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StartseiteKultur heuteDer Fall Hagen12.12.2011

Der Fall Hagen

Direktor des Lehmbruck-Museums in Duisburg über den Verkauf von Kunst zur Haushaltssanierung

In Zeiten klammer Kassen muss oft zuerst die Kultur dran glauben. Der Stadt Hagen ist für ein Bild von Ferdinand Hodler ein Auktionsergebnis von zehn Millionen Euro in Aussicht gestellt worden. Raimund Stecker, Direktor des Lehmbruck-Museums, sieht in der Einrichtung eines Bundesfonds eine Möglichkeit, Kulturschätze zu retten.

Raimund Stecker im Gespräch mit Christoph Schmitz

Verscherbeln die Kommunen jetzt ihr museales Tafelsilber'? (AP)
Verscherbeln die Kommunen jetzt ihr museales Tafelsilber'? (AP)

Christoph Schmitz: "Der Auserwählte" heißt die Arbeit von Ferdinand Hodler. Sie hängt in Hagen. Dem OB der Stadt ist ein Auktionsergebnis von zehn Millionen Euro in Aussicht gestellt worden. Das Kunstwerk befindet sich im Museum Hohenhof, der ehemaligen Privatvilla des Industriellen und Folkwang-Gründers Karl-Ernst Osthaus. Henry van de Velde hat die Villa errichtet, als Gesamtkunstwerk, denn die Ausstattung ist Teil des Konzepts, so wie auch das Vestibül nur für Hodlers Gemälde "Der Auserwählte" gestaltet wurde. Und mehr noch: Das ganze Museum Hohenhof soll privatisiert werden, um jährliche Kosten von 230.000 Euro einzusparen.
Raimund Stecker, Sie sind Direktor des Lehmbruck-Museums in Duisburg. Ist es für eine Stadt nicht doch ein Gebot der Vernunft und der Verantwortung, etwas Kunst zu verkaufen, um den Haushalt sanieren zu helfen, wie es in Hagen geschehen könnte?

Raimund Stecker: Ich glaube, dazu muss man viel mehr Details wissen, als wir momentan wissen. Wir müssen nur eins uns klar machen: Es ist kein Geld mehr da in den Kommunen. Das gilt ja übrigens für Zeitungen und Medien und Funkhäuser ganz genauso, und genauso wie in den Kommunen wird auch dort zuerst bei der Kultur gespart. Also wir haben es nicht nur mit einer kommunalen Geschichte zu tun, sondern wirklich mit einer leider Gottes flächendeckenden, um nicht zu sagen mit einem Flächenbrand der Kultur in Deutschland.

Schmitz: Sind Ihnen andere Fälle wie in Hagen bekannt, Herr Stecker?

Stecker: Ich glaube, auch in Ihrem Hause überlegt man, bei der Kultur hier und da anzusetzen.

Schmitz: Nein, das tun wir nicht. Die Kultur bleibt dem Deutschlandfunk ganz gut erhalten.

Stecker: Gut, das höre ich gerne und das werde ich auch so zur Kenntnis nehmen. Aber die Kunstkritik zum Beispiel in den Printmedien lässt nach, weil man herausbekommen hat, da gibt es das Interesse nicht in diesem Sinne. Mir kommt es so ein bisschen vor, als würde so eine self fulfilling prophecy politic betrieben (auch von den Medien): Erst wird nicht berichtet, dann kommt kein Besucher, dann hat man die bad news, dass geschlossen wird. Ich glaube, wir müssen wirklich alle in ein Boot und wir müssen in der Tat uns überlegen, wie wir diese Kulturschätze retten, wie sie jetzt in Hagen in welcher Form auch immer zur Diskussion gestellt werden. Vielleicht hilft ein Bundesfonds, der solche Bilder kauft, und das Geld geht in den Kommunen in eine Stiftung, so wie es hier in Duisburg der Fall ist. Wir haben zum Glück ein Stiftungskapital, wir können damit weiterhin auch Ankäufe tätigen, wir können damit weiterhin Ausstellungen machen. Das ist ein ziemlich ideales, wenn auch nicht ganz ideales Beispiel hier in Duisburg. Vielleicht muss man über solche Dinge nachdenken, alle zusammen, Medien mit in einem Boot, Kritiker mit einem Boot. Aber den Schwarzen Peter den Museen zuschieben, da bin ich nicht mit einverstanden.

Schmitz: Na ja, es ging eher darum, den Schwarzen Peter den Politikern zuzuschieben, die so ohne Weiteres ein Kunstwerk wie eben das von Hodler verscherbeln wollen, um ein wenig den riesigen Schuldenberg zu verkleinern.

Stecker: Ich glaube gar nicht, dass es darum geht in Hagen, aber ich bin da auch nun wirklich – das sind ja relativ kleine Meldungen, die bisher herausgekommen sind. Die Kommunen müssen sparen, die Regierungspräsidenten setzen den Hebel an, und das Geld können wir nicht drucken, ohne eine Inflation zu betreiben.

Schmitz: Aber unter welchen Kriterien sollen denn diese Verkäufe überhaupt stattfinden? Doch nicht etwa, um andere fremde Dinge damit zu finanzieren? Doch wenn dann nur museumsintern! Beispielsweise: Wenn ein Museum einen dringenden Anbau braucht und im Depot ein paar Werke hat, die man eh nicht zeigt, könnte ich mir vorstellen, dass man nun das auf den Markt gibt. Aber doch keine Prunkstücke, die zum Kern einer Ausstellung gehören!

Stecker: Nein, Sie haben vollkommen recht. Ich finde schon, dass der Museumsanbau gar nicht aus dem Kulturetat finanziert gehört, sondern aus dem Wirtschaftsförderetat. Aus dem Kulturetat sollten wirklich nur Kunst und Ausstellungen finanziert werden und keine Baumaßnahmen. Damit fängt das Ganze schon mal an. Aber das ist eine Sache, die ist vor 50 Jahren schiefgelaufen, die läuft nicht jetzt schief. Das muss man freiwillig, von Fall zu Fall gucken. Wenn in einem Museum über eine Konzentration oder eine Schärfung des Profils nachgedacht wird, dann kann man, glaube ich, auch über Verkäufe nachdenken, um andere Werke zu kaufen, um künstlerischen Spielraum sich zu verschaffen in Form eines Stiftungskapitals. Über solche Dinge kann man nachdenken. Ideal wäre wie gesagt – und da ist damals seinerzeit Bonn negativ ins Gerede gekommen, aber vielleicht war das dann doch gar nicht mal so schlecht -, es kauft jemand das Bild, er leiht es dem Museum zurück, es hat den Eigentümer gewechselt, und in diesem Falle: Das Bild bliebe dort, der Eigentümer wechselt und es fließt trotzdem Stiftungskapital in die kommunale Kasse. Warum eigentlich nicht.

Schmitz: Raimund Stecker, Direktor des Lehmbruck-Museums in Duisburg, über die Frage nach dem Verkauf von Kunst zwecks öffentlicher Haushaltssanierung. Vielen Dank für das Gespräch.

Stecker: Bitte, bitte!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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