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"Der Gipfel ist eine vertane Chance"

Hochschulverband kritisiert nationale Bologna-Konferenz

Bernhard Kempen im Gespräch mit Regina Brinkmann

Bernhard Kempen, Präsident des Deutschen Hochschulverbands
Bernhard Kempen, Präsident des Deutschen Hochschulverbands (Deutscher Hochschulverband)

Laut Verbandschef Bernhard Kempen hat der Bologna-Gipfel nicht die vorrangigen Problemen der Studierenden angepackt. Überfrachtete Studienpläne und fehlende studentische Freiheit machten den Hochschülern mehr zu schaffen als mangelnde Lehrqualität.

Regina Brinkmann: Was war das eigentlich gestern: Die erste nationale Bologna-Konferenz unter anderen mit Studierenden, Hochschulvertretern und der Bundesbildungsministerin hatte ja große Erwartungen geweckt, konkret etwas zur Verbesserung der Studienbedingungen zu bewegen. Doch die Reaktionen am Tag danach fallen mehrheitlich eher negativ aus. Studierende vom Aktionsbündnis Bildungsstreik haben den Gipfel als Schavan-Show bezeichnet, für den Deutschen Hochschulverband war das Treffen auch nicht mehr als eine reine Alibiveranstaltung. Bernhard Kempen ist Präsident des Deutschen Hochschulverbandes, ich habe ihn gefragt: Warum hat der Bologna-Gipfel sein Ziel verfehlt?

Bernhard Kempen: Der Gipfel ist eine vertane Chance, die in der Tat alles andere als guten Studienbedingungen in Deutschland zu verbessern, oder um es anders auszudrücken: Der Gipfel geht an den Problemen der Studierenden weitgehend vorbei. Da wurde jetzt gesprochen über Verbesserung der Qualität der Lehre und da gibt es einen Pakt, der erfreulich viel Geld zur Verfügung stellt - dagegen ist nichts einzuwenden, denn in der Tat, unsere Lehrqualität muss weiter verbessert werden, das ist eine Daueraufgabe an den Hochschulen, hier immer das Gute weiter zu verbessern. Aber das ist ja nicht das Problem, das unsere Studenten eigentlich haben: Deren Problem besteht darin, dass sie überfrachtete Studienpläne haben, dass ihre Mobilität weit zurückgegangen ist, dass in vielen Fächern durch die Bachelor-Master-Struktur eine drastisch gestiegene Abbrecherquote zu verzeichnen ist und dass der Übergang vom Bachelor in das Masterstudium in vielen Fächern nicht vorhanden ist. Daran müsste gearbeitet werden und ich sehe jetzt nicht, dass der Gipfel an diesen Punkten etwas Substanzielles beigetragen hätte.

Brinkmann: Sehen Sie denn darin dann womöglich eher ein Ablenkungsmanöver, zu sagen, wir stellen jetzt mal zwei Milliarden bereit, von denen ja auch noch nicht klar ist, ob die dann auch wirklich zur Verfügung stehen?

Kempen: Ja also wir hoffen mal stark, dass das doch klar ist, dass das Geld kommt, auch wenn da jetzt da und dort vom Sparen an Bildung die Rede ist; ich will auch niemandem da sozusagen einen schlechten Willen unterstellen, sondern gehe davon aus, dass alle guten Willens sind. Aber wir gesagt: Das ist, wir lösen da jetzt ein Problem, das gar nicht so drastisch für die Studenten ist, denn unsere Lehrqualität in Deutschland, die ist ja nicht sozusagen verheerend, sondern sie ist insgesamt auf sehr, sehr hohem Niveau. Erfreulich, dass wir das Niveau noch weiter verbessern wollen, aber das ist nicht unser ...

Brinkmann: Ich wollte gerade sagen, man kann auf jeden Fall noch was verbessern, also das ist auf jeden Fall ein Thema immer wieder.

Kempen: Also selbstverständlich, das will ich ... Absolut, das will ich überhaupt nicht bestreiten! Aber es ist nicht so, dass wir jetzt irgendwie von Vier minus uns irgendwie hochrangeln müssten, sondern wir bewegen uns auf einem sehr, sehr guten Niveau und wie gesagt, dass wir da noch weiter besser werden wollen, ist schön, und dass es dafür Geld geben soll, ist noch schöner – prima! Aber das sind doch nicht die Probleme, die unsere Studierenden haben. Die haben ganz andere Probleme, die haben das Problem, dass sie ein Workload haben, der doch sehr arbeitnehmerähnlich ist, dass sie überhaupt nicht das haben, was man studentische Freiheit nennt, dazu gehört eben auch Kreativität, Muße, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen und so weiter. Das alles ist verloren gegangen, Hand in Hand geht das mit einer sozialen Schieflage, in der sich unsere Studierenden befinden, und da meine ich, an diesen Fragen hätte gearbeitet werden müssen, und da ist nicht dran gearbeitet worden. Ich sehe nicht, dass es da jetzt zu wirklichen Lösungsansätzen gekommen wäre.

Brinkmann: Ja aber sind da die Erwartungen nicht teilweise auch etwas zu hoch gesteckt, innerhalb von vier Stunden jetzt die Probleme des Bologna-Prozesses lösen zu wollen?

Kempen: Das wird man sicherlich nicht in vier Stunden tun können, aber man kann wenigstens die richtigen Signale aussenden, indem man die richtigen Fragen auf die Tagesordnung bringt. Und das ist nicht passiert.

Brinkmann: Die richtigen Fragen hätten Sie auch stellen können, wenn Sie eingeladen worden wären, oder?

Kempen: Ja das ist schon auch ein bemerkenswerter Vorgang, dass bei diesem sogenannten nationalen Bologna-Gipfel alle möglichen Akteure, von der Wirtschaft angefangen über die Gewerkschaften da beisammen sind, aber diejenigen, die eigentlich Tag für Tag mit der Bologna-Umsetzung zu tun haben, das sind die Lehrenden an den Hochschulen, dass die gar nicht repräsentiert sind – das ist schon ein bisschen merkwürdig, aber die Frage muss sich die Politik selbst beantworten.

Brinkmann: Haben Sie denn Hoffnung, dass Sie das nächste Jahr dabei sind, das soll es ja jetzt jedes Jahr geben?

Kempen: Ich weiß nicht, ob ich da Hoffnung haben soll. Ich würde an einem solchen Gipfel teilnehmen, wenn ich sehe, dass da etwas Vernünftiges auch rauskommt, dass da eine Chance drin liegt. Aber ich sage ganz offen: So, wie das jetzt eingetütet war beim sogenannten nationalen Bologna-Gipfel, hätte ich auch wenig Hoffnung gehabt, dass durch meine Präsenz dann wirklich etwas besser wird. Die Frage ist ja schon immer, welche Tagesordnung haben wir: Ist das eine Veranstaltung, bei der man sich selber nur abfeiern will und sagen will, wie gut man es in der Vergangenheit gemacht hat, indem man ein finanziell allerdings erstaunliches Programm der Öffentlichkeit präsentieren will, oder will man die Probleme, die zwei Millionen Studierende in Deutschland haben, will man die lösen? Das ist die Frage.

Brinkmann: Herr Kempen, blicken wir noch mal nach Hessen: Dort ist heute nach langem Hin und Her der Hochschulpakt unterzeichnet worden. Wie sehr ist zu befürchten, dass dieses Beispiel der Sparpolitik Schule macht in anderen Bundesländern?

Kempen: Ich fürchte, dass man da gar nicht sorgenvoll genug sein kann, denn das Beispiel Hessen zeigt, was uns hier in Nordrhein-Westfalen blühen wird als Nächstes. Mit der Abschaffung der Studienbeiträge steht die Politik vor dem Rätsel, wie sie denn die Ausfallsummen, die sich jetzt auf einmal auftun, wie sie die denn eigentlich stemmen will. Und da werden die Hochschulen, das muss man ganz deutlich sagen, die lässt man jetzt im Regen stehen. So können wir auf der anderen Seite aber nicht Exzellenz generieren, so können wir nicht Generationen heranziehen, die dann morgen und übermorgen forschen sollen. So wird das nicht laufen. Also in anderen Worten: Wir brauchen hier nicht weniger, sondern deutlich mehr Investitionen insbesondere in gute Studienbedingungen, und daran fehlt es in Hessen und ich fürchte dann demnächst auch in anderen Bundesländern.

Brinkmann: Das war Bernhard Kempen, Präsident des Deutschen Hochschulverbandes, zu den Kürzungen in Hessen und zum gestrigen Bologna-Gipfel und das Gespräch haben wir aus terminlichen Gründen aufgezeichnet.



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