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Seit 11:05 Uhr Gesichter Europas
StartseiteThemen der WocheDer Fall Schavan09.02.2013

Der Fall Schavan

Die Plagiatsaffäre muss Konsequenzen haben

Ein paar Stunden, vielleicht ein paar Tage noch, dann wird Annette Schavan vom Amt der Ministerin für Bildung und Forschung zurücktreten. Den richtig guten Zeitpunkt dafür hat sie schon verpasst. Der wäre spätestens am Dienstag der vergangenen Woche gewesen, nachdem die Universität Düsseldorf ihr den Doktortitel aberkannte.

Von Andrea Lueg, freie Journalistin

Bildungsministerin Schavan erklärt Bundeskanzlerin Merkel den Rücktritt. (dpa / Wolfgang Kumm)
Bildungsministerin Schavan erklärt Bundeskanzlerin Merkel den Rücktritt. (dpa / Wolfgang Kumm)

Dabei geht es gar nicht um ihre Person oder die Tragik, die darin liegt, nach über dreißig Jahren von einem Fehler eingeholt zu werden. Es geht darum, dass eine Ministerin ihr Amt und eine Wissenschaftsministerin auch die Wissenschaft schützen muss. Das kann sie aber nicht, wenn sie selbst auch nur unter dem Verdacht steht, wissenschaftlich unsauber gearbeitet zu haben. Inzwischen ist es mehr als ein Verdacht: die Fakultät, die ihr den Titel einst verlieh, hat ihn nun aberkannt. Dagegen kann Annette Schavan klagen. Aber nicht als Ministerin Schavan.

Das Schachern um Schavans Nachfolge hat schon vor dem Rücktritt begonnen. Man wünscht sich fast, dass es jemand ohne Doktortitel wird, aus lauter Sorge, noch mal so eine langwierige und ermüdende Plagiatsdebatte miterleben zu müssen. In jedem Fall aber, wird der oder die Nachfolgerin Konsequenzen ziehen müssen aus den Geschehnissen.

Der Doktortitel ist inzwischen durch die diversen Plagiatsaffären gründlich heruntergewirtschaftet und das ist tragisch. Tragisch zum Beispiel für die jungen Wissenschaftler, die derzeit promovieren. Die meisten im Bemühen, wissenschaftlich sauber zu arbeiten. Und nur die erfahren, wie befriedigend es sein kann, eigenständig zu neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen zu gelangen. Dafür winkt ihnen dann allerdings oft wenig Aussicht auf einen glänzenden Karrierestart, sondern bestenfalls auf eine Kette befristeter Verträge. Und jetzt zusätzlich die Frage, was ein solcher Titel wohl noch wert ist. Schon lange dient eine Promotion nicht nur der Wissenschaft, sondern auch der Beförderung der beruflichen Karriere. Auch wenn es dafür keine sachliche Grundlage gibt, hilft der Doktor, die eine oder andere Stufe auf der Leiter nach oben zu überspringen oder ein höheres Gehalt auszuhandeln. Jetzt vielleicht ein bisschen weniger, aber das ist nicht schlimm. Schlimm wäre, wenn der Titel zur Statuspolitur verkäme.

Plagiate machen die Wissenschaft kaputt. Das muss aufhören. Abschreiben in der Wissenschaft muss aufgedeckt und konsequent sanktioniert werden. Ohne genaues Arbeiten und korrektes Zitieren funktioniert Wissenschaft nicht. Wer meint, man müsse hier großzügigere Maßstäbe anlegen, sollte sich fragen, ob er sogenannte Flüchtigkeitsfehler auch seinem Arzt nachsehen würde – oder seinem Automechaniker.

Die Causa Schavan ist schon fast erledigt, aber die Causa Plagiat noch lange nicht. Im Internet taucht eine abgeschriebene Doktorarbeit nach der anderen auf. Was ist also zu tun?

Eine zentrale Prüfstelle für Plagiate wäre ein guter Schritt. Die gibt es zum Beispiel schon seit 2009 in Österreich. Eine neutrale Prüfkommission aus sechs ausländischen Wissenschaftlern kümmert sich nach einheitlichen Standards um Plagiatsvorwürfe, benennt mindestens zwei Gutachter, im besten Fall aus dem Ausland, um Befangenheit zu vermeiden. Damit hat man gute Erfahrungen gemacht, ebenso wie in den USA mit dem Office of Research Integrity und mit einer vergleichbaren Einrichtung in Norwegen.

Hilfreich wären auch einheitliche Richtlinien für Promotionen, also nicht mehr unterschiedliche Verfahren und Prüfungsordnungen je nach Universität und Fakultät. Insgesamt muss die Debatte über Standards wissenschaftlichen Arbeitens vertieft und versachlicht fortgeführt werden. Das es diese Debatte inzwischen gibt, ist ein ausgesprochen guter Aspekt der Plagiats-Diskussionen, denn offensichtlich ist ein gewisser Schlendrian eingekehrt ins wissenschaftliche Arbeiten.

Wenn solche Veränderungen auf den Weg gebracht sind, dann kann man auch über eine Verjährungsfrist für Plagiate nachdenken.

Der neue Minister oder die neue Ministerin wird handeln müssen.

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