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Der Erfinder der Farbfotografie

Das Whitney Museum in New York ehrt William Eggleston

Von Sacha Verna

Ein Kameraobjektiv (Stock.XCHNG / Ben Gribbin)
Ein Kameraobjektiv (Stock.XCHNG / Ben Gribbin)

Ein Dreirad auf einer Strasse, die Leuchtschrift eines Autokinos, der sorgfältig frisierte Hinterkopf einer Frau - William Eggleston Fotos erinnern auf den ersten Blick an Schnappschüsse eines Amateurs, Momentaufnahmen in grellen Farben. Doch der 96-jährige Künstler gilt als einer der Pioniere der Farbfotografie und einer der Ersten, die sich für Szenen und Objekte des Alltags interessiert haben. Das Whitney Museum in New York ehrt den Künstler mit einer Retrospektive.

Eine blutrote Decke, an der eine nackte Glühbirne hängt. Ein Teenager mit Elvis-Rolle, der eine Kolonne von Einkaufswagen in einen Supermarkt schiebt: Die Bilder wirken seltsam vertraut. Doch ist schwierig zu sagen, ob man ihnen schon einmal im verstaubten Fotoalbum eines Verwandten begegnet ist oder in einem Museum. Sind dies wirklich bloß die Schnappschüsse eines Amateurs, der seine neue Kamera ausprobiert hat, oder das Werk eines Künstlers? Sind die intensiven, ja grellen Farben, die diese Bilder kennzeichnen, auf die schlechte Qualität des Films zurückzuführen oder Absicht?

William Eggleston hat sich von der Ambivalenz, die die Rezeption seines Werks seit je her prägt, nie stören lassen. Auch nicht damals, als Kritiker und Publikum auf seine erste Soloausstellung im Museum of Modern Art 1976 mit Empörung reagierten:

"Er hat einfach so ein Gottvertrauen in sein Werk,"

sagt Thomas Weski, Vizedirektor des Hauses der Kunst in München und Co-Kurator der großen Retrospektive, mit der das Whitney Museum William Eggleston nun ehrt.
Denn obgleich er weder die Farbfotografie erfunden, noch sich als erster oder einziger Fotograf für Szenen und Objekte des Alltags interessiert hat, wird der neunundsechzigjährige Eggleston heute als Pionier von beidem gefeiert. Und das durchaus zurecht, wie die eindrückliche über hundertfünfzig Werke umfassende New Yorker Ausstellung zeigt.

Als William Eggleston in den Sechzigerjahren mit einem neuen Druckverfahren zu experimentieren begann, das es ihm ermöglichte, einzelne Farben zu betonen, ohne dass sich die Komplementärfarbe verändert, beschränkte sich die Verwendung der Farbfotografie noch hauptsächlich auf die Werbung und auf den Privatgebrauch. Fotografien mit Kunstanspruch hatten schwarz-weiß zu sein oder sie mussten dokumentarischen Wert haben. Doch Eggleston sei es schon früh eher um eine Vorstellung der Welt gegangen als um die Darstellung von Welt, sagt Thomas Weski:

"Er war der erste, der eben mit diesem Bildherstellungsverfahren in der Lage war, nicht nur die Realität eins zu eins abzubilden, sondern ihr eine Interpretation zu ermöglichen, die bis dahin nicht möglich war."

Es sei die Verbindung von Farbe und Motiv, die Egglestons Werk so einzigartig mache, meint Weski.

Das Motiv oder die Motive lieferte dem im Mississippi-Delta geborenen Eggleston in seiner künstlerisch fruchtbarsten Zeit zwischen 1967 und 1987 in erster Linie der amerikanische Süden. Ein Dreirad auf einer Strasse irgendwo in Memphis. Die Leuchtschrift eines Autokinos, der sorgfältig frisierte Hinterkopf einer Frau in einem Diner. Thomas Weski:

"Er ist ein durch und durch im Süden verankerter Künstler, der es aber schafft wie William Faulkner in seiner Literatur auch etwas Fiktives seiner Arbeit beizufügen, die sie dann allgemeingültig macht."

Tatsächlich wäre es verfehlt, in William Egglestons Fotografien eine Geschichte der Südstaaten hineinzulesen. Dafür gibt es Schulbücher. Egglestons Bilder erzählen nur sich selber. Der üppig garnierte Truthahnbraten auf dem rot karierten Tischtuch ebenso wie das Straßenschild in der Main Street in Greeneville, Tennessee.

William Egglestons Alterswerk ist in dieser Ausstellung lediglich angedeutet. Eine weise Entscheidung, zumal dem Fotografen die eindeutige Handschrift in den letzten Jahren abhanden gekommen zu sein scheint. Vielleicht ist es aber auch bloß der Umstand, dass der knallige Kopf einer Madonna-Figur oder der verschwommene Blick aus einem Hotelzimmer in Kyoto im Großformat und schön gerahmt ebenso gut von einem Thomas Gursky, Thomas Struth oder Thomas Ruff stammen könnten. Oder von sonst einem der jungen heißen Fotokünstler, die im Gegensatz zu William Eggleston bereits Retrospektiven en masse hinter sich haben.

"William Eggleston: Democratic Camera, Photographs and Video 1961-2008” ist noch bis am 25. Januar im Whitney Museum in New York zu sehen.

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