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StartseiteBüchermarktDer Geschichtenverkäufer10.02.2003

Der Geschichtenverkäufer

Hanser, 271 S., EUR 19,90

Mit seinem neuem Roman will Jostein Gaarder beeindrucken. Darum er sich eine beeindruckende Figur als Hauptperson und Ich-Erzähler ausgedacht. Ein Genie. Ein Genie der Phantasie. Des Geschichtenerzählens, oder besser: des Geschichtenerfindens. Die Plots für Erzählungen, Novellen und Romane, für Theaterstücke und Drehbücher, geistreiche Aphorismen und kluge Thesen für Essays aller Art sprudeln aus ihm geradezu hervor. Und wie bei Genies üblich, tritt die Begabung schon beim Kinde zu Tage, beim kleinen Petter, der im Norwegen der 50er und 60er Jahre aufwächst. Und mit der Kindheit geht es im Roman auch bald los, der eine Lebensbeichte ist und vom schlimmen Ende aus schön chronologisch erzählt. Das schlimme Ende wird am Anfang zwar angedeutet, aber man vergisst es schnell wieder, weil zuerst einmal aufgetrumpft wird, etwa mit den Gaben des Kindergartenkindes Petter, der die gruppendynamischen Prozesse heimlich steuert, des Schulkindes, das den Lehrern sogar mit Aufsatzthemen aus der Verlegenheit hilft. Die wahren Abenteuer aber finden im Kopf statt - der Junge hockt stundenlang auf dem Boden, guckt reglos vor sich hin und lauscht den Geschichten, die sein Gehirn produziert. Er braucht keine Freunde, die Aufmerksamkeit der Mutter, die ihn mit ins Theater und in die Oper nimmt reicht ihm aus. Den Vater, der von der Familie getrennt lebt, sieht er nur Sonntags. Die Kindheitsgeschichte hat durchaus ihre Reize, weil sie neben amüsanten Anekdoten die Lebenswelt der 50er und 60er Jahre in Norwegen aufscheinen lässt.

Christoph Schmitz

Dann die Geschichte des Jugendlichen und Erwachsenen Petter. Jetzt trumpft Gaarder so richtig auf: Die Frauen kriegt das junge Genie eine nach der anderen ins Bett, er muss nur mit dem Finger schnippen. Dass das ins Petters Fall so einfach gehen soll, glauben wir dem Text allerdings nicht, charakterisiert sich der Erzähler doch als scheuen und zurückgezogenen Menschen, und sein bürokratischer Erzählton mit verstaubten Vokabeln wie "Damenbesuch" und "Schäferstündchen" lässt auf alles, nur nicht auf einen blendenden Verführer schließen. Pubertäre Wunschphantasien scheinen hier eher am Werk gewesen zu sein, als die Absicht eine wirkliche Figur zu gestalten.

Parallel zu seinen erotischen Eskapaden errichtet Petter sein literarisches Imperium. Seine Ideen schreibt er zwar auf, führt sie aber nicht aus. Die Muse küsst ihn mit solcher Hingabe und so unablässig, dass ihm für die belanglose Fleißarbeit eines mehrjährigen Romanunternehmens einfach die Zeit fehlt. Als eigentliche Ursache für die Schreibunlust muss ein Kindheitstrauma herhalten: Als der kleine Petter seiner Mutter ein ganzes Märchen auf die tapezierten Wände geschrieben hat, ist die Mutter wegen der Verunstaltung des Raums entsetzt und der Autor seitdem schreibgehemmt. Mit solch fauler Psychologie wird sogar Petters Phantasieüberschuss begründet, mit dem Ehebruch der Mutter nämlich, der das Kind in Phantasiewelten treibt. Gleichviel - der erwachsene Held verkauft seine Ideen und Plots an Debütanten, an unbekannte, bekannte und berühmte Schriftsteller. Der Trick des Unternehmens: Absolute Verschwiegenheit über den Handel und jeder Kunde muß glauben, exklusiv beliefert zu werden. Umsatzbeteiligungen kommen bald hinzu, das Geschäft blüht. Das Netz seiner Kontakte hat Petter bald um den ganzen Globus gesponnen. So erhält sein Spitzname, den er als Kind wegen seines Phantasieüberschusses bekommen hatte, Petter Spinnemann, eine weiter Bedeutung. Und schließlich hatte Petter Spinnemann schon immer einen bestimmten Talismann besonders gemocht, einen Bernstein mit einer darin eingeschlossenen Spinne. Und als die Geschäfte des unbekannten Geschichtenverkäufers irgendwann doch ruchbar werden, ist in der literarischen Welt nur noch von der "Spinne" die Rede. Das ist motivisch fein gehäkelt, aber eben doch nur Kunsthandwerk. Überhaupt hat dieses ganze Wortwerk etwas Mechanisches. Lebendige Charaktere sucht man vergebens. Und alles wirkt wie billiger Ersatz für das eigentlich Intendierte.

Gaarder will uns einen außerordentlichen Künstler und Intellektuellen präsentieren, liefert aber nur einen blassen Abglanz. Dieser Petter ist die unfreiwillige Karikatur eines Hochstaplers, ein bildungsbeflissener Biedermann, der nicht einmal merkt wie ihn die fehlende Eleganz seines Stils, sein im bürokratendeutsch abgefasstes Lebensbekenntnis als Kleingeist entlarvt. Da nützt es auch nichts, wenn der Autor versucht, die vermeintliche Genialität seines Helden mythologisch aufzuladen. Und die Kostproben, die uns Petter immer wieder von seinen Ideen liefert, die er hochtrabend Synopsen nennt, taugen allenfalls als Vorlage für einen Roman der trivialsten Art. Peinlich wird es gar, wenn der Erzähler seine inspirierenden Fähigkeiten in Metaphern wie diese kleidet: "Es gab nur einen Zuchtbullen, doch der konnte in seiner Brunst eine ganze Autorenherde befruchten". Jostein Gaarders "Geschichtenerzähler" steckt so voller Mängel, Widersprüche und Fehler, dass einen nur die Lesepflicht durch den immer langweiliger werdenden Roman treibt. Der einzige Trost auf halber Strecke: Schlimmer kann es nicht mehr werden. Aber am Schluss wird es schlimmer. Nicht das geplatzte Imperium bringt Petter zur Besinnung, sondern ein Inzest. Ohne es zu wissen hat er mit der eigenen Tochter geschlafen. Wie konnte das nur passieren? Das, so will Gaarder verstanden sein, lehrt seine Fabel: Petter hat die Wirklichkeit verkannt, weil er der Phantasie verfallen war. Also: Immer schön auf dem Boden bleiben. Danke!

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