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StartseiteBüchermarktDer gute Anzug als Tarnung12.05.2009

Der gute Anzug als Tarnung

Björn Bicker: "Illegal. Wir sind viele. Wir sind da.", Antje Kunstmann Verlag

In München leben schätzungsweise 40.000 bis 50.000 illegale Ausländer; sie kommen aus Ländern wie Angola, Bolivien, China, Ecuador, Russland oder der Ukraine. Spätestens wenn man auch diese Zahlen auf Deutschland oder auf Europa hochrechnet, könnte einem bewusst werden: Das Klischee einer in sich homogenen nationalen Kultur und Identität ist passé - wenn es so etwas denn überhaupt je tatsächlich gegeben haben sollte.

Von Sabine Peters

Bicker erzählt vom Leben auf Autobahnraststätten, aber auch vom Musikmachen in einer Band, vom Alltag als illegaler Student.  (AP)
Bicker erzählt vom Leben auf Autobahnraststätten, aber auch vom Musikmachen in einer Band, vom Alltag als illegaler Student. (AP)

Migration, diese aus vielfältiger Not erzwungene Wanderbewegung über die Erde, findet seit Menschengedenken statt. Das jeweils einheimische Kollektiv, das ja auch seinerseits keinesfalls homogen ist, tut sich schwer mit den Fremden.

Diejenigen, die hierzulande illegal, ohne Papiere leben und arbeiten, sind auf besondere Weise unsichtbar, sie sind "verbotene Körper". So heißt es in einem Theaterstück des 1972 geborenen Björn Bicker, das nach einer weiteren Fassung als Hörspiel nun zusätzlich, in leicht veränderter Form als Buch erscheint. Eine Mehrfachverwertung also, gegen die sich in diesem Fall allerdings nichts einwenden lässt: Selbst der pure Text, "bilderlos" und ohne akustischen Mehrwert, lohnt die Lektüre. Das liegt nicht nur an der politischen Brisanz des Themas. Bicker, der auch unter dem Pseudonym Polle Wilbert schrieb, hat eine literarische Form für sein Thema gefunden, die überzeugt.

Das Buch "Illegal. Wir sind viele. Wir sind da" besteht aus drei Ebenen. Zunächst berichten einzelne Sprecher von ihrem Alltag in Deutschland. Vom Fensterputzen im Winter, das, so der Arbeitgeber, mit vier Euro die Stunde gut bezahlt sei - wenn der Lohn denn überhaupt ausgezahlt wird. Vom einzigen Anzug, der unter schwierigsten Bedingungen sauber gehalten werden muss, weil er eine gute Tarnung darstellt. Vom Zynismus einer Gesetzgebung, die von einem Folteropfer erwartet, dass es eine Quittung für die erlittene Gewalt beibringt. Vom Leben auf Autobahnraststätten, aber auch vom Musikmachen in einer Band, vom Alltag als illegaler Student. Ohne Sentimentalität oder Larmoyanz, ja, oft reichlich spöttisch werden ganz verschiedene Erfahrungen umrissen.

Diesen individuellen Stimmen steht auf der zweiten Ebene ein Chor gegenüber. Hier wendet sich ein kollektives "Wir", die Illegalen, an "Euch", die Einheimischen. Die entsprechenden Passagen, stakkatohafte kurze Sätze, lassen den Klang einer Trommel assoziieren. Die Aussagen des Chores, heißblütig und doch aus kühler Distanz, haben den Charakter einer Abrechnung.

wir arbeiten. wir schlafen. wir sind hell wach.... wir stehen aufrecht. wir rutschen auf knien. ... ihr seht nicht was geschehen ist. ... wir leben nicht in ländern. wir leben in netzen. die netze sind gespannt über den ganzen erdball... wir sind beweglicher als ihr. wir sind ströme.... wir sitzen zu zwölft im ford transit. die fenster sind beschlagen.... wir lernen eure sprache mit dem aldi prospekt...wir haben immer einen fahrschein.... wir tragen geld in koffern über grenzen. wenn sie euch sagen ihr seid zu teuer. dann sind wir längst aufgebrochen. dann sind wir längst da. und arbeiten.

Dieses "wir", "ihr" und "sie" ist natürlich etwas holzschnittartig. Denn Beweglichkeit, "Mobilität" wird natürlich auch dem einheimischen Zeitarbeiter abverlangt, wenn der etwa monatelang in England jobbt. Und "sie", die Manager, hetzen gleichfalls über den Globus, mal für diesen, mal für jenen Konzern. Und doch wäre es Unsinn, zu bestreiten, dass es Unterschiede darin gibt, wie einer beispielsweise reist, ob im Container oder in der ersten Klasse.

Bickers Text über die "Gesetzlosen" entgeht der Gefahr einer Helden- und oder Märtyrergeschichtsschreibung. Die hier Sprechenden sind nicht einfach solchen Kategorien wie "Opfer" und "Täter" zuzuordnen. Die gibt es natürlich; und selbstverständlich können auch Illegale Opfer von Illegalen werden. Aber da sind eben auch die "Tätigen", hin- und hergerissen zwischen der Verantwortung für ihre weit entfernten, meist gänzlich ahnungslosen Familien und einem eigenen Glücksbedürfnis, das geprägt worden ist von MTV. Fünfzehn schwarze Jugendliche in einer Wohnung reißen an den Nähmaschinen ihre Stunden ab; wenn sie auf die Straße gehen, allein oder höchstens zu zweit, teilen sie sich einen einzigen Pass - und wovon träumen sie? Davon, ein Star im Fernsehen zu werden.

Auf der dritten Ebene von Bickers Buch kommt schließlich eine Frau zu Wort, die ehrenamtlich in einer Anlauf- und Beratungsstelle für Illegale arbeitet. Nach ihren Motiven gefragt, reagiert sie symphatischerweise nicht gerade vollmundig. Aber offensichtlich spielt die deutsche Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts eine Rolle - und vielleicht war das Maß bei ihr voll, als sie eine schlafende Afrikanerin in einer Telefonzelle beobachtete; beinahe defensiv heißt es, "ich sehe sie".

Der Ausdruck "Betroffenheit" ist dermaßen strapaziert worden, dass man dabei nur noch an Sentimentalität und Verlogenheit denkt. Er ist also nicht brauchbar, um die Wirkung von Bickers Text zu beschreiben. Im übrigen sind die nackten Fakten, die Bicker versammelt, nicht unbedingt neu. Selbst der abendliche Krimi zeigt, wie Polizisten mit Schiebern zusammenkungeln oder, reißerischer, wie eine Illegale im Bordellbetrieb eines namhaften Politikers verschwindet. Bicker vermeidet "große" skandalträchtige Geschichten, sein Buch widmet sich dem Unerhörten, Unsichtbaren, Verdrängten - dem, was eben gerade kein Aufsehen, keine Empörung erregt. Regt sich irgendeiner über die Informationen auf, die der eine oder andere Krimi bringt? Nein - Krimis haben andere, natürlich durchaus erfreuliche Funktionen.

Zu den Aufgaben von Literatur gehört es allerdings, zu sensibilisieren. Bickers vielstimmiger, produktiv widersprüchlicher Text geht einem ins Hirn, er regt zu Diskussionen an. Und er geht unter die Haut, denn die Fakten werden poetisch verdichtet, die Sprache wird rhythmisiert. Bei aller Virtuosität ist dies Buch nicht zu einem abgehobenen Kunstwerk geworden, in dem die Misere der Leute hinter die artifizielle Diktion zurücktritt; es ist kein Buch, das die Realität der Illegalen literarisch glorifiziert. Bickers Text hält die fragile Balance zwischen detailgenauem, illusionslosen Wissen und einem in alle Richtungen offenen Staunen über das, was bereits täglich stattfindet und was die Gesellschaften zukünftig wesentlich prägen wird. Ein Buch, das in mehrfacher Hinsicht aufhorchen lässt.

Björn Blicker: "Illegal. Wir sind viele. Wir sind da.", Kunstmann-Verlag, 144 Seiten, 14,90 Euro

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