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StartseiteHintergrundDer Dschihad - der Heilige Krieg01.10.2001

Der Dschihad - der Heilige Krieg

Der islamische Sozialwissenschaftler und Göttinger Professor für internationale Beziehungen, Bassam Tibi, führt zur Zeit einen Feldzug gegen Vorurteile. Fast gebetsmühlenartig sagt er:

Ulrich Baringhorst

Der Islam ist eine Religion, auch eine tolerante Religion. Der Islam ist eine göttliche Offenbarung. Der Fundamentalismus ist eine politische Ideologie, die die Religion politisiert und zu politischen Zwecken missbraucht.

Ein Satz, der nicht oft genug wiederholt werden kann - gerade in diesen Zeiten, nach den schrecklichen Attentaten vom 11. September in New York und Washington. Denn nun geht sie wieder um, die Angst vor dem Islam, wo alle Musleme fälschlicherweise häufig mit den Fundamentalisten gleichgesetzt werden, Fundamentalisten mit Extremisten, Extremisten mit Terroristen. Dabei ist auch viel die Rede vom Dschihad, vom Heiligen Krieg für die Sache des Islam. Gibt es hierfür Erklärungsmuster, gibt es Antworten? Ist Gewalt und Fanatismus ein fester Bestandteil der islamischen Religion? Und: Ist der Islam eine Religion, die mit Feuer und Schwert den Heiligen Krieg führt gegen Ungläubige und Andersdenkende? Diesen Fragen soll nachgegangen werden. Uns geht es um Information und Erklärung, nicht aber um Rechtfertigung der terroristischen Verbrechen vom 11. September.

Der Dschihad, der Heilige Krieg, das heißt die aktive militärische Expansion mit dem Ziel der Ausbreitung der islamischen Religion, dieser Heilige Krieg ist historisch gesehen ein fester Bestandteil der islamischen Kriegspropaganda. In der wechselhaften Geschichte der islamischen Welt ist der Dschihad-Begriff in unterschiedlichsten Situationen und Konflikten eingesetzt worden. Der Kampf gegen einen äußeren Feind, Auseinandersetzungen innerhalb der islamischen Gemeinde, Revolten und Bürgerkriege wurden zum Heiligen Krieg erklärt. In ihrer Kriegspropaganda bedienen sich heute die Islamisten, aber auch Nationalisten, selbst Sozialisten dieses Mythos vom gottgewollten Kampf für die Sache des Islam.

Es waren die arabischen Eroberungszüge im 7. bis zum 9. Jahrhundert und vor allem die Ausdehnung des Osmanischen Reiches, die in der Belagerung Wiens 1683 gipfelte. Sie führten dem Abendland die starke expansionistische Dynamik der islamischen Welt vor Augen. Der scheinbar kompromisslose Kampf, mit dem die Muslime für ihre Religion eintraten, verlieh dem Islam für den Abendländer einen nachhaltigen Schrecken. Die islamische Revolution im Iran 1979, der Golfkrieg und jetzt die schrecklichen Angriffe auf New York und Washington scheinen diese Ängste neu zu aktivieren.

Das Wort Dschihad bedeutet im Arabischen nichts anderes als Anstrengung. Es ist abgeleitet von dem entsprechenden Verb eine Anstrengung unternehmen. Zum Beispiel spricht man vom Dschihad zur Verbesserung des Schulsystems, oder für den Aufbau der Landwirtschaft.

In der arabischen Mystik wird der Begriff Dschihad auf die Askese angewendet, die sich der Sufi, der islamische Mystiker auferlegt. Er führt einen Kampf gegen seine eigenen Wünsche und Leidenschaften. In der islamischen Tradition wird dieser spirituelle Dschihad oft höher eingeschätzt als der handfeste Kampf des Kriegers, der in den Dschihad fi sabil allah zieht, in den Kampf für die Sache Gottes.

Um die religiöse Komponente dieses Kampfes verstehen zu können, bedarf es eines kurzen Blickes auf die Gründungsphase des Islam. Zurück also in das 7. Jahrhundert, in die Zeit, als der Prophet Muhammed die Lehre vom einzigen und wahrhaftigen Gott in Mekka und Medina verkündete.

Muhammed begründete nicht nur eine Religion, sondern auch ein Gemeinwesen. Der islamische Staat, das war die politische Organisation der gottgewollten islamischen Gemeinde. Im arabischen wird sie Umma genannt. Sie ist die Trägerin des göttlichen Willens im Diesseits, das Instrument, durch das Gott seine Religion über die Erde ausbreitet, durch sie wird Gottes Wirken bestätigt.

Heute setzt das moderne Völkerrecht das Bestehen einer Völkerfamilie voraus: eine Gemeinschaft unabhängiger und gleichberechtigter Staaten. Ein Prinzip, zu dem sich heute auch alle islamischen Nationalstaaten bekennen. In der Gründungsphase des Islams allerdings konnte der islamische Staat die Existenz irgendeines anderen Staates neben sich nicht anerkennen:

Der islamische Staat hatte das Ziel, eine Gemeinde zu organisieren, in der eine möglichst große Zahl von Menschen in Übereinstimmung mit dem Gesetz Allahs lebt.

Das zentrale Dogma des Islam von der Einzigkeit Gottes findet seine Entsprechung in der Auffassung von der Einheit und Allgewalt des Staates. Das heiß: Die islamische Staatslehre kennt keine Instanzen, deren Aufgabe es wäre, die politische Machtausübung über die islamische Gemeinde zu kontrollieren. Aus dieser Einheitsvorstellung folgt: Die islamische Staatstheorie sieht die Existenz autonomer Institutionen oder das Prinzip der Gewaltenteilung im Inneren der Gemeinde nicht vor.

Alle Gewalten sind von einer Zentralgewalt abgeleitet. Diese wiederum erhält ihre Machtfülle von Gott. Die Allmacht Gottes, die auf Erden seinem Statthalter, dem Kalifen, übertragen ist, duldet nicht die Existenz irgendeiner Macht, die aus einer anderen Quelle abgeleitet wäre: Der Kalif als Alleinherrscher über die islamische Gemeinde, inspiriert durch die Weisheit Gottes. In der turbulenten Geschichte der islamischen Welt hat die Institution des Kalifats jedoch schnell an realpolitischer Bedeutung verloren. Die wenigsten Kalifen waren Herr im eigenen Haus.

Forderungen nach Wiedereinführung des Kalifats sind heute in der islamischen Welt so gut wie nicht mehr zu hören. Allenfalls wird diese Position noch von obskuren Kleinstsekten vertreten. Dort hat sich die Vorstellung vom Kalifen als Herrscher über den islamischen Gottesstaat über die Jahrhunderte retten können.

Nach dem islamischen Völkerrecht war die Welt zweigeteilt in das Haus des Islam, dem so genannten Dar al-Islam und in das Haus des Krieges, dem Dar al﷓harb. Beide Seiten stehen sich ﷓ so die Lehre ﷓ in einer permanenten offenen oder latenten Konfrontation gegenüberstehen und zwar so lange, bis das Haus des Krieges in das Haus des Islam überführt worden ist.

Ein Vehikel in dieser Auseinandersetzung war der Heilige Krieg, der Dschihad. Die Gemeinde Allahs stehe unter der Verpflichtung, den Dschihad so lange zu führen, bis die Ausdehnung des islamischen Staates abgeschlossen, also die Weltherrschaft erreicht worden sei. Diese Pflicht der islamischen Gemeinde zum Dschihad wird den Gläubigen vom Propheten Muhammed selbst auferlegt. In einer kanonisierten Überlieferung heißt es dazu:

Einige meiner Anhänger werden fortfahren, um der Wahrheit willen siegreich zu kämpfen, bis der letzte von ihnen den Anti-Christ besiegt haben wird.

Die Notwendigkeit zum Kampf gegen die Ungläubigen war aus der Tatsache entstanden, dass Muhammed aus seiner Heimatstadt Mekka fliehen musste. Die Mekkaner wollten seinen Anspruch auf das Prophetentum nicht akzeptieren. Μuhammed fand Schutz in Medina. Von dort organisierte er die Rückeroberung Mekkas: - Vertreibung, Niederlagen und Entbehrungen, aber dann endlich doch der Sieg - das ist das Erzählmuster der Gründungslegende des Islam.

Eine Erzählstruktur, die sich heute in vielen Schriften islamischer Aktivisten wieder findet. Man erlebt quasi die eigene Situation als eine Art Kopie des Schicksals der frühen islamischen Gemeinde. So wird zum Beispiel über die in der islamischen Geschichte wichtige Schlacht von Badr aus dem Jahre 624 folgendes berichtet:

Der Prophet trat hinaus zu seinen Leuten, spornte sie an und sagte: Jeder, der den Mekkanern heute zum Kampf entgegentritt, geduldig und in Gott ergeben, sich ihnen stellt ohne zurückzuweichen und im Kampf getötet wird, wird ins Paradies des Herrn eingehen. Und es sagte einer der Kämpfer, der in seiner Hand ein paar Datteln hielt, die er gerade aß: Also es liegt zwischen mir und dem Paradies nur, dass ich von ihnen getötet werde. Und da warf er seine Datteln bei Seite, nahm sein Schwert und kämpfte, und er kämpfte so lange gegen sie, bis er getötet wurde.

Dies ist der Stoff, aus dem man Helden macht. Der Kämpfer für die Sache des Islam, das ist der Ghazi, was frei übersetzt so viel heißt wie Glaubensheld. Er wird im Falle seines Todes im Krieg gegen die Ungläubigen den ehrenvollen Titel des Märtyrers , des Schahids erhalten und direkt ins Paradies einziehen - ohne auf den Tag der Auferstehung oder das jüngste Gericht zu warten.

Die islamische Gemeinde brauchte in ihrer Gründungsphase diese Geschichten und Legenden von todesverachtenden Männern, die in den Opfertod für die Sache des Islam gingen. Auf diese Weise konnte man den Gründungslegenden der anderen großen Religionen entsprechendes entgegensetzen. Und - dies scheint ein weiterer zentraler Punkt zu sein - war nicht die unbedingte Opferbereitschaft für die Sache des Islam der augenfälligste Beweis für die Richtigkeit der eigenen Ziele? Für die Wahrheit der eigenen Religion?

Der Glaube an die Verheißung des Paradieses nahm dem Tod seinen Schrecken. Er ist bis in die heutige Zeit eine der wesentlichen Ursachen für die emotionale Anziehungskraft, die die Lehre vom Dschihad auf Muslime ausübt. Heiliger Krieg - Opfertod - Paradies, gerade durch seine einfältige Klarheit eignet sich dieses geschlossene Weltbild hervorragend für die Kriegspropaganda und Massenmobilisierung. Das unbedingt Gute steht hier dem unbedingt Bösen gegenüber.

Diese Logik bleibt im übrigen nicht nur auf islamische Gruppierungen begrenzt. Im Libanonkrieg etwa wetteiferten islamische, nationalistische und sozialistische Gruppierungen mit Selbstmordattentaten gegen Israel um die Gunst der Massen.

Der permanente Kriegszustand, so die islamische Rechtstradition, sei der normale Charakter der Beziehungen zwischen dem Haus des Islam und dem Haus des Krieges. Doch die politische Realität machte es immer weniger möglich, diesem Anspruch gerecht zu werden. Der Zustand des Nicht﷓Krieges musste immer öfter durch Verträge mit der nicht﷓muslimischen Welt, mit dem Haus des Krieges, legitimiert werden.

Dies hatte zur Folge, dass das Dogma vom Heiligen Krieg für den Islam immer mehr an Konturen verlor. So konnte der Verpflichtung zum Dschihad auch mit friedlichen Mitteln nachgekommen werden. Einige islamische Juristen gingen sogar so weit, dass das Gerüstetsein zum Dschihad, ja schon die Verteidigungsbereitschaft nach Außen, dem göttlichen Gebot Genüge tue.

In diesen Konzessionen spiegelte sich die historische Realität, die der islamischen Expansion schon früh erkennbare Grenzen setzte. Mit dem Niedergang des Reiches im 9. Jahrhundert ließ auch die Schlagkraft nach außen nach. Von einer aktiven und geschlossenen Ausbreitung konnte keine Rede mehr sein.

Den letzten Aufruf zum Dschihad, einem Dschihad Made in Germany wie es damals hieß, hatte es im Osmanischen Reich im November 1914 gegeben, als die Türkei auf Seiten des Deutschen Reiches in den Ersten Weltkrieg eintrat.

Mit der Abschaffung des Kalifats 1923 und des Sultanats 1924 durch Atatürk und der Gründung der Republik Türkei war auch das letzte Symbol des islamischen Staatswesens verschwunden.

Dies bedeutete jedoch nicht, dass die Idee vom Dschihad nun ad acta gelegt worden wäre. Denn die Vorstellung vom Haus des Islam im Kampf gegen das Haus des Krieges ist zur Mobilisierung der muslimischen Massen in innerarabischen Konflikten, aber auch im Kampf gegen die europäischen Kolonialmächte immer wieder eingesetzt worden.

So rief schon 1838 der Führer des Widerstandskampfes gegen die französische Kolonialmacht in Algerien, Abdel Kader, den Dschihad gegen die Franzosen aus. Auch beim so genannten Mahdi﷓Aufstand im Sudan Ende des 19. Jahrhunderts forderte man die Muslime zum Dschihad gegen die britische Kolonialmacht auf.

Theologischer Hintergrund für die Verwendung des Begriffes Dschihad war, dass die Kolonialmächte die Werte des Islam in diesen Ländern zerstören würden und es sich um einen Kampf zur Rückeroberung muslimischer Gebiete aus dem Machtbereich der Ungläubigen handelt.

Das klassische Beispiel für die aktuelle Bedeutung des Dschihad-Gedankens ist der Israel﷓Palästina﷓Konflikt: Hier kommen aus arabischer Sicht alle Komponenten zusammen, die einen Heiligen Krieg rechtfertigen. Israel ist aus der Sicht der Araber ein Unrechtsstaat, der sich mit Gewalt arabischen Boden, Gebiete der Welt des Islam, angeeignet hat und sich mit Jerusalem eines der wichtigsten religiösen Zentren der muslimischen Welt einverleibte. Yasser Arafat spricht seit vielen Jahren schon vom göttlichen Sieg, den die Muslime eines Tages erringen werden:

Es gibt einen Tag, an dem die Moslems glücklich sein werden wegen des göttlichen Sieges.

Israel steht nicht nur für das Haus des Krieges, weil es den Anspruch erhebt, ein Staat der Juden zu sein, vielmehr ist Israel auch der Repräsentant der Vereinigten Staaten in der Region. Für die Vertreter des politischen Islam das Feindbild Nummer eins.

Fast folgerichtig wurde einen Tag vor dem Ausbruch des Oktoberkrieges 1973 an die Solidarität aller Araber appelliert. Interessanter Weise wurden Muslime und Christen gemeinsam aufgefordert, an diesem Kampf teilzunehmen. Als höchster Vertreter des sunnitischen Islam verkündet damals der Scheich der ägyptischen Azhar﷓Universität in Kairo:

Der Dschihad obliegt allen ohne Unterschied, den Muslimen und Christen, er ist die gemeinsame Pflicht für jedermann unter dem Himmel Ägyptens, des gemeinsamen Vaterlandes.

Es wird deutlich: Auch ein Nationalstaat kann sich des Propagandainstruments Dschihad bedienen. Wobei religiöse und nationalistische Gefühle oft nahtlos ineinander fließen. So hat auch Saddam Hussein die Solidarität aller Mus1ime im Kampf gegen die Ungläubigen beschworen. Am 20. Januar 1991 rief er zu Dschihad, zum Heiligen Krieg auf:

Im Namen Allahs, des Gerechten und Barmherzigen: Wir rufen alle gläubigen Kämpfer - wo immer sie sind - dazu auf, sich zum heiligen Krieg zu erheben und durch Angriffe die Kräfte des Bösen, des Verrats und der Korruption überall zu bekämpfen - wo immer sie sind. Dies ist eure Pflicht. Dafür würdet ihr Gott und eurem Gewissen gefällig sein. Und ihr würdet euch loyal gegenüber euren Prinzipien und Werten verhalten. Gott ist groß. Allah ul Akbar, Allah ul Akbar - nieder mit den Schamlosen.

Ein Aufruf, den Saddam Hussein nicht einmal von einem islamischen Religionsgelehrten legitimieren ließ. Die Anwesenheit amerikanischer Truppen in der Nähe des Allerheiligsten der islamischen Welt, der Kaaba in Mekka, war für jeden Muslim Provokation genug. Die Ironie der Geschichte aber ist:

Saddam Hussein vertrat als arabischer Nationa1ist und Chef der sozialistischen Baath-Partei im Irak alles andere als das Ziel, das Reich Gottes auf Erden herstellen zu wollen. Mit seinem Aufruf zum Dschihad gegen die Amerikaner und gegen das korrupte Saudische Herrschaftshaus, das schon lange nicht mehr würdig sei, die Heiligtümer des Islam zu verwalten, hat der irakische Diktator schlicht die Propaganda seines langjährigen Kriegsgegners und Erzfeindes Khomeini übernommen. Dabei muss man sich aber auch vergegenwärtigen, dass Saddam Hussein mit starker Unterstützung aus den USA über Jahre gegen Iran gekämpft hatte. Dennoch:

Der Aufruf Saddam Husseins zum Heiligen Krieg war auf fruchtbaren Boden gefallen, nicht zuletzt deshalb, weil etwa seit 1970 in der islamischen Welt das einsetzte, was im allgemeinen unter dem Stichwort `Re-Islamisierung’ eingeordnet wird.

Hintergrund für diese Entwicklung ist das weitgehende Versagen aller bisherigen Versuche, durch die Übernahme westlicher Ideologien auch eine ökonomische und soziale Versorgung der Bevölkerung sicherzustellen. Die Hoffnungen, den westlichen Lebensstandard zu erreichen, haben sich nicht erfüllt. Nicht zuletzt aus diesem Grund ist der Islam für viele zu einem Hoffnungsträger geworden. Das sogenannte Goldene Zeitalter der frühen islamischen Zeit wird zum Vorbild genommen, um einen neuen Gottesstaat aufzubauen. Man sieht sich als die Verlierer der Moderne, als Opfer der Globalisierung. Den Ausweg aus dieser ökonomischen und sozialen Krise verspricht die Religion, der Islam.

Die Verheißung auf eine bessere Zukunft - eine Basis für eine stabile kulturelle Identität zu finden. Der Islam scheint beides zu bieten: Er ist politisches und religiöses Konzept in einem. Er kann somit Identitätsbasis, als auch politische Handlungsanweisung sein.

Aus Sicht vieler Muslime hat eine Zweiteilung der Welt stattgefunden. Die ehemals religiöse Konfrontation hat eine wirtschaftliche und eine entwicklungspolitische Komponente bekommen. Die Welt der wirtschaftlichen Unterentwicklung und der politischen Unterprivilegierung sieht sich der Welt des Wohlstands und der Privilegien gegenüber.

Nichts liegt hier also näher als diese Situation mit der Denkfigur vom Haus des Islam im Kampf gegen das Haus des Krieges kurzzuschließen, vom Dschihad, vom Heiligen Krieg der Unterprivilegierten gegen die Privilegierten, zu sprechen. So sind auch heute wieder bei islamistischen Extremisten ähnliche Töne zu hören, wie vor zehn Jahren nach dem Ende des Golfkrieges. Damals sagte zum Beispiel ein Moslem aus Jordanien:

Wir müssen gegen den Westen und die USA weiterkämpfen. Denn ihre Vorstellungen von Frieden und Gleichheit bedeuten für uns nichts anderes als dass wir unseren Stolz verlieren, den Stolz auf den Islam. Die Grundregel des Kapitalismus lautet, die Reichen beherrschen die Armen. Der Islam dagegen ruft zur Gleichheit auf. Und deshalb glauben wir an den Dschihad, den Heiligen Islamischen Krieg. Wenn wir den Dschihad vergessen, dann vergessen wir auch den Islam. Und dann sind wir keine Moslems mehr.

Dieses geschlossene und simplifizierende Weltbild findet im übrigen im Westen seine Entsprechung in der These von der Konfrontation der Kulturen. Mit dem Bild vom Kampf der westlichen Zivilisation gegen die 'Anderen' zerfällt die Welt in gleicher Weise in zwei Teile. Der Dualismus von Gut und Böse, die Anziehungskraft von einfachen Wahrheiten bleiben also offensichtlich nicht nur auf die islamische Welt begrenzt.

Link: (Pakistanische Anhänger von Osama Bin Laden, der den heiligen Krieg gegen Amerika ausgerufen hat (Foto: AP)==>/ramgen/hintergrund/011001.ram)

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