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StartseiteInterviewDer Hochwasserschutz "geht in die falsche Richtung"04.06.2013

Der Hochwasserschutz "geht in die falsche Richtung"

Umweltschützer Sebastian Schönauer fordert ökologische Maßnahmen

Das bayerische Hochwasserschutzkonzept habe zu einseitig auf technische Verbesserungen gesetzt, meint Sebastian Schönauer vom Bund für Umwelt und Naturschutz. Dabei sei das Wichtigste vernachlässigt worden: nämlich mehr Hochwasserrückhalteräume zu schaffen.

Sebastian Schönauer im Gespräch mit Dirk-Oliver Heckmann

Passau ist vom Hochwasser am stärksten betroffen: "Wir haben in den letzten Jahren mehrere sogenannte Jahrhunderthochwasser." (picture alliance / dpa / Andreas Gebert)
Passau ist vom Hochwasser am stärksten betroffen: "Wir haben in den letzten Jahren mehrere sogenannte Jahrhunderthochwasser." (picture alliance / dpa / Andreas Gebert)

Christiane Kaess: Die Bilder erinnern an das Hochwasser 2002, die Bundeswehr muss zum Teil mithelfen bei der Vorbereitung und der Durchführung von Evakuierungen in den überfluteten Gebieten, und mittlerweile ist sogar schon davon die Rede, die Ausmaße dieses Hochwassers könnten die aus dem Jahr 2002 mancherorts noch übersteigen. Im Osten gibt es mittlerweile vielerorts allerdings Entspannung.
Mein Kollege Dirk-Oliver Heckmann hat gestern Abend mit Sebastian Schönauer vom Bund für Umwelt und Naturschutz, kurz BUND, gesprochen. Er ist stellvertretender Vorsitzender des Landesverbandes Bayern. Dirk-Oliver Heckmann hat ihn zuerst gefragt: Sind die immer öfter wiederkehrenden Hochwasser gottgegeben?

Sebastian Schönauer: Ja. Wir haben in den letzten Jahren mehrere sogenannte Jahrhunderthochwasser. Das allein zeigt schon, dass hier etwas geschehen ist, was eigentlich nicht geschehen dürfte. Man hat angenommen, dass nur alle hundert Jahre solche Hochwässer entstehen, aber in den letzten Jahrzehnten ist das sehr häufig geschehen. Ob das 1999, 2002 oder in den Folgejahren in verschiedenen Ecken Europas war, wir haben mehrere Jahrhunderthochwasser hinter uns. Das zeigt natürlich, dass hier etwas geschehen ist, was zu einer Veränderung geführt hat. Die Klimaveränderung ist natürlich eine der Hauptursachen. Sie wird kaum anerkannt oder wird nur anerkannt, wenn die Leute wirklich in Not sind, und dann ist es wieder vorbei und dann geht es wieder weiter wie bisher.

Dirk-Oliver Heckmann: Jetzt ist ja gerade die bayerische Staatsregierung stolz auf die Maßnahmen, die bisher im Gebiet des Hochwasserschutzes ergriffen wurden. Den Menschen in Passau nutzt das aber wenig.

Schönauer: Ja, das ist so eine Geschichte, die sowieso nicht stimmt. Das Hochwasserschutzkonzept 2020 wurde schon vor zwölf Jahren im Jahr 2001 vorgestellt, und da hieß es, es gibt drei Säulen des bayerischen Hochwasserschutzkonzeptes. Erstens: Das ist die Vorsorge für die Menschen. Dann haben wir den technischen und den natürlichen Hochwasserschutz. Und was bisher geschehen ist, ist, ich möchte mal sagen, hauptsächlich im technischen Hochwasserschutz gemacht worden und in der Katastrophenbenachrichtigung. Aber der eigentliche wichtige natürliche ökologische Hochwasserschutz wurde außen vor gelassen.

Heckmann: Weshalb?

Schönauer: Man will den Menschen nicht die echte Wahrheit sagen. Die Wahrheit ist nämlich: Es ist schlimm, in sogenannten Auenregionen, in Hochwasserrückzugsgebieten Häuser zu bauen oder Gewerbegebiete anzulegen, Straßen hineinzubauen. All dies ist das Verkehrteste, was es gibt, und genau das traut sich die Regierung den Menschen nicht sagen und die Kommunen machen da bereitwillig mit. Sie weisen Gebiete aus, wo die Leute dann reinbauen dürfen. Wenn aber dann das Wasser reingeht, schimpfen alle und sagen, hier, das hätte nicht sein dürfen.

Heckmann: Aber ist es nicht so: Dieser ökologische Hochwasserschutz, für den Sie plädieren, der braucht Platz und Platz ist in Deutschland rar und teuer?

Schönauer: Ja, das ist nur ein Teil der Wahrheit. Natürlich ist noch genügend Platz da. Wir haben so viele ausgewiesene und festgestellte Hochwasserrückhalteräume, die müssten nur rechtlich durchgesetzt werden, und da muss eben die Regierung Geld in die Hand nehmen, muss die Flächen aufkaufen oder eben die Flächen mit Abstandszahlungen auf Pacht erwerben oder als dritte Möglichkeit den betroffenen Landwirten oder den betroffenen Grundstücksbesitzern zusagen, wenn hier Hochwasser reingelassen wird und hereingelassen werden muss, dass sie dann Ausgleichszahlungen bekommen.

Heckmann: Weshalb sind die Landesregierungen und auch die Kommunen da so zurückhaltend? Wenn man sich die Kosten anschaut, die diese Hochwasserfälle verursachen, muss man doch sagen, das ist ein Minusgeschäft.

Schönauer: Ja natürlich! Mit dem Geld, das jährlich oder fast jährlich aufgewendet wird, um die Katastrophe zu mildern, um den Menschen etwas zu geben, um wieder aufzuräumen, die Straßen sauber zu halten, mit diesem Geld hätte man riesige Flächen erwerben können und hätte nur einmal die Zahlung leisten müssen. Das heißt, man geht in die falsche Richtung, obwohl man weiß, dass man damit den Menschen nicht hilft. Der Bau von höheren Dämmen ist ein gutes Beispiel dafür, dass man den Menschen auch eine völlig falsche Hoffnung macht und ihnen praktisch Hoffnung darauf macht, dass dann nichts passiert. Und wenn dann die Dämme doch überrannt werden vom Wasser oder unterspült werden, dann ist erst die Geschichte schlimm. Das alles will man den Menschen anscheinend nicht sagen.

Heckmann: Herr Schönauer, Angela Merkel besucht die Hochwassergebiete. Was erwarten Sie von ihr außer schöne Bilder?

Schönauer: Eine Wahl steht vor der Tür, und man kann sagen, man will hier demonstrieren, dass man eine Deichgräfin oder ein Deichgraf ist, man würde das beherrschen, die Leute schauen darauf. Und wenn dann jemand mit Gummistiefeln im Wasser steht oder halb im Wasser steht, das gibt tolle Bilder, aber es löst das Problem nicht. Wir müssen uns erlauben, die in den letzten Jahrzehnten – und viele Jahrzehnte sind das – abgeschnittenen Hochwasserrückzugsgebiete wieder freizugeben. Und beim Bau von Deichen nicht die Höhe ist entscheidend, sondern die Deiche müssen auch so gebaut sein, dass sie überströmungsfähig sind, sodass eine gewisse Marke, wenn die überschritten wird, dazu führt, dass das Wasser in die Breite hinausläuft in das Land und nicht die verheerenden Dinge macht, die ein Hochwasser eben macht, dass alles zerstört wird, sondern da beruhigt sich das Wasser, es gibt Breitwasser. Es gibt zwar nasse Füße, aber keine Schäden.

Kaess: …, sagt Sebastian Schönauer vom Bund für Umwelt und Naturschutz, kurz BUND. Er ist stellvertretender Vorsitzender des Landesverbandes Bayern. Und die Fragen stellte mein Kollege Dirk-Oliver Heckmann.


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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