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StartseiteKultur heuteDer falsche Mann23.01.2013

Der falsche Mann

Anmerkungen zur Berufung von Valery Gergiev zum Chefdirigenten der Münchner Philharmoniker

In zwei Jahren wird der Russe Valery Gergiev Chefdirigent der Münchner Philharmoniker. Der 59-Jährige hat eine globale Fangemeinde und gilt als Entdecker und Förderer junger Sänger. Aber ist er der Richtige für München?

Von Jörn-Florian Fuchs

Die Münchner Philharmoniker bekommen einen neuen Chef. (Münchner Philharmoniker)
Die Münchner Philharmoniker bekommen einen neuen Chef. (Münchner Philharmoniker)

Es klingt wie ein Faschingsscherz: Valery Gergiev wird 2015 Chef der Münchner Philharmoniker. Nachdem vor zwei Jahren Christian Thielemann das Orchester recht unrühmlich verlassen hat, setzte man auf eine konfliktfreie Interimslösung und holte den guten, alten Lorin Maazel an die Isar. Maazel wiederum holte sich Verstärkung, etwa von Zubin Mehta oder Georges Prêtre - Mehta steuert langsam auf die 80 zu, Prêtre auf die 90.

In letzter Zeit hörte man immer wieder, dass Münchens Kulturreferent Hans-Georg Küppers den Philharmonikern eine Verjüngungskur verschreiben wollte. Heißer Kandidat für den Chefsessel war der Mittdreißiger Andris Nelsons, mit dem offenbar schon sehr konkret verhandelt wurde. Doch Nelsons wollte nicht, vermutlich sah er zu wenig Veränderungspotenzial bei einem Orchester, das vor allem romantisches Repertoire spielt und sich immer noch im Glanze Celibidaches sonnt.

Nun wird es Valery Gergiev. Der knapp Sechzigjährige hat eine globale Fangemeinde, er leitet diverse Festivals, ist Intendant des Mariinski-Theaters in St. Petersburg und Chef des London Symphony Orchestra. Außerdem dürfte er bei mehreren Fluggesellschaften Senator-Status besitzen, denn die meiste Zeit verbringt Gergiev im Flieger. Er ist eng mit Vladimir Putin befreundet und gibt für diesen gern auch mal kurzfristig und vorrangig ein Konzert.

Viele schätzen Gergiev als Operndirigent, wobei die Hörnerven oft empfindlich strapaziert werden: Zu oft ist forte sein wesentliches Konzept. Auf jeden Fall beweist Gergiev meist bei der Sängerauswahl ein glückliches Händchen, nicht nur Anna Netrebko wurde von ihm entdeckt.

Dummerweise sind die Münchner Philharmoniker aber ein Konzertorchester, und dafür ist Gergiev schlicht der falsche Mann. Zuletzt dirigierte er in München einen Schostakowitsch-Zyklus, der brüllenden Krach, diverse schöne Einzelmomente und viel vor sich hin plätschernde Belanglosigkeiten bot. Gergiev war schon immer eigenwillig, was auf diversen Einspielungen gut dokumentiert ist. Doch mittlerweile geraten Konzerte mit ihm zu immer groteskeren Angelegenheiten. Manchmal reist er nur zur Generalprobe an, beim Dirigieren fuchtelt er gern keuchend mit einem Zahnstocher herum. Praktisch jeder Veranstalter hat absurde Geschichten wie diese zu berichten: Dreißig Minuten vor Konzertbeginn fehlt vom Maestro jede Spur, im verabredeten Zug ist er nicht. Als man den Abend bereits absagen will, ruft er vom Flughafen aus an - er hätte andere Termine gehabt und sei mit einem Privatflugzeug angereist, man hole ihn bitte rasch ab. Die Musiker - und die Noten - sieht er wenig später natürlich zum ersten Mal.

Gergiev ist ein Netzwerker, der seine Fäden auf allen Kontinenten spinnt und nicht mehr aufgrund von Qualität, sondern allein wegen seines Namens die Säle füllt. Vermutlich wird er sein Arbeitspensum nicht wesentlich reduzieren, was bedeutet, dass München auf seiner Landkarte lediglich eine etwas größere Stecknadel bekommt. Mit Gergievs Berufung wird jegliche Chance auf Erneuerung verschenkt, und die Münchner Philharmoniker geraten künstlerisch noch weiter ins Abseits.

Schon zu Thielemanns Zeiten fiel das Orchester durch sein sehr begrenztes Repertoire sowie unspektakuläre Gastdirigenten auf. Oder besser formuliert: Es fiel eigentlich gerade deshalb nicht weiter auf. Mariss Jansons spielt mit seinem BR Symphonieorchester in der Weltliga, selbst das international weniger beachtete BR Rundfunkorchester hat unter seinem Leiter Ulf Schirmer mittlerweile ein spezifisches Profil entwickelt, Kernpunkt ist die Ausgrabung und Einspielung von Opernraritäten. Am Wochenende gab es etwa Wagners Jugendwerk "Das Liebesverbot", begleitet von einem hochkarätig besetzten Symposion sowie frühen Klavierstücken und Liedern. Hoffentlich wird die Berufung Gergievs nicht zum Requiem für den einstigen Edelklangkörper!

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