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Der Geistesblitz: Zum Phänomen der plötzlichen Erkenntnis (1/2)

Literarische und religiöse Darstellungen

Von Judith Klein

Ein Geistesbliz verhilft zu eigenen Revolutionen.
Ein Geistesbliz verhilft zu eigenen Revolutionen. (Universität München)

Plötzliche Erkenntnis, die in der Form von Geistesblitzen auftritt, ist ein erstaunliches Ereignis im einzelnen Leben. Sie ist aber auch ein Phänomen der Kulturgeschichte, aus dem philosophische Konzepte, religiöse Umbrüche oder auch künstlerische Würfe hervorgegangen sind.

Judith Klein ist in ihrem zweiteiligen Essay dem Geistesblitz auf der Spur. Heute geht es im zweiten Teil um die vielfältigen Voraussetzungen, Merkmale und Zugänge in der Philosophie und Neurowissenschaft.

Die Autorin lehrte Romanistik und Sozialwissenschaften in Marburg, Heidelberg und Paris. Derzeit ist sie freie Publizistin und Übersetzerin.

Der Geistesblitz - Zum Phänomen der plötzlichen Erkenntnis (1/2)
Literarische und religiöse Darstellungen


Wer wäre nicht – immer wieder, hin und wieder oder wenigstens einmal im Leben – von einem blitzartig hereinbrechenden Gedanken überrascht, ja beglückt worden?

Und wer würde sich nicht daran erinnern, in der Weltliteratur auf Geistesblitze, Erleuchtungen und ähnliche Phänomene gestoßen zu sein? In zahlreichen autobiografischen Berichten werden sie herangezogen, um Berufungen, Aufbrüche und neue Lebensentwürfe zu beglaubigen; in Romanen und Erzählungen dienen sie als Kunstgriffe, mit denen Wandlungen und Wendepunkte herbeigeführt werden.

Wenige Menschen sind sich bewusst, dass selbst der kleinste Geistesblitz dem großen Leuchten der plötzlichen philosophischen oder wissenschaftlichen Erkenntnis in gewisser Hinsicht ähnlich ist: Der alltägliche Geistesblitz kommt überraschend, er verändert die Sicht auf ein Problem oder eine Situation und stimmt freudig; die plötzliche philosophische Erkenntnis, um nur sie zu nennen, bricht ebenfalls blitzartig herein, wenn auch nicht immer ohne Vorzeichen. Sie stiftet Verwirrung, löst Entzücken aus und verändert das Leben. Wie sich soziale Revolutionen an aufblitzenden Funken – Gerüchten, Anekdoten, politischen Akten – entzünden können, so persönliche Revolutionen an Geistesblitzen und unerwarteten Einsichten.

Der 36-jährige Friedrich Nietzsche verbrachte den Sommer 1881 in dem Ort Sils-Maria im Oberengadin. Es war sein erster Aufenthalt dort, dem weitere folgten. Nietzsche liebte die Gegend:

"Das ist keine Schweiz, kein Recoaro, etwas ganz anderes, jedenfalls etwas viel Südlicheres – ich müsste schon nach den Hochebenen von Mexiko am stillen Ozean gehen, um etwas Ähnliches zu finden und da allerdings mit tropischer Vegetation. Nun, dies Sils-Maria will ich mir zu erhalten suchen."

Anfang August überwältigt ihn, auf einer Wanderung im Gebirge, "6000 Fuß jenseits von Mensch und Zeit", eine plötzliche Inspiration:

"Wie ein Blitz leuchtet ein Gedanke auf, mit Notwendigkeit, in der Form ohne Zögern – ich habe nie eine Wahl gehabt. Eine Entzückung, deren ungeheure Spannung sich mitunter in einen Tränenstrom auslöst, bei der der Schritt unwillkürlich bald stürmt, bald langsam wird; ein vollkommenes Außersichsein mit dem distinktesten Bewusstsein einer Unzahl feiner Schauder und Überrieselungen bis in die Fußzehen; eine Glückstiefe, in der das Schmerzlichste und Düsterste nicht als Gegensatz wirkt, sondern als bedingt, als herausgefordert, als eine notwendige Farbe innerhalb eines solchen Lichtüberflusses. Alles geschieht im höchsten Grade unfreiwillig, aber wie in einem Sturme von Freiheitsgefühl, von Unbedingtsein, von Macht, von Göttlichkeit."

Mit diesen Worten lässt Nietzsche in "Ecce homo", seinem geistigen Selbstentwurf, die Funken seiner plötzlichen Inspiration noch einmal sprühen, mehr als sieben Jahre nach dem Ereignis: das Unerwartete, nie Dagewesene, das mit explosiver Kraft hervorbricht und bis in die Fußspitzen dringt; die Überfülle des Lichts, das Ineinander glückseliger und schmerzlich-düsterer Gefühle, die keinen Aufschub duldende Notwendigkeit, die Unfreiwilligkeit, verknüpft mit einem mächtigen Freiheitsgefühl.

Ein Brief, den Nietzsche nur wenige Tage nach dem Erlebnis an den Schriftsteller und Komponisten Peter Gast – ein Pseudonym, das er für den Freund erfunden hatte – schreibt, bezeugt die Authentizität des Ereignisses; das Dramatische ist hier ebenfalls spürbar, wenn auch in einem anderen Stil:

"An meinem Horizonte sind Gedanken aufgestiegen, dergleichen ich noch nicht gesehen habe, – davon will ich nichts verlauten lassen, und mich selber in einer unerschütterlichen Ruhe erhalten. Ich werde wohl einige Jahre noch leben müssen! Ich gehöre zu den Maschinen, welche zerspringen können! Die Intensitäten meines Gefühls machen mich schaudern und lachen, – schon ein paarmal konnte ich das Zimmer nicht verlassen, aus dem lächerlichen Grunde, dass meine Augen entzündet waren – wodurch? Ich hatte jedes Mal den Tag vorher auf meinen Wanderungen zuviel geweint, und zwar nicht sentimentale Tränen, sondern Tränen des Jauchzens; wobei ich sang und Unsinn redete, erfüllt von einem neuen Blick, den ich vor allen Menschen voraushabe."

Wörter wie "zerspringen", "schaudern", "lachen", "jauchzen", "tanzen" und "weinen" bezeugen die sinnlich-affektive Ausstrahlung der Inspiration.

Blitzartig ist über den Wanderer Nietzsche der Grundgedanke zu dem noch zu schreibenden Buch "Also sprach Zarathustra" hereingebrochen. In diesem Werk wird er die Tiere – stellvertretend für Zarathustra – Folgendes verkünden lassen:

"Die Seelen sind so sterblich wie die Leiber. Aber der Knoten von Ursachen kehrt wieder, in den ich verschlungen bin – der wird mich wieder schaffen! Ich selber gehöre zu den Ursachen der ewigen Wiederkunft."

Die alte Lehre von "der ewigen Wiederkehr des Gleichen" hatte den "unbedingten und unendlich wiederholten Kreislauf aller Dinge" im ewigen Zeitkontinuum behauptet. Um sie wissenschaftlich zu untermauern, suchte Nietzsche, wie seine Aufzeichnungen zeigen, nach kosmologisch-physikalischen Erklärungen und stieß auf die Begrenztheit von Materie und Energie, die in der unendlichen Zeit nur eine begrenzte Zahl möglicher Kombinationen zuließe.

Neu und bedenkenswert an seiner Variante der alten Lehre sind indessen die ethisch-lebenspraktischen Grundsätze, zu denen er gelangt, nicht zuletzt der Amor fati, die freiwillige Liebe zu dem, was notwendig geschieht und wieder geschehen muss. Im vierten Buch der "Fröhlichen Wissenschaft", das er im Frühjahr nach der Erleuchtung abschließt, heißt es:

"'Die ewige Sanduhr des Daseins wird immer wieder umgedreht – und du mit ihr, Stäubchen vom Staube!' Wenn [dieser] Gedanke über dich Gewalt bekäme, er würde dich, wie du bist, verwandeln und vielleicht zermalmen; die Frage bei allem und jedem: 'Willst du dies noch einmal und noch unzählige Male?' würde als das größte Schwergewicht auf deinem Handeln liegen! Oder wie müsstest du dir selber und dem Leben gut werden, um nach nichts mehr zu verlangen als nach dieser letzten ewigen Bestätigung und Besiegelung?"

In "Ecce homo" wird Nietzsche Zarathustra als einen Menschen beschreiben, der dieses "dem-Leben-gut-Werden" beherzigt; er wird ihn als einen feiern,

"welcher die härteste, die furchtbarste Einsicht in die Realität hat, welcher den 'abgründlichsten Gedanken' gedacht hat, trotzdem darin keinen Einwand gegen das Dasein, selbst nicht gegen dessen ewige Wiederkunft findet."

Das Inspirationsereignis von Sils-Maria beendet für Nietzsche eine entsetzliche Leidenszeit, in der er Selbstmordgedanken hegte. Nun scheint es – allen Schmerzen zum Trotz, die in diesem Sommer nicht ausbleiben -, als habe er den "Wendekreis" überschritten, als liege alles neu vor ihm.

Ein Jahr später kehrt er an den Ort seiner Erleuchtung zurück; er huldigt ihm mit den Worten:

"Im Sommer, heimgekehrt zur heiligen Stelle, wo der erste Blitz des Zarathustra-Gedankens mir geleuchtet hat, fand ich den zweiten Zarathustra."

Ein verzweifelter Mensch kann, zumindest für eine Weile, durch eine plötzliche Erkenntnis zum Weiterleben bewegt werden, davon überzeugt, dass er der Menschheit etwas zu geben hat.

Eine unerwartete Intuition kann aber auch einem Menschen, der im Konzentrationslager mörderischer Gewalt ausgeliefert ist, einen Moment der Freiheit und des freundschaftlichen Austauschs schenken. Davon berichtet Primo Levi, der im Dezember 1943 als Widerstandskämpfer in Piemont gefangen genommen und 1944 als Jude nach Auschwitz deportiert wurde, in seinem autobiografischen Werk "Se questo è un uomo" (Ist das ein Mensch?), das er im Jahre 1946 schrieb. Das Kapitel mit der Überschrift "Il canto di Ulisse" (Der Gesang des Ulysses) gibt eine dichterisch-philosophische Intuition wieder, der eine Reihe sich ablösender Inspirationen vorausgegangen sind.

"Heute kommt Primo mit mir die Suppe holen", entscheidet Jean, genannt Pikkolo, der als jüngster des "Chemie-Kommandos" das Amt des Laufburschen und Schreibers innehat. Die beiden Häftlinge machen sich auf den Weg zum Suppeholen.

"Man sieht die schneebedeckten Karpaten. Ich atme die frische Luft, fühle mich ungewohnt leicht. Wir gehen langsamer. Pikkolo weiß Bescheid und hat es vorsorglich so eingerichtet, dass wir einen langen Umweg machen und mindestens eine Stunde zu laufen haben, ohne Verdacht zu erregen. Wir reden von zu Hause, von Straßburg und Turin, von unsern Büchern, unsern Studien; unseren Müttern."

Pikkolo und Primo können sich ohne große Mühe verständigen, denn dieser kann Französisch und etwas Deutsch, zwei Sprachen, die jener fließend spricht. Während des Studiums hat Primo deutschsprachige Chemie- und Physikbücher gelesen, im Lager kam dann "der verhunzte, häufig auf satanische Weise ironische Jargon der Konzentrationslager" hinzu.

Doch Pikkolo möchte, aus Freundschaft zu Primo und weil er Italien liebt, Italienisch lernen – eine wunderbare Sprache, unnütz im Konzentrationslager.

"Können wir das nicht machen? Natürlich können wir. Am besten gleich; was auch immer getan wird, es kommt jetzt darauf an, keine Zeit zu verlieren, diese Stunde nicht zu vergeuden."

Primo fühlt sich plötzlich stark, zu allem fähig: "Heute traue ich mir alles zu." Ihm fällt der "Gesang des Ulysses" aus Dantes "Inferno" ein, dem ersten Teil der "Göttlichen Komödie"; er weiß nicht "wie und weshalb", vielleicht weil die Hölle für ihn im Lager allgegenwärtig ist, vielleicht weil Dantes Gesang von der letzten Fahrt des Ulysses und dem Untergang des Schiffes handelt. Ihm kommt eine uralte Methode des Lernens in den Sinn. Er wendet sie umgehend an, denn die Zeit eilt: Er rezitiert auswendig einige Verse, übersetzt sie seinem Gefährten ins Französische und gibt Erläuterungen. Er bäumt sich gegen die Lücken in seinem Gedächtnis auf. Doch schließlich – "die Sonne steht schon hoch, und bald ist Mittag" – drängen die entscheidenden Verse mit aller Intensität hervor:

"Bedenket, welchem Samen ihr entsprossen:
Man schuf euch nicht, zu leben wie die Bestien,
Nach Tugend und nach Wissen sollt ihr trachten."

Die Verse erschüttern die beiden Freunde. Sie fühlen sich wie hinweggetragen, weit über das Lager hinaus:

"Als hörte ich das selber zum ersten Mal: wie ein Posaunenstoß, wie Gottes Stimme. Einen Augenblick lang vergesse ich, wer ich bin und wo ich mich befinde. Pikkolo möchte, dass ich wiederhole. Wie anständig er ist; er hat gemerkt, dass es mir guttut."

Dann: stocken, suchen nach dem Fortgang der Dichtung. Ein Vers mit dem Wort "Berg" fällt Primo ein, und er sieht, schmerzlich, ein Gebirge in der Abenddämmerung vor sich: Es ist das Gebirge, das er einst sah, wenn er mit der Bahn von Mailand nach Turin, nach Hause, fuhr.

Schließlich hat er – verzweifelt sich abmühend, denn schon stehen sie vor der Küche – die Schlussverse über den Wirbelsturm und den Untergang des Schiffes auf den Lippen:

"Dreimal im Kreis dreht' er's mit allen Wassern:
Beim vierten riss er hoch das Heck, den Bug er
Tauchte, wie eine andre Macht es wollte."

Da bricht etwas Gigantisches unaufschiebbar hervor, eine plötzliche Intuition:

"Ich halte Pikkolo zurück, es ist so wichtig und dringend, dass er jetzt zuhört, dass er dieses 'wie eine andre Macht es wollte' versteht, ehe es zu spät ist, denn morgen schon kann er oder ich tot sein; vielleicht sehen wir uns auch nie wieder, ich muss ihm vom Mittelalter Bericht und Erklärung geben, von dem so menschlichen, so notwendigen und doch unerwarteten Anachronismus dieses Verses, und da ist noch etwas anderes, Gigantisches, was ich in der Intuition eines Augenblicks eben erst erkannt habe, vielleicht das Warum unseres Schicksals, unseres heutigen Hierseins."

Mit dem letzten Vers des Gesangs beschließt Primo Levi das Kapitel:

"Dann über uns geschlossen ward das Meer."

Der Gehalt der Intuition wird nur angedeutet, vielleicht damit er nicht als erschöpfende, abschließende Antwort auf die Frage nach den Motiven der mörderischen "andren Macht" des Dritten Reiches missverstanden wird.

Die vorausgehenden Kapitel des Buches zeigen, dass Primo Levi und andere Häftlinge die Frage nach den Ursachen der Verfolgung und Vernichtung aus ihrem Denken verbannten. Ein Mithäftling hatte auf den Boden seines Napfes den Satz geritzt : "Ne pas chercher à comprendre", "Nicht versuchen zu verstehen".

Doch bei der Rezitation der Verse Dantes über den barbarischen Gott, der die menschliche Kühnheit bestraft, erschließt sich dem Häftling Primo – trotz Eile, trotz Gegenwärtigkeit des Todes – plötzlich eine Idee. "Nach Tugend und nach Wissen sollt ihr trachten" hatte der entscheidende Vers gelautet, vernommen wie "Gottes Stimme", wie ein "Posaunenstoß". Tugend und Wissen zu erstreben, in dieser Reihenfolge [in manchen Übersetzungen wurde die Reihenfolge umgekehrt], – das ist das universelle ethische Gebot des Judentums.

Die "andre Macht" aber gibt sich als die Macht der Massenmörder aus Deutschland zu erkennen, denen die sittliche und intellektuelle Kühnheit der Juden unerträglich ist. Durch die Verse Dantes – darin liegt ihr unerwarteter "Anachronismus" – erfährt die Situation der Häftlinge eine Deutung, die ihrerseits dem Verständnis des alten Textes dient. Dabei wird kein zeitunabhängiges Bild von barbarischer Machtausübung als anthropologischem Grundübel heraufbeschworen, die beiden Mächte relativieren sich nicht: Ihnen ist allein – aus der Sicht des Häftlings – das Motiv ihrer mörderischen Gewalt gemeinsam.

Nietzsche vergleicht sein Inspirationserlebnis mit einer "Offenbarung" und mit einem "Sturm von Göttlichkeit"; den Ort, an dem es stattfindet, nennt er "heilige Stelle". Primo Levi vernimmt die Verse Dantes, die er selbst rezitiert und die seine Intuition auslösen, "wie einen Posaunenstoß, wie Gottes Stimme". Diese Vergleiche entstammen dem Fundus jahrtausendealter Religionen, sie erinnern an Erleuchtungsereignisse aus der jüdischen Thora und den Büchern der Propheten, die ihrerseits Erlebnisformen geprägt haben, wie sie in der Apostelgeschichte wiedergegeben sind.

Diese erzählt beispielsweise, wie sich die Apostel zusammen mit zahlreichen Wallfahrern aus allen Himmelsrichtungen in Jerusalem versammelt haben: Es ist Schawuoth, das "Wochenfest", an dem die Juden – sieben Wochen nach dem zweiten Tag von Pessach – der Offenbarung Gottes und der Übergabe der Thora am Berg Sinai gedenken. Und nun geschieht etwas Ähnliches, wenn auch Verschiedenes, wie Jahrhunderte zuvor am Sinai, wo, den biblischen Berichten zufolge, Feuer und Rauch, Blitz und Donner, himmlische Posaunen und Beben, Dunkelheit und Wolkenbildung die Offenbarung ankündigten und begleiteten. In der Apostelgeschichte heißt es:

"Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie waren. Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder. Alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt und begannen, in fremden Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab."

In gewisser Hinsicht ist dieses sogenannte Pfingstwunder nicht verwunderlich: Die Apostel sind zum Begehen eines hohen jüdischen Feiertages zusammengekommen, an dem sie sich an die Erneuerung des Bundes ihrer Väter mit Gott erinnern; und nun erleben sie selbst – in dem Gefühl des Erfülltseins vom Heiligen Geist – die Bestätigung und Erweiterung ihrer Gemeinschaft, Fortsetzung und zugleich Unterbrechung der Geschichte. Ihr eigentliches Wirken setzt nun ein, die Gemeinde verschmilzt:

"Und alle, die gläubig geworden waren, bildeten eine Gemeinschaft und hatten alles gemeinsam. Sie verkauften Hab und Gut und gaben davon allen, jedem so viel, wie er nötig hatte."

Das Pfingstereignis ist ein alt-neues Schawuoth-Ereignis: Es übernimmt Elemente der Sinai-Offenbarung und bezieht sich auf eine Überlieferung der hebräischen Bibel, den Turmbau zu Babel. Dieses Symbol von Macht- und Herrschaftsgelüsten war vernichtet und die Sprachen waren verwirrt worden. An Schawuoth-Pfingsten wird die Sprachenverwirrung für einen Augenblick aufgehoben, womit die Möglichkeit universeller Transparenz aufscheint.

Die Apostelgeschichte berichtet von einer weiteren Erleuchtung: der des Saulus, dem eine tiefgreifende Verwandlung widerfährt. Vom Verfolger der Christen wird er zum Verkünder des Evangeliums und heißt fortan Paulus:

"Als ich unterwegs war und mich Damaskus näherte, da geschah es, dass mich um die Mittagszeit plötzlich vom Himmel her ein helles Licht umstrahlte. Ich stürzte zu Boden und hörte eine Stimme."

Paulus löst sich aus seinem bisherigen Leben und Handeln, überlässt sich einer neuen Struktur der Zeit und des Ortes, dabei die prophetischen Überlieferungen des Judentums im Klang seiner Briefe weitertragend.

Die religiösen Erleuchtungen sind nicht anders als die Evidenzerfahrungen der Philosophen Transformationserfahrungen, die durch die jeweiligen Debatten und Konflikte der Zeit beeinflusst sind: etwa im Fall von Paulus durch die Auseinandersetzung um Jesu messianische Sendung, um die überzeitliche Existenz der Seele, um den Status von Glauben und Gesetz. Jene sind darüber hinaus häufig in die kollektive Geschichte einer Gemeinschaft eingebunden: So etwa fühlt sich die christliche Urgemeinde nach dem Tode Jesu insgesamt vom Heiligen Geist berührt und der Endzeit entgegeneilen.

Der offenkundigste Unterschied zwischen religiösen Erleuchtungen und plötzlichen säkularen Erkenntnissen liegt in der Beziehung ihres Ursprungs. Jenen wird ein göttlicher Ursprung – die Erscheinung Gottes, der Heilige Geist oder die Ausstrahlung der göttlichen Gnade – zugeschrieben, diesen die Herkunft aus dem menschlichen Geist, in dem sich Gefühle, Vorstellungen, Wahrnehmungen und diskursive Erkenntnisse zusammenballen und aufblitzen. Die Folgen ähneln sich: Erschütterung, Kehrtwende, Engagement, Leidenschaft, Hingabe – wenn auch an ganz unterschiedliche Aufgaben.

Aus nachbiblischen Zeiten sind gewaltige, von heftigen Naturerscheinungen begleitete, äußere Erleuchtungsereignisse kaum überliefert, versteckte göttliche Hinweise, Stimmen, Visionen und lichtvolle Regungen im Inneren des Menschen, die als subjektive Wahrheit oder als Strahl Gottes, in jedem Fall als Gnade, erfahren werden, dafür umso häufiger.

Man denke an die Kinderstimme, die Augustinus unter einem Feigenbaum vernimmt, an die Visionen der Hildegard von Bingen oder, viel später, an die religiösen Erlebnisse der Philosophin Simone Weil. Sie hatte es für unnütz gehalten, sich mit der "Lösung des Gottesproblems" zu befassen, und sich vorgenommen, bloß "die beste Haltung gegenüber den Problemen dieser Welt einzunehmen". Doch im September des Jahres 1935 wird sie in einem nordportugiesischen Fischerdorf, in dem bei Vollmond das Patronatsfest gefeiert wird, von einer "plötzlichen Gewissheit" ergriffen:

"Es war am Ufer des Meeres. Die Frauen der Fischer zogen in einer Prozession um die Boote, sie hielten Kerzen in den Händen und sangen gewiss sehr altüberlieferte Gesänge von herzzerreißender Traurigkeit. Dort hatte ich plötzlich die Gewissheit, dass das Christentum vorzüglich die Religion der Sklaven ist und dass die Sklaven nicht anders können, als ihm anzuhängen, und ich mit ihnen."

Die religiösen Erleuchtungserfahrungen setzen die Bereitschaft voraus, das "himmlische Wort", die "Ausstrahlung Gottes" oder das "Licht der Gewissheit" überhaupt zu empfangen.

In den säkularen Kulturen der Moderne, in denen die Macht des Zweifels den Glauben weitgehend ersetzt hat und in denen weder das Wort Gottes noch die göttliche Wahrheit die ethischen Bezugspunkte des Verhaltens sind, ist an die Stelle jener Bereitschaft die Fähigkeit getreten, plötzliche Erkenntnisse als lebensbestimmend zu erkennen und ihnen einen Sinn zu geben.

Doch die religiösen Texte über Erleuchtungen werden weiter überliefert. Und es bleibt die doppelte Struktur, die sie mit den säkularen Berichten über philosophische Erkenntniserlebnisse gemein haben: Sie folgen literarischen Modellen und sind Teil einer größeren Erzählung, in der sie eine bestimmte ästhetische oder pragmatische Funktion erfüllen.

Offenbarungen, Lichterscheinungen und göttliche Stimmen sind geeignet, religiöse Gesetze, Berufungen und Erwählungen zu beglaubigen und ihnen Autorität zu verleihen.

Geistesblitze und unerwartete Inspirationen dienen häufig dazu, ein neuartiges philosophisches Werk und eine persönliche Neuorientierung unmittelbar oder im Rückblick zu legitimieren sowie Angriffe und Feindseligkeiten abzuwehren.

Aufgrund dieser pragmatischen Funktionen von Geistesblitzen in biografischen und autobiografischen Texten wird oft die Frage nach ihrer Übereinstimmung mit der Realität gestellt. Für Biografieforscher oder Archäologen des Denkens mag diese Frage interessant sein; für diejenigen, die das Phänomen der plötzlichen Erkenntnis untersuchen, ist sie relativ belanglos.

Denn ein erfundener Geistesblitz ist ebenfalls ein einzigartiges Phänomen der Kulturgeschichte, nicht weniger real, wenn auch auf andere Weise, als ein tatsächlicher. Entscheidend ist, wie gut er beschrieben wird. Im Übrigen ist seine Erfindung gewöhnlich selbst einem Gedankenblitz zu verdanken – auch dann, wenn die Erfinder dem Modell des fingierten Geistesblitzes folgen.

Frei von autobiografischen Rechtfertigungstendenzen sind die Geistesblitze, die in den realistisch erzählten Romanen und Novellen des 19. und 20. Jahrhunderts aufleuchten.

Traditionelles Erzählen im weitesten Sinne fußt auf drei Parametern: der einfachen Abfolge der sprachlichen Zeichen und der erzählten Ereignisse, ihrer Transformation oder Inversion sowie ihrer logisch-kausalen Verknüpfung. Es ist vor allem die allmähliche oder die überraschende Transformation von Sachverhalten, von Wissen und Erkenntnissen, die die klassische Erzählung vorantreibt. Kein Wunder also, dass sich Evidenzerfahrungen und Geistesblitze – neben zahlreichen anderen Kunstgriffen – als strukturierende Elemente fiktionaler Texte anbieten.

Man denke an die einzigartige Novelle "En voyage" (Auf Reisen) von Guy de Maupassant, in der Einfälle und Umschwünge sowohl den erzählerischen Rahmen als auch die Erzählung selbst durchziehen.

Ein verletzter, von der zaristischen Polizei gesuchter junger Mann dringt kurz vor der russischen Grenze in das Zugabteil einer russischen Gräfin ein, die, schwer lungenkrank, auf dem Weg von Sankt Petersburg zur Côte d'Azur ist. Der plötzliche Einfall, mit dem die junge Frau den Mann rettet, kristallisiert sich in einem einzigen Satz, den sie an ihren Diener richtet:

"Ivan, ich brauche dich nicht mehr, kehre bitte zum Grafen zurück. Ich möchte, dass du in Russland bleibst. Hier hast du Geld für die Rückfahrt. Lass deine Mütze und deinen Mantel hier."

Wenn in der Novelle Maupassants durch einen Gedankenblitz Rettung und Liebe möglich werden, Gespräch und Nähe jedoch nicht, so ist es in dem Roman "When Nietzsche Wept" (Und Nietzsche weinte) des zeitgenössischen Schriftstellers Irvin D. Yalom genau umgekehrt.

Hier führt ein Geistesblitz zur Annäherung der beiden Protagonisten, des fiktiven Professors Friedrich Nietzsche und des ebenso fiktiven Wiener Arztes Josef Breuer.

Jener hat tagelang mit aller Kraft dem Drängen und Werben des Arztes widerstanden, der davon überzeugt ist, dem immer wieder von Krankheiten gepeinigten Nietzsche helfen zu können. Alle Argumente, alle freundlichen Angebote kostenloser Behandlung sind vergeblich gewesen. Nicht einmal als Breuer Opfer an Zeit, Schlaf und Kraft bringt, um Nietzsche, den der Tod gestreift hat, zu helfen, lässt dieser sich von seiner Weigerung abbringen.

Doch mitten in der Nacht, auf dem Nachhauseweg, trifft Breuer, nachdem er alles Nachdenken hat fahren lassen, der rettende Geistesblitz:

"Er lauschte dem Wind, seinen Schritten, dem Knirschen der feinen Harschkruste unter seinen Füßen. Und plötzlich tat sich ein Weg auf, der einzig mögliche Weg! Er beschleunigte seinen Schritt. Er knirschte heimwärts durch den Schnee, und mit jedem Schritt juchzte er innerlich: 'Ich weiß einen Weg! Ich weiß einen Weg!'"

Breuers Gedankenblitz, der zunächst der Gedankenblitz des Autors Irvin Yalom ist, zeichnet sich durch die breite Palette der vorausgehenden Akte und Wahrnehmungen aus: Verzicht auf anstrengendes Nachdenken, Konzentration auf die Bewegung, Aufmerksamkeit für den Körper, für die natürlichen Elemente der Luft, des Windes, der Harschkruste, Hingabe an das Lauschen. Und schließlich die Wirkung: absolute Gewissheit, Jauchzen im Inneren.

Der eigentliche Gehalt des Geistesblitzes wird erst im folgenden Kapitel offenbart: Breuer hat die Idee, die Situation umzukehren. Er verzichtet Nietzsche gegenüber auf die Rolle des tatkräftigen Arztes und Helfers und verwandelt sich in einen hilfsbedürftigen verzweifelten, von "fremden und liederlichen Gedanken" gequälten Menschen, der auf Rettung durch Nietzsche hofft.

Das, was zunächst als Kunstgriff gedacht ist, um Nietzsches Abwehr zu durchbrechen, erweist sich in einer zweiten Umkehr als zutreffend: Breuer ist selbst krank, psychisch krank. Es kommt zu einem verwickelten Spiel der Projektionen und Spiegelungen. In einem der eingefügten fiktiven "Verlaufsberichte" des Arztes heißt es:

"Um ihn zur Selbstoffenbarung zu ermutigen, legte ich mich heute bloß. Mir ist ein interessanter Einfall zur Vorgehensweise gekommen! Ich werde seine Lage schildern, als sei es meine, werde ihn mich beraten lassen und somit stillschweigend sich selbst."

Relativ arm an Darstellungen von Geistesblitzen und ähnlichen Erlebnisformen ist die avantgardistische Literatur des 20. und 21. Jahrhunderts, was unter anderem daher rühren mag, dass sie dem "Sich-Ereignen" der Sprache den Vorzug gibt vor der Sprache der Ereignisse und dass sie es vorzieht, Dinge, Gesten, Stimmungen nachzubilden, statt Ereignisse und Konflikte darzustellen.

Sie benutzt andere narrative Kunstgriffe, um im Fortgang einer Erzählung den Augenblick gegenüber der Dauer, den Bruch gegenüber der Kontinuität und die Ekstase gegenüber dem Immergleichen fühlbar zu machen: etwa die "künstlerische Epiphanie", bei der das Wesen eines Dinges oder einer Geste plötzlich aus dem Kontext heraustritt und zu strahlen beginnt.

Im Jahre 1902 hat Hugo von Hofmannsthal in dem fiktiven "Brief von Lord Chandos an Francis Bacon" diese psychische und zugleich literarische Möglichkeit vergegenwärtigt:

"Es ist ja etwas völlig Unbenanntes, und auch wohl kaum Benennbares, das, in solchen Augenblicken, irgendeine Erscheinung meiner alltäglichen Umgebung mit einer überschwellenden Flut höheren Lebens erfüllend, mir sich ankündet. Eine Gießkanne, eine auf dem Feld verlassene Egge, ein Hund in der Sonne, ein ärmlicher Kirchhof, ein Krüppel, ein kleines Bauernhaus, alles dies kann das Gefäß meiner Offenbarung werden."


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