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Der Erneuerer Europas

Deutsches Historisches Museum in Berlin ehrt Johannes Calvin zum 500. Geburtstag

Von Jochen Stöckmann

Plakat zur Calvinismus-Ausstellung im Deutschen Historischen Museum in Berlin. (AP)
Plakat zur Calvinismus-Ausstellung im Deutschen Historischen Museum in Berlin. (AP)

Der niederländische Ministerpräsident Balkenende hat in Berlin eine Ausstellung über Johannes Calvin eröffnet. Während der Reformator in Deutschland umstritten ist, sind seine Ideen in den Niederlanden und der Schweiz stark verwurzelt. Die Ausstellung widmet sich der Wirkungsgeschichte des Calvinismus, doch sie will auch mit Klischees aufräumen.

So mag sie begonnen haben, die Reformation: Ihre geistlichen Führer, neben Luther und Calvin auch Johannes Hus und Zwingli, versammeln sich zum theologischen Disput um einen Tisch, in der Mitte steht eine Kerze als Sinnbild der Erleuchtung, des Evangeliums. Dieses zarte Flämmchen nun versuchen katholische Priester auszublasen. So illustrierte ein holländischer Maler gegen Ende des 17. Jahrhunderts die Anfeindungen, denen das neue Glaubensbekenntnis ausgesetzt war. Dagegen setzte sich insbesondere Johannes Calvin, der Prediger aus Genf, mit einer Flut von Publikationen zur Wehr.

Jann Schmidt: "Wer soviel Schriftliches hinterlassen hat an Briefen, an Predigten, an Kommentaren, der ist vor Fehlinterpretationen nicht sicher – und damit müssen wir umgehen."

Jann Schmidt, Kuratoriumsvorsitzender der Emder A Lasco Stiftung, hat die kostbarsten Stücke seiner Bibliothek nach Berlin gebracht, um mit den Vorurteilen über Calvin und die von ihm begründete Konfession aufzuräumen. Angeblich wollte der Reformator einen sittenstrengen Gottesstaat errichten, nicht nur in Genf: Bis in die Niederlande reichte sein Einfluss und nach Böhmen oder Siebenbürgen. Dort, an den Grenzen des Osmanischen Reiches, entstanden folkloristisch ornamentierte Kirchenmalereien, die nun im Deutschen Historischen Museum an islamische Arabesken erinnern. Deutet sich da etwa eine Allianz der religiösen Bilderstürmer an? Keineswegs, erklärt Kurator Ansgar Reiß:

Ansgar Reiß: "Es wird nie, von Luther nicht und von Calvin nicht in Frage gestellt, dass man alltägliche Dinge abbilden dürfe, dass man zu didaktischen Zwecken Bilder machen kann auch von biblischen Geschichten. Was angegriffen wird, sind Bilder, die verehrt werden, das, was man als Götzenbilder kritisiert."

Auch von Calvin selbst gab es – zumindest zu Lebzeiten – kaum Porträts.

Und so fällt die Diskrepanz auf zwischen der Darstellung der calvinistischen Synode von Dordrecht 1618 – einer Versammlung unter Gleichen, ohne Abstufungen oder Hierarchie – und den Porträts zeitgenössischer Fürsten, auf Herrscherporträts versehen mit allen Insignien weltlicher Macht:

Ansgar Reiß: "Der Kurfürst von Sachsen ist der Patron Luthers, und die lutherische Kirche entwickelt sich in diesem gegebenen Staatswesen. Im Calvinismus ist das ganz anders. Da gibt es diese Patronat praktisch nie. Diese Kirche entwickelt sich auf einer europäisch zerstreuten Basis – dann aber in einer erstaunlichen Gleichförmigkeit."

Nicht nur im Kampf gegen Rom, auch in der Betonung der Unterschiede zu den Lutheranern versuchten Calvin und seine Anhänger sich zu behaupten. Aber im Netzwerk des Hochadels, mit Heirats-Allianzen und im Streben nach Unabhängigkeit vom Papst und seinen Bischöfen wurde ihre Religion politisch instrumentalisiert. Davon künden zwei pompöse Schmuckharnische ebenso wie ein Richtschwert, mit dem der kursächsische Kanzler Nikolaus Krell enthauptet wurde. Er soll seinen Kurfürsten zur calvinistischen "Irrlehre" verführt haben:

Ansgar Reiß: "Das ist natürlich ein politischer Prozess, eine rein politische Hinrichtung, die mit diesem Schwert dann tatsächlich vollzogen worden ist, das dann unmittelbar in die Rüstkammer kam – und eben auch eine Inschrift trägt: 'Hüte Dich Calvinist!'"

Vor einer Vitrine mit dem für das feierliche Abendmahl gedeckten Tisch wird deutlich, wie sehr das Gespräch, die geistige und geistliche Auseinandersetzung den Calvinismus prägt. Nicht nur, dass Predigten in der Sprache des Volkes gehalten wurden, auch die Liturgie war schlicht, die Weinpokale ohne Zierrat und manchmal musste ein hölzerner Trinkbecher ausreichen:

Ansgar Reiß: "Es findet die Zuspitzung bei Zwingli, der dieses Abendmahl nun wirklich intellektuell auf ein "Gedächtnismahl" zurückstutzt. Und von "Transsubstantiation" und derartigen Dingen ist bei ihm überhaupt nicht mehr die Rede."

Allerdings gab es vor dem Abendmahl eine Art Sozialkontrolle, jede Familie musste nachweisen, dass sie in Frieden lebte.

Ansgar Reiß: "Im Zeichen dessen, was spezifisch im Calvinismus "Kirchenzucht" genannt wurde, gibt es eine sehr starke Einschärfung von Disziplin und Moral auch im Alltagsleben."

Dass diese Disziplin, diese asketische Lebensführung dann zum Kapitalismus führte, wurde Calvin um 1900 vom Soziologen Max Weber nachgesagt. Für die Berliner Ausstellungsmacher bleibt auch das eine im besten Sinne fragwürdige These, die sie am Ende sehr anschaulich und hübsch ironisch in Frage stellen: mit einer Berner Geldzählmaschine von 1836, fast schon im Bauhaus-Design – nur in der Mitte verziert mit dem Auge Gottes.

Service:
Die Ausstellung "Calvinismus - Die Reformierten in Deutschland und Europa" ist vom 1. April bis zum 19. Juli 2009 im Deutschen Historischen Museum in Berlin zu sehen.

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