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StartseiteThemen der WocheDer Hirte mischt sich unter die Herde27.07.2013

Der Hirte mischt sich unter die Herde

Weltjugendtag: Wie Papst Franziskus die katholische Kirche umkrempelt

Was für ein Mann! Der immer noch neue Papst Franziskus, überraschend gewählt zum Oberhaupt der katholischen Kirche am 13. März in Rom, gehört gegenwärtig zu den aufregendsten und anregendsten Gestalten der Weltpolitik. Das liegt am Amt.

Philipp Gessler

Papst Franziskus beim Weltjugendtag in Brasilien (AFP / Osservatore Romano)
Papst Franziskus beim Weltjugendtag in Brasilien (AFP / Osservatore Romano)

Denn als Papst ist man automatisch der Kopf der römisch-katholischen Kirche mit ihren rund 1,2 Milliarden Gläubigen. Es ist die größte religiöse Gruppierung der Welt. Das bedeutet Macht - wenn auch nur geistliche, vielleicht moralische. Mit dem neuen Papst Franziskus aber hat es noch eine andere Bewandtnis: Wie der gegenwärtige Weltjugendtag in Brasilien wieder zeigt, kann auch die Person des Papstes, also der 76-jährige Argentinier Jorge Bergoglio, überzeugen. Er kann die Menschen bewegen, wie derzeit kaum jemand auf dem Globus.

Warum? Es ist seine neue, aber eigentlich ganz alte Botschaft: dass der Mensch, die Politik und die Kirche für den Anderen da sein müssen, gerade für den Armen und Hilfsbedürftigen. Das ist, wie gesagt, eigentlich keine neue Botschaft der Kirche. Immer wieder fanden sich auch auf dem Papstthron Männer, die dies sagten. Dass für uns Heutige Neue an Franziskus aber ist, dass er diese Botschaft so radikal lebt, wie das in diesem Amt überhaupt möglich ist.

Franziskus wohnt nicht im vatikanischen Palast, sondern - wie andere ganz normale Gläubige auch - in einem Gästehaus des Vatikans. Er stellt sich in der Kantine an wie andere, fährt Fiat wie andere, schüttelt lieber ganz normalen Menschen die Hände und kommt prompt zur brasilianischen Präsidentin zu spät. Sicher, das sind alles nur Zeichen. Aber dass Botschaft und Person bei Franziskus eins sind, stärkt seine Botschaft – und macht sie auch politisch stark. In einer Welt, in der Menschen vielerorts nur noch als Humankapital gelten, billiges zumal.

Der neue Papst hat deshalb so viel Wirkung, weil er eine Sehnsucht erfüllt, die zurzeit viele Menschen überall auf der Welt haben: Die Sehnsucht nach jemandem da oben, der ihnen Würde zugesteht; die Würde, die ihnen ein entfesselter Kapitalismus geraubt hat. Der Einsatz des Papstes für die armen und perspektivlosen Menschen ist ermutigend – und viele junge Leute, die trotz ihrer Jugend ohne Arbeit und Hoffnung sind, jubeln ihm deshalb auch in Rio beim Weltjugendtag zu.

Der Mensch lebt nicht nur vom Brot allein, wie die Bibel sagt – die Würde des Menschen ist theologisch gegründet in seiner Gottesebenbildlichkeit, nicht in dem, was er kann oder darstellt. Auch daran erinnert der Papst wieder. Der neue Papst aber ist Kopf einer alten Kirche, genauer: der ältesten menschlichen Institution überhaupt, mit fast 2000 Jahren auf dem Buckel. Die Frage ist: Kann dieser neue Papst in seiner alten Kirche wirklich die Reformen erreichen, die er ganz offensichtlich anstrebt? Kann er sich durchsetzen in einem Apparat vor allem alter Männer, von denen viele am liebsten überhaupt nichts verändern wollen – gerade weil sie diese Kirche überhöhen als etwas, was nur so sein kann, wie es in vergangenen Jahrhunderten entstanden ist?

Zuletzt hatte man den Eindruck, dass der deutsche Papst Benedikt XVI., der Vorgänger von Franziskus, in seiner Liebe zur Tradition so dachte. Dabei ist die Kirche semper reformanda, immer zu reformieren, wenn sie die Zeiten überstehen will. Und hätte sie sich nicht insgeheim immer nach Zeiten der Stagnation und Reaktion genau an diesen Wahlspruch gehalten – sie wäre als Institution schon längst vom Erdenrund verschwunden. Eine Reform der katholischen Kirche muss dabei so aussehen, wie es die Botschaft von Papst Franziskus vorgibt: zurück zu den Menschen, zurück zu den Armen. Die Kirche und die Geistlichen müssten wieder den "Geruch der Schafe" annehmen, sich als Hirten mitten unter die Herde mischen, wie Papst Franziskus dies in einem etwas seltsamen, aber umso schöneren Bild gesagt hat. Nur eine arme Kirche an der Seite der Armen wird zukünftig noch so viel Glaubwürdigkeit besitzen, wie sie braucht, um in einer Zeit der Säkularisierung vor allem im Norden der Welt noch Gehör zu finden. Eigentlich ist das auch der Kern der Befreiungstheologie Lateinamerikas, die Joseph Ratzinger, der Vorgänger von Franziskus, als Präfekt der Glaubenskongregation noch vehement bekämpft hatte. Das klingt nach einer Ironie der Geschichte.

Die Botschaft des neuen Pontifex maximus hat etwas Revolutionäres, wenn er sie denn weiter so zu leben versteht, wie er es bisher getan hat. Der Kirche und der Welt ist zu wünschen, dass Papst Franziskus diesen Weg noch viele Jahre weiter gehen kann.

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