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StartseiteEuropa heuteMaritimes Heimkino15.01.2018

Der Hafen von Rotterdam (1/5)Maritimes Heimkino

Ganze Generationen von Rotterdamern sind mit vorbeifahrenden Schiffen aufgewachsen. Auch Kapitän Cees de Keijzer hat einst große Schiffe durch die Hafenbecken von Rotterdam navigiert - und viel erlebt auf den Weltmeeren. Inzwischen ist er pensioniert. Der Hafen und die Schifffahrt lassen ihn jedoch nicht los.

Von Kerstin Schweighöfer

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Kapitän Kapitän Cees de Keijzer beobachtet von seinem Balkon aus die vorbeifahrenden Schiffe auf dem Nieuwe Waterweg (Dradio / Schweighöfer)
Kapitän Kapitän Cees de Keijzer beobachtet von seinem Balkon aus die vorbeifahrenden Schiffe auf dem Nieuwe Waterweg, der wichtigsten Zufahrtsroute zum Rotterdamer Hafen (Dradio / Schweighöfer)
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Europas Tor zur Welt Der Hafen von Rotterdam

Tür auf für das ganz große Heimkino! Kapitän Cees de Keijzer wohnt in Maassluis, einem ehemaligen Fischerdorf, hoch oben im achten Stock. Mit Panoramafenster auf den Nieuwe Waterweg, wie die wichtigste Zufahrtsroute des Rotterdamer Hafens heißt. 20 Kilometer weiter nordwestlich liegt Hoek van Holland, wo die Nordsee beginnt. 20 Kilometer weiter flussaufwärts Rotterdam.

"Ich hab' einen der schönsten maritimen Vorgärten der Niederlande", pflegt der alte Kapitän zu sagen. Denn ein Schiff nach dem anderen fährt vorbei. Was für ein Schauspiel!

"Sehen Sie den Tanker da, mit dem orangefarbenen Schornstein? Der hat gerade seine Ladung gelöscht und fährt jetzt wieder los, ich denke, er hat Heizöl gebracht, aus Russland. Und direkt vor uns, das ist ein Kranschiff, das wird in der Offshore-Industrie eingesetzt, um große Fertigteile zu transportieren, der Kran kann bis zu 14.200 Tonnen hieven!"

Schon als Kind Schiffe beobachtet

Der 74-Jährige ist temperamentvoll. Leidenschaftlich. Will gar nicht mehr aufhören zu erklären. Und deutet nun auf zwei langgestreckte Binnenfahrtschiffe, die träge flussaufwärts fahren. Sie kommen vom Erzterminal und bringen Erz und Kohle nach Duisburg. Denn der Rotterdamer Hafen ist nicht nur das Tor zur Welt, sondern auch das Tor nach Europa.

"Und das da, das ist ein weiteres Bunkerschiff. Bei dem können die großen Seeschiffe Treibstoff tanken."

Diese Dynamik, 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, fasziniert ihn. Cees de Keijzer kennt den Rotterdamer Hafen wie seine Westentasche – es ist seine Welt. Fast 40 Jahre, bis zu seiner Pensionierung, hat er im Hafen gearbeitet und zuvor selbst mehr als ein Jahrzehnt die Weltmeere befahren. Schon als Kind hat er die vorbeiziehenden Schiffe beobachtet, am Flussufer in Vlaardingen, einen Ort weiter flussaufwärts. Er wollte wissen:  Was ist da drin, woher kommen die, wohin wollen die?

Damals befand sich das Herz des Hafens noch in der Stadt, doch in den letzten 40 Jahren hat sich der Hafen nach Westen verschoben, 45 Kilometer Richtung Hoek van Holland. Dort wurden dem Meer neue Hafengebiete abgerungen: die Maasebenen I und II. Speziell für die allergrößten Seeschiffe, die auch den größten Tiefgang haben: Mammut-Öltanker und bis zu 400 Meter lange Containerschiffe.

"Die bleiben da draußen, die sehe ich nicht mehr vorbeiziehen."

Blick auf den "Nieuwe Waterweg", die wichtigste Zufahrtsroute des Rotterdamer Hafens zwischen Maassluis und Hoek van Holland (Imago)Blick auf den "Nieuwe Waterweg", die wichtigste Zufahrtsroute des Rotterdamer Hafens zwischen Maassluis und Hoek van Holland (Imago)

Kein romantisches Seemansleben

An seiner Wohnzimmerwand hängen Bilder der Schiffe, auf denen er als Steuermann und Kapitän im Einsatz war. Container gab es damals noch nicht, die Güter wurden in allen möglichen Verpackungen transportiert.

Eine Fahrt, die er häufig gemacht hat: Mit dem Flugzeug nach Baltimore, dann mit dem Schiff nach Venezuela, um Öl zu tanken, von Venezuela durch den Panamakanal nach Chile, wo das Öl gelöscht und Erz geladen wurde. Und mit dem Erz dann zurück nach Baltimore. Dauer: 9 Monate. Romantisch sei das Seemannsleben nie gewesen, aber damals blieb immerhin noch Zeit für Landgang:

"Das geht heute nicht mehr, die Bemannungen wurden zu sehr dezimiert. Wenn sie nicht arbeiten, wird geschlafen, und wenn sie nicht schlafen, gearbeitet. Die müssen froh sein, wenn Zeit zum Essen bleibt."

Eine Reise ist ihm besonders in Erinnerung geblieben: Er musste von Chile nach Argentinien, durch die Meerenge von Magellan, aber das bei extrem schlechtem Wetter und Windstärke 10.

"Wir kämpften gegen 15, 16 Meter hohe Wellen an und kamen einen Tag lang nicht voran. Angst hatte ich nicht, aber man wird hundemüde, weil schlafen - das geht nicht. Und alles schmeckt nach Salz, wirklich alles, wegen der Gischt."

Kapitän, Hafenmeister, Ship-aholic

Nach dieser Reise lernte er seine Frau kennen – "die Kaiserin", wie sie von allen genannt wird. Auf was sie sich mit der Heirat einließ, war ihr damals mit 24 nicht so klar. Einmal hat sie ihren Mann begleitet, sieben Monate lang, nach Baltimore, Australien, Russland und dann Angola. Gleich am ersten Tag wurde sie furchtbar seekrank:

"Ich wollte meinem Mann auf der Brücke Gesellschaft leisten mit einem Buch und einer Apfelsine. Doch schon zehn Minuten später war ich wieder in meiner Kabine. Oh, was war mir schlecht!"

Nach der Geburt der Kinder suchte sich de Keijzer im Hafen einen Job; zuletzt war er "Hafenmeister des linken Maasufers". Damals war Rotterdam noch der größte Hafen der Welt. Doch 2005 übernahmen sieben chinesische Häfen und Singapur die Spitzenpositionen.

Inzwischen ist de Keijzer längst pensioniert, aber als spezieller Hafengesandter im Einsatz und Vorsitzender des Rotterdamer Ablegers der "World Ship Society" - mit 330 Mitgliedern der größte weltweit. Alles "Ship-aholics":

Der Hafen lasse einen halt nicht mehr los, lacht er und schaut erneut durch sein Panoramafenster. Dieses Mal überrascht. Und nicht, um auf ein Schiff zu deuten:"Schauen Sie! Ein Regenbogen! Extra für uns! Unglaublich! Was für ein timing!" Maritimes Heimkino vom Feinsten.

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