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StartseitePolitische Literatur (Archiv)Der große Unzeitgemäße31.03.2008

Der große Unzeitgemäße

Stephan Schlak legt eine ungewöhnliche Biografie über den Freiburger Politologen Wilhelm Hennis vor

Systematisch abgeschlossene Monografien waren nicht seine Sache. Wilhelm Hennis entlud sein Denken vielmehr in "gewittrigen kleinen Aufsätzen", schreibt sein Biograf Stephan Schlak, der es jetzt mit seinen 200 leserfreundlichen Seiten dem Porträtierten gleichzutun scheint. Dabei verknüpft er die Gedanken des 1923 geborenen Freiburger Politologen Wilhelm Hennis mit den "Szenen einer Ideengeschichte der Bundesrepublik". Edgar Wolfrum hat die Biografie gelesen.

Wilhelm Hennis (privat)
Wilhelm Hennis (privat)

Lange Zeit hatten uns Politologen nichts mehr zu sagen, und wenn sie etwas sagen wollten, war es meist unverständlich. Nun jedoch soll Politikwissenschaft wieder zu einem intellektuellen Vergnügen werden, selbst wenn es sich um eine Dissertation handelt. Stephan Schlak hat um seinen "Helden" Wilhelm Hennis, dem bekannten Freiburger Politologen herum, Szenen einer Ideengeschichte der Bundesrepublik entworfen.

Mit Hennis zieht die Bundesrepublik an uns vorbei, überall scheint der 1923-Geborene dabei gewesen zu sein: Am Anfang der 50er Jahre eilt er jeden Morgen durch das Vorzimmer von Kurt Schumacher, ist Assistent bei Carlo Schmid in Frankfurt, dann reformerischer Professor in Hamburg, nach 1968 konservativer Polemiker an der Uni Freiburg, und am Ende macht er sich noch Helmut Kohl zum Feind. Überall drängelt er sich ins Bild. Aber Hennis ist kein Parteigänger der Bundesrepublik. Er hat die Rolle des Einzelkämpfers, des Denkers gegen den Strom und des einsamen Wolfes kultiviert.

"Seit den späten sechziger Jahren sieht der 'starke Pessimist’ Hennis mit einem Wort Nietzsches die Republik in der Hand 'ruchloser Optimisten.’"

Hennis wird zum zornigen alten Mann. Er wandelt sich von einem jungen kritischen Reformer der frühen BRD zu einem pessimistischen Diagnostiker. Mit Jürgen Habermas liefert er sich zeitlebens eine Art Zweikampf - und verliert.

"Habermas hat die liberalen Lernfortschritte der Republik nachträglich in seinem Werk 'aufgehoben’ - so dass ihm zu Recht der Titel des Staatsphilosophen der Bundesrepublik zugeschrieben wird. Dagegen geht der unzeitgemäße Problemdenker Hennis nicht konform mit dem intellektuellen Bildungsroman seines Landes."

Für Hennis ist die Republik eine "Enttäuschungsgeschichte". Seitdem Linksliberale die Westbindung als große Leistung anerkennen und mit der geistigen Verwestlichung die Bundesrepublik als ihre Republik feiern, schlägt der Bundesrepublik auf einmal die Kritik der Konservativen entgegen. Hennis wendet sich gegen eine "Erfolgsgeschichte" der Bundesrepublik. Er sagt immer, wogegen er ist.

Aber wer sagt, wogegen er ist, muss auch irgendwann sagen, wofür er ist. Das passiert selten. Ein politischer Erzieher? Was ist sein Programm? Wohin will er die BRD gelenkt wissen? Hennis ist in erster Linie Kritiker. Urteil und Vorurteil liegen bei ihm eng beieinander, und je älter er wird, desto mehr nörgelt er. Altersverbitterung nennt Schlak dies.

Hennis wähnt, dass die Republik irgendwie krank sei - und am Krankenlager des Patienten Bundesrepublik wacht der Arzt Wilhelm Hennis. Dabei ist Hennis strikt gegen "Projekte" oder dickleibige Bücher.

"Aber diese unfertige Form des Denkens, das nicht zur systematisch abgeschlossenen Monografie strebte, sondern sich in gewittrigen kleinen Aufsätzen entlud, entsprach seiner praktischen Wissenschaft (…)."

Ob sich Schlak mit seiner pointillistischen Methode gar in der Nachfolge von Hennis sieht? Diese hat zweifellos ihren Reiz, und gegenüber "richtigen" Biografien ist das Buch mit nur knapp über 200 Seiten erstaunlich dünn und leserfreundlich. Der Preis, den der Autor dafür bezahlt, sind Auslassungen und Blindstellen.

Wie bei vielen ist auch für Hennis die 68er Revolte der Knackpunkt. Hier hat eine ganze Generation jüngerer Professoren, die liberal oder sozialdemokratisch eingestellt waren, Kränkungen einstecken müssen, die sie zeitlebens nicht vergessen können. Doch genau an solchen Stellen wird das Buch ganz gehörig blass, weil das Private fehlt. Eine Ideengeschichte ohne Verortung im Leben, das geht nicht immer gut. Hennis igelt sich im Stellungskampf ein. Wird Bonn doch Weimar? Geht jetzt, 1968, alles wieder von vorne los?

"Die ideengeschichtliche Dramatisierung mit Weimar duldete kein Verständnis für die Studentenbewegung."

Alles wird von Wilhelm Hennis dramatisiert; immer geht es um "Schicksalsfragen", oft übertreibt er maßlos. Schlak stellt das gebührend heraus. Wie viele Male ist die Bundesrepublik untergegangen, endgültig gescheitert, abgeschmiert? 1969 findet der Politologe Hennis Willy Brandt aufregend, aber im negativen Sinne, er hält nichts von Utopien und warnt vor zu vielen Experimenten. In einem Brief an Helmut Schmidt schreibt Hennis:

"Bei der Unfähigkeit der Deutschen, politische Institutionen zu begreifen, und der radikal unpolitischen Tendenz, auch Institutionen unter dem Aspekt möglicher 'Experimente’ zu bedenken (mit Institutionen experimentiert man so wenig wie mit Menschen), wäre ganz schnell jenes Klima illusionärer Erwartungen geschaffen, das im Bereich der Hochschulen heute die eigentliche Basis für revolutionäre Aktionen abgibt."

Eine drängende Unruhe zeichnet alle Interventionen von Hennis aus, und es mutet kurios an, ein Lob des Quietismus gerade von einem so mitreißenden Temperament wie Hennis zu hören. Und dann Helmut Kohl. Bereits im Januar 1973 macht Hennis dem Ministerpräsidenten aus der Pfalz seine Aufwartung. Was folgt, ist eine herbe Enttäuschung.

"Hennis sollte als politischer Berater des 'Fürsten’ Helmut Kohl keine Karriere beschieden sein. Seine unverblümte Art schien für Kohls Entourage nicht besonders geeignet zu sein. Schon in den ersten, noch vorsichtig tastenden Briefen stellte er nicht parteipolitische Strategien in Aussicht, sondern teilte Kohl ganz unbefangen seine institutionellen Sorgen mit."

In den 80er Jahren verzaubert Hennis Max Weber neu. Seine drei Weber-Bücher sind auch Schlüsselbücher über das Schicksal der Bundesrepublik und über sein eigenes.

"Was abseits aller Legenden Hennis mit dem großen Max Weber in erster Linie verbindet, ist das Schicksal, politisch nicht recht zum Zug gekommen zu sein. Zwar suchte Hennis in seinem Selbstverständnis als 'Fürstenerzieher’ der Bundesrepublik stets den Zugang zur Macht - aber über die Vorzimmer, Kommissionen und den heißen Telefondraht zu aufgestiegenen, mächtigen Kommilitonen kam er nie so recht hinaus."

Die Liaison mit Helmut Kohl ist nur von kurzer Dauer, ja sie schlägt in Verachtung und Feindschaft um. Am Ende der 16-jährigen Kohl-Ära greift Hennis zum Mittel der Leichenrede. Seine Abrechnung mit dem Kanzler der 'blühenden Landschaften’ zitiert im Titel die berühmte Rede, die der Geschichtsschreiber Thukydides dem athenischen Feldherrn Perikles im Krieg mit Sparta in den Mund gelegt hat – 'Totenrede des Perikles auf ein blühendes Land’. Hennis moniert alles, von der Föderalismusdebatte bis zum Sittenverfall unter der Regierung Kohl. Und, wie immer, Eitelkeit, verletzte Eitelkeit.

"Hennis holte den Kanzler aus Bismarcks Geschichtsmantel, spreizte dabei aber selbst wenig bescheiden Max Webers große Flügel."

Am Ende seiner Totenrede stellt sich Wilhelm Hennis in eine große Linie und formuliert:

"Chateaubriand hat von Napoleon gesagt, er habe ein politisch völlig unerzogenes Land zurückgelassen. Max Weber hat das gleiche von Bismarck gesagt. Ich wünschte es wirklich nicht, dass man es auch von Helmut Kohl einmal sagen müsste."

Stefan Schlak hat ein kluges, ein reizvolles Buch geschrieben. Seine Szenen einer Ideengeschichte gleichen den "Szenen einer Ehe" - tatsächlich bestand so etwas wie eine Ehe, eine enge Verbindung zwischen Hennis und der Bundesrepublik. War es am Ende nur noch Hassliebe? Schlak durchkreuzt die Republik, läuft wirklich kreuz und quer. Im atemlosen Sauseschritt führt er den Leser durch etwa 100 meist nur anderthalb- bis zweiseitige Abschnitte des Buches.

Der große Unzeitgemäße, als der Hennis hier gezeichnet wird, war auch ein Meister darin, alte Klischees aufzuwärmen: Er stellte dem angeblich seelenlosen Westen einen deutschen Geist gegenüber. Er diagnostiziert in der BRD einen Verlust an Leidenschaft, Spannung und existentiellen politischen Ernst. Daher rührt der drängende Ton seiner Schriften. Eine gewöhnliche Biografie ist es nicht, die hier vorliegt, aber indem wir Hennis immer weniger verstehen, verstehen wie die Lernleistungen der alten Bundesrepublik immer besser.


Stephan Schlak: Wilhelm Hennis
Szenen einer Ideengeschichte der Bundesrepublik
C.H. Beck Verlag, München 2008,
279 Seiten, 19,90 Euro

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