Montag, 25.06.2018
 
Seit 02:07 Uhr Kulturfragen
StartseiteKommentare und Themen der WocheGeheimdienst und Journalismus gehen nicht zusammen 02.06.2018

Der Fall BabtschenkoGeheimdienst und Journalismus gehen nicht zusammen

Es sei zu früh, um über den Fall Babtschenko zu urteilen, kommentiert Gesine Dornblüth. Und es sei Skepsis angebracht, denn wir hätten es mit Geheimdiensten als Quelle zu tun. Es dürfe nicht passieren, dass ein verunsichertes Publikum sagte: "Ach, die lügen doch alle", und damit auch Journalisten meine.

Von Gesine Dornblüth

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
In Kiew wurde schon an vielen Orten öffentlich um Arkadij Babtschenko getrauert - ehe bekannt wurde, dass seine Ermordung inszeniert wurde. (Imago / Itar-Tass)
In Kiew wurde schon an vielen Orten öffentlich um Arkadij Babtschenko getrauert - ehe bekannt wurde, dass seine Ermordung inszeniert wurde. (Imago / Itar-Tass)
Mehr zum Thema

Vermeintliches Attentat in der Ukraine "Fall Babtschenko ist Ärgernis für Politik und Medien"

Arkadi Babtschenko - vermeintliches Attentat Kein Gefallen für den Journalismus

Osteuropa-Experte zum Fall Babtschenko "Diese Aktion ist journalistisch nicht sauber"

Schon der Name macht es deutlich: Geheimdienste arbeiten im Geheimen. Journalisten dagegen bringen Dinge in die Öffentlichkeit. Beides schließt einander aus. Geheimdienste lügen professionell, um ihre Interessen durchzusetzen. Und deshalb sind Journalisten gut beraten, jede Information, die von Geheimdiensten kommt, mit großer Vorsicht zu behandeln.

Der Fall Babtschenko und seine vom ukrainischen Geheimdienst, SBU, inszenierte Ermordung hat dem Thema neue Brisanz gegeben. Aus journalistischer berufsethischer Perspektive geht es um zwei Fragekomplexe:
Erstens: War es legitim von Babtschenko, bei der Inszenierung der Geheimdienste mitzumachen? Zweitens: Wie gehen Journalisten mit Meldungen von Geheimdiensten um, die sie nicht überprüfen können?

War die Täuschung nötig?

Die erste Frage lässt sich zum heutigen Zeitpunkt nicht beantworten. Natürlich hat Arkadij Babtschenko wie jeder Mensch das Recht, sein Leben zu retten. Nur: War dazu diese Täuschung der Öffentlichkeit nötig? Warum musste Babtschenko für tot erklärt werden, um den angeblichen Organisator eines Anschlags festzunehmen? Wie ernst und konkret waren die Todesdrohungen? Wer war noch bedroht und wie? Und hatte Babtschenko Einfluss darauf, ob und in welchem Maß er bei der anschließenden Pressekonferenz und danach instrumentalisiert werden würde? Diese und viele andere Fragen sind bisher nicht ausreichend beantwortet. Deshalb ist es zu früh, über Babtschenkos Schritt zu urteilen.

Damit sind wir bei der zweiten Frage, der nach dem journalistischen Umgang mit den Geheimdienstmeldungen. Der ukrainische Geheimdienst verlautete bei der Pressekonferenz, auf der er Babtschenko lebend präsentierte, der russische Geheimdienst habe einen Killer beauftragt, russische Dissidenten in der Ukraine umzubringen. Der Organisator sei bereits festgenommen. Zum Beleg veröffentlichte der SBU zwei Videos. Auf dem einen ist zu sehen, wie kräftige Männer in Zivil einen beleibten älteren Mann auf offener Straße von hinten greifen und in einen Kleinbus schieben. Das andere zeigt verschwommen und gleichfalls von hinten angeblich eine Geldübergabe.

Plumpe Inszenierungen auf beiden Seiten

Auch der russische Geheimdienst präsentiert regelmäßig Bilder von Festnahmen angeblicher Terroristen. Sie werden dem Fernsehen zugespielt und sind teilweise so plump inszeniert, dass niemand an ihre Echtheit glaubt. Der SBU hat es mit den beiden Filmchen nicht besser gemacht.

Dummerweise hat die Woche gezeigt, dass Journalisten nicht nur den Geheimdiensten misstrauen müssen, sondern auch den anderen ukrainischen Behörden. Es war die Polizei, die am Dienstag Abend den angeblichen Mord an Babtschenko bekanntgab und damit eine Lüge in die Welt setzte. Auch damit hat sich die Ukraine auf eine Ebene begeben mit Russland, dessen Präsident bekanntlich mehrfach der Lüge überführt wurde – Stichwort "grüne Männchen", die die Krim besetzten. Am Ende räumte Putin selbst ein, dass das russische Soldaten waren.

Ukrainisches Eigentor

Fürsprecher der Ukraine werfen ein, man dürfe bei den ukrainischen Behörden und dortigen Journalisten nicht die selben Maßstäbe ansetzen wie bei westlichen. Immerhin befände sich die Ukraine im Krieg, müsse sich gegen eine Aggression von außen zur Wehr setzen. Das stimmt. Aber das rechtfertigt nicht, zu lügen und Journalisten zu instrumentalisieren. Im Gegenteil. Es ist gefährlich. Denn unabhängige Medien, Aufrichtigkeit, Sorgfalt, der offene Diskurs machen Gesellschaften attraktiv und am Ende stark. Auch in der Ukraine. Russland will genau dies verhindern, versucht, demokratische Institutionen wie eine unabhängige Presse insgesamt anzuzweifeln – nach dem Motto, es werde ohnehin überall gelogen. Die Lüge von Babtschenkos Ermordung, ob sie nun gerechtfertigt war oder nicht, war in dieser Hinsicht ein ukrainisches Eigentor. Auf Manipulationen mit Falschnachrichten zu reagieren, spielt den hybriden Kriegern in die Hände.

Journalisten müssen Distanz wahren

Die Unwahrheiten werden zunehmen. Was bedeutet das für uns Journalisten, die über die Ukraine und Russland berichten? Es darf nicht passieren, dass ein verunsichertes Publikum sagt: "Ach, die lügen doch alle", und damit auch Journalisten meint. Wir müssen Distanz wahren. Wach und kritisch bleiben. Lieber gründlicher als schnell sein. Das eigene Handwerk überprüfen. Die eigenen Erkenntnisse hinterfragen. Berichterstattung transparent machen, Quellen nennen und sie einordnen. 

Zugleich bleiben Tatsachen Tatsachen und müssen so benannt werden: Russland ist der Aggressor. Die Annexion der Krim war eine Verletzung des Völkerrechts. 

Doch nur weil die Ukraine ein Opfer ist, ist das noch lange kein Grund, den Behörden der Ukraine blind zu vertrauen. Schon gar nicht ihrem Geheimdienst.

Gesine Dornblüth, Deutschlandradio-Korrespondentin in Moskau (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré )Gesine Dornblüth (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré )Gesine Dornblüth wurde 1969 in Niedersachsen geboren. Sie studierte Slawistik und promovierte über russische Lyrik. In den 90er-Jahren gründete sie mit ihrem Partner das Büro "texte und toene" in Berlin und produzierte fünfzehn Jahre Alltagsreportagen, Langzeitdokumentationen, politische Analysen aus Russland, der Ukraine, dem Südkaukasus und vom Balkan. Von 2012 bis 2017 war sie Korrespondentin von Deutschlandradio in Moskau.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk