1 für Holland. – Pierre Littbarski bei uns im Deutschlandfunk, Fußball-Weltmeister von 1990, jetzt Co-Trainer beim VFL Wolfsburg. Vielen Dank für das Gespräch und auf Wiederhören.

Littbarski: Danke schön.

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Interview

Kampf gegen Ebola"Zeitfenster könnte sich schließen"

Porträt Karl Lauterbach, SPD-Gesundheitsexperte

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach fordert radikale Maßnahmen im Kampf gegen die Ebola-Epidemie in Westafrika. Die Situation dort sei komplett außer Kontrolle geraten, sagte Lauterbach im Deutschlandfunk. Das Zeitfenster, in der sich die Epidemie noch bekämpfen lasse, drohe sich zu schließen.

Sozialisten in Frankreich"Ein Zeichen von Missverständnissen"

Frankreichs Premierminister Manuel Valls (l.) und Präsident Francois Hollande

Der deutsch-französische Journalist Gérard Foussier sieht Frankreichs Premierminister Valls trotz der gewonnenen Vertrauensabstimmung in der Nationalversammlung geschwächt. Die Politik in der sozialistischen Partei sei nicht richtig definiert worden, sagte Foussier im Deutschlandfunk. Die Krise könne später wieder aufflammen.

Zuwanderung aus Südosteuropa"Die berühmte soziale Hängematte ist nicht nachweisbar"

Am Busbahnhof der bulgarischen Hauptstadt Sofia besteigen am 1. Januar 2014 Leute einen Bus nach London über Deutschland und Frankreich. 

"Wir leben zum beachtlichen Teil von den Leuten, die vom Balkan zu uns gekommen sind", meint der ehemalige EU-Südosteuropabeauftragte Erhard Busek. Im DLF plädierte er für eine geregelte Öffnung der westeuropäischen Arbeitsmärkte. Der angebliche Zuzug in die Sozialsysteme werde von bestimmten Gruppen hochgepuscht.

 

Interview der Woche

McAllister über Schottland-Referendum"Das ist eine sehr emotionale Debatte"

David McAllister, CDU-Abgeordneter im Europäischen Parlament

Der CDU-Europaabgeordnete David McAllister ist Sohn eines schottischen Vaters. Das bevorstehende Unabhängigkeitsreferendum habe in der schottischen Gesellschaft zu tiefen Rissen geführt, sagte McAllister im DLF. Nach der Abstimmung sei es enorm wichtig, wieder Brücken zwischen den Lagern zu bauen.

EZB"Die niedrigen Zinsen sind gerechtfertigt"

Sabine Lautenschläger, Mitglied im Direktorium der Europäischen Zentralbank.

Der Leitzins in der Eurozone ist auf einem neuen Rekordtief - und das zurecht, meint Sabine Lautenschläger im Interview der Woche im Deutschlandfunk. Das Direktoriumsmitglied der Europäischen Zentralbank verwies auf die langfristige Verantwortung der EZB. Die Bank wolle keine Sparer ärgern, sondern die Wirtschaft ankurbeln.

Verfassungsschutz"Größte Herausforderung ist der islamistische Terrorismus"

Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen

400 Islamisten sind bisher nach Erkenntnissen des Bundesamtes für Verfassungsschutz von Deutschland aus in den Irak und nach Syrien ausgereist. Umgekehrt drohe die Gefahr, dass Rückkehrer in Deutschland Anschläge begehen könnten, sagte der Präsident der Behörde, Hans-Georg Maaßen, im Interview der Woche im DLF.