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StartseiteBüchermarktDer Filmemacher als Lyriker20.08.2013

Der Filmemacher als Lyriker

Jonas Mekas: Alt ist dieses, unser Sprechen. Matto Verlag

Jonas Mekas feierte im Dezember 2012 seinen 90.Geburtstag. Er gilt als Pionier des Underground-Films. Retrospektiven seiner Filmarbeiten sind in London, Paris und Wien zu sehen. Unbekannt blieb sein lyrisches Werk, das nun erstmals ins Deutsche übertragen wurde.

Von Lerke von Saalfeld

In seinen Gedichten beschreibt Jonas Mekas vor allem Erinnerungen an seine Heimat Litauen (picture alliance / dpa / Robert B. Fishman)
In seinen Gedichten beschreibt Jonas Mekas vor allem Erinnerungen an seine Heimat Litauen (picture alliance / dpa / Robert B. Fishman)

"Mein Fachgebiet ist litauische Literatur und dadurch stößt man unweigerlich auf Mekas. Als ich in den späten 80ern und frühen 90ern in Litauen war, wurde mir Mekas von einem Verleger sehr begeistert gezeigt, der ihn in Litauen verlegt hat, und ich hab das gelesen und war sehr angetan. Eigentlich haben die Gedichte auf mich einen tieferen und prägenderen Eindruck gemacht als die Filme von Mekas."

Zwei Gedichtzyklen, die einzigen, die bisher auf Litauisch und Amerikanisch erschienen sind, hat die Übersetzerin Claudia Sinnig nun ins Deutsche übertragen: "Die Semeniškiai-Idyllen" und "Reminiszenzen".

"Die ersten Idyllen habe ich 1947 in Deutschland geschrieben, in Kassel. Mir war allzu schwer ums Herz, ich lief durch die Felder von Kassel, aber ich hatte nur die Felder von Semeniškiai vor Augen. Ich las die Lyrik meiner Altersgenossen, sie schrieben alle so schön, in schönem offiziellem Litauisch und immer über die Städter und das Vaterland und sehr patriotisch. Ich aber wollte nur über Semeniškiai schreiben. Ohne Poesie, gegenständlich. Ich dachte an eine gegenständliche, dokumentarische Lyrik. Und so habe ich dann auch geschrieben."

In der Tat, die Lyrik von Jonas Mekas ist nicht sentimental und patriotisch, er spricht in Prosa-Gedichten über sein litauisches Dorf mit einer bezaubernden Natürlichkeit und Unmittelbarkeit und ohne jede Nostalgie. Das ist ungewöhnlich, denn viele, die aus ihrer Heimat vertrieben wurden, gerieten leicht in den Dunst der heimatlichen Scholle. Jonas Mekas musste zusammen mit seinem Bruder Adolfas 1944 aus Litauen fliehen, weil er aus BBC-Nachrichten illegale Flugblätter zusammengestellt hatte. Die Schreibmaschine, auf der die Flugblätter geschrieben worden waren, verschwand auf mysteriöse Weise, also mussten sich die Brüder vor Verhaftung retten. In Berlin wurden sie festgenommen und in einem Zwangsarbeitslager in der Nähe von Hamburg interniert. Nach Kriegsende waren sie "displaced persons", ein Zurück in das von den Sowjets besetzte Litauen war unmöglich. Es folgten Jahre in den von den Alliierten eingerichteten DP-Camps, bis Jonas und Adolfas Mekas 1949 in die USA emigrierten, wo Jonas Mekas bis heute lebt.

"Er wollte einfach etwas schaffen, an dem er sich festhalten konnte, und die lebendigste Form, die er finden konnte, waren diese Kurzaufnahmen von den Dingen, an die er sich erinnern konnte, wie es in seinem Dorf gewesen ist in seiner Kindheit. Und an die er sich aus dieser schmerzlichen Rückschau mit besonderem Genuss für die sinnliche Textur dieser Dinge, die sich in den Wörtern ganz besonders gezeigt hat, dieses hat er gewollt. Also etwas zu schaffen, was ihm die Heimat ersetzt hat."

Liest man seine Idyllen über das litauische Heimatdorf, so spürt man nichts von der grauenvollen, vom Krieg verwüsteten Umgebung, in der diese Gedichte entstanden. Hier träumt sich einer zurück in eine Welt der Gefühle, Gerüche, in menschliches Zusammenleben und die Veränderungen der Natur im Verlaufe der Jahreszeiten, an den bäuerlichen Alltag mit seiner Heiterkeit und seinen Plagen. Noch Jahrzehnte später gesteht er:

"Wir beide, ich und mein Bruder, wir sind zwei Bauern, zwei in der Stadt eingesperrte Bauern, zwei Bauern mitten in New York – wir schließen die Fenster und hüpfen im Zimmer herum und erfreuen uns an unseren nackten Füßen und erinnern uns an die Felder – mit der Sehnsucht unserer nackten Füße."

Nicht das Große, Sensationelle, Spektakuläre interessiert Mekas. Es sind die kleinen, unauffälligen Dinge, die seine Neugier und seine Sinne wecken, die Schlichtheit des täglichen Lebens, die er in manchmal kostbare, manchmal berührende, manchmal überwältigend realistische Bilder gießt.

20. Idylle: Der Herbst, die letzten Fuhren Dung
……
Die Felder sind leer. Nur einsam schimmern noch
Streifen weißer Roggenstoppeln
Und frisch gepflügte Brachen,
und nur von irgendwo, vom Dorf, von den geduckten Höfen her,
auf einem schmalen, von Fuhrwerken und Herden ausgetretenen Pfad,
knarren schwankende, mit Dung beladene Fuhrwerke,
die sich wiegen, langsam, bei jedem Schritt des Pferds, -
und sorgfältig eingehüllt in einen Ledermantel,
das Gesicht auf den Boden gerichtet,
als wäre jeder Schritt die Ewigkeit,
geht der Bauer voran, wie das Schicksal selbst,
und es wirbelt der Wind, und es flattert der Mantel
wie die gebeugten Heckenkronen.

Und auf die Felder und Büsche, auf die weiten, weißen Tücher
der Frauen, die den Dung verteilen, auf die Brachen,
rieselt eintönig, langsam der kalte, herbstliche Regen –
Tag und Nacht, Tag und Nacht.


Claudia Sinnig hat einen wunderbaren Ton, eine raffinierte Wortwahl gefunden, diese schlichten Gedichte so zu übersetzen, dass sie nicht banal wirken, sondern ein schwebendes Flair ausstrahlen und auf magische Weise leuchten. Wenn Mekas beschreibt, wie der Bauer pflügt, wie die Frauen auf den Feldern arbeiten, wie die Schmiede ihre Hämmer als Spiel über die Hausdächer schleudern, so entsteht der Eindruck, dass man als Leser in etwas hinein blickt, was Heimat ist – egal wo – ein Ort, von dem Ernst Bloch in seinem "Prinzip Hoffnung" geschrieben hat, Heimat ist ein Ort, an dem niemand je war.

Die Lyrik-Sammlung "Reminiszenzen" schloss Mekas 1951 in New York ab, erst 20 Jahre später wurden sie in den USA als Fluxus-Edition herausgegeben. In diesen Erinnerungen sammelt Mekas seine Eindrücke im Nachkriegsdeutschland, wie er sie zusammen mit seinem Bruder erlebte:

Wir blickten in die fahle Mondnacht,
auf das erschöpfte und gequälte, verbrannte,
gebrochene – vor kurzem noch herrliche
Mitteleuropa.
….
Fort, nur fort drängten wir, immer weiter,
durch zertrümmerte Städte, elende Landschaften,
ausgebrannte Dörfer, ganze Felder von Lastwagen und Geschützen,
Friedhöfe aus Stahl,
und die Besatzungstruppen,
mit leuchtenden, gestreiften Schildern auf Marktplätzen postiert.
…..
Nach so vielen Monaten, nach so viel Tod,
blickten wir auf Obstwiesen an Hängen, auf Bäume,
an einen Hügel geschmiegte Villen,
noch glaubten wir es nicht,
noch waren wir erfüllt von der Reise, von dem Lärm,
diesem betäubenden Getöse,
- Und Äpfel, reif und saftig, nicht grün
und verkohlt, wie jene Äpfel vom Bahndamm.
Wir waren in Bayern.


Die Gedichte von Jonas Mekas zu lesen, ist ein verzauberter Gang in eine Vergangenheit, die gar nicht gebunden ist an Litauen. Es ist ein Ort, der irgendwo und nirgendwo sein könnte, in einer verwunschenen Welt, und der die Grausamkeiten der Geschichte des 20.Jahrhunderts nicht ausspart. Die Poesie des Alltäglichen kann auch in den Abgründen verborgen liegen. Albert Pfundt, der Verleger des Kölner Matto-Verlags hat eine liebevolle, bibliophil gestaltete Ausgabe dieser Gedichte vorgelegt, die Übersetzerin Claudia Sinnig hat auf der gleichen Tastatur gespielt – eine unbekannte Sphäre öffnet sich und wird vertraut. Eine Terra incognita tut sich auf:

"Ich komme aus der DDR, ich habe in Leipzig an der Universität von 1983 bis 1988 studiert und wollte eigentlich auf dem Gebiet der Slawistik promovieren. Dafür gab es keine Planstellen, und also wurde mir angetragen, ich sollte mich auf dem Gebiet der litauischen Literatur spezialisieren. Das Angebot habe ich angenommen und wusste aber nicht, was ich da tue. Und erst als es mich 1989 im Herbst zu einem halbjährigen Studium nach Litauen verschlug, sah ich, dass es sich um ein sehr sehr reizvolles Land handelt. Wenn man dieses multikulturelle, multikonfessionelle Litauen, diesen Vielvölkerstaat, wenn man den so richtig begreift in seiner ganzen Komplexität, dann ist man ganz gut gerüstet für Europa und dann begreift man vielleicht auch, wo man da ist in Deutschland. "

Literaturhinweis: Jonas Mekas: Alt ist dieses, unser Sprechen. Gedichte – zweisprachige Ausgabe Litauisch und Deutsch. Aus dem Litauischen von Claudia Sinnig. Matto Verlag, 200 Seiten, 25 Euro

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