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StartseiteBüchermarktDer eigensinnige Opa20.10.2010

Der eigensinnige Opa

Ingrid Noll: "Ehrenwort". Diogenes

"Ich selber mache mir überhaupt nichts aus Pudding", sagt die Kriminalautorin Ingrid Noll. Dem fast 90-jährigen Protagonisten ihres neuen Romans "Ehrenwort weckt ausgerechnet Vanillepudding die Lebensgeister.

Von Christel Freitag

Vanille weckt die Lebensgeister. (Stock.XCHNG - David Villarroel)
Vanille weckt die Lebensgeister. (Stock.XCHNG - David Villarroel)

Ingrid Noll wird 1935 in Schanghai geboren. Zusammen mit ihren drei Geschwistern verbringt sie eine unbeschwerte Kindheit in Nanking in einem Haus mit vielen Büchern und einem großen Garten.

"Ich habe an meine Kindheit eigentlich schöne Erinnerungen. Ich bin ja jahrelang nicht in eine Schule gegangen, sondern wurde von den Eltern unterrichtet oder weitgehend von meiner Mutter. Da gab es keine Hausaufgaben, keine Versetzung, dauernd Ferien. Ich hatte meine Geschwister zum Spielen, andere Freunde allerdings weniger und einen Riesengarten mit vielen Tieren. Gelesen habe ich viel, vor allem auch Bücher meiner Eltern, die ich gar nicht verstanden habe, denn es gab nicht genügend Kinderbücher, aber ich hatte ein sehr freies und angenehmes Leben als Kind."

Während die Kinder im Garten herumtollen, spielt die Mutter Klavier und ein Koch kümmert sich um ein abwechslungsreiches Essen.

"Es gab europäische Küche, denn unser Koch konnte europäisch kochen. Es gab aber auch manchmal sehr gutes chinesisches Essen, wenn meine Eltern das wünschten. Kontakt mit den chinesischen Kindern hatten wir sehr wenig. Um uns rum wohnten in Nanking relativ viele Schmuddelkinder. Mein Bruder durfte mit ihnen spielen. Der ist fünf Jahre älter als ich, und der lernte dabei ganz gut chinesisch, während wir wurden isoliert gehalten. Das haben wir aber damals nicht so richtig begriffen, sondern erst im Nachhinein haben wir uns eigentlich geärgert, dass wir aus diesem Grund kein Chinesisch gelernt haben."

1949, nach der Gründung der Volksrepublik China, muss die Familie das Land verlassen und bucht eine Schifffahrt nach Europa. Ingrid Noll hat keine guten Reiseerinnerungen. Auf dem Ozeandampfer wird sie seekrank und landet mit ihrer Familie zunächst in einem Massenlager in Italien. Endlich in Deutschland campieren die Flüchtlinge zunächst in einem Zelt im Garten eines Onkels. Auch in der Mädchenschule in Bad Godesberg ist nicht immer alles einfach.

"Wir konnten die Lieder nicht mitsingen, die die anderen da sangen. Wir konnten überhaupt nicht turnen. Hatten wir noch nie gehabt im Leben. Wenn die anderen da auf Reck und Barren sich tummelten, wussten wir gar nicht, was das für Dinger sind. Wir konnten besser Englisch. Ich konnte gut Aufsätze schreiben. Das war immer so, aber das war es auch. Wir wurden bestaunt wie bunte Hunde, hatten falsche Kleider an, nämlich ganz kurze Schmetterlingsstoffe, und die anderen hatten so wadenlange Bordürenröcke. Also, wir waren wirklich sehr bunte Hunde und sehr fremd."

1954 hat Ingrid Noll das Abitur in der Tasche und studiert an der Universität Bonn. Nach einigen Semestern Germanistik und Kunstgeschichte bricht sie ihr Studium ab und jobbt in einem Büro. 1959 heiratet sie, bekommt drei Kinder und arbeitet 20 Jahre lang in der Praxis ihres Mannes mit. Erst mit 54 beginnt sie zu schreiben. Zwischen Bügelbrett und Bratpfanne erfindet sie Mordgeschichten und sucht nun einen Verleger.

"Ich hatte das erste Buch schon fertig. Ein Manuskript - und zeigte es meinen Kindern. Die sagten einheitlich, wir finden es gar nicht mal schlecht, schicke es irgendwo hin. Und dann schrieb ich mir 10 Adressen raus von Verlagen, bin dann noch in die Buchhandlung, hab mit dem Buchhändler geredet, und der sagte: "Gucken Sie mal selber nach, was da infrage kommt." Na ja, und zuhause dachte ich dann wieder, zehnmal muss ich das alles kopieren, zehn Briefe, ich nehme erst mal nur einen und schrieb an Diogenes und hatte nun das große Glück, dass eine Frau es las, der das gut gefiel und die mich gleich anrief und bat ich sollte es nicht woanders hinschicken. Sie wollten eine Option haben. Der Verleger würde es selbst lesen und selbst entscheiden. Und das hat der auch sehr schnell getan. 10 Tage später rief er an und sagte. Das machen wir gern. Gratulation!"

Bis heute schreibt Ingrid Noll erfolgreich ihre bitterbösen Kriminalkomödien und fühlt sich wohl in ihrer neuen Heimat an der Bergstraße.

"Ich war lange ein etwas heimatloser Mensch, muss ich ehrlich sagen, aber jetzt wohnen wir schon lange hier in Weinheim, und es ist mir inzwischen zur Heimat geworden. Ich kann den Dialekt zwar nicht perfekt sprechen aber gut verstehen. Ich kenne die Mentalität Menschen und mag sie auch. Und die ganze Landschaft. Ist mir alles vertraut und angenehm."

Auch ihr aktueller Roman "Ehrenwort" spielt in ihrer Heimatregion rund um Mannheim und Heidelberg. Nach dem Tod seiner Frau lebt Willy Knobel mehr recht als schlecht allein in seinem Haus in Dossenheim. Ein schlimmer Sturz in der Küche bringt den fast 90-Jährigen ins Krankenhaus. Die Ärzte machen den Angehörigen wenig Hoffnung. Nach dem Klinikaufenthalt soll Willy im Haus seines Sohnes gepflegt werden. Doch wer hätte gedacht, dass ausgerechnet Vanillepudding die Lebensgeister des Alten weckt.

"Ich selber mache mir überhaupt nichts aus Pudding, aber ich habe ja meine Mutter die letzten Jahre gepflegt. Ich glaube, ich habe ihr ein paar Mal das Leben gerettet. Wenn sie überhaupt nichts mehr essen mochte, mit Vanillepudding klappte es. Der rutschte immer runter, und sie aß ihn auch sehr gerne. Sie lag dann eine Weile im Krankenhaus und bekam dort Erbsensuppe oder so was und hat natürlich keinen Bissen angerührt, und zu Haus habe ich dann die Puddingkur probiert, und das klappte tadellos."

In der Krimifamilie Knobel wird der kranke Großvater liebevoll von seinem Enkel Max mit der süßen Speise versorgt.

"Max ist im Grunde die Hauptfigur in diesem Roman. Er ist ein junger Mann, wie man sie heute kennt oder auch schon früher kannte, die nicht so recht wissen, was sie mit sich anfangen sollen. Er hat ein Studium begonnen und schmeißt es wieder hin. Er möchte Medizin studieren und bekommt keinen Platz. Na ja, und nun hat er eine Aufgabe, dass er sich um den Großvater kümmern muss, und er macht es zusehends besser und macht das sehr gerne."

Während sich Max rührend um den kranken Großvater sorgt, versuchen Maxens Eltern,den Opa mit ungewöhnlichen Methoden loszuwerden. Besonders Sohn Harald erträgt nur schwer den eigensinnigen Patienten.

"Willy war früher einmal ein Patriarch. Er hat in der Familie eine dominante Rolle eingenommen, hat verfügt, was jeder zu tun hat. Also, er war der absolute Boss und Chef, kann das jetzt leider nicht mehr sein, denn er ist gebrechlich und alt, und das fällt ihm schwer. Mit seinem Sohn hat er es sich sowieso irgendwie verdorben und später nur widerwillig mit ihm versöhnt. Nun lebt er im Hause seines Sohnes und muss sich ziemlich zurücknehmen."

Doch dem Vanillepudding sei Dank: Willy geht es immer besser. Aber nicht nur in der Küche wird einiges umgekrempelt. Mit dem Alten ziehen auch diverse Hilfsmittel ins Haus: ein spezielles Krankenbett, ein Toilettenstuhl, ein Badewannenlift und riesige Windelpakete. Ganz zu schweigen von den diversen Pflegerinnen, die nun tagtäglich morgens, mittags und abends anrücken. Willy genießt die häusliche Fürsorge und geht nun auch seiner Schwiegertochter Petra zunehmend auf die Nerven.

"Sie hat eigentlich kein so schlechtes Verhältnis zum Schwiegervater, aber auf die Dauer wird ihr das natürlich auch zu viel, vor allem, dass er qualmt und das ganze Haus nach Zigarre stinkt. Da gibt es auch eine kleine Episode, die habe ich selbst an einem alten Onkel, der immerzu Zigarre rauchte, erlebt: Dass er ständig die Asche auf den Teppich fallen ließ, mit dem Fuß einscharrte mit den Worten: Asche konserviert."

Je besser sich der Patient fühlt, umso mehr scheint das Leben von Harald und Petra aus den Fugen zu geraten. Und deshalb entwickelt jeder für sich still und leise heimliche Mordgedanken. Doch das ist längst nicht alles. Max verliebt sich in die hübsche Pflegerin Jenny, und auch die hat ein dunkles Geheimnis. Ingrid Noll ist die große alte Dame der augenzwinkernden Boshaftigkeit. Ihre Täter sind zumeist Täterinnen jeglichen Alters, die aus ganz unterschiedlichen Gründen zu Mörderinnen werden. Und das Erstaunlichste dabei: Weder die mordenden Frauen noch die erstaunten Leserinnen und Leser verspüren den leisesten Skrupel beim Gedanken an die armen Verblichenen. Und auch mit ihrem neuen Roman ist Ingrid Noll wieder einmal ein unterhaltsamer Mix aus Krimi und Familiendrama gelungenen. Gewürzt mit einer kleinen Prise Erotik. Ehrenwort!

"Bei meinen Romanen kann man eigentlich sofort wittern, dass ein Ehrenwort nicht gehalten wird. So ist es auch hier. Jeder verspricht jedem irgendetwas, und es klappt dann doch nicht. Das Wort Ehrenwort kommt eigentlich erst ganz am Schluss vor. Und da ist es eine gute Sache, dass es nicht gehalten wird. Es ist ganz barmherzig."


Ingrid Noll: "Ehrenwort". Diogenes
EUR 21,90

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